Der Blogstatistikdienst “Blogcensus”, der die Aufgabe hat sämtliche deutschsprachige Blogs zu zählen, verzeichnet bis heute insgesamt 110.115 deutschsprachige Blogs. Wie einer der Betreuer des Blogcensus, Jens Schröder (Popkulturjunkie), in einem Podcast der “netzwelt” berichtet, soll die Gesamtliste der Blogs nicht veröffentlicht werden. Wie dann allerdings die Überprüfbarkeit der Daten gewährleistet sein soll bleibt fraglich, aber möglicherweise ist für die Zukunft eine Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen vorgesehen, die umfassenden Datenschutz gewährleisten.
Interessant ist das Projekt vor allem auch deswegen, weil Schröder noch Ende April den Ansatz der Thüringer Blogzentrale, nach sämtlichen Thüringer Blogs zu suchen, als “merkwürdige Volkszählung” abtat*
Laut einer (nicht wirklich ernstzunehmenden) Hochrechnung der THÜRINGER BLOGZENTRALE gibt es in Deutschland ca. 8000 Blogs. Eine Zahl, die stark von den bisherigen Zahlen der Blogcensusrechnung abweicht. Auch wenn hier derselbe Vollständigkeitsanspruch zugrundeliegt: Die Ermittlung der Gesamtzahl Thüringer Blogs. Die Zahl 8000 ergibt sich aus dem Faktor, der sich aus dem Bevölkerungsanteil Thüringer Blogger errechnet, übertragen auf die deutsche Gesamtbevölkerung. Unser Suchalgorithmus ist allerdings weniger geheimnisvoll als die Blogcensusmethode: Wir suchen explizit nach Blogs, die sich zu Thüringen äußern, nehmen Empfehlungen auf und suchen nach Blogs mit Thüringer Impressum.
Datenschutzbedenken können wir mit der Feststellung entgegnen, dass nicht nur allen gelisteten Bloggern bekannt ist, dass sie in der Blogroll der Thüringer Blogzentrale stehen, sondern dass eine große Zahl selbst um Aufnahme ersucht hat und dass es selbstverständlich keine Zwangsverlinkung gibt.
Zwei Blogs haben bisher explizit um den Ausschluss gebeten, nicht jedoch aus Datenschutz-, sondern aus ideellen Gründen.
Der Datenschutz bleibt auch insofern gewährleistet, als dass keinerlei weitere Daten – es sei denn mit explizitem Einverständnis der jeweilig Betroffenen – publiziert werden, lediglich ihre Zuordnung zu einem Bundesland und einer bestimmten Stadt ist möglich. Diese Informationen können in aller Regel auch dem Impressum des jeweiligen Blogs entnommen werden. Wem die Zuordnung zu einer bestimmten Stadt nicht angenehm ist, der kann sich selbstverständlich auch ganz allgemein unter der Rubrik Thüringen einordnen lassen.
Die bei Blogcensus angegebene Zahl von 110.115 Blogs ist jedenfalls zunächst das unsortierte Ergebnis eines automatischen Crawlers. Die gründliche Suche nach deutschsprachigen Blogs, die noch aktualisiert werden und keinen reinen Spam darstellen, wird mühsam von Hand und per Augenschein vorgenommen. Eine Sisyphosarbeit, kommen doch täglich hunderte neuer – vor allem Spam und SEO – Blogs hinzu, auch wenn sich laut Frankfurter Allgemeine Zeitung das Wachstum der Blogosphäre abgeschwächt hat. “Die Blogosphäre hat ihren Zenit überschritten” titelte man Ende Mai und fragt suggestiv: “Ist Bloggen bald wieder aus der Mode?”
Die Angaben der FAZ stammen v.a. auch von der quasi alleinstehenden Blogsuchmaschine Technorati, die zwar inzwischen die weiterhin zunehmende Zahl von weltweit 70 Millionen Blogs verzeichnet, wobei jedoch eher die Zahl der Blogleichen, denn die Menge der aktiv betriebenen Blogs zunimmt. Letztere stagniert nämlich. Die tägliche Postingfrequenz und die Zahl der neuen Blogs pro Tag hat 2006 ein Plateau erreicht.
Häufig wird die Zahl und Bedeutung der deutschen Blogs mit der amerikanischer Blogs verglichen. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk meint Stefan Niggemeier auf den Einwurf der Moderatorin, dass die deutsche Blogsophäre im Vergleich zur amerikanischen noch “in den Kinderschuhen” stecke, dass die Ursache dafür wohl in der streitfreudigeren amerikanischen Diskussionskultur zu suchen sei – im Vergleich zur deutschen Konsenskultur – und zum anderen im Unmut über die gleichgeschaltete amerikanische Medienlandschaft, der in Deutschland dieses Ausmaß wohl noch nicht erreicht habe:
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Die Annahme, dass es in Deutschland eine geringer ausgeprägte Streitkultur gäbe und dass der Unmut über Medieneberichterstattung in Deutschland wohl geringer sei, kann man mit dem Verweis auf die Chiffre Heiligendamm durchaus bezweifeln.
Zu dieser Problematik sollte man außerdem noch zwei wesentliche Fakten mit berücksichtigen: US-amerikanische Blogger schreiben nicht nur für ein Publikum, das fast viermal so groß ist, wie das potentiell deutsche Publikum, sie schreiben auch in der lingua franca der Welt, zu Themen, die durchaus auch Bedeutung für den Rest der Welt haben, wie z.B. zur US-amerikanischen Außenpolitik. Wir können hier also von einem osmotischen Vorgang sprechen – der einseitigen Diffusion von Lesern durch eine semipermeable Membran der Sprachgrenzen. Damit ist es möglich, dass durch die hohen Besucherzahlen in US-amerikanischen Blogs Werbeerlöse erzielt werden, die es durchaus anstrebenswert erscheinen lassen das Bloggen zum Fulltimejob zu machen, was im deutschsprachigen Bereich bisher nur sehr eingeschränkt möglich ist. Zu der hohen regelmäßigen Leserzahl kommen die Besucher, die über Suchmaschinen auf die außerordentlich stark verlinkten und deshalb in der Trefferhierachie weit oben stehenden Blogs gelangen. Diese “zufälligen” Besucher machen einen Großteil des Umsatzes durch Textwerbung aus.
Fragen, die sich in Zukunft für die deutsche Blogosphäre stellen, sind wohl keine nach extraordinärer Zunahme der Bloganzahl mehr. Mit der Stabilisierung der Zahl der Internetanschlüsse und der Internetnutzung wird sich möglicherweise auch die Zahl der Blogs stabilisieren.
Die kommenden Entwicklungen werden vermutlich eher in die Tiefe gehen. So dürfen wir auf die neuesten Diversifikationen und Aggregationen gespannt sein, also die Herausbildung und Weiterentwicklung von Blogs mit Spezialthemen und die zunehmende Bündelung von Know-how und Ressourcen.
Fast ebenso wichtig wie die Anzahl von Blogs ist die Zahl ihrer Besucher. Auch hier gibt es nur sehr ungenaue Zahlen zur Besucherzahlentwicklung. Die Angaben des Blogstatistikdienstes Blogscout reichen leider nur sieben Monate zurück, doch so wie es aussieht, bleiben auch die Besucherzahlen über die letzten Monate, mit 300.000 bis 400.000 täglichen Unique Visitors recht stabil. Die zunehmende Zahl der Blogs, die auf der Statistikseite verzeichnet ist, meint die Blogs, die sich bei Blogscout anmelden. Da das noch ein freiwilliger Vorgang ist, ist hier auch noch mit einer kontinuierlichen Zunahme zu rechnen. Verknüpft man allerdings die Zunahmekurve mit der stabilen Besucherzahlkurve könnte man u.U. vermuten, dass die Gesamtbesucherzahlen in der deutschen Blogsophäre sogar rückläufig sind. Auf eine Email mit Fragen zu dieser Entwicklung hat Dirk Olbertz, der Betreiber von Blogscout, bisher leider nicht geantwortet.
Mit der wachsenden Professionalisierung stellen sich natürlich definitorische und formale Fragen: Können Blogs, die hauptamtlich von Journalisten betrieben werden, noch ihren ursprünglichen Charakter als autonom-authentische “Onlinetagebücher” wahren oder sollten diese nicht auch den klaren Regeln der hart durchgreifenden Landesmedienanstalten unterliegen – im Gegensatz selbstverständlich zu Blogs mit gelegentlichen Meinungsäußerungen und vielen Links …
Aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte.
*Der Begriff Volkszählung ist durchaus auch negativ konnotiert, da einer solchen Erhebung von statistischen Bevölkerungsdaten häufig Datenschutzmängel unterstellt werden. Siehe auch DLF-Podcast zur letzten Volkszählung in der Bundesrepublik 1987).