Von Lebenslinien
Der Schriftsteller Martin Walser, einer der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands, präsentierte am Mittwochabend im Festsaal des Stadtschlosses Weimar seinen jüngsten Roman über die Leidenschaft des 74 Jahre alten Goethe zu der erst 19-jährigen Ulrike von Levetzow.
Eine Urlesung. Nicht am Handlungsort Marienbad, sondern in Weimar, der Wahlheimat des Protagonisten aus Martin Walsers neuem Roman “Ein liebender Mann”, dem Dicherfürsten Goethe höchstselbst. Die Vorredner geben sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen, Ijoma Mangold, wird den Abend moderieren. Er ist Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und erörtert, was Goethe zu einem Walserschen Helden macht. Schließlich sei Goethe ein Optimist gewesen, der das Leben von allen seinen Seiten gesehen hat. Doch Walser zeigt ihn leidend. So, wie er seine Protagonisten für gewöhnlich zu zeigen pflege.
Vierundsiebzigjährig verliebt er sich in die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow. Und er leidet. Schwankt zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit hin und her, will sie sogar heiraten. Als der Plan misslingt, schreibt er seinen Schmerz noch auf dem Weg nach Weimar nieder – in der Marienbader Elegie – die Walser in sein Buch einzubetten weiß. Mangold nennt diesen “geglückten Versuch” eine “Gedichtverfilmung”, wie immer das bei einem Buch auch gehen mag. Aber die rund zweihundert, größtenteils geladenen, Zuschauer dürfen sich selbst davon überzeugen. Walser liest.
Er präsentiert uns einen munteren und humorvollen Goethe. Einen, der sich seines Alters stets bewusst ist, der im Kopf immer wieder das gleiche Rechenspiel vornimmt: 74 – 19 = 55. 55 Jahre liegen zwischen ihm und Ulrike, fast ein ganzes Leben. Und doch ist er verliebt wie ein junger Hund und redet bisweilen mit sich selbst (wobei er jeden klugen Gedanken mit einem “schreib es auf” quittiert). Walser erzählt amüsant und kurzweilig, erspinnt Dialoge zwischen den beiden und begleitet sie auf die Verlobungsfeier von Goethes Arzt. Dieser wird immerhin eine 30 Jahre jüngere Frau ehelichen, wie Goethe erfreut feststellt. Seinetwegen solle es eine “Verlobungsepedemie” geben, damit die 55 Jahre nicht mehr gar so mächtig erscheinen mögen. Natürlich ist es ein Roman, Walser legt allen Beteiligten eine Menge Sätze in den Mund, spricht Goethe Gefühle, Humor und eine mächtige Portion Eitelkeit zu und doch kann man sich diese Eigenschaften gut am alternden Goethe vorstellen. Sie passen ins bisherige Bild.
Walser spricht allerdings immer von “seinem Goethe”, der mit dem “echten Goethe” nicht zwingend viel zu tun haben müsse. Er erfüllt einen Teil von Goethes Leben mit selbigem, von dem wir sehr wenig wissen. Schreibt die Liebesbriefe neu, die Ulrike von Levetzow kurz vor ihrem Tod verbrennen und bei sich begraben ließ. Und mogelt sich gleichzeitig um das Problem der biographischen Wahrheitstreue herum, so, wie es der Roman wohl immer tut. Das Thema, die Liebe bei großem Altersunterschied, ist in Walsers Werk nicht neu. Auch “Brandung” erzählt davon – oder auch der “Lebenslauf der Liebe”. Nur diesmal eben “nach einer wahren Geschichte” wie es so gern heißt. Und zwar von niemand geringerem als dem deutschen Literaturklassiker. Immer wieder spricht Walser an diesem Abend von der Befreiung, die das Schreiben ist – er legt es auch seinem Protagonisten in den Mund. Der Schmerz, den wir alle kennen und den Goethe in Walsers Roman durchlebt, könne man nicht überwinden. Auch nicht durch das Schreiben, wie es der “wahre Goethe” einmal zu sagen pflegte. Das Schreiben vermöge nur, aus dem Schmerz etwas Schönes zu machen. Wenn man es schafft, ihn in Worte zu fassen, in Verse zu pressen, dann tut er für kurze Zeit weniger weh. Und danach müsse man eben wieder schreiben. Der Schmerz sei nichts Negatives, er gehöre zum Leben: “Wer glaubt, dass das Leben nur das Eine ist – Glück oder Unglück – der hat noch nicht richtig hingeschaut, nicht richtig hingefühlt. Es gibt nur beides, nämlich Unglücksglück”, sagt der 80-jährige Literat und lächelt.