Archive for March, 2009

Dieter Althaus und die Schuld

Kommentar von sapere aude

bild3.gifDer Thüringer Ministerpräsident trägt die Schuld an dem Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam.

Das nur zur Klarstellung, weil diese Tatsache in den letzten Tagen der bemerkenswerten Öffentlichkeitsarbeit des thüringischen Ministerpräsidenten und seiner Angehörigen ein wenig verloren ging.

In den kommenden Wochen wird man viele Bibelsprüche hören und der meistgenutzte wird wohl der vom Steinwerfen sein. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ soll ein biblischer Jesus gesagt haben, als „Pharisäer und Schriftgelehrte“ eine Frau wegen Ehebruchs steinigen wollten.

Dieter Althaus hat in diesem Fall keinen Ehebruch begangen, er hat eine Frau getötet.

Er hat ihr nicht vorsätzlich oder aus niederen Beweggründen das Leben genommen, ist also kein “Totschläger” oder gar “Mörder“, wie dies nun in diversen Foren und Blogs behauptet wird. Aber er ist der Verursacher eines schrecklichen Unfalls, den er selbst sicher nicht verursachen wollte – so wie dies bei Unfällen im Grunde nie der Fall ist.

Dieter Althaus ist außerdem in einem Gerichtsverfahren rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt worden und gilt damit auch in Deutschland als vorbestraft.

Er ist selbst ein Opfer dieses furchtbaren Ereignisses und hat auch als fahrlässiger Verursacher des Todes eines anderen Menschen unser tiefempfundenes Mitgefühl verdient – vor allem auch für die Schuld, die er mit dieser fahrlässigen Tötung eines Menschen auf sich geladen hat.

Doch der thüringische Ministerpräsident will kein Mitgefühl.

Über den Tod der Frau sei er “zutiefst traurig und entsetzt”, sagte er der Bild am Sonntag. Er fühle sich dafür “zutiefst verantwortlich“. „Schuld“ sei aber “nicht die richtige Kategorie“, um das Unglück zu bewerten, es „habe vielmehr eine tragische Verkettung von Umständen zu dem Unfall geführt“.

Eine tragische Verkettung von „Umständen“? Selbstverständlich! Es handelt sich bei diesem Unfall um eine tragische Verkettung von Umständen, zu denen auch seine Schuld gehört, nicht vorschriftsgemäß gefahren zu sein.

Dass Althaus der Begriff „Schuld“ auch im Zusammenhang mit Fahrlässigkeit vertraut ist, zeigt ein Statement aus dem Jahr 2002. Damals stellte der CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende Dieter Althaus fest, dass der „allein Schuldige“ an der sogenannten „Daten-Affäre“ der Landesregierung der damalige Innenminister Richard Dewes (SPD) sei. In dessen Amtszeit waren 1997 zwei Computer-Festplatten mit den brisanten Daten gestohlen worden.

Dass Althaus nicht bereit ist, seine eigene Schuld an diesem Unfall anzuerkennen, ist die eigentliche Ungeheuerlichkeit – neben der schamlosen Inszenierung seines angeblichen Wiedererstarkens in der Hofberichterstattung der „BILD“ und der grotesken Wahl zum Spitzenkandidaten der CDU per SMS-Bewerbung.

bild1.gifDiese Ereignisse zeigen – gänzlich ungeschminkt – die rücksichtslose Skrupellosigkeit bei der Bewertung von Schuld und Verantwortung und die geschickte Medien-Manipulation des CDU-Vorsitzenden Dieter Althaus, seiner Frau und seiner Entourage. Und es zeigt vor allem auch, dass die Thüringer CDU gänzlich abgewirtschaftet hat.

Wenn eine Partei einen Mann nominiert, der offensichtlich den konstitutionellen Anforderungen des Ministerpräsidentenamtes in der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten und eines gleichzeitig stattfindenden Wahlkampfes nicht mehr gewachsen ist und der derart manipulativ mit Medien und Schuldbegriffen umgeht, dann kann die Personaldecke der Thüringer CDU nicht sehr stabil sein.

Der Thüringer Ministerpräsident trägt die Schuld an dem Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam. Jeder Wähler in diesem Land wäre bereit gewesen, ihm diese Schuld zu vergeben.

Dazu hätte Dieter Althaus seine Schuld anerkennen und um Vergebung bitten müssen. Das hat er nicht nur versäumt, er hat diese einmalige Chance auf die Demonstration seiner menschlichen und politischen Integrität mit Füßen getreten.

Dieter Althaus wird in Kürze mit einer weiteren Schuld leben müssen: Der Schuld einer verlorenen Landtagswahl. Nicht wegen der “Verkettung unglücklicher Umstände“, sondern wegen seines gewissenlosen Umgangs damit.

An der kommunikativen Leine im allgegenwärtigen Wohnzimmer

Von Klingsor

bild.gifDer Philosoph Günter Anders hat in den fünfziger Jahren einmal eine besondere Entwicklung des modernen Menschen beschrieben: Er sprach davon, dass dieser sich an einer „akustischen Leine“ befinde. Erkannt hatte er dieses, als er mit Freunden in den Alpen wanderte. Diese Freunde hatten Angst vor der absoluten Stille der Natur und waren immer froh, wenn sie das Radio einer Berghütte hörten, das das ganze Tal beschallte. Sie brauchten die akustische Verbindung zur Zivilisation.
Heute könnte man – in Anlehnung daran – von einer „kommunikativen Leine“ sprechen, an der sich der moderne Mensch befindet. Es macht ihm Angst, sein Haus ohne diese kommunikative Leine zu verlassen. Das Handy dient ihm als Rückkoppelung zur Zivilisation, als Anker im Sturm des Unplanbaren.

Es gab einmal eine klare Trennung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Nur langsam wurden die Grenzen verwischt. Die Menschen achteten darauf, dass niemand sie übertrat und wenn doch, dass sie darüber Kontrolle hatten. So wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts das Radio in das Wohnzimmer der Menschen gelassen und brachte „die Welt“ in den privaten Raum.
Umgekehrt brachte das Auto das Private in den öffentlichen Raum. Das Auto bewegte sich zwar im öffentlichen Raum, die Menschen verstanden es aber doch als privaten Raum. Es war wie ein Wohnzimmer auf Rädern.

Heute sind diese Grenzen stark verwischt. Das Zuhause ist kein Rückzugsort mehr. Die Welt hat immer stärker Einzug gehalten. Das Radio war der Fuß der Welt in der Tür zur Privatheit, es diente quasi als Türöffner. Es folgten Fernsehen und Internet: Der passiven Berieselung durch die Welt, in der die Menschen lediglich die Wahl zwischen verschiedenen Weltkanälen hatten, folgte erst die völlige Wahlfreiheit der einzelnen Welten in Form des klassischen Internets und dann die Illusion der Gestaltbarkeit der Welt in Form der sozialen Netzwerke.

Gewiss braucht man noch einen Rest an Privatsphäre in seinem Zuhause. Diese ist aber letzlich nur noch eine Privatsphäre für den Körper: Man regeneriert ihn dort und braucht dafür noch einen Rest an Rückzugsraum. Als sozialer Raum kann das Zuhause nur noch begrenzt gelten. Das Soziale kommt erst durch die Welt ins Wohnzimmer: Man sieht gemeinsam fern, man surft und chattet mit Freunden. Die virtuellen Möglichkeiten der Welt obsiegen über die sozialen des Zuhauses.

Der private Raum wird also von Öffentlichkeit durchzogen und schwindet langsam. Die private Wohnung wird zu einem physischen Aufenthaltsort degradiert, während man sich psychisch noch immer in der Welt befindet. Gleichzeitig wird der öffentliche Raum mit Privatheit durchsetzt. Die Menschen tragen ihre Individualität in Form des Handys bei sich und tragen sich damit in die Öffentlichkeit.

Das Handy hat mittlerweile eine vierfache Funktion inne: Eine persönlich-private (Telefon), eine abschottende (Mp3-Player), eine welteröffnende (Internet) und Umwelt-speichernde (Foto).
Die allgegenwärtige Möglichkeit zur Kommunikation mit dem eigenen vertrauten Freundeskreis schafft die Illusion der allgegenwärtigen Herstellbarkeit von Intimität und Geborgenheit. Das Handy suggeriert Privatsphäre per Tastendruck. Nur handelt es sich um eine Privatsphäre in der Öffentlichkeit. Das Bewusstsein dafür scheint jedoch zu schwinden. Vermutlich ist es ein Effekt, der der verstärkten Preisgabe der persönlichen Daten im Internet sehr ähnlich ist: Dadurch, dass man die Welt, in die man seine Gespräche und seine Daten stellt, nur noch begrenzt wahrnimmt, sie zum Teil komplett ausblendet, beginnt man zu glauben, dies sei eine Art Ersatzwohnzimmer, in dem nur eingeladene Gäste Platz nehmen können. Man glaubt, die Daten im Internet schaue sich niemand außer den eigenen Freunden an, das Gespräch mit dem Bekannten höre auch nur dieser eine Auserwählte. Es beginnt mit der Idee, dass die eigene Person im öffentlichen Raum anderen Menschen egal sei, eine Vorstellung, in der die Umwelt noch teilweise vorhanden ist; und geht über zur Idee, dass die Umwelt uninteressant und irrelevant sei, eine Vorstellung, in der man sich aus der umgebenden Welt herausnimmt.

Daher ist nur sinnvoll, dass das Handy mittlerweile auch die Möglichkeit bietet, sich mittels Musik von der Umwelt abzuschotten: Dass man sich eigentlich im öffentlichen Raum befindet, kann mit Hilfe dieser Funktion fast perfekt ausgeblendet werden. Stattdessen kann man die eigene Umgebung aktiv gestalten: Man ist der Herr seines eigenen inneren Films und bestimmt selbst den Soundtrack dazu. Zu jeder individuellen Stimmung gibt es, so die Vorstellung, die passende Musik. Die Welt außerhalb, also der äußere Film, wird nur noch als störend wahrgenommen. Sie wirkt chaotisch und unplanbar im Vergleich zur klaren Bestimmbarkeit des inneren Soundtracks. Was eigentlich nur noch fehlt, ist das selbst gewählte Bild.

Das wird durch die welteröffnende Funktion des Internets ermöglicht. Die relativ starr festgelegte, den Menschen umgebende visuelle Nahwelt kann durch eine frei wählbare, persönliche Fernwelt ersetzt werden. Nach der auditiven Flucht ermöglicht dies auch die visuelle Flucht aus der Umwelt. Die Wahlwelt kann privat wie auch geschäftlich genutzt werden. Das Handy wird somit im öffentlichen Raum zu Wohnzimmer und Büro in einem – es suggeriert dem Menschen die restlose Nutzbarkeit der Zeit, die absolute Ausschöpfung der Gegenwart.

Da es jedoch immer einen visuellen Orientierungsbedarf des Menschen im Alltag geben wird – zumindest wenn er sich fortbewegt -, ist die komplette Flucht aus der Umwelt utopisch. Aber auch bei dieser Restform der Umweltwahrnehmung gibt es eine soziale Zusatzfunktion, die das Handy offeriert. Die Umwelt kann in Form der Handykamera selektiv festgehalten und verschickt werden. Diese Funktion ermöglicht es, die Freunde permament am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Die durch das Handy in der Öffentlichkeit erzeugte Privatsphäre ist somit nicht nur auditiv, sondern auch visuell. Man kann die hier wahrgenommenen Umwelten aber auch noch klarer unterscheiden: Es gibt die gewöhnliche Fortbewegungs-Umwelt, die man ungestört durchqueren will und aus der man Schnappschüsse sendet – Bilder von visuellen Hindernissen, an denen man nicht vorbeikam. Und es gibt die außergewöhnliche Umwelt, die man früher für die eigene Erinnerung und das private Fotoalbum aufgenommen hätte – Bilder von Urlauben und Feiern. Die zweite Form der Bilder wird bewusst im Handy gespeichert, so dass man sein eigenes Fotoalbum immer bei sich trägt. Das Handy wird zu einem Speicher des Lebens und der Privatsphäre. Fotoalben, die man früher nur in der Privatsphäre des Wohnzimmers gezeigt hätte, kann man nun überall zeigen. Man hat seine Individualität und seine persönliche Geschichte immer dabei. Das Handy wird zum vorzeigbaren Beweis der eigenen sozialen Existenz.

Das Handy bietet einen allgegenwärtigen Ersatz für das eigene verlorengegangene Wohnzimmer. Das Wohnzimmer ist kein realer Ort mehr – man trägt es immer bei sich.

Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass durch die permamente Erreichbarkeit der eigene Rückzugsraum geringer wird und sogar die neue Privatsphäre in der Öffentlichkeit schwindet. Das Besondere ist, dass man sich die Privatsphäre heutzutage in Räumen erst schaffen muss, die früher völlig selbstverständlich von dem Einfluss der Welt verschont waren. Man muss sich im öffentlichen Raum bewusst aus der Welt ausklinken, indem man sein Handy beispielsweise ausschaltet. Ein solcher Rückzug steht allerdings auch unter Verdacht und unterliegt einem Rechtfertigungszwang. Möglicherweise könnte durch eine solche Verhaltensweise die permanente private Verankerung in der Öffentlichkeit nicht mehr ausreichend gewährleistet werden.

Die Auswirkungen des Lebens an der kommunikativen Leine im allgegenwärtigen Wohnzimmer sind noch nicht absehbar. Viele Menschen verlernen, alleine zu sein. Sie müssen ständig eine Gruppe Freunde in kommunikativer Reichweite verfügbar haben. Sie verlernen zudem, sich zu langweilen, die Zeit nicht in der Wahlwelt zu verbringen. Aber das ist wohl ein Effekt, den wohl auch schon das Fernsehen ausgelöst hat.

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