Runder Tisch Medienkompetenz in Thüringen

Von Sven

Ich habe gestern wieder auf einem Podium gesessen, um mit Thüringer Medienleuten und Politikern über das Internet zu diskutieren … ach nein … es ging eigentlich um die Förderung von Lesekompetenz an Thüringer Schulen durch Zeitungslektüre. RunderTisch-Medienkompetenz

Diese Veranstaltung hat offenbart, was schiefläuft bei der Diskussion um das Thema Medienkompetenz in Thüringen.

Das Internet ist wie eine Bombe in über Jahrhunderte geschaffene Strukturen gefallen und nun rennen seit Jahren alle schreiend und panisch durcheinander und versuchen irgendwie mit sich selbst klarzukommen und gleichzeitig wieder eine Art Normalität herzustellen. Dabei tun alle so, als habe sich überhaupt nichts verändert. Und so kommt es, dass man auf einer Podiumsdiskussion des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport ernsthaft über die gedruckte Zeitung als Medium zur Leseförderung diskutiert … während man sich nebenbei fleißig auf Handy und Tablet über die Weltlage informiert.

leowtfDie Zuhörer im Auditorium waren entsprechend überrascht, einen Blogger auf dem Podium zu finden, der ihnen erzählte, dass das Internet gefährlich ist und dass eine Diskussion über Lesekompetenz für Zeitungen das Letzte ist, was Thüringer Schulen im Moment brauchen. Man war nicht nur überrascht, man war sogar verärgert, dass hier keine fertigen Lösungen für die unterirdischen Bildungsleistungen Thüringer Auszubildender angeboten wurden, dabei stand sehr deutlich im Konzeptpapier des Runden Tisches Medienkompetenz und im Flyer zur Veranstaltung zur Lesekompetenz(sic!), dass hier Probleme angesprochen und Lösungen gesucht(!) werden sollen.

Ich habe versucht klar zu machen, dass die Schüler sich vor allem für Facebook und Whatsapp, Tinder und Handygames interessieren und dass man auf diesen Zug aufspringen müßte, um Schüler für Lese- und Medienkompetenz zu motivieren. Und auch die beiden Schülerinnen, die mit auf dem Podium saßen, sagten auf die Frage, ob sie das, was sie wirklich interessiert lieber in die Schülerzeitung schreiben oder bei Facebook teilen, vorhersagbar und wahrheitsgemäß: Facebook.

Bei dieser Debatte stand ein riesiger Elefant im Raum und der hieß: Internet.

Und ich sage es an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich: Print ist tot!

Eine Förderung von Lese- und Medienkompetenz durch die gedruckte Zeitung ist überflüssig, so traurig das für die jahrelang gewachsene Kooperation zwischen den Behörden des Freistaates und der Zeitungsgruppe Thüringen auch sein mag. Das Internet ist es, wofür junge Menschen in Thüringen heute dringend(!) Kompetenz brauchen. Hier fehlt es an Experten,  Regeln und Strukturen. Thüringen als “Kindermedienland” mit seinen Leuchttürmen der “New Economy” verschläft die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Unglaublich.

Das erste Jahr Ramelow

Ein Jahr Ministerpräsident Ramelow. Man hat sich daran gewöhnt. Ein bißchen. Und jetzt wird erste Bilanz gezogen. Die Linke ist sich einig über den großen Erfolg und demonstriert diese Einigkeit per übersichtlicher Grafik und Retweets:

Was hat die Gewerkschaft der Lehrer zu sagen? 

  • In den kommenden Jahren scheiden deutlich mehr Lehrer*innen aus dem Schuldienst aus, als die avisierten jährlichen 500 Neueinstellungen auffangen können.
  • Der hohe Krankenstand wird durch die Vertretungsreserve erst in Ansätzen aufgefangen, es bedarf hier deutlich mehr an solchen Stellen.

 

              Die Opposition reagiert übrigens mit nicht weniger übersichtlichen Grafiken:

Und die Presse zieht ebenfalls Bilanz:

Martin Debes schreibt über die Arbeit der Fraktion Die Linke:

“Sie lässt sich am besten mit dem Wort unauffällig beschreiben.”

Und Martin Machowecz schreibt in der Zeit unter anderem

Sie sind Bauer? Bodo Ramelow liebt Sie! Sie sind potenziell feindlich gesinnter Ministerpräsident eines benachbarten Bundeslands? Bodo Ramelow liebt Sie! Sie sind Oppositionsführer? Oh, Bodo Ramelow liebt Sie erst recht! Bodo Ramelow liebt Sie auch, wenn Sie Zahnarzt, Kammerjäger oder Streifenpolizist sind.

Nicht ganz. Bodo Ramelow hat auch Leute die er gar nicht leiden kann und denen er das auch zeigt:

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Und was ist mit der Stasi? Landolf Scherzer hat ein Buch über die ersten 100 Tage Ramelow geschrieben.Und die junge welt rezensiert und resümiert:

“Vieles im Erfurter Regierungsladen läuft heute so, als hätte es dort keinen Wechsel gegeben: Am vergangenen Freitag und Samstag fand in Weimar ein Symposium über »Die strafrechtliche Aufarbeitung von Diktaturen in Europa« statt: drei Vorträge über Naziverbrechen, drei über angebliche »Verbrechen der DDR-Diktatur«, abends Empfang des Ministerpräsidenten – die bundesdeutsch übliche Verharmlosung von Faschismus, Weltkrieg und Völkermord schon im Titel. […] Der Ministerpräsident wirkt insgesamt wie ein Getriebener, wie einer, der mehr reagiert als agiert.”

Jetzt sind es 365  Tage Regierung Ramleow. Am besten aber charakterisiert den neuen Stil in der Staatskanzlei diese kleine Meldung aus der Bild:

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Der Ministerpräsident bekommt ein Spielzeughandy zum Twittern, während sich der Mastermind Benjamin Immanuel Hoff im Freitag differenziert Gedanken aus dem Maschinenraum einer gelingende Dreierkoalition macht. Nein Hoff ist keine Rampensau wie Bodo Ramelow. Aber er übt schon mal. Für den Maschinenraum in Berlin. Diesmal aber nicht das Rote Rathaus.

 

Kampf um Deutungshoheit: Jena hat Blogs aufgesetzt

Auch in der Stadtverwaltung ist es offenbar angekommen, dass die üblichen Wege der PR nicht mehr funktionieren. Pressemeldungen und Interviews von Prominenten in den Lokalzeitungen haben keinen Einfluss mehr. Nachdem die hitzige Diskussion um die Eichplatzbebauung im Internet vor allem von dem PR-Portal Jenapolis bestimmt wurde, hat man sich offenbar überlegt, dass sich die Stoßrichtung der öffentliche Debatte wohl besser in einem eigenen Blogportal beeinflussen läßt.

blog-jena

Seit Anfang 2014 betreibt die Stadt Jena deshalb ein eigenes Blogportal blog.jena.de auf dem kontroverse aktuelle Bauvorhaben und sonstige grundlegende sozialpolitische Veränderungen vorgestellt und diskutiert werden können.

Diese Initiative könnte die Initialzündung für eine ganz neue Art der politischen Auseinandersetzung werden, in der die klassischen Lokalzeitungen weiter an Bedeutung verlieren. Denn wenn sich entsprechende Bürgerinitiativen bilden, die eigene Blogs aufsetzen und die Informationen der Stadt-Blogs kritisch hinterfragen, könnte sich die Debatte aus den Lokalzeitungen und den (kontrollierten) Leserbriefspalten heraus ins Netz bewegen.

Wie üblich bei solchen Projekten hat der Enthusiasmus bereits etwas nachgelassen. Das erste Blog war zur Baumaßnahme am Burgweg. Der letzte Eintrag stammt aus dem März diesen Jahres, auch wenn der Bautbetrieb weiter geht und bereits Fragen “besorgter Bürger” auftauchen.

Auch im Abbe-Bücherei- Blog hat sich die Anfangseuphorie gelegt. Der letzte Eintrag stammt vom August. Das Blog zum “Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention” ist offenbar auch nicht so sexy. Wer liest das alles? Und wer glaubt, dass das jemand liest? Geschweige diskutiert? Über die Baumaßnahmen in der Lutherstraße wird ebenfalls nichts mehr gebloggt – auch wenn dieses Blog zunächst durch schöne Bilder und aufregende Berichte über den Baufortschritt glänzte. Das Eichplatzblog wird wohl erfolgreicher werden.

Und im Blog zum Ausbau der Straßenbahn in Jena-Nord gibt es bereits eine kleine Auseinandersetzung über einen projektkritischen Flyer.

Alles in allem ein guter Anfang. Was fehlt, sind die dazugehörigen Twitter- und Facebookaccounts zu jedem Blog, da neue Beitrage in Blogs meist so abonniert – und vor allem verbreitet werden.

Asylpolitik: Thüringer Ex-Minister tritt aus CDU aus

Der Thüringer Landtagsabgeordnete Jürgen Reinholz ist aus der CDU ausgetreten und gehört dem Thüringer Landtag nun als fraktionsloser Abgeordneter an. Er begründete seinen Austritt mit der Griechenland- und Asylpolitik der Regierung Merkel. In dem Nordhäuser Onlineportal nnz-online schreibt er:

Mein Grund für den Austritt liegt allein auf Bundesebene. Er hat seinen Hintergrund in der Politik unserer Bundesvorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Beginnend mit ihrer Politik in der Griechenlandfrage bis hin zu ihrer Asylpolitik. Für all das bin ich 1989 nicht auf die Straße gegangen und auch nicht vor 25 Jahren in die CDU eingetreten.

Nun sitzt er mit den drei fraktionslosen Abgeordneten der AfD im Thüringer Landtag. Um eine Fraktion zu bilden, werden 5 Abgeordnete benötigt, schreibt Martin Debes in der TA.

Die Reaktion der Netzgemeinde:


Lügenpresse oder Mediendemokratie in Thüringen?

In Erfurt findet heute ein Tagung statt, in der die Thüringer Leitmedien mit Vertretern überregionaler Presse über einen zentrales Wort diskutieren, das sie auch als Vorwurf an sich selbst verstehen: Lügenpresse.

Der Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung, Bernd Hilder, der Chefredakteur des politischen Qualitätsmagazins Cicero, Christoph Schwennicke, Anne Reidt, die Leiterin des ZDF Heute Journals, die FAZ, die Thüringer Landesmedienanstalt und viele Journalisten haben sich eingefunden, um zur Glaubwürdigkeit der Leitmedien in Deutschland und Thüringen zu diskutieren.

Hier verfolgen wir diese Diskussion live. Ihr könnt Fragen und Kommentare beitragen.

Live Blog Thüringer Lügenpresse oder Mediendemokratie
 

Psychologieprof behauptet, Deutsche würden manipuliert

Der Kieler Psychologieprofessor Rainer Mausfeld muß verrückt geworden sein. Der Autor von Standardwerken zur sozialwissenschaftlichen Statistik setzt seine wissenschaftliche Reputation aufs Spiel, indem er einen Vortrag über die systematische Manipulation der deutschen Bevölkerung durch die Massenmedien hält. Er spricht in diesem Vortrag von Propaganda und Verschleierung. Er spricht davon, dass Fakten absichtlich fragmentiert und nivelliert werden.

Mausfeld spricht von 30-40 Millionen zivilen Opfern durch militärische Interventionen der USA in den letzten 40 bis 50 Jahren. Er spricht von aktiver Manipulation der Massen durch eine Oligarchie – in Deutschland! – die sich die Gesetze und neuesten Befunde der wissenschaftlichen Psychologie zueigen macht, um die Menschen systematisch über ihre wahren Interessen im Unklaren zu lassen. Mausfeld spricht von “Scheindemokratie” und Herrschaft einer unsichtbaren Elite.

Er geht jedoch nicht davon aus, dass das alles “zentral gesteuert” wird. All diese antidemokratischen Verwerfungen seien “systemimmanent”. Aufstieg in diesem System ist nur durch Anpassung erreichbar. Journalisten, die dieses System stützen sind keine Mietmäuler oder gar Lügner. Sie sind selbst überzeugt von der Richtigkeit dieses Systems. Sie tragen es aus Prinzip und werden entsprechend – aufgrund der Erfüllung relevanter impliziter Kriterien – protegiert, steigen auf und fördern später ihrerseits systemrelevante Journalisten.

Laut Mausfeld wird die Bundesrepublik durch ein totalitäres System nach Führerprinzip gelenkt. Angela Merkel sei lediglich eine Marionette. Die wahren Mächtigen säßen auf den Chefsesseln der Konzerne.

Hier kann man sich auch die anschließende Diskussion anschauen.

Der verrückte Professor Mausfeld hat offenbar nichts mehr zu verlieren. Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, da werden berechtigte Fragen nach seiner Qualifikation und Reputation auftauchen. Verschwörungstheoretikern wie Mausfeld reden viel und haben keine Ahnung, was auf dem Spiel steht. Man sollte diesen Vortrag eines unqualifizierten Uniprofessors einfach ignorieren.

Tore tanzt: Film über Eisenacher Sklavenmord im ZDF

Das ZDF zeigt Montagnacht das Psychodrama „Tore tanzt“, in dem das Schicksal eines lernbehinderten jungen Mannes gezeigt wird, der von einem Ehepaar wie ein Sklave gehalten und dessen toter Körper an einer Autobahnausfahrt bei Eisenach abgelegt wurde. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes wurde der Film 2013 uraufgeführt.

Es gab Buhrufe bei der Uraufführung.

Einigen war dieser Film, wohl zu grausam, hinterläßt er doch keine Hoffnung für den Protagonisten. Doch der Film “Tore tanzt” ist sehr nah an die wirklichen Geschehnisse angelehnt:

Thies F. mußte Sklavenarbeit verrichten, hungern, madiges Fleisch essen und wurde auf den Homosexuellenstrich geschickt. Sein “Hauptzweck” aber war seine Sozialhilfe, die von seinem Peiniger einbehalten wurde. Der Haupttäter wurde zunächst nur zu einer geringen Haftstrafe (8 Jahre) verurteilt, die nach einer Revision in eine lebenslange Haft umgewandelt wurde.

Der Körper des jungen Mannes wurde zunächst anonym bestattet, sein Kopf wurde in die Gerichtsmedizin nach Jena überstellt.

Nach Ermittlungen und Berichten über den Fall konnte der Leichnam – mit Hilfe einer Spendenaktion – nach Weimar bei Kassel, den Wohnort der Mutter, überführt werden.

Die Mutter des Opfers hat für ihren Sohn eine Webseite gestaltet. Hier findet sich eine Übersicht über die Zeitungsberichte und eine Biographie ihres Sohnes.

Der Film “Tore tanzt” setzt dem jungen Mann nun ein erschütterndes Denkmal. Und er hinterläßt die unbeantwortete Frage, wie derartige Grausamkeiten überhaupt möglich sind. Dramaturgisch wird der Protagonist des Films als überzeugter Christ dargestellt, der der Brutalität des Täters mit einer unerschöpflichen Liebe nach dem Beispiel Jesu begegnen will und letztlich genau daran zugrunde geht.

Was bleibt von Thies?

Die Regisseurin sagt in einem Interview, sie habe beim Lesen des Leidensweges von Thies F. weinen müssen. Sie hat einen Film daraus gemacht, den Du jetzt auch kennst.

Habermas hat “Lügenpresse” gesagt, Du Kunde!

Ein epochaler Aufsatz von Jürgen Habermas zur Eurokrise. Sein schlimmster Vorwurf: Die Bürger der Staaten der Europäischen Union sind keine Bürger mehr sondern Kunden bzw. Angestellte der Europäischen Union und sie werden entsprechend behandelt. Sie haben Schulden und müssen diese abarbeiten. Griechenland und die griechische Regierung werden in dieser Sache zurechtgewiesen wie ein säumiger Gläubiger, dem man ordentlich auf die Finger klopfen muss. Die Presse sieht Habermas in dieser Frage als Erfüllungsgehilfen von Banken und Bundesregierung.

Habermas schreibt in seinem letzten Absatz:

    “Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.”

Was Habermas hier meint, ist, dass die Eurokrise keine politische Krise mehr ist, sondern dass die Bürger zu “Kunden” oder Angestellten des Staates geworden sind und von der PResse eingelullt werden.

Karl Popper würde Habermas “Obskurantismus” unterstellten. Denn das was Habermas da äußerst gewählt – in seinem unnachahmlichen verbalen Barock – formuliert, ist im Grunde ein ganz einfacher Vorwurf: LÜGENPRESSE.

Aber jetzt hat es auch Habermas gesagt, dann können wir es auch unterschreiben. Dieser Tweet hat inzwischen 30 RTs .. and counting: