Vier Minuten

vierminuten.jpgDieser Film ist ein Ereignis. Eine schier unbegreifliche Freude, ein Quell des Erstaunens, Schauderns, Entdeckens, Erkennens, Glaube, Liebe, Hoffnung in ihrer radikalsten Emanation. Eine Symphonie der Bilder und ein Angriff auf alle banalen filmwirtschaftlichen Selbstverständlichkeiten. Sprichwörtlich „großes Kino“, das mit aller uneingeschränkten Berechtigung einen unsäglichen Bombastmurks, wie “Das Parfüm” beim Deutschen Filmpreis in den wesentlichsten Kategorien “Bester Spielfilm in Gold” und “Beste darstellerische Leistung” bravourös an die Wand gespielt hat. Dieser Film macht fast alles richtig. Die Hauptdarsteller sind fast immer zum Niederknien authentisch, die Dramaturgie fast immer lückenlos plausibel, der Schnitt nahezu pausenlos, die Regie wohlplaziert, die Musikauswahl grandios, das Drehbuch nur an sehr, sehr wenigen Stellen verkitscht oder gefällig.

Die Klischees, die dieser Film nutzt, die verhärtete Nazilesbe, die unschuldige Mörderin, der gewissenlose Anstaltsleiter, der trottelige JVA-Beamte, die “gemeine Widersacherin” oder der würdelose Vater, all diese Figuren wirken nie nebeneinandergestellt, sie sind perfekt inszeniert, zu einem Sittengemälde des unbarmherzigen “Clash of Generations”.

Zwei Frauen, beide gefangen in ihrer Vergangenheit und verstrickt gegenwärtigen Umständen, stehen sich hier gegenüber. Die eine, rechtskräftig verurteilt für einen brutalen Mord, die andere moralisch selbstverurteilt für einen indirekten Mord an einer Geliebten, durch feige Verleugnung, beide wütend auf ihr Schicksal. Die eine auf das Schicksal des Zweiten Weltkrieges, die andere auf die Seelennot durch eine Mißbrauchserfahrung. Hier begegnet die scheinbar unbeschwerte Enkelgeneration der leidgeprüfte Kriegsopfergeneration, die durch Hunger, Trauer und Vernichtung ging und in eiserner Disziplin und Selbstaufopferung unentwegt einem höheren Ziel diente, einer “Vorsehung”, immer eine Pflicht erfüllte, eine späte Belohnung erhoffte und die nun nur sehr wenig Verständnis für die Jungen aufbringt, ihre unbändige Leidenschaft, den ungezügelten, aber nicht uneingeschränkten Lebenswillen, die scheinbare Ziellosigkeit, die zerstörerische Gebundenheit an das Hier und Jetzt und die selbstbestimmte Weltanschauung, die ohne Autoritätshörigkeit und Prädestinationsfirlefanz auskommt, oder auszukommen glaubt.

Junge Menschen, die nicht mit schwarzer Pädagogik, der Vorstellung, Menschen wie Tiere formen zu können, aufgewachsen sind, die nicht mit Führerkult, bedingungslosem Gehorsam, Not und Tod konfrontiert waren und die jeder Art willkürlicher Demutsforderung mit wütendem Furor begegnen. Eine Generation, die aufwuchs mit einer gesunden Skepsis jeder Autorität gegenüber, mit Eltern, die selbst noch unter bedingungslosem Gehorsam und einem restriktiven Pflicht- und Ehrbegriff erzogen wurden und zwischen einem unsicheren Verantwortungsgefühl und empathischem Verständnis hin und her gerissen waren und in ihrer eigenen Werteirritation große, nicht wieder gut zu machende Fehler begingen.

Richard von Weizsäcker sagte in seiner berühmt gewordenen “Rede zum 8. Mai 1985“: “Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wach zu halten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit.”

Doch was, wenn die geschichtliche Wahrheit, die man nüchtern betrachten soll, Bestandteil der eigenen Lebensgeschichte ist? Wenn es doch manchmal wichtiger ist zu verstehen, statt institutionalisiert und gebetsmühlenartig zu mahnen und die Wunde fortwährend schwärend zu halten, um allen zu zeigen: Siehe, Wanderer, das kann auch dir geschehen!

Die Psychoanalyse kennt den psychischen Prozeß der sogenannten „Übertragung“, das Hineinlesen von Erwartungen, insbesondere Rollenerwartungen, eigener Wünsche, Befürchtungen und/oder Vorstellungen in das Verhalten oder die Eigenschaften einer bestimmten Person, die ursprünglich einer anderen Person (z.B. Eltern oder Partnern) gegolten haben. Vielleicht soll an uns, der Enkelgeneration, die ganz unbeschwert, ja unverfroren und unverstellt an die Anforderungen des Lebens geht, eine Schuld abgegolten werden und uns eine Verantwortung übertragen werden, die man selbst nicht mehr zu tragen imstande ist.

Wir aber lehnen diese Verantwortung ab, weil unsere Zeit eine andere ist und die Lebensaufgaben, denen wir uns stellen müssen, neue sind, bisher so nie dagewesene.

Der II. Weltkrieg ist vorbei. Hitler ist tot. Auch wenn er und seine unsäglichen Wiedergänger wehenartige Renaissancen erleben. Auch der Hunger und die Vertreibung sind Schicksalsschläge vor denen wir uns zurzeit nicht schützen müssen, sondern eher andere. Und die industrielle Vernichtung von Menschen war ein einzigartiger Vorgang, so etwas hat es vergleichbar vorher noch nie gegeben, das hat der Historikerstreit klar gezeigt. Und dieses Alleinstellungsmerkmal gilt nicht nur a posteriori, sondern auch a priori. Eine Vernichtung von Menschen auf diese Art und Weise wird es so nicht wieder geben, auch wenn noch heute und in Zukunft Völkermorde, wohlmöglich noch viel schrecklicheren Ausmaßes stattfinden werden, dann aber folgen diese ihren ganz eigenen furchtbaren Gesetzen und menschenverachtenden Regeln auf die wir gänzlich anders vorbereitet sein müssen.

Auch im Film “Vier Minuten” agiert “die Alte” ihre vertanen Chancen und nicht wieder gut zu machenden Fehler an „der Jungen“ aus. Will sie binden und lösen. Will sie dressieren und als sie sich nicht dressieren lässt, mit der Last ihres eigenen vertanen Lebens überreden ihrem konventionellen Weg zum Gewinn eines Klavierwettbewerbs zu folgen: Eiserne Disziplin, bedingungslose Autorität und die rücksichtslose Unterdrückung aller widerstreitenden Impulse. Und da, wo die Alten ihre fest verschlossene Liebe und Wärme in Belohnungen für gehorsame Pflichterfüllung kleiden, da lachen die Enkel und gehen einfach ihren eigenen Weg, einen nicht weniger richtigen, aber einen, der die Alten oft verstört und kopfschüttelnd zurücklässt und der doch oft nur durch seinen emanzipatorischen Charakter der richtige ist.

Dieser Film versöhnt uns mit unseren Großvätern und Großmüttern, denen, die unsere Eltern schufen. Jede Zeit hat ihre Kinder und jeder Film seine Zeit.

In diesem Fall sind es großartige “Vier Minuten”.

Der Film läuft zur Zeit täglich, um 15:00, 17:30, 20:15 und 22:45 Uhr im Jenaer Capitol.

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