Jump, Landeswelle, Antenne: Drei wie Pech und Schwefel
Nein, ich glaube nicht, dass die Hölle ein finsterer Ort ist, an dem in unzähligen Kesseln voller kochendem Pech und Schwefel Sünder bis ans Ende aller Zeiten gegart werden, denn 1. sind durchschnittliche 90 Kilogramm Mensch doch spätestens nach zwei Tagen gar, und 2. sind die Ressourcen der Hölle, was deren Brennstoff betrifft, garantiert auch nicht unerschöpflich.
Ich glaube eher, die Unterwelt, das ist ein Ort, ausgestattet mit äußerst komfortablen Kanapees, den kuscheligsten 3-Sitzern mit Schlaffunktion und weit ausschweifenden Massagesesseln. Die Luft in dieser Stätte der Verdammnis hat stets und immer die angenehme Temperatur von 22 Grad Celsius und duftet ganz leicht nach Zitrusfrüchten und Minze. Und an allen Ecken und Enden stehen brechendvolle Tafeln mit Muosse au Chocolat und Erdbeeren mit Sahne und Leberpastete. Und halbnackte, dem Auge schmeichelnde Menschen beiderlei Geschlechts schenken einem ganztägig die allerfeinsten Weine nach. Von sexuellen Darreichungen ganz zu schweigen. Nun mögen Sie mich sicherlich stirnrunzelnd und ohrläppchenzupfend fragen wollen, wo da denn verdammt noch mal der Haken dran ist? Ganz einfach: Rund um die Uhr wird dieser Ort abwechselnd mit den Radioprogrammen von Antenne Thüringen, Landeswelle Thüringen und JUMP beschallt. Und wer 24 Stunden täglich „den neuen Sound“, den „Hit-Mix“ oder auch „die beste Musik der 70iger, 80iger und 90iger“ in die Ohren geblasen bekommt, der wünscht sich auf ewig, er wäre am liebsten niemals gestorben!
Nun mag man mir möglicherweise mit dem Totschlagargument kommen, dass ich guter Mann mir doch solch fragwürdiges Kulturgut nicht unbedingt antun müsse, wenn mir nun einmal aus mannigfaltigen Gründen nicht danach sei. Doch, müsste ich dann leider darauf antworten, und zwar nicht aus mannigfaltigen Gründen, sondern nur aus dem Grunde, dass man bei einigen meiner Mitarbeiter in deren Kindheit leider versäumte, diesen Bälger gehörig Anstand einzuprügeln. Denn mit einem solchen im Wesen, wäre man als Erwachsener sicherlich nimmer dazu in der Lage, mit seinem Transistorgerät rücksichtslos Werkhalle samt Gelände samt Kollegen mit Thüringer Radioprogrammen zu beschallen. Mir selbst allerdings wurde niemals Anstand eingeprügelt, was aber auch nicht unbedingt nötig war, denn er fiel mir, wie man so zu sagen pflegt, mir nichts, Dir nichts, einfach so in den kindlichen Schoß. Und dieser Anstand, der anstandslos mit meinem Körper mitwuchs, verhindert heutzutage übrigens, dass ich auf diese Höllenlärm produzierenden Kollegen nicht himself einprügele. Was aber leider mit sich bringt, dass ich wohl nie erfahren werde, ob man nicht auch Erwachsenen mittels Fäusten und Stuhlbeinen einen gewissen Anstand einbläuen könnte.
Nun mag es ja eventuell die eine Leserin, oder auch den anderen Leser geben, der gottlob noch nie einen Thüringer Radiosender zu hören verdammt war, darum hier ein einstündiges Mitschnittkonzentrat eines x-beliebigen der oben benannten UKW-Kulturschänder.
(Man stelle sich vor: Ein graues, zweistöckiges Haus mitten im grünen Herzen Deutschlands. Darin ein Sender. Im CD-Archiv des Senders zwei Cds. ABBA: Greatest Hits. Die andere CD ist noch originalverschweißt und ungeöffnet. Im Senderaum 3 Personen. Eine Moderatorin. Ein Moderator. Eine 1-Euro-Kraft, welche die Aufgabe hat, die Bärte, die den Witzen der beiden Moderatoren anhängen, regelmäßig zu kürzen, damit niemand darüber stolpert.)
Ein Jingle „Der neue Sound… Hit-Mix… Die größten Hits der…“
Musik. ABBA. „Dancing Queen“ (4 min)
Moderator: Blablabla. Blablabla. Muaahhh! Muahh! Muaahhh! (3 min)
Moderatorin: Hihihihihihih! Hihihihihih! (4 min)
Ein Jingle „Der neue Sound… Hit-Mix… Die größten Hits der…“
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Ein Jingle „Der neue Sound… Hit-Mix… Die größten Hits der…“
Musik. ABBA. „Voulez-Vous“
Moderator: Blablabla. Blablabla. Muaahhh! Muahh! Muaahhh! (3 min)
Moderatorin: Hihihihihihih! Hihihihihih! (4 min)
Ein Jingle „Der neue Sound… Hit-Mix… Die größten Hits der…“
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Ein Jingle „Der neue Sound… Hit-Mix… Die größten Hits der…“
Musik. ABBA. „Dancing Queen“ (4 min)
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Usw., usw., usw..
Und dieses 24 Stunden täglich. Sieben mal die Woche. 53 Wochen im Jahr. Jahr um Jahr. Eine Endlosschleife aus vertonten Verdauungsresten. Und mal hinter vorgehaltener Hand: Würde die Anzahl der Toten im Irak nicht täglich variieren, würden sich auch die stündlichen Nachrichten tagtäglich gleichen, wie ein faules Ei dem anderen.
Und wer einem solchen Trallalla-Inferno ausgesetzt ist, der wird mir mit Zittern in der Stimme bestätigen wollen, dass dagegen ein Hades mit Kesseln voller brodelndem Schwefel und siedendem Pech geradezu himmlisch erscheinen muss. Ja, da würde man gerne seine Badehose anziehen, um per Köpper in den heißen Sud zu springen, wenn es denn einst heißt: Du böser, böser Sünder, nun bist Du am dransten! Doch um in eine Hölle mit Rund-um-Thüringer Radiosender-Beschallung zu kommen: so eine unvorstellbar große Sünde ist doch noch gar nicht erfunden!
PS: Ich habe es mir zur kaum Zeit verschlingenden Gewohnheit gemacht, die Namen der Firmen, welche auf den genannten Sendern für ihre Produkte werben, fein säuberlich in meinem Notizbuch zu notieren, um beim wöchentlichen Großeinkauf einen großen Bogen um deren Artikel zu machen. Denn keinesfalls werde ich Konzerne, welche unbarmherzig Tristes und Langeweile mit ihrer Werbung finanzieren, mit meinen ungemein sauer verdienten Talern unterstützen. Diese Firmen gehören nämlich erst recht in die Hölle. Und zwar in die der ewigen Insolvenzen.
PPS: Bei der zweiten, noch ungeöffneten CD soll es sich angeblich um eine Sicherheitskopie der ABBA-CD handeln. Ich bleibe am Ball!
May 11th, 2007 at 1:12 pm
Die haben alle keine wirkliche Musikredaktion mehr sondern eine hohle Kiste Namens “Selector” den da aber kein Schwein bedienen kann :-)
Zum Glück gibt es Internetradio…
May 11th, 2007 at 8:21 pm
Wenn es denn mal ABBA und dann auch noch verschiedene Lieder selbiger Formation wäre, wär ich ja schon fast froh! Diese Auswahl!
Stattdessen kommen monatelang die selben 5 Lieder nicht nur morgens, sondern abends gleich noch mal.
(Mittags gelingt es mir meist, in meiner WG die Hoheit über die Radiosender kurzzeitig zurückzuerobern, um einen der Kultursender einzustellen…)
P.S.: Bitte um eine Kopie der Liste.(Reicht ja, wenn einer von uns das alles abhört…)
May 11th, 2007 at 10:53 pm
ihr thüringer habt es gut. wir sachsen haben zusätzlich noch PSR, was in etwa der abgeschafften vorhölle entspricht. bekloppte radiospiele bis zum kotzen und darüber hinaus.
May 14th, 2007 at 12:11 am
[...] Radio-Bashing ist ein alter Hut. Dieses beleidigte Gejammer über Titelwiederholungen und Mainstreamausrichtung anzuhören, nervt weitaus mehr als 24h auf Quote getuntes Formatradio. Wenn’s aber so schön überspitzt und vergnüglich daherkommt wie in der Thüringer Blogzentrale, dann will ich Euch das gerne ans Herz legen. [via Unionista] [...]
May 14th, 2007 at 3:28 pm
:D
Ich stelle mal die These auf, dass diese Erscheinung nicht nur den thüringischen Äther verseucht. Zumindestens in MeckPomm ist es auch nicht anders. Manchmal glaube ich fast, die sind alle Teilnehmer am gleichen Franchise-Unternehmen. Lizensierter Müll sozusagen.
May 14th, 2007 at 4:20 pm
Hee… du hast das ultratolle Gewinnspiel “Welcher Z-Promi hat den folgenden Ausschnitt gesagt…” vergessen, an das man alle 5min erinnert wird.
June 23rd, 2010 at 4:47 pm
Wie ich lese, hat sich in den letzten drei Jahren – seit dem ich die Dreisten Drei (Radiosender) meide wie der Teufel – nichts Wesentliches am Programm geändert.
Ich frage mich allerdings ernsthaft in welcher gottverlassenen Fußgängerzone man diese armen Kreaturen findet, die (unter Folter/Dauerbeschallung?) die musikalische Vielfalt und Einzigartigkeit besagter Radiosender loben. Oder sind das auch DJ Repeat-All und seine super gelaunte Morningcrew, deren “Witze” endlos wiederholt werden bis einem die Ohren bluten (“Und das haben Sie heute Morgen bei Hanni & Nanni verpasst…”)
Niemals war die Metapher “Und täglich grüßt das Murmeltier” zutreffender als heute. Tatsächlich ist die Chance, jeden Morgen jeweils zur gleichen Zeit den selben Song zu hören, größer als jemals zuvor. Ich habe die Notbremse gezogen, um einen “Gehörsturz” vorzubeugen.
PS: Leider werden wir auch in Thüringen nicht von Radio PSR verschont.
June 26th, 2010 at 11:21 pm
Ich darf als ehemaliges Mitglied einer der Höllencrews sagen, dass im inner circle of evil durchaus Klarheit darüber herrscht, wie groß der Scheißhaufen ist, der da tagtäglich damoklesk im Äther hängt.
Ach, Moment, darf ich nicht. Der Arbeitsvertrag verdonnert einen auch nach Ablauf noch zu Stillschweigen.
June 27th, 2010 at 3:10 pm
Nur mal so:
Die legendäre Mauer ist doch optische Vergangenheit.