Archive for December, 2008

Thüringen verschwindet

Thüringen ist ein wunderbares Bundesland. Eigentlich das schönste von allen. Wenn man mal von Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Bayern, Hessen, dem Saarland und allen anderen absieht. Das wenigstens scheint sich jeder dritte Thüringer unter 30 zu denken. Denn laut aktuellem Thüringen-Monitor (PDF-DOKUMENT) wollen 33% der 18 bis 29-jährigen Thüringen wahrscheinlich oder sogar “sehr wahrscheinlich” verlassen. Das ist leider auch die Generation, die verantwortlich für den Nachwuchs ist. Das hat zur Folge, dass Thüringens Einwohnerzahl in den nächsten Jahren um ein Siebtel sinken wird. Nach jüngsten Prognosen lebten dann im Freistaat im Jahr 2025 voraussichtlich 1,98 Millionen Menschen. Das wären dann 330.000 weniger als heute.

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Wir erleben also einen jährlichen Bevölkerungsschwund von etwa 20.000 Menschen. Zwanzigtausend. Soviele, wie an der Uni Jena als Studenten eingeschrieben sind.

Gleichzeitig feiert sich die Regierung Althaus für die stetig nachlassenden Arbeitslosenzahlen. Dieter Althaus sieht in den aktuellen Zahlen eine “Bestätigung für die Wirtschaftspolitik der Landesregierung”. Die Entwicklung sei ein “Zeichen für die Stärke des Wirtschaftsstandorts”. Und nun raten Sie mal in welchem Bereich die Arbeitslosenzahl jährlich, seit dem Jahr 2004 sinkt! Um etwa 20.000 Menschen:

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Jährlich 20.000 Arbeitslose weniger in Thüringen, das hört sich beeindruckend an. Entscheidend für die Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit des Bundeslandes Thüringen ist allerdings nicht die Zahl der Arbeitslosen, oder das Nachlassen dieser Zahl, sondern die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, d.h. der regulär bezahlten Arbeitsplätze. Eben all der Menschen, die einer ganz normal bezahlten Arbeit nachgehen, ohne Sozial- oder Wiedereingliederungsmaßnahmen, ohne ABM und Hartz-IV. Die Leistung der Regierung Althaus bemisst sich also nicht nach der Zahl der Leute, die sie aus dem Land getrieben hat, die vor Kummer gestorben sind oder wegen Zukunftsängsten auf ihre Elternschaft verzichtet haben, sondern in der Menge der Leute, die ihren Lebensunterhalt ohne staatliche Hilfen bestreiten können.

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Und da konnten wir über die letzten Jahre ein extremes Nachlassen beobachten. Etwa 20.000 Arbeitsplätze verlor das Land Thüringen seit dem Jahr 2000 jährlich. Erst im Jahre 2007 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wieder leicht um 5456 Personen. Stärker nahm allerdings der Trend der Leute zu, die zum Arbeitsort pendeln müssen und die dem Freistaat potentiell verloren gehen – auch im Angesicht der zurückgekehrten Pendlerpauschale.

Alles in allem machen diese Zahlen vor allem eines deutlich: Die Attraktivität des Landes Thüringen für junge Familiengründer ist erschreckend gering. Und das hat seine Ursachen vor allem auch in der unübersehbaren Perspektivlosigkeit. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren durch die weltweite Rezession noch verstärken. Bleibt die Frage, ob man diese Probleme mit der CDU-Regierung unter dem Ministerpräsidenten Dieter Althaus, der sich deutlich für ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft ausspricht, in den kommenden Jahren bewältigen kann.

Datenquelle: Thüringer Landesamt für Statistik

Tolles Thüringen: Das HartzvierVZ?

Eine aktuelle Analyse des Geschäftsmodells von “Tolles Thüringen” und seiner mutmaßlichen Verbindungen zur Thüringer CDU finden sie hier.

Und hier gibt es ein Interview mit dem Chefredakteur des Portals “Tolles Thüringen”, in dem er alle Vorwürfe der Parteilichkeit bestreitet und behauptet, dass die Auswahl der vorgestellten CDU-Wahlkreiskandidaten rein zufällig geschah. Bekannt ist uns, dass in Erfurt, Jena und Weimar ausschließlich Kandidaten der CDU vorgestellt wurden.

Der Chefredakteur von “Tolles Thüringen”, Jochen Dersch, behauptet außerdem wahrheitswidrig, wir hätten uns wegen unserer Berichterstattung über die Arbeitssituation bei tollesthueringen.de “entschuldigt”. Es gibt keinen Grund für eine Entschuldigung. 400 Euro Monatsgehalt sind Ausbeutung.

Für ein Gespräch war Herr Dersch übrigens für uns nicht zu erreichen.

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    “Das erste kostenlose Mitmach-Internet von Thüringern für Thüringer ist seit heute um Null Uhr im Netz. Es setzt dabei neben Service-Angeboten ganz auf die lokale Kompetenz der Thüringer. Als “Bürgerreporter” können die Nutzer nun ihr eigenes Internet gestalten, in dem sie Texte, Fotos und Videos von Ereignissen direkt vor Ort in das Netz stellen. So erfährt jeder mit nur wenigen Klicks, was bei ihm vor der Haustür passiert. Jeder kann das Ereignis und die Videos bewerten und kommentieren.”


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Sagt … äh… ja, wer eigentlich? Birga Berndsen? Die in der Feurigstraße 54 in 10827 Berlin sitzt? Naja, sicher eine waschechte Exil-Thüringerin, die jetzt den Proximus-Verlag leitet, der das Portal “Tolles Thüringen” betreibt. Der Proximus-Verlag?

Markus – übrigens ein unabhängiger Thüringer Blogger – hat schon recherchiert

    “Im Impressum finden wir die Proximus-Verlag GmbH, Feurigstraße 54, Berlin mit der Geschäftsführerin Birga Berndsen (Bio). Außer der Geschäftsführerin werden keine Mitarbeiter vorgestellt. Ob es auch einen Sitz in Thüringen gibt, geht aus der Seite nicht hervor. Eine Suche nach der Domain (tollesthüringen.de, aktualisiert am 13.09.2008) und den Markennamen “Tolles Thüringen” verschleiert den Urheber weiter, denn beide gehören der Firma “Hauptstadtsee 760. VV GmbH” in Berlin. Diese Firma scheint eine reine Postfachadresse zu sein, denn es gibt gleich hunderte Firmen “Hauptstadtsee xxx V V Gmbh” in Berlin. Bevor das selbst gegebene Motto „Aus liebe zum Land“ wirklich glaubhaft wird, ist etwas mehr Transparenz nötig.”

Nun ja. Das kann ja heiter werden.

    “Tolles Thürigen ist ein Social Network, verbunden mit einem redaktionellen Teil. Und Social Networks haben ja einen unglaublichen Zulauf gegenwärtig. Es funktioniert so, dass einzelne Personen ein Profil über sich einrichten können, mit Bildern, Informationen; Gruppen schaffen können, sich in Gruppen zusammenschließen, sich vernetzen, Informationen austauschen, auf Termine aufmerksam machen. Ein Bürgernetzwerk, das den redaktionellen Teil mit dem sozialen Netzwerk verbindet”

Klingt irgendwie vertraut, oder? Sowas haben wir schonmal gehört. Irgendwann in grauer Vorzeit. Mitmachnetz. User generated content. Eigenes Internet gestalten. Ein weiteres Startup versucht sich nun an der absurden Idee, Thüringer mit Thüringern zu vernetzen. Und sie machen’s nicht unter dem Ministerpräsidenten, dem alten Wirbelwind, zum offiziellen Webstart. Es reichte immerhin für eine dürre Pressemeldung in der TLZ, die nicht mal den Link richtig hinbekommen. Aber das ist ja nichts neues.

Aber schauen wir uns dieses “junge Startup” doch mal genauer an. Da haben sich wohl ein paar arbeitslose Webgestalter zusammengetan und haben sich überlegt, wohin man seine reichliche Tagesfreizeit denn mal möglichst sinnlos investieren könnte? Bisher trieb man sich im ErstiVZ, StudiVZ, MeinVZ herum, schrieb wohl ein bißchen Internettagebuch und wollte wohl eigentlich Journalist werden. Dumm nur, dass es auf diesem Arbeitsmarkt gerade ganz ganz schlecht aussieht. Was also liegt hier näher, als zum Arbeitsamt zu gehen, einen Startup-Kredit zusammenzubetteln, denen dabei irgendwelche Geschichten aufzutischen, mit viel Web 2.0-Blabla, von dem die eh keine Ahnung haben und los kann’s gehen, der lange Weg in die erste eigene Insolvenz.

Doch halt! Es geht viel cleverer. Eine Beteiligungsgesellschaft gründen. Fix einen Verlag aus dem Boden stampfen. Und arbeitslose Online-Journalisten suchen. Denen 400 Euro in die Hand drücken und los geht sie, die Datensammlung.

Mit einem sozialen Netzwerk nämlich. Sehr erfolgreich und sehr sehr sicher für die Nutzer. Das weiß man ja. Datenschutz und Informationsfreiheit werden hier nämlich groß geschrieben:

Wir dürfen jedenfalls gespannt sein, ob sich das “Tolle Thüringen” für die Betreiber lohnen wird. Für Thüringen lohnt es sich auf jeden Fall: Denn es sind wieder ein paar Arbeitslose von der Straße. Die vernetzen sich ja jetzt fleißig im Flächenland Thüringen mit zwei Millionen anderen Thüringern. Und wenn es nur für zwei bis drei Jahre ist.

Tolles Thüringen!