Wider die Legendenbildung: Kirche und Revolution 1989

Von sapere aude

Das Jahr 1989 war für uns alle, die wir in der DDR geboren wurden und aufgewachsen sind, ein außergewöhnliches Jahr. Ein Gefühl des Mutes zum Aufbruch zu ganz Neuem beseelte alle, die dabei waren. Und dabei waren viele. Ein großer Teil der DDR-Bevölkerung ging 1989 auf die Straße und ermöglichte so die friedliche, gewaltlose und humane Revolution. Das Erstaunliche an dieser Leistung ist, dass sie überwiegend von Atheisten vollbracht wurde. Von Menschen also, die von keiner Religion, keiner Ideologie, sondern von einem klaren Bedürfnis nach der Beseitigung von Unfreiheit und offensichtlicher Ungerechtigkeit getrieben waren. Der auch von DDR-Institutionen gelehrte nichtreligiöse Humanismus war nicht vereinbar mit dem realsozialistischen Unrechtsstaat, der seine Bürger aushorchte, einsperrte und folterte. Der Fall der Mauer war ein Ereignis, das so nur möglich war, weil auf beiden Seiten Menschen standen, die sich über die Dimensionen ihrer Entscheidungen zwar nicht immer im Klaren waren – aber meist vor allem eines bedachten: Menschen dürfen nicht zu Schaden kommen.

Die katholische und die evangelische Kirche reklamieren die Wende heute für sich. Mit ihren Kerzen und Gebeten soll niemand gerechnet haben. Aber die allzu schöne Geschichte von dem Politbüromitglied, das dieses Einknicken vor Kerzen und Gebeten zugegeben haben soll, →ist eine Legende. Eine Legende, die sich rasend schnell verbreitet. Dabei ist gerade den damals wichtigsten Vertretern und heutigen Kronzeugen der friedlichen Revolution bereits früh klar gewesen, dass eine Oppositionsbewegung, die aus einer Kirche kommt, im christlichem Duktus argumentiert und überwiegend von Pfarrern getragen wird, in einem Land, das zu 70% aus Atheisten besteht, nicht erfolgreich sein kann.

Bärbel Bohley, die Grande Dame der Wende, sagte in einem MDR-Radio-Essay denn auch folgerichtig:


“Die Kirche ist nicht der Platz, um eine Opposition – eine, die wirklich in die Gesellschaft wirkt – aufzubauen. Das geht nicht in einer Gesellschaft, die mehr oder weniger atheistisch war”


Und auch ein anderer prominenter Vertreter der Wendezeit, der heute mit einem Buch mit dem Titel “Und wir sind dabei gewesen: Die Revolution, die aus der Kirche kam” auf Lesereise ist, der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, stellt fest:

“Die Revolution kam von den Menschen, großteils Atheisten”

Führer und Bohley sprechen aus, was heute in Kirchen und auf Podien längst vergessen scheint. Dort ist man sich inzwischen einig, dass die Friedlichkeit des Ablaufs der Montagsdemonstrationen vor allem der christlichen Liebes- und Friedensethik zu verdanken waren. Doch wenn auf der anderen Seite, der machtvollen, der mit den Waffen, Christen gestanden hätten, hätte das Ergebnis vielleicht ganz anders ausgesehen. Noch jung sind die Wunden, die zwei Weltkriege mit christlichem Segen geschlagen haben.

Die Wende aber haben Christen und Atheisten gemeinsam vollbracht. Getragen von einer humanistischen Ethik von Menschenrechten, die den Regeln der monotheistischen Religionen – ja gerade auch der christlichen – fundamental widersprechen. Dieses Erbe gilt es aufzunehmen und weiter zu entwickeln. Für ein humanes und friedliches Zusammenleben, das das Recht des Einzelnen auf körperliche und seelische Unversehrtheit über jede Utopie einer “besseren” Gesellschaftsordnung stellt.

So ein Quatsch!Klasse! (+2 von 2 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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26 Responses to “Wider die Legendenbildung: Kirche und Revolution 1989”

  1. Blogzentrale Says:

    <new blogpost> Wider die Legendenbildung: Kirche und Revolution 1989 http://is.gd/dw2Qj

  2. sapere aude Says:

    <new blogpost> Wider die Legendenbildung: Kirche und Revolution 1989 http://is.gd/dw2Qj

  3. Thüringer Blogs Says:

    Wider die Legendenbildung: Kirche und Revolution 1989: Von sapere aude
    Das Jahr 1989 war für uns alle, die wir in … http://bit.ly/bGL59E

  4. modifiziert Says:

    *Das Erstaunliche an dieser Leistung ist, dass sie überwiegend von Atheisten vollbracht wurde. Von Menschen also, die von keiner Religion, keiner Ideologie, sondern von einem klaren Bedürfnis nach der Beseitigung von Unfreiheit und offensichtlicher Ungerechtigkeit getrieben waren.*

    Nur mal so: Sie sollten sich selbst einmal lesen.

  5. Tech-o-matic Says:

    @modifiziert:
    Ich kann an dem zitierten Satz wirklich nichts übertriebenes oder unwahres finden?! Was stört sie daran?

    @alle:
    Im Nachgang muss man feststellen, dass Bohley völlig richtig lag, als sie erkannte, dass die Räume der Kirchen zu eng waren um von dort aus Änderungen im System zu erwirken. Die Umwälzungen kamen 88/89 erst wirksam in Gang, als die Aktiven der “Opposition” ihre Aktivitäten auch auf Räume ausserhalb der Kirche verlegte. Wie groß der Mut zu diesem weiteren Sprung gewesen sein muss ist unermesslich.
    Durch die Proklamation der Kirchen, die Triebfeder der Wende gewesen zu sein, wird dieser wichtige Umstand schändlicherweise vergessen gemacht. Dem gilt es sich tatsächlich entgegenzustellen!

    Als Beleg für das weitreichende Fehlen religiöser Motivation zur Revolution kann die beinahe völlige Absenz von “christlichen” Forderungen auf den ersten Demos gelten.

    Zur Rolle der Kirche vor der Wende:
    Natürlich muss man den kirchlichen Verantwortungsträgern dankbar sein, dass diese Raum für “Oppositionelle Kräfte” zur Verfügung stellten. Wobei man unbedingt beachten muss, dass dieses Engagement weniger von den Kirchen als hierarchische Organisationen ausging, als vielmehr von deren “unteren” Angestellten. D.h. einzelne Pfarrer boten – allermeist gegen den Willen der Diensthöheren – Menschen Raum, die vom Staat aufgrund ihrer freiheitlichen Initiative Repressionen erfuhren.
    Die oberen Hierarchieebenen (Kirchenleitungen) hatten keinerlei Anteil an der Unterstützung freiheitlicher Kräfte in der DDR! Ganz im Gegenteil, dienten diese Personen doch als aktiv-staatstragendes Element im “System DDR”. Von regelmäßigen Kontakten/Zusammenarbeit mit dem MfS ganz zu schweigen.

    Wenn also “die Kirche” in der DDR einen Anteil am Gelingen der Wende für sich reklamieren kann, dann nur in Form von couragierten Einzelpersonen, die allesamt in den untersten Hierarchieebenen dieser christl. Organisationen anzutreffen waren. Als kirchliche Organisation an sich gibt es keinerlei Verdienst.
    Man darf bei den Betrachtungen zudem auch nicht ausser Acht lassen, dass die Kirche als ziemlich einzige Organisation in der DDR die Möglichkeit hatte, solche Freiräume zur Verfügung zu stellen. Wurde die daraus resultierende Verantwortung wirklich “heroisch” wahrgenommen, oder war das Verhalten global betrachtet eher passiv und notgedrungen?

    Meine Einschätzung zur Rolle der Kirche nach der Wende:
    Mit den erfolgreich erkämpften ersten freien Wahlen in der DDR und später (nach dem “Anschluss”) in der BRD gab es ein großes Problem. Woher sollten all die neuen Volksvertreter kommen? Also Bürgermeister, Landräte und Landtagsabgeordnete?
    Die in der politischen Rolle erfahrenen “Kader” der Ex-SED waren für die allergrößte Mehrheit (verständlicherweise) unwählbar. Die (überwiegend linke!) DDR-Opposition war wenig organisiert (in der DDR unmöglich, bis zu den Wahlen wenig Zeit, dazu kamen natürlich die ganzen Stasiquerelen). So besetzten die vorhandenen BRD-Parteien SPD und CDU – auch mittels ihrer finanziellen Potenz – vorrangig das Feld.

    Die SPD zeigte im Gegensatz zur CDU dabei wenig Initiative. Die CDU zeigte starke Präsenz und arbeitete massiv am Aufbau ihrer Organisation im Osten. Dabei konnte die Christlich-Demokratische-Union stark auf die vorhandenen Strukturen und die sozialen Netzwerke innerhalb der katholischen Kirche zurückgreifen. Der unglaubliche Personalbedarf, der durch die ersten Landtags- und Kommunalwahlen entstand wurde zum großen Teil von Mitgliedern der kath. Gemeinden gedeckt. Katholische Ingenieure, Schichtleiter, Buchhalter etc. wurden jetzt Bürgermeister, Landräte, Landesparlamentarier.
    Man führe sich nochmals vor Augen: Sämtliche politischen Amtsträger eines (Ex-)Staates mussten komplett(!) ersetzt werden!

    Die Kirche hat im Nachgang der Wende also den zweifelhaften Verdienst erworben, einen großen Teil des Personals der neubesetzten politische Kaste gestellt zu haben.
    Natürlich resultieren daraus noch heute nicht unwesentliche Abhängigkeiten zwischen Kirche und Staat. (“Wem hast du deine politische Karriere zu verdanken?”)

  6. modifiziert Says:

    @Tech-o-matic,
    mich stört, dass es sich um eine willkürliche Aussage handelt, die durch nichts, durch wirklich nichts, bewiesen werden kann.

  7. sapere aude Says:

    Wieso nicht?

  8. modifiziert Says:

    Nachtrag:
    Es sei denn, man befragt jeden EINZELNEN.

  9. modifiziert Says:

    * Das Erstaunliche an dieser Leistung ist, dass sie überwiegend von Atheisten vollbracht wurde. Von Menschen also, die von keiner Religion, keiner Ideologie, sondern von einem klaren Bedürfnis nach der Beseitigung von Unfreiheit und offensichtlicher Ungerechtigkeit getrieben waren.

    Echt jetzt, das muss man wirklich genau lesen.

  10. modifiziert Says:

    Ich finde diese Aussage voll krass, basta ;-)

  11. modifiziert Says:

    *Die Wende aber haben Christen und Atheisten gemeinsam vollbracht.*

    Wenn das stimmt, dann frage ich mich, warum hat das so lange gedauert?

  12. zoom » Umleitung: Hagen, Banken, Xanten, Zollverein, Blogs in der Mülltonne und Legendenbildung 1989? « Says:

    […] Kirche und Revolution 1989 … blogzentrale Tags »   1989, Banken, Hagen, Stresstest, Tag hinzufügen, Xanten, Zeche […]

  13. modifiziert Says:

    *Die Wende aber haben Christen und Atheisten gemeinsam vollbracht.*
    Wenn das stimmt, dann frage ich mich, warum hat das so lange gedauert?

    Kann meine Frage jemand beantworten?

  14. modifiziert Says:

    Einen Text weiter steht da:

    Die Kurznachrichten gibt es jetzt nach dem Klick auf das Bild:

    Was soll das?

  15. sven Says:

    modifiziert, ich möchte Dich jetzt zum 2. Mal bitten, Deine Kommentare

    1. so zu formulieren, dass sie in EINEN Kommentar passen und nicht mehrerer Kommentarpostings bedürfen.

    2. inhaltlich auf das entsprechende Posting zu beziehen.

    Wenn Dir das nicht möglich ist, wirst Du hier gesperrt. Langsam nervts nämlich.

  16. Tech-o-matic Says:

    @modifiziert:
    Zukünftig bitte auch intelligente Fragen stellen. Dann bekommst du evtl. auch eine Antwort.

  17. mgottweiss Says:

    Die Opposition und Wiederstandsbewegung 1989 hat sich zum größten Teil im christlichen Umfeld formiert, da die Kirchen einen Raum boten, in dem mehr Meinungsfreiheit möglich war als in der Gesellschaft. Natürlich war die Keimzelle für die Montagsdemonstrationen die Friedensgebete der Friedensdekade. Jede Montagsdemonstration begann in den Kirchen als Ausgangspunkt mit einem Friedensgebet. Das prominenteste Beispiel ist die Nikolaikirche in Leipzig. Aber fast in allen Städten der DDR spielte die christliche Opposition eine entscheidende Rolle in der Wendezeit. Das zu leugnen ist Blindheit vor der Realität!

  18. sven Says:

    Wer leugnet hier gleich die Rolle von Christinnen und Christen?

    Im Artikel wird EXPLIZIT davon gesprochen, dass Christen an der Oppositionsbewegung in nicht unerheblichen Ausmaß BETEILIGT waren. Aber die hundertausenden von Menschen, die friedlich für ihre Freiheit demonstrierten waren keine Christen und sind es auch heute nicht.

    Übrigens: Es ist unzutreffend, dass JEDE Montagsdemo in einer Kirche begann. Das ist bei einer Zahl von 300.000 Demonstranten schon praktisch gar nicht möglich.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Montagsdemonstrationen_1989/1990_in_der_DDR

    Kurz: Die Montagsdemonstrationen waren keine Kirchenveranstaltungen, sondern durch viele Interessen – am wenigsten aber christliche – motivert.

    Dass die Kirchen ein hervorragender Ort für die Bildung von Oppositionsbestrebungen war, bestreitet hier auch niemand. Aber der geschützte und vom Westen reichlich unterstützte Raum der Kirche war ein “Mittel zum Zweck” und kein Ziel. Es ging den Demonstranten nicht um Jesus Christus, sondern um den Frieden, den Jesus ja bekanntlich selbst gar nicht wollte:

    “Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.”

    Matthäus 10:34-36, (Einheitsübersetzung), vgl. Lukas 12:49-53

  19. tech-o-matic Says:

    @mgottweiss:
    Hast du Kommentar #2 gelesen?
    Man muss gerade auch bei der Thematik unterscheiden zwischen Christen und Kirche (was du ja tust).
    M.E. hat dir Kirche wirklich überhaupt keinen aktiven Anteil.
    Ich glaube auch nicht, dass der Anteil an Christen unter den Freiheitsaktivisten signifikant höher war als im Bevölkerungsdurchschnitt. Von daher…
    Wohl aber ist unbestritten, dass man als Christ in der DDR besonders unter Repressalien zu leiden hatte. Und seltsamerweise ging der Sturz des DDR-Systems nicht auf christlichen Unmut zurück.

  20. tech-o-matic Says:

    @sven:
    Das Zitat ist ja mal wieder schön aus dem Kontext gerissen.
    In dem Abschnitt aus dem das stammt werden die zwölf Jünger des Meisters in einen Glaubenskrieg geschickt und entsprechend motiviert. Es geht im Zitat schlicht darum, Gott mehr zu lieben als die eigenen Eltern. ER ist egeb die allerallerhöchste autoritäre Instanz. Das ganze ist recht lesenswert. Man kann erkennen: Dieser religionsevolutionär unbedingt notwendige Missionierungsscheiss ist echt übel.

    Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter;
    36 und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.
    37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.
    38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.

    Ganz besonders “prima” auch der letzte Satz:

    39 Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

    Märtyrer ahoi! Aber ganz so furchtlos waren ja nur wenige Christen in der DDR. Allerdings sei an dieser Stelle Oskar Brüsewitz erwähnt.

  21. sven Says:

    Der wohl eher einen an der Waffel hatte, denn als großer Märtyrer gelten zu dürfen:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-65243755.html

  22. Tech-o-matic Says:

    Also der SPON-Artikel ist ja mal wieder “unter aller Sau”. Was soll man dem entnehmen? Könnte auch 1:1 als DDR-Propaganda durchgehen. Nun, die Artikelqualität passt aber an sich gut zu dem abgebildeten Cover links daneben (Buhhh! “Das Weltvirus!!!!”):P
    Meine Güte, was für unterirdische Sachen der Spiegel so bringt erstaunt mich immer wieder …

  23. modifiziert Says:

    Hm.

  24. modifiziert Says:

    @sven
    nun gut,
    ich versuche mich an Deine Spielregeln zu halten,
    weil ich hier nur Gast bin, Leser.
    Ich wusste gar nicht, dass ich hier so kompliziert rüberkomme.
    ich wusste auch nicht, dass ich hier so peinlich auftrete.
    Nun weiß ich es.
    Ich bedanke mich für Deine Kritik.
    Ich werde versuchen, meine Flut der Gedankengänge, in Zukunft in EINEN Kommentar zusammenzufassen.
    Voll schwierig.

  25. sapere aude Says:

    Legendenbildung: Christen reklamieren die Wende '89 für sich: http://is.gd/fkJG8 – Wirklichkeit: 1. http://is.gd/fkJJX 2. http://is.gd/fkJRu

  26. Blogzentrale Says:

    Damit steht Jahn nicht allein. Er teilt diese Ansicht mit DDR-Oppositionellen wie Bärbel Bohley und Christian Führer http://t.co/eSRb43jY