Läßt sich Pegida mit “Entheimatungsangst” erklären?

In der Talk-Sendung “Günter Jauch” zum Thema Pegida tauchte erstmals ein Begriff im öffentlichen Bewußtsein auf, der das, was Menschen, die sich gegen Asylantenzustrom wehren, umtreiben könnte: “Enheimatungsangst”. Was bedeutet dieser Begriff und ist er hilfreich?

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Ausgesprochen wurde der Begriff “Entheimatungsangst” von dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse. Was ist mit diesem Begriff gemeint?

Thierse hat diesen Begriff im Gespräch mit dem Deutschlandfunk noch einmal kontextualisiert:

    “Da (bei Pegida d. Red.) gibt es wirkliche Neonazis, da sind Hooligans, Rechtsextreme, Rassisten dabei, viele Frustrierte, Wütende und eine Menge Menschen, die Ängste haben höchst unterschiedlicher Art, Verunsicherungsängste, Ängste vor Verlust der Heimat, also eine Art von Entheimatungsängste, vor einer dramatisch sich verändernden Gesellschaft, die nicht Ja sagen können zur einfach Realität, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, dass es dafür Gründe gibt und dass diese Einwanderung dieses Land auch verändert, und das heißt, darauf muss man reagieren.”

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Wovor also fürchten sich Menschen mit “Entheimatungsangst”?

Sie fürchten die Veränderung ihrer Stadt, ihres Viertels, ihres Hauses. Sie fürchten, dass über viele Jahre entwickelte Regeln des Zusammenlebens nicht mehr gelten. Sie fürchten, dass die Stadt nicht mehr aussieht wie sie immer ausgesehen hat. Sie fürchten, dass anders gesprochen, anders gestikuliert, anders gelacht wird. Sich fürchten sich vor dem Verlust von Ordnung und Sicherheit, von Verläßlichkeit, von Kultur für sich und vor allem für ihre Kinder. Sie fürchten Kriminalität, sie fürchten Hass und Entwertung durch Benachteiligte.

Mit anderen Menschen kommen andere Kulturen des Umgangs mit sich und mit anderen. Und da Ausländer und Asylanten in Medien meist stereotyp und selektiv (rückständig, kriminell, barbarisch) präsentiert werden, entsteht die Angst vor einem völligen Kulturverlust und einem Rückfall in die Barberei im Sinne der entsetzlichen Gräuel des Islamischen Staats oder der Großstadtviertel mit hohem Ausländeranteil.

Menschen mit “Entheimatungsängsten” wollen Zustände wie in westlichen Großstädten, in denen die Zuwanderung das Stadtbild massiv verändert hat, verhindern. Wer in Dresden auf die Straße geht, demonstriert nicht gegen bestehende Verhältnisse, sondern gegen künftige.

Muss man diese Entheimatungsängste nun überwinden, wie Wolfgang Thierse sagt? Hat man die Pflicht, sich dieser Angst zu stellen und sie zu verlieren? Thierse sagt, die Realität sei, dass wir ein “Einwanderungsland” seien. Die Ängste der Menschen müßten ernst genommen und ihnen müßte bei der Überwindung dieser Ängste geholfen werden.

Doch was, wenn es sich bei dieser “Entheimatungsangst” weder um Angst, noch um den Überlegenheitsgestus einer bestimmten Kultur oder gar Ethnie im Sinne der verbrecherischen Naziideologie handelt, sondern lediglich das sentimentale Gefühl, dass “Heimat” einfach Heimat bleiben soll, weil es sich gut anfühlt. Dass es keine Angst vor Fremden gibt, sondern lediglich den Wunsch, dass beim Bäcker und auf dem Amt Sächsisch gesprochen wird. Dass über Witze gelacht wird, die man kennt. Dass man weiß, worauf man sich in Staat, Kultur und Gesellschaft verlassen kann. Dass Vertrauen herrscht, Frieden.

Ostdeutschland hat vor 25 Jahren einen massiven kuturellen Wandel erlebt. Diese grundlegende Veränderung verlief plötzlich und hatte einschneidende Folgen. Das Vertrauen ging verloren und es kam zur Umwertung aller Werte und Verlust bestehender Machtsstrukturen, die letztlich Auswüchse wie in Rostock Lichtenhagen zur Folge hatten:

Menschen mit “Entheimatungsängsten” wollen weder rechtsradikale Ausschreitungen, noch Ausländerkriminalität. Sie wollen die Bewahrung und Mehrung ihrer Kultur. Deshalb wird bei Pegida auch die Pflicht zur Integration gefordert. Dass die Kultur so bleibt wie sie ist und keinerlei Veränderung hin zu einer anderen Kultur unterworfen ist.

Doch was, wenn Barbaren in Deutschland wieder an die Macht kommen? Was, wenn Menschen wieder politisch verfolgt, entrechtet, ermordet werden? Was, wenn der dritte Weltkrieg ausgerufen wird. Was, wenn man seine Heimat Deutschland verlassen, fliehen muss, um wenigstens das nackte Leben und das der Kinder zu schützen? Was, wenn man zum Schutz des eigenen Lebens, auf der Flucht vor Barabaren die Heimat verliert. Wenn die Angst vor Verlust der Heimat Realität wird?

Viele Großeltern können von der Vertreibung aus Schlesien, dem Sudetenland, Pommern erzählen. Wenn sie nichts mehr hatten als das, was sie am Leibe trugen. Wenn sie die Gräber der Lieben hinter sich lassen mußten und Vergewaltigung und Hunger erlebten.

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Was passiert mit der eigenen Kultur? Was passiert mit der Heimat im Herzen? Muss man sie vergessen, sie ablegen, sich ganz und gar den kulturellen Gegebenheiten der Gastkultur anpassen? Oder darf man den Heimatdialekt zuhause sprechen, Kochen und backen wie zuhause, darf man spielen und tanzen wie zuhause? Darf man seine Kinder erziehen wie man es gelernt hat. Darf man beten wie man es gelernt hat, wenn man nicht nur Angst vor Heimatverlust hat, sondern seine Heimat tatsächlich verloren hat? Darf man mitreden, wählen, sich beteiligen an der Gastkultur? Darf man sie mit eigenen Werten und Ansichten bereichern? Darf man die Fremde zur neuen Heimat für sich und seine Kinder machen?

Heimat ist ein starkes Gefühl. “Entheimatungsangst” ist belastend. Was wiegt der tatsächliche Verlust der Heimat?

Was will Pegida eigentlich? Flüchtlinge aufnehmen!

In Deutschland ist ein Kulturkampf im Gange. Die Bundesregierung, die im Bundestag vertretenen Parteien, Verbände und Leitmedien kämpfen gegen eine wöchentlich stattfindende Demonstration in Dresden. 25.000 Teilnehmer hat sie inzwischen. Der Tenor ist eindeutig: Pegida ist rassistisch, antisemitisch, ausländer- und islamfeindlich, gegen Toleranz, Religionsfreiheit, ganz allgemein gegen Freiheit und gegen Demokratie. Die FAZ fasst diese Pegida-Gegner-Positionen so zusammen: Deutschlandweit Proteste gegen Islamfeinde. Aber ist Pegida überhaupt islam- oder gar so ausländerfeindlich wie sie unisono beschrieben wird?

Wir haben einen Thüringer Blogger und Pegida-Demonstranten gefragt, warum er eigentlich jeden Montag von Gera nach Dresden fährt:

Und er hat geantwortet:

    @Blogzentrale Gegen religiösen Fanatismus. Gegen Zustände wie in Berlin-Neukölln od. Görlitzer Park. Gegen Moslems,die “Juden ins Gas” rufen

    @Blogzentrale Für geregelte Einwanderungspolitik. Für Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch/religiös Verfolgte. Für Recht u Ordnung.

Auch auf Nachfragen hat er auch geantwortet. weiterlesen ….

Was er schreibt, klingt nicht nach plumper Ausländerfeindlichkeit. Es klingt eher nach “law and order” a la CDU/CSU.

Inzwischen hatten auch die Pegida-Organisatoren ein 19-Punkte-Papier veröffentlicht. Hier klingt das auch anders als in den Medien beschrieben. Auf ihrer Facebook-Seite schreiben sie:

      1. PEGIDA ist FÜR die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten. Das ist Menschenpflicht!

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Aber wenn Pegida die Aufnahme von Flüchtlingen fordert, worauf ist dann dieser Kampf gegen Pegida zurückzuführen? Werden die Pegida-Positionen, die der öffentlichen Meinung so widersprechen, überhaupt öffentlich diskutiert und zur Disposition gestellt? Wir haben die Recherche im Internet gemacht. Google listet die erste Forderung von Pegida zur Zeit so:

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Das erste Suchergebnis ist die Kommentarspalte bei Welt-Online. Das zweite Sucheregebnis ist ein Blog. Woran liegt, es dass die Pegida-Forderungen nicht publiziert werden, sondern stattdessen Urteile von Politikern oder Kritikern über Pegida? Die Stuttgarter Zeitung hat sich – als eine der wenigen Ausnahmen – in einer Analyse der Pegida-Positionen versucht und kommt zu folgendem Ergebnis:

      „Wenn man sich die Punkte anschaut, sind das Dinge, die in ähnlicher Form auch von demokratischen Parteien vertreten werden“, sagt Oscar Gabriel. Der emeritierte Professor der Politikwissenschaften an der Universität Stuttgart ist mit uns die 19 Punkte im Einzelnen durchgegangen. Pegida fordert eine bessere Betreuung für Flüchtlinge und eine Verteilung der Flüchtlinge in der EU nach Königsteiner Schlüssel – „das sind Dinge, die sind im Grunde politisch nicht besonders strittig“, so Gabriel. Als rechtsextrem bezeichnet Gabriel Pegida nicht. Viele Punkte fänden eine breite Unterstützung in der Öffentlichkeit.

Vielleicht liegt es ja an den Demonstrationsteilnehmern, dass Pegida öffentlich überwiegend negativ wahrgenommen wird. Viele Interviews und journalistische Hintergrundrecherchen haben ein unschönes Bild der Pegida-Demonstranten gezeichnet:

Diese Interviews strotzen von Nationalismus, Rassismus und ausländerfeindlichen Ressentiments. Und auch die Pegida-Führung hat keinen guten Leumund. Es finden sich mehrfache Vorstrafen und rassistische Hetze bei Facebook und bei Twitter.

Aber Vorbestrafte und Rassismus finden sich auch in einem CDU-Ortsverein. Was also macht Pegida eigentlich so gefährlich, dass diesem Phänomen so massiver Widerstand entgegengebracht wird? Warum wird Pegida so verzerrt dargestellt? Warum wird ein solcher Popanz aufgebaut?

Die Medienberichterstattung hinterläßt ein sehr ungutes Gefühl, auch wenn man nicht mit Pegida und ihren Forderungen sympathisiert. Und damit sind nicht nur die sogenannten “Mainstream-Medien” gemeint. Auch bei Facebook und Twitter ist man sich einig:

    PEGIDA? Das sind doch diese rechtsradikalen, kleingeistigen Spießer!

Die PEGIDA-Vertreter wollen sich in den Medien nicht äußern, weil sie fürchten, dass sie von medienerfahrenen Journalisten und Politikern in der medialen Arena vorgeführt werden sollen. Beispielhaft konnte man das am 14.12.2014 bei Günter Jauch beobachten. Eingeladen hatte man den AfD-Chef Bernd Lucke, der bei Facebook Verständnis für die PEGIDA-Positionen geäußert hatte. Lucke ist medienerfahren, aber auch er hatte Schwierigkeiten der massvien Gegenwehr standzuhalten. Lucke versuchte sich in seiner Einschätzung der Situation auf zwei Positionen zu halten:

Die anderen Diskussionsteilnehmer gingen auf diese Argumente gar nicht ein. Stattdessen präsentierten sie ihre eigenen Interpretationen der Proteste. Und sie schossen sich auf Bernd Lucke ein, der sich – vorhersehbar – als Opfer sah. Das alles wirkte vor allem wie der übliche Schaukampf und nicht wie eine Debatte, die alle Debattenteilnehmer ernst nimmt.

Die Einspieler der Jauch-Redaktion zwischen den Diskussionsbeiträgen zeigten überwiegend die äußerst fragwürdige Seite der PEGIDA. Das ist der Auftrag der Medien. Durch Hervorhebung komplizierte Dinge sichtbar und verständlich zu machen. So enstand und entsteht jedoch der von Bernd Lucke beklagte Eindruck einer medialen Hetzjagd auf den “einfachen besorgten Bürger”, der sich vom “industriell-medialen Komplex” unverstanden und verzerrt dargestellt fühlt. Dieser “tumbe Tor” gibt nur noch dem Putin-Propaganda-Sender Russia-Today Interviews, versucht dann die heute-Show klarzumachen:

Kann es sein, dass die Menschen, die da zu zehntausenden gegen die “Islamisierung des Abendlandes” demonstrieren, tatsächlich verunsichert sind? Sie beobachten jeden Tag die Gräueltaten der IS in den Medien, Enthauptungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen. Es wird vermittelt, dass der Koran und die auf ihm aufbauende Religion, der Islam, diese Gräuel rechtfertigt oder gar fordert. Sie sehen, wie Menschen aus diesem Kulturkreis, in dem solche abscheuliche Gräueltaten möglich sind, plötzlich massenhaft nach Europa flüchten. Sie sehen gleichzeitig wie Salafisten in Deutschland medial auftrumpfen und Kämpfer rekrutieren, sie sehen wie in Brennpunkten in europäischen Großsstädten Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Muslimen und Nichtmuslimen eskalieren. Sie sehen die Ereignisse von New York, London, Paris. Und sie lesen Kirsten Heisig, Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin.

Und dann erklärt Frau Schwan die Demonstrationen – im überheblichen Paternalisierungsgestus – mit sozialer Abstiegsangst. Die PEGIDA, Bernd Lucke und die AfD werden auf allen Kanälen lächerlich gemacht:

meinungalberDurch die mediale Begleitung entsteht eine Atmosphäre, in der jede kritische Postionierung die gesellschaftliche Ausgrenzung zur Folge hat. Diese Atmosphäre führt dann zu Mißtrauen gegenüber den Medien, die verkürzen, vorführen und lächerlich machen … und letztlich zu Schweigemärschen durch deutsche Großstädte.

Haben die PEGIDA-Demonstranten und deren Wortführer nun recht, wenn sie eine Hexenjagd beklagen? Dieser Eindruck entsteht. Soll man deshalb an den PEGIDA-Demonstrationen teilnehmen?

Nein, denn Pegida unterstellt, Extremismus sei ein Problem des Islam, insbesondere des gewaltverherrlichenden Koran. Tatsächlich sind Juden- und Christentum nicht weniger extremistisch in ihren Basistexten (siehe nebenstehender Ausriss). Tatsächlich handelt es sich bei Terrorismus um ein soziales und ein Gerechtigkeitsproblem. Dem begegnet man nicht, indem man Integration fordert. Integration kann man nicht erzwingen, nicht oktroyieren. Zwang schafft Parallelgesellschaften. Eine Kultur muss sich bewähren, freiwillig angenommen, individuell entwickelt werden. Und wenn sich die christlich-abendländische-aufklärerische Kultur angesichts auch gerade der monströsen Ereignisse in Paris gegen Menschen verschließt, die anderer Ansicht sind, verspielt sie ihre Chance auf Akzeptanz.

Das gilt für Islamisten – wie für Pegida. Wer Pegida entwertet, verzerrt porträtiert, ihre Gesprächsangebote ignoriert und sie stattdessen unter massiven medialen Druck setzt, schafft vielleicht irgendwann Ruhe – aber keine gelebte Toleranz.

Landesmedienanstalt sucht Thüringer Blogger

Wir suchen für ein Projekt einen Blogger, der über interkulturelle Themen schreibt oder sich damit auskennt. Dabei sind keine Grenzen gesetzt – ob der Themenschwerpunkt nun Integration ist oder Ihr viel Kontakt zu Menschen auf der ganzen Welt habt: Hauptsache, es hat was mit dem großen Themengebiet Kulturaustausch zu tun und Ihr bloggt gelegentlich darüber.

Am 21. Juni findet in Gera das Brückenfest statt, ein internationales Kultur- und Musikfest. Für eine Gesprächsrunde beim Fest suchen wir deshalb einen Blogger, der sich in dieser Thematik wiederfindet und Lust hätte, 4-5 Fragen in einem Interview dazu zu beantworten (wäre auch super Werbung für das eigene Blog ;)). Die Fahrt- bzw. Übernachtungskosten werden voll erstattet.

Alles Weitere können wir gern per E-Mail unter info@tlm-okgera.de abklären.

Wir freuen uns über Eure Antwort.

Thüringer Landesmedienanstalt
Offener Kanal Gera
Webergasse 6/8
07545 Gera

Der wahre Wählerwille

Kämen alle Parteien in den Bundestag, die zur Wahl stehen und dürften auch alle Parteien abstimmen, dann sähe so das Ergebnis bei den zentralen Fragen des WAHLOMATEN aus (QUELLE: opendatacity):
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Bundestagswahl in Thüringen

Von Neidhart von Schwarzburg

Partei gesucht

Noch eine Woche bis zur Wahl und Deutschland ist unschlüssig wie nie. Die Bundestagswahl langweilt, weil kein wirklicher Wahlkampf stattfindet. Die Parteien und Medien verharren in Schockstarre vor … der Eurokrise und der angeblichen Erlöserin Deutschlands, Angela Merkel. Es sind Angela-Merkel-Wochen in Deutschland. Gegen diese Bundesregierung scheinen keine Partei und keine Koalition anzukommen. Das hat man schon in der SPD erkannt, als man die lahme Ente Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten aufstellte. Keiner der Newcomer der Partei drängte sich um den Posten des sicheren Verlierers. Also Peer Steinbrück als Kanzler? Wirklich?

Die BBC hat das ganze deutsche Problem sehr schön illustriert. Das Ergebnis der Bundestagswahl ist von so großer Bedeutung für die Welt, das man hier nichts dem Zufall überlassen kann:
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Pennälertheater: Premiere für Faust und Intendant

Von Neidhart von Schwarzburg

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Nur fünf Vorhänge, höflicher Applaus, ein paar Buhrufe und ein Türenschlagen, das ist die Ausbeute des gestrigen Abends. Der neue Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, Hasko Weber, hätte gestern die Gelegenheit gehabt, wieder gut zu machen, was in Stuttgart vor acht Jahren bereits einmal gründlich danebenging: … doch er hatte anderes vor.

materdolorosaAus Goethes zeitlosem Meisterwerk wurde eine würde- und instinktlose Nummernrevue mit Slapstickeinlagen und Klamauk, wie geschaffen für gelangweilte Thüringer Schulklassen, die künftig das DNT besuchen müssen und dann Gelegenheit haben, das mit Obszönitäten und Zoten durchwirkte Stück per Smartphone mit ihren Freunden zu teilen.

Das karge Bühnenbild, die blassen Hauptdarsteller, die schnellen Schnitte zwischen den Szenen, die Videoeinspieler und die Zahl der Protagonisten (acht für alles) geben beredtes Zeugnis von der finanziellen Ausstattung des DNT. Alles wirkte so billig und gewöhnlich wie der Schlager von Karel Gott(!), mit dem Mephisto (Sebastian Kowski als einziger wirklicher Lichtblick der Inszenierung) den Faust (Lutz Salzmann, offenbar überfordert) zur Reise um die Welt zu überreden suchte.

Den größten Mißton dieser Inszenierung setzte allerdings das Gretchen. Hasko Weber läßt sie zur Anrufung der Gottesmutter – dem zartesten und verzweifeltsten Ausdruck ihrer Schande – nicht vor einem Marienbildnis knien, sondern wieder und wieder von Stuhl springen, um das Kind Fausts abzutreiben. Nora Quest unterstützt die Profanisierung der Unschuld Gretchens, indem sie Zeile um Zeile herunterleiert und nur da ein wenig Gefühl zeigt, wo sie schreit.

Dieses Stück setzt den Akzent nicht auf das vielleicht Erlösende im Reinen und im Glauben und Vertrauen, sondern auf das zynische Lob des Schmutzig-Dunklen und Abgeklärt-Egoistischen. Manifest wird dies unter anderem im Osterspaziergang, den Salzmann in herablassend-arroganten Spott kleidet. Das Volk wird mit seinem “Hier bin ich Mensch, hier darf sich sein” von einem angeekelten Faust verhöhnt. Das Lachen, das dieser “Faust” erzeugt ist kein frohes, befreiendes, sondern ein rohes, beklemmendes, wenn man ungläubig zuschauen muss, wie Mephisto Marthe mit einem langen Ringelpenis verführt. Diese groteske Obszönität war wohl einem Zuschauer zuviel, so dass er das Theater laut Türen schlagend verließ. Zum Glück hat man – offenbar in letzter Minute – auf eine Duschszene verzichtet.

Die an überraschenden Regieeinfällen sonst recht arme Inszenierung mit erheblichem Interpreationsspielraum läßt den Darstellern, die sich redlich mühen, viel Gelegenheit, wenigstens ihr komisches Talent unter Beweis zu stellen. Der seltene Szenenapplaus ist jedoch am lautesten als Mephisto sein “Ein Dilettant hat es geschrieben, Und Dilettanten spielen’s auch” zum Besten gibt.

Hasko Webers “Faust” am Weimarer Nationaltheater ist nicht nur enttäuschend, er ist eine Schande. Der neue Intendant sollte in Gretchens Lied einstimmen, er wird es brauchen.

Würstchen

Von Neidhart von Schwarzburg

Jetzt ist es raus. Endlich. Ich hab mich immer gefragt, warum ich ihn eigentlich nicht mag. Jetzt weiß ich es. Robert Basic hat in seinem Blog ein Video eingebettet:

Und er schreibt dazu:

    “Das Video da oben, … glaubt Ihr, dass ich immer nur der nette, liebe tolle Schüler war? Klar habe ich Scheidungskinder in der Grundschule in die Mitte unseren “netten” Gruppe gestellt, gehänselt, bis das Gegenüber geflennt hat. Klar habe ich es sogar mal geschafft, dass eine Schülerin nie wieder in unser ach so tolles humanistisches Gymnasium zurückkehrte, weil ich ein Mobbingspacko war. Klar komme ich nicht in den Himmel, was meinen Atomteilchen herzlich egal ist. Klar habe ich gelernt, wie deppert wir Menschen zueinander sein können.”

Kein Wort des Bedauerns. Kein Mitgefühl. Nicht mal ein halbherziger Versuch der Entschuldigung. Stattdessen selbstgerechter Stolz über seine “mutige Selbstoffenbarung”. Und er nimmt die berechtigte Kritik, die über ihn hereinbrechen wird, gleich vorweg:

    “Charakter gewinnt sich nicht dadurch, dass man immer nur nett und freundlich ist. Charakter formt sich durch alle Gegebenheiten aus. Auf Blogs? Die guten Erlebnisse zeigt man, die schlechten Erlebnisse auch, indem man altklug und vorwurfsvoll auf Dritte zeigt. Ich auch. Was ist aber mit den Dingen, die man nicht aufzeigt, weil man auf sich selbst zeigen müsste? Die blendet man lieber aus. Ich auch.”

Zeigt jetzt bloß nicht mit dem Finger auf mich, weil ich mich so geöffnet habe. Und dann klagt er über den Shitstorm, der nach diesem gefühllosen Mist über ihn hereinbrach:

    “Was lernt man also aus dem Arschlochdasein letztlich wirklich, wenn man beide Seiten kennengelernt hat?
    – Achte auf Deine Mitmenschen, selbst wenn sie riechen, duften, arm oder reich sind
    – Stelle Dich vor die Schwachen und Starken, auch wenn Du keine Freunde mehr haben wirst
    – Verstehe und respektiere beide Seiten, die in Menschen innewohnt
    – Bevor Du selbst höchsrichterlich über Dritte urteilst, lerne zu hinterfragen und ignoriere die Gruppe
    – Gebe nicht auf, obwohl Du dennoch verlieren wirst”

Warum macht man sowas? Wieso brüstet sich jemand öffentlich mit der herzlosen Scheiße, die er irgendwann mal gemacht hat? Basic erklärt das so:

    “das ist klar wie Hühnerbrühe, dass die meisten Vorstellungswelten so sind (mache dies, tue das, sage das, sonst bist du das und dies, wenn nicht…) und beinahe schon müßig es explizit zu schreiben. Was aber, wenn man den Fingerzeig selbst unten lässt, gehen dann die Finger der anderen hoch oder bleiben sie – was mich immer freut und höchst selten passiert – auch unten? Ich fordere Blogger dazu auf, sich mehr zu trauen, auch und weil es gerade die Fingerzeiger gibt und wir langsam in diesen Tabuisierungs-Wellen ersticken.”

Also nutzt er bekannte Reflexe – Arschlöcher auf ihre Arschlochigkeit hinzuweisen – um Aufmerksamkeit zu generieren? Wer sowas macht ist kein Arschloch. Der ist ein Würstchen. Kann man seine SEO-Nuttigkeit eigentlich noch besser unter Beweis stellen? Ich meine: Nein!

Konsul Hoffmeister wird die TLZ verlassen

Der polnische Honorarkonsul Hans Hoffmeister wird in Rente geschickt:

    “Hans Hoffmeister, Chefredakteur der “Thüringischen Landeszeitung” (TLZ), geht Ende August nach 22 Jahren an der Spitze der Redaktion in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird der langjährige Chefredakteur der “Leipziger Volkszeitung”, Bernd Hilder.”

läßt die Funke-Mediengruppe, zu der die Zeitungsgruppe Thüringen mit TLZ, OTZ und TA gehört, verkünden.

Ob der stockkonservative Westdeutsche Hilder, der bei der Wahl zum MDR-Intendanten durchfiel, die richtige Lösung ist, darf bezweifelt werden. Zur neuen politischen Firmenlinie der Zeitungsgruppe Thüringen passt er allemal. Und die Landesregierung wird es freuen.

Wie wir finden, dass Hoffmeister seinen Posten verläßt, müssen wir wahrscheinlich nicht weiter erläutern.

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