Deutsche Einheit?

Von Franzzi

tor.gifEs ist ein Thema, das uns verfolgt in diesem Dauer-Jubiläums-Jahr. Unter anderem gedenken wir 20 Jahre Mauerfall, obwohl das ein Ereignis ist, das nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Zukunft.

Denn die Mauern in den Köpfen sind noch nicht gefallen.

Ich verstehe das Problem durchaus. Wem 40 Jahre konsequent und allumgebend erzählt worden ist, der jeweils andere Deutsche sei der größte Feind und lebe im falschen System, der kann nicht plötzlich und auch nicht nach 20 Jahren “Einheit” sagen, er sei nicht anders. Er kann wahrscheinlich genauso wenig sagen, er möge den anderen.

Es freut mich, die versöhnlicheren Töne zu hören. Wie vorgestern Nacht als bei Deutschlandradio Kultur die Nachtgespräche am Telefon zum Thema “Einheitsbericht 2009. Wie einig sind sich die Deutschen?” liefen. Die meisten Anrufer wollten ein Ende der ewigen Unterscheidungstiraden, ein Ende der Vorurteile und Unterstellungen. Auch wenn mein positiver Eindruck vom Zustand dieser Bevölkerung durch einen Anrufer gegen Ende der Sendung stark getrübt wurde, der meinte, die Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West gingen bis auf den 30-jährigen Krieg zurück, seien immer schon da gewesen und auch für die Zukunft unüberbrückbar. Das Argument ist so doof, da muss man sich nicht mal die Mühe machen, es zu entkräften. Es entkräftet sich selbst.

Vielmehr stimme ich denen zu, die den Schwarzen Peter bei Medien und politischen Eliten sehen. Ich hasse diese grundsätzliche Kritik an den Medien, aber wenn es um Bedeutungsmacht und dergleichen geht, ist sie häufig berechtigt. Auch ich kann die Schlagzeilen nicht mehr hören: “Der Osten verkraftet die Krise besser”, “Soziale Ungleichheit zwischen Ost und West wächst weiter” und so weiter und so fort. Ein Hörer aus Weimar merkte an, man könne genauso sinnvoll Strukturdaten aus Nord und Süd vergleichen oder einzelne Bundesländer als Grundlage von Vergleichen nehmen. Aber das Aufrechterhalten der Ost-West-Vergleiche erhalte auch das Bild der Unterschiedlichkeit in den Köpfen der Menschen.

Das stimmt wohl. Diese Republik steht dabei gerade vor so einer großen Chance. Am Eingang ins Erwachsenenleben, in den Universitäten und den Ausbildungszentren, in Redaktionen und in den Nachwuchsorganisationen der Parteien sammelt sich eine Generation für die das geteilte Deutschland nur eine Erinnerung ist, keine selbst erlebte Identität. Das Ost- oder West-Sein wird ihnen aufgedrückt von den Erzählungen der Eltern und Großeltern und von den herum geisternden Begriffen des Ossis und des Wessis. Von den ewigen Vergleichen und dem ewigen Unterstreichen der Unterschiedlichkeit.

bisky.gifWir, die wir Anfang 20 sind, könnten diese Kategorien getrost vergessen. Wir fühlen uns nicht als Ost- oder Westdeutsche. Nicht mal, wenn wir dem jeweils “anderen” gegenüber sitzen, und das kommt in meinem Studiengang andauernd vor. Weil wir nicht mehr darüber nachdenken, aus welchem Teil Deutschlands unser Gesprächspartner kommt. Es spielt einfach keine Rolle. Außer in den Diskussionen über das deutsch-deutsche Verhältnis. Über die Probleme der DDR-Aufarbeitung und die Deutungshoheit. Es scheinen aber nicht unsere Probleme mit Selbst- und Fremdzuschreibung zu sein, die wir da diskutieren. Zwar erzählen “westdeutsche” Kommilitonen, dass sie “drüben” Freunde haben, die noch nie “im Osten” waren und diesen Landesteil so rückständig wie Australien im 16. Jahrhundert halten. Aber das seien Ausnahmen von Daheimgebliebenen, die sich dem fremden “Anderen” noch nie gegenüber gesehen haben. Die nicht feststellen konnten, dass der andere genau die gleiche Musik hört, die gleichen Probleme hat und auch weiß, wie sich Liebeskummer anfühlt. Für den die DDR ein genauso ferner Staat ist wie für ihn selbst. Weil er sie auch nur aus dem Geschichtsbuch und den Erzählungen und Fernsehdokumentationen kennt.

Die Begegnungen der Post-Mauer-Generationen sind entspannter und können Vorurteile leichter abbauen. Weil die Feindbilder uns nur anerzogen wurden, wir haben sie nicht selbst aktiv aufgebaut.

Es ist, als sei die Mauer in unseren Köpfen gefallen oder als sei sie nie dagewesen. Das sollte Deutschland in diesem Jahr als Chance begreifen. Und in jedem anderen Jahr auch. Und es sind die Medien und die politischen Eliten, die diesen Mauerfall bei der Jugend zur Kenntnis nehmen und ihn nicht gefährden sollten. Durch ihre ewigen Diskussionen um Ossi und Wessi.
Alle, die sich noch als Ossis oder Wessis fühlen, sollten ihre Ideologien und Feindbilder in den Koffer packen, quer durch die Republik reisen und sich endlich mal einander begegnen.

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