Antiamerikanismus
Der Spiegel und sein Onlineableger mutieren zum Zentralorgan für Volksaufklärung und Propaganda. Die Tonart des Spiegel-Leitartikels und das zugehörige Titelblatt von dieser Woche haben erhebliches demagogisches Potential, das taz-blog titelte folgerichtig: “Die neuen NPD-Plakate sind da“. Und so wie die angeblich “schleichende Islamisierung” in Deutschland angeprangert und wie Henryk M. Broder als Kronzeuge für diese aufgewärmten Überfremdungsmärchen und Terrorbedrohungssagen herangezogen wird, ist das eine unerträglich groteske Inszenierung, die sich zusammen mit dem gestrigen Spiegel Online-Kommentar von Claus Christian Malzahn und mit den aktuellen diplomatischen Komplikationen wegen mutmaßlicher Grenzverletzungen britischer Soldaten zu dem (verschwörungstheoretischen) Bild verdichtet, dass wir auf einen Krieg gegen den Iran eingestimmt werden sollen.
In seinem Kommentar schwadroniert Malzahn über “Antiamerikanismus” und “Umerziehung der Deutschen” angesichts der Ergebnisse einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins “Stern”, die konstatierte, dass “57 Prozent der 18- bis 29-Jährigen – erklärten, sie hielten die USA für bedrohlicher als das religiöse Regime in Iran.”.
Ja bitte, geht’s noch? Bin ich Antispiegelonlinenist weil ich der Überzeugung bin, dass Spiegel Online eher zur Volksverdummung beiträgt, als der Gelsenkirchener Volksfreund?
Der bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus der Totschlagargumentekiste geholte, mehr als wohlfeile Vorwurf, Kritiker der US-amerikanischen Außenpolitik machen sich eines “Antiamerikanismus” schuldig, ist frech, überheblich und schlichtweg dumm.
- Frech, weil sich die Kritik oder die Sorge um den Weltfrieden nicht gegen die US-amerikanische Kultur an sich richten, wie Malzahn und Spießgesellen unterstellen.
- Überheblich, weil sich die Kritik, die Sorge, wie auch anhängige Strafanzeigen gegen Vertreter der US-amerikanischen Administration wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht gegen den amerikanischen Kontinent oder die US-amerikanische Bevölkerung richten, sondern gegen eine menschenverachtende und völkerrechtswidrige Außenpolitik der Regierung der Vereinigten Staaten.
- Einfach dumm wie zwei Meter Feldweg, weil Mahlzahn in seiner Interpretation der Forsa-Umfrage unterstellt, dass das iranische Scharia-Marionettenregime für schöner, anstrebenswerter oder wenigstens für bedauernswert gehalten wird.
Doch weit gefehlt, lieber Herr Malzahn, beide Regierungen sind so beliebt wie Hämorrhoiden.
Und woran es liegen könnte, dass die Außenpolitik der Bush-Administration nicht gerade auf Gegenliebe stößt, kann man sich vorstellen, wenn man sich die Angriffskriegsbilanz (via) der USA und des Iran vergleichend vergegenwärtigt und dabei feststellt, dass der erste Golfkrieg, den der Irak in den achtziger Jahren gegen den Iran vom Zaun brach, mit US-amerikanischer Unterstützung (auf Seiten des irakischen Diktators Saddam Hussein) geführt wurde.
Titelblätter, Leitartikel, Kommentare und die darin enthaltenen Argumente wie sie der Spiegel zur Zeit abschiesst, haben streckenweise die mindere Qualtität, die sie anderen unterstellen. Das ist nichts anderes als Antijournalismus.
Und wer das immer noch nicht begriffen hat, kann sich von Volker Pispers erklären lassen, warum er keinen oberflächlichen Antiamerikanismus pflegt:
March 29th, 2007 at 7:30 pm
hach ja, wie beseelt denk ich jetzt gerade an den “schläfer meines vertrauens” in der neugasse (der typ, der den arabischen laden dort hat. der sieht aus,als ob er frisch einem us-fahndungsplakat entsprungen wäre.wers nicht glaubt, überzeuge sich bitte selbst und nehme bei der gelegenheit auch gleich das beste fladenbrot der stadt für unschlagbare 75 cent mit-LECKER!!!). was wollt ich jetzt eigentlich erzählen: ach ja,der schläfer… also das ist ein ganz korrekter typ und ich hab auch nie probleme mit der staatsmacht bekommen,wenn ich seine pakete stellvertretend entgegennahm. was ich dann aber ein bißchen pottig fand, waren die polizeistreifen, die täglich mind. einmal am laden vorbeifuhren, während deutschland die “kofferbombenattentäter” suchte.
seine steuergelder hätten besser eingesetzt werden können, finde ich
March 29th, 2007 at 8:38 pm
[...] [nachtrag:] Die Thüringer Blogzentrale beschreibt einen Punkt, der offensichtlich ist, den ich aber schlicht vergessen habe: Der Spiegel und sein Onlineableger mutieren zum Zentralorgan für Volksaufklärung und Propaganda. Die Tonart des Spiegel-Leitartikels und das zugehörige Titelblatt von dieser Woche haben erhebliches demagogisches Potential, das taz-blog titelte folgerichtig: “Die neuen NPD-Plakate sind da“, und so wie die angeblich “schleichende Islamisierung” in Deutschland angeprangert und wie Henryk M. Broder als Kronzeuge für diese aufgewärmten Überfremdungsmärchen und Terrorbedrohungssagen herangezogen wird, ist eine unerträglich groteske Inszenierung, die sich zusammen mit dem gestrigen Spiegel Online-Kommentar von Claus Christian Malzahn, und mit den aktuellen diplomatischen Komplikationen, wegen mutmaßlicher Grenzverletzungen britischer Soldaten, zu dem (verschwörungstheoretischen) Bild verdichtet, dass wir auf einen Krieg gegen den Iran eingestimmt werden sollen. [...]
March 29th, 2007 at 9:22 pm
ich glaube auch, dass amerika zur zeit gefährlicher ist als der iran.
denn die verrückten in washington haben in “amerika” mehr macht als die verrückten in teheran im iran macht haben.
aber das geht auch wieder vorbei und ich hoffe dass dann ein paar kriegsverbrecher im gefängnis schmoren werden.
March 29th, 2007 at 9:44 pm
Ohne Worte:
http://citronengras.de/wenn-paranoia-sich-verdinglicht/
March 29th, 2007 at 10:56 pm
[...] Aha – in den Kommentaren zur Kinder-DPA-Meldung meinte Sven, dass der Beitrag ihm nicht mehr medienrauschengeeignet erschien – nachzulesen gibt es ihn aber in der Thüringer Blogzentrale. (Jungs – das packt man nicht in die Kommentare, das erläutert man doch in einem eigenen Artikel, gelle?) [...]
March 30th, 2007 at 12:17 am
[...] Update: Weil sich doch sehr viele Blogs mit Malzahns Kommentar befassen und es dabei um wichtige Grundsatzfragen geht, hier einige Verweise außerhalb der Lesebeute-Ordnung: Spiegelfechter: Herr Malzahn Nerdcore: Amifeindlich Thüringer Blogzentrale: Antiamerikanismus [...]
March 30th, 2007 at 12:34 am
[...] Antiamerikanismus Der gute Herr Malzahn – das typische Beispiel von ganz links unten nach noch viel weiter rechts oben. (tags: spiegel antiamerikanismus rassismus) [...]
March 30th, 2007 at 8:03 am
[...] ++ Antiamerikanismus von der Thüringer Blogzentrale [...]
March 30th, 2007 at 10:11 am
[...] eines [...]
March 30th, 2007 at 5:40 pm
[...] ++ Antiamerikanismus von der Thüringer Blogzentrale [...]
March 30th, 2007 at 9:29 pm
Ich wusste gar nicht, dass die nationalbolschewistische DDR schon über internet verfügt.
Natürlichen hassen die Bewonhner der DDR die USA und Israel, das wird da drüben ja schon in der KiTa eingeprügelt und sie ziehen ihre national-sozialistische Volksgemeinschaft der freien Welt vor.
Wartet nur, eines Tage werden die USA Euch von Eurem kommunistischen Regime befreien!
P.S.: Wie heisst der derzeitige Staatsratvorsitzende?
March 31st, 2007 at 3:26 pm
[...] Der Professional Slacker hat noch einige Links zu anderen Beiträgen gesammelt, die sich mit Claus Christian Malzahns dümmlichen Ergüssen beschäftigen. [...]
March 31st, 2007 at 7:20 pm
Wow! Jetzt wird schon die Taz als seriöse Nachrichtenquelle zitiert!
Zur Kultur: Es bezieht sich vielleicht nicht von den Vorrednern her auf die Kultur, aber sie ist immer mit betroffen weil oft: A: Von “die USA” gesprochen wird und B: Die meisten Leser nicht sauber trennen können. Wieviele Deutsche denken denn, dass die US-Amerikaner prinzipiell dümmer sind als die Deutschen? Fast alle oder nur die meisten Deutschen denken so? Frag mal in der Grunschule oder in der Unterstufe, Du wirst überrascht sein, was für tiefsinnige Meinungen bereits in den Kinderherzen vorliegen.
Zum Iran: 57 Prozent der 18- bis 29-Jährigen – erklärten, sie hielten die USA für bedrohlicher als das religiöse Regime in Iran
Was haben wir hier? Richtig! Einen Vergleich.. Wer kommt besser weg? Der Iran. Was merkt man sich nach dem Lesen? Der Iran ist beliebter. Eine schlechte Fragestellung, die entweder mangelhaft durchdacht ist oder …
Naja, ich bin kein Politblogger, aber wenn ich solche undifferenzierten Artikel lese, bekomme ich schon fast Lust dazu.
April 2nd, 2007 at 2:53 am
Ach, wie wir immer rumeiern, wir Klugschwätzer. Jeder bezichtigt den anderen, zu stereotypisieren und zu pauschalisieren. Und jeder tut’s selbst. Malzahn die Deutschen. Wir die Amerika-Kritiker-Kritiker. Und mein Vorredner schert jene, die letztere kritisieren, auch schon wieder über einen Kamm. Blogosphärentypischer Meta-Brei, .markus schrub dazu mal “Sturm im Senfglas”. Wie wär’s, wenn wir uns zur Abwechslung mal der Sache nähern?
Zum Beispiel so: Die ursprüngliche Fragestellung war nicht: “Wer ist gefährlicher?” sondern “Wer ist gefährlicher für den Weltfrieden?” Ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied. Da muss man keine massenpsychologischen Unterstellungen anstrengen, wie der Spiegel-Hohlzahn, da reicht es sich ein bisschen Sachverstand anzulesen und nach einigermaßen objektiven Kriterien zu vergleichen: Zum Beispiel die jüngste Kriegsbilanz beider Länder (genauer: deren Militär- & Aussenpolitik), mitsamt den Konsequenzen auf die Stabilität in verschiedenen Regionen der Welt. Wir können aber auch die Anzahl der Atomwaffen auf beiden Seiten vergleichen. Das Ergebnis ist eindeutig, das anzuerkennen heißt nicht, dass man sich von irgendwelchen Publikumsbeschimpfungen irgendwelcher Dünnbrettbohrer angesprochen fühlen muss.
@ Oliver: Warum ist die taz deiner Meinung nach keine seriöse Nachrichtenquelle? Ich denke, die Anzahl an Enten, einseitiger Berichterstattung und Propaganda ist da auch nicht höher als in FAZ und SPIEGEL.
April 2nd, 2007 at 3:26 am
[...] Wer ist eigentlich dieser Andi Amerikanismus über den sich immer alle beklagen? Zumindest der Spiegel und Broder ziehen wieder ordentlich vom Leder. Eine schöne Zusammenfassung dazu gibt es bei der Thueringer Blogzentrale zu lesen. [...]
April 9th, 2007 at 7:58 pm
[...] Nein, Herr Schreiber, dass Sie im SPIEGEL Ihren pittoresken Privatglauben verbreiten dürfen ist gut und schön, mit Information hat das aber rein gar nichts mehr zu tun. Das ist Agitation. Glücklicherweise nicht in der Manier des entsetzlichen vorletzten Spiegel-Titels, eher auf eine ganz einfache, aber nicht weniger unrühmliche Art und Weise. Unabhängig von derlei Entgleisungen sind Sinnfragen aber offenbar zurzeit, mehr denn je, en vogue. Zu festlichen Abschnitten in den Kalendern der drei größten Weltreligionen (Pessach, Ostern, Prophetengeburtstag) und Kulturen, in denen die Religionsanhänger aber auch Unbeteiligte in den Genuss von etwas mehr Tagesfreizeit kommen, drängt es den temporär befreiten Geist auch zu den großen Fragen nach dem Sinn und dem Danach. [...]
November 11th, 2008 at 10:12 pm
Eine Parteinahme für die US-Regierung in die Nähe von Nazi-Propaganda zu rücken ist angesichts des radikalen NS-Antiamerikanismus schon rein logisch fragwürdig.
Die Regierung von G.W.B junior ist auch nicht die erste
Administration, welche sich hierzulande derartiger Beliebtheit
erfreut. Ich bin gestpannt, wann Ihr geistigen Krähwinkel anfangt, Euern Hass auf Obama nicht mehr geheimhalten zu können.
Ihr seid freilich antiamerikanisch, weil die Politik von W. eben typisch US-amerikanisch ist. Und wer das typisch US-amerikanische hasst, der ist per definitionem Antiamerikaner.
November 12th, 2008 at 12:11 pm
Nur mal zum Vergleich: Wie war es um den deutschen Antiamerikanismus in den Clinton-Jahren bestellt? Hattest du da was zu Meckern und zu Jammern?
Im Übrigen verbitte ich mir Beleidigungen, wie “geistige Krähwinkel”! Wer Kritiker durch Dispositionierungen diskreditiert und persönlich beleidigt hat in einer offenen Debatte um politische Sachfragen nichts verloren.