Von Louisa Reichstetter
Im Deutschen Nationaltheater Weimar schließt sich Richard Wagners „Ring” mit Emanzen und Hitlergrüßen
Irgendwann im Frühjahr muss sich jemand auf der Bühne im Kreis gedreht haben. Dabei schleuderte er wild Erdfarben umher. Sie klatschten gegen die Wände aus tarngrünem Grundton und fertig war die Kulisse für die `Götterdämmerung´. Schlicht und genial.
Inhalt und Inszenierung der Oper am Deutschen Nationaltheater Weimar sind jedoch weder schlicht noch genial: Es dominieren komplizierte Intrigen, Begierden im Libretto und regelmäßige Geschlechtsakte auf der Bühne. Wäre entweder Wagner oder der Regisseur Franzose, hätte dies vielleicht spannend und erotisch sein können. Doch beide sind sehr deutsch und so langweilen fast sechs Stunden phantasielose Rammeleien und perfide Betrügereien untermalt von kitschiger Spätromantik. Man konnte befürchten, was passiert, wenn der Männerchor als geschichtlicher Querschnitt der Soldaten auftritt: Vom Römerhelm über den Flieger des Ersten Weltkrieges, den Wehrmachtssoldaten bis zum amerikanischen GI ist alles vertreten. Als Bauernmädchen auf die Bühne huschen, hat der Chor nichts anderes zu tun, als die Wuschelmähnen zu wuchtigem Viervierteltakt zu vergewaltigen. Jede andere Taktart hätte sie sicher überfordert. Regisseur Michael Schulz und Dramaturg Wolfgang Willaschek gehören zur Avantgarde der deutschen Musiktheaterszene. Doch wer sich so etwas ausdenkt, der könnte auch Fernsehdreiteiler drehen. Der geschilderte Überfluss an Geschlechtsdrang überschattet durchaus feinsinnige Ideen, wie sie beispielsweise in der Verkörperung des loyalen Pferdes Grane stecken: Dies spielt Erika Krämer in einer stummen Rolle mit wallendem weißen Haar.
Den gesamten Plot des letzten „Ringes” muss man sich als eine Mischung aus echter Nibelungensage und einem Remake von „Grüne Tomaten” mit Brigitte Nielsen in der Hauptrolle vorstellen: Brünnhilde liebt Siegfried, der aber muss fortziehen. Als Liebespfand hinterlässt er ihr einen güldenen Ring – just den Ring der Nibelungen, der die magische Kraft besitzt, das Leiden der Welt zu lindern.
Siegfried gelangt zielstrebig in das Reich der Gibichunger, das von dem einfältigen Gunther regiert wird. Gunther merkt nicht, dass dort eigentlich der grundböse Hagen das Sagen hat. Hagen will den Ring, was es auch koste. Mit einem fiesen Trick beziehungsweise Trank macht er den Heldentenor Siegfried gefügig: Er verliebt sich unsterblich in die Frau, die er als erste nach dem Gesöff sieht und grüßt: „Heil, Gutrune!” Die werte Gutrune ist Gunthers noch ledige Schwester. Und Gunther, der bisher nur Gefallen an der eigenen Schwester fand? Der soll im Tausch Brünnhilde erhalten. Die aber ist wehrhaft und treu, sodass es wiederum Siegfried mit der Tarnkappe richten muss. Darin sieht er aus wie Hanibal Lector als deutscher Fußballfan. Siegfried vergeht sich ausgiebig an seiner einst großen Liebe, streift ihr den Ring ab und verheiratet sie mit dem tapsigen König.
Um es kurz zu machen: Brigitte Nielsen alias Brünnhilde deckt die Intrige auf und rächt sich am ehemaligen Geliebten, indem sie zulässt, dass ihn Hagens Speer durchbohrt. Mit Hilfe von Gutrune, die Hagen unschädlich macht, gibt sie den Ring tapfer ihren rechtmäßigen Besitzerinnen, den Rheintöchtern, zurück.
Sodann taumeln wieder die Bauernmädchen in die wunderschöne Szenerie, geschaffen von Dirk Becker. Aus dem Bühnenhimmel beginnt es zu regnen: Als Sinnbild ihrer Befreiung und als Spiegel eines dümmlichen Emanzipationsbegriffs des Regisseurs fangen sie an, sich zu den letzten, überraschend leisen und vielschichtigen Wagnerakkorden nackt auszuziehen.
Musikalisch ist die Aufführung überzeugend. Renatus Mészárs Bass klingt als Hagen auch nach fünf Stunden noch kraftvoll, die Britin Catherine Foster als Brünnhilde meistert alle Höhen laut und klar.
Auch Norbert Schmittberg als Siegfried schlägt sich tapfer – meist nämlich muss er in unmöglichen Lagen singen, da er sich gerade wieder irgendwo auf der Bühne wälzt. Das Orchester glänzt mit perfektem Spiel unter seinem alten Dirigenten Carl St. Clair, der leider an die Komische Oper in Berlin gewechselt ist. Vielleicht hat ihn gerade der Konstrast gereizt: Wagner ist völlig humorfrei. Die Inszenierung folgte diesem Attribut des Führers´ Lieblingskomponisten weitgehend. So sind die Raben, jene Bühnenlümmel und Helfertiere des Hagen, beispielsweise als jugendliche Punks verkleidetet. Das ist nicht provokativ, sondern fragwürdig. Gleichsam erscheint es weniger als Provokation, sondern vielmehr als abgegriffene Peinlichkeit, wenn der Soldatenchor unter Hagens Ägide kurz den Hitlergruß imitiert.
Für Sexszenen und Nazisymbolik muss man eigentlich nicht ins Theater.