Dieter Althaus und die Schuld
Kommentar von sapere aude
Der Thüringer Ministerpräsident trägt die Schuld an dem Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam.
Das nur zur Klarstellung, weil diese Tatsache in den letzten Tagen der bemerkenswerten Öffentlichkeitsarbeit des thüringischen Ministerpräsidenten und seiner Angehörigen ein wenig verloren ging.
In den kommenden Wochen wird man viele Bibelsprüche hören und der meistgenutzte wird wohl der vom Steinwerfen sein. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ soll ein biblischer Jesus gesagt haben, als „Pharisäer und Schriftgelehrte“ eine Frau wegen Ehebruchs steinigen wollten.
Dieter Althaus hat in diesem Fall keinen Ehebruch begangen, er hat eine Frau getötet.
Er hat ihr nicht vorsätzlich oder aus niederen Beweggründen das Leben genommen, ist also kein “Totschläger” oder gar “Mörder“, wie dies nun in diversen Foren und Blogs behauptet wird. Aber er ist der Verursacher eines schrecklichen Unfalls, den er selbst sicher nicht verursachen wollte – so wie dies bei Unfällen im Grunde nie der Fall ist.
Dieter Althaus ist außerdem in einem Gerichtsverfahren rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt worden und gilt damit auch in Deutschland als vorbestraft.
Er ist selbst ein Opfer dieses furchtbaren Ereignisses und hat auch als fahrlässiger Verursacher des Todes eines anderen Menschen unser tiefempfundenes Mitgefühl verdient – vor allem auch für die Schuld, die er mit dieser fahrlässigen Tötung eines Menschen auf sich geladen hat.
Doch der thüringische Ministerpräsident will kein Mitgefühl.
Über den Tod der Frau sei er “zutiefst traurig und entsetzt”, sagte er der Bild am Sonntag. Er fühle sich dafür “zutiefst verantwortlich“. „Schuld“ sei aber “nicht die richtige Kategorie“, um das Unglück zu bewerten, es „habe vielmehr eine tragische Verkettung von Umständen zu dem Unfall geführt“.
Eine tragische Verkettung von „Umständen“? Selbstverständlich! Es handelt sich bei diesem Unfall um eine tragische Verkettung von Umständen, zu denen auch seine Schuld gehört, nicht vorschriftsgemäß gefahren zu sein.
Dass Althaus der Begriff „Schuld“ auch im Zusammenhang mit Fahrlässigkeit vertraut ist, zeigt ein Statement aus dem Jahr 2002. Damals stellte der CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende Dieter Althaus fest, dass der „allein Schuldige“ an der sogenannten „Daten-Affäre“ der Landesregierung der damalige Innenminister Richard Dewes (SPD) sei. In dessen Amtszeit waren 1997 zwei Computer-Festplatten mit den brisanten Daten gestohlen worden.
Dass Althaus nicht bereit ist, seine eigene Schuld an diesem Unfall anzuerkennen, ist die eigentliche Ungeheuerlichkeit – neben der schamlosen Inszenierung seines angeblichen Wiedererstarkens in der Hofberichterstattung der „BILD“ und der grotesken Wahl zum Spitzenkandidaten der CDU per SMS-Bewerbung.
Diese Ereignisse zeigen – gänzlich ungeschminkt – die rücksichtslose Skrupellosigkeit bei der Bewertung von Schuld und Verantwortung und die geschickte Medien-Manipulation des CDU-Vorsitzenden Dieter Althaus, seiner Frau und seiner Entourage. Und es zeigt vor allem auch, dass die Thüringer CDU gänzlich abgewirtschaftet hat.
Wenn eine Partei einen Mann nominiert, der offensichtlich den konstitutionellen Anforderungen des Ministerpräsidentenamtes in der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten und eines gleichzeitig stattfindenden Wahlkampfes nicht mehr gewachsen ist und der derart manipulativ mit Medien und Schuldbegriffen umgeht, dann kann die Personaldecke der Thüringer CDU nicht sehr stabil sein.
Der Thüringer Ministerpräsident trägt die Schuld an dem Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam. Jeder Wähler in diesem Land wäre bereit gewesen, ihm diese Schuld zu vergeben.
Dazu hätte Dieter Althaus seine Schuld anerkennen und um Vergebung bitten müssen. Das hat er nicht nur versäumt, er hat diese einmalige Chance auf die Demonstration seiner menschlichen und politischen Integrität mit Füßen getreten.
Dieter Althaus wird in Kürze mit einer weiteren Schuld leben müssen: Der Schuld einer verlorenen Landtagswahl. Nicht wegen der “Verkettung unglücklicher Umstände“, sondern wegen seines gewissenlosen Umgangs damit.
