Archive for December, 2010

Wutbürger Nietzsche und sein Dokumentationszentrum in Naumburg

Von Peter Gast


In der kleinen Stadt Naumburg, einem Örtchen in Sachsen-Anhalt an der Grenze zu Thüringen, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche den größten zusammenhängenden Teil seines Lebens verbracht. In seinem ehemaligen Wohnhaus gibt es seit einiger Zeit eine Ausstellung über sein Verhältnis zum Christentum. Diese Ausstellung ist nicht nur armselig ausgestattet, sie verfälscht auch Nietzsches Antitheismus und verhöhnt sein Werk. Ein kürzlich eröffnetes – überwiegend von Christen geleitetes – Dokumentationszentrum will die Lufthoheit über den Rezeptionshorizont beanspruchen.

Man hätte es sich denken können. Eine Stadt wie Naumburg, die auf allen politischen Ebenen – vom Bund über das Land, den Kreis bis in die Stadt hinein – von einer christlichen Partei regiert wird, kann dem Leben und Werk Friedrich Nietzsches, dem selbsterklärten Antichristen, nur Gewalt antun. Mit der Einweihung eines überdimensionierten Dokumentationszentrums zu seiner Rezeptionsgeschichte hat man die erdrückende Umarmung dessen, das man nicht bekämpfen kann, noch ein wenig enger, atemberaubender gemacht.

Zum Direktor der brandneuen “Friedrich-Nietzsche-Stiftung“, die zusammen mit dem Bauvorhaben aus dem Boden gestampft wurde und nun die Nietzsche-Gedenkstätten verwalten soll, hat man jedenfalls einen Philosophen gewählt, der bisher mit bemerkenswerten Schriften wie “Im Spannungsfeld von Gott und Welt” oder “Existenzphilosophie und Christentum. Albert Schweitzer und Fritz Buri.” hervortrat und z.B. die “Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion” von Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem herausgegeben hat.

Vorsitzender des Stiftungsrates ist der amtierende CDU-Oberbürgermeister Naumburgs, Berward Küper. Sein Stellvertreter ist der Staatssekretär im Kultusministerium, Dr. Valentin Gramlich (CDU). Ebenfalls im Stiftungsrat vertreten: CDU-Innenminister a.D. Curt Becker. Das ist in etwa so, als säßen im Aufsichtsrat einer (fiktiven) Karl-Marx-Stiftung die Vorstände von Deutscher Bank, DaimlerCrysler und E.on.

Das Werk des Philosophen der “Umwertung aller Werte” wandert nun so aus den Klauen seiner vom Macht- und Rassenwahn verblendeten Schwester Elisabeth letztendlich in die Finger der kleingeistig-bürokratischen Wächter der bürgerlichen Moral.

Die Konsequenzen dieser Vereinnahmung kann man bereits in der Sonderaustellung zu Nietzsches Religionskritik im Nietzsche-Haus unter dem überaus einfallsreichen Titel “Gott ist tot” betrachten.

Die Ausstellung ist in ihrer schreienden Banalität ein Skandal.

Hier wurden Nietzsche-Zitate zusammenhanglos als platte Parolen auf Schilder geschmiert, ohne Erklärung in den Raum geworfen und gleichzeitig süßlichen Heiligenbildchen und der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu gegenübergestellt.

In dieser bizarren Überzeichnung wird Nietzsches fundamental antitheistische Position zur nachvollziehbaren Kritik am Götzendienst des gemeinen Volkes verniedlicht. Vor dieser aufdringlichen Deutungs-Fototapete kann es sich auch noch der letzte “aufgeklärte Christ” (sic!) bequem machen und den “Gekreuzigten” in sein kuscheliges Weltbild einebnen.

Der Hammer, mit dem Nietzsche philosophierte, wird so zum Gummihämmerchen, seine glasklaren schneidenden Wahrheiten zu wolkigen Phantasien eines Umnachteten, sein Furor zum Sturm im Wasserglas.

Nietzsche wird hier als früher “Wutbürger” mit Ödipuskomplex porträtiert, der den alten “Gottvater” töten will, um sich an seine Stelle zu setzen – mit dem Ziel, sich selbst zu “vergotten“. Karikiert wird diese groteske Verzerrung seiner Ideen in der lachhaften Verbildlichung eines seiner Pseudonyme. Nietzsche mit Dornenkrone, der radikale Denker als Witzfigur.

Und zwischendrin der “tolle” Funzelmann aus der “Fröhlichen Wissenschaft”, der mitten am Tage eine Laterne entzündet und seine Suche nach “Gott” über den Marktplatz schreit. Der “Mord” an “Gott” als Tat, zu groß für die Menschen, verbunden mit der Frage, ob wir nicht selber zu “Göttern” werden müssen, um ihrer würdig zu erscheinen.

So wird der Schatten Nietzsches zum verzweifelt nach dem “wahren Gott” suchenden, der ja im ewigen Zweifel der wahrhaft Religiöse sein soll.

Die Kultivierung des berechtigten Zweifels an einem absurden Konstrukt (“Gott”) als (zirkulärer) Beweis für die ontische Präsenz desselben darf als größte Propagandaleistung einer Institution in der Geschichte der Menschheit gelten.

Glaubt nicht auch der, der mit vielen Worten gegen das geozentrische Weltbild anschreibt, insgeheim den Worten des Ptolemäus? Sucht nicht die Frau, die für Gleichberechtigung kämpft, nicht insgeheim das Patriarchat? Will die Mutter, die gegen den Krieg demonstriert ihren Sohn nicht insgeheim auf dem “Feld der Ehre” fallen sehen?

Natürlich nicht!

So wenig wie ein Antitheist wie Nietzsche je auf der “Suche” nach einem “Gott” war. Er selbst wehrt sich gegen diese perfide Unterstellung mit folgenden Worten:

    „‚Gott‘, ‚Unsterblichkeit der Seele‘, ‚Erlösung‘, ‚Jenseits‘ lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, – ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? – Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker –, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! …“

Doch das hindert die christlichen Hobbypsychologen nicht daran, seinen Vater, seine Schule, und sein Erststudium für Nietzsches Erkenntnis vom “Denkverbot Gott” verantwortlich zu machen.

Nietzsches bedingungsloser Atheismus wird dem Publikum der Naumburger Ausstellung vorenthalten. In der “Fröhlichen Wissenschaft” schreibt er:

    “Der unbedingte redliche Atheismus (- und seine Luft allein athmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht demgemäss nicht im Gegensatz zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen und inneren Folgerichtigkeiten, – er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet.”

Dem Besucher wird die Deutung der Theismuskritik Nietzsches nicht selbst überlassen. In der Hand des Kurators wird sie zur kindischen Rebellion gegen den Muff einer pietistischen Herkunft.

Auch wenn man die Kritik an dieser Interpretation der Ausstellung in der Deutungstafel (siehe unten) bereits vorwegnimmt, sie findet sich, nur leicht variiert und modernisiert wieder – in dem Verweis auf das unkritisierbare Tabu, die höchste moralische Autorität, den wichtigsten modernen Märtyrer des Christentums, Dietrich Bonhoeffer.

Bonhoeffer – der sich höchstselbst auf Nietzsche bezog – wird hier als Kronzeuge einer modernen “Gott-ist-tot“-Theologie eines “religionslosen Christentums” beschworen, eines Christentums, das auch ein intellektuell redliches Leben im christlichen Glauben zulassen soll und das die “leere Religiosität” innerhalb der Kirche kritisiert.

Doch auch dieser fade Vermittlungsversuch geht fundametal am radikalen Kern der Botschaft Nietzsches vorbei. Nietzsche will keine Versöhnung mit einem Christentum ohne “Gott”. Er schreibt:

    Sie sind den christlichen Gott los und glauben nun um, so mehr die christliche Moral festhalten zu müssen: das ist eine englische Folgerichtigkeit, wir wollen sie den Moral Weiblein á la Eliot nicht verübeln. In England muss man sich für jede kleine Emancipation von der Theologie in furchteinflössender Weise als Moral-Fanatiker wieder zu Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die man zahlt. – Für uns Andre steht es anders. Wenn man den christlichen Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füssen weg. Diese versteht sich schlechterdings nicht von selbst: man muss diesen Punkt, den englischen Flachköpfen zum Trotz, immer wieder an’s Licht stellen. Das Christenthum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze: man hat nichts Nothwendiges mehr zwischen den Fingern. Das Christenthum setzt voraus, dass der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne, was für ihn gut, was böse ist: er glaubt an Gott, der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist, – sie steht und fällt mit dem Glauben an Gott. – Wenn thatsächlich die Engländer glauben, sie wüssten von sich aus, “intuitiv”, was gut und böse ist, wenn sie folglich vermeinen, das Christenthum als Garantie der Moral nicht mehr nöthig zu haben, so ist dies selbst bloss die Folge der Herrschaft des christlichen Werthurtheils und ein Ausdruck von der Stärke und Tiefe dieser Herrschaft: so dass der Ursprung der englischen Moral vergessen worden ist, so dass das Sehr-Bedingte ihres Rechts auf Dasein nicht mehr empfunden wird. Für den Engländer ist die Moral noch kein Problem …

Die Naumburger Ausstellung macht es sich also zu einfach. Nietzsche ist erbarmungsloser Antichrist wenn er schreibt:

    Der Begriff “Gott” erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff “Jenseits”, “wahre Welt” erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, – um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff “Seele”, “Geist”, zuletzt gar noch “unsterbliche Seele”, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – “heilig” – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen!

    Statt der Gesundheit das “Heil der Seele” – will sagen eine folie circulaire zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff “Sünde” erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff “freier Wille”, um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des “Selbstlosen”, des “Sich-selbst-Verleugnenden” das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur “Pflicht”, zur “Heiligkeit”, zum “Göttlichen” im Menschen!

    Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heisst nunmehr der Böse… Und das Alles wurde geglaubt als Moral! – Ecrasez l’infâme!

Die Präsentation Nietzsches als psychisch gestörten Demagogen und im Grunde tiefreligiösen “Gottsucher” beraubt uns der heilsamen kognitiven Dissonanz, die uns bei der Lektüre seiner Worte befällt. Wie kann ein Mann, der in seiner Analyse des judeo-christlichen Monotheismus soviel Wahres und Notwendiges schrieb, bei einer so essentiellen Frage wie dem instinktiven(!) Mitgefühl für alles Schwache, Kranke und “Mißratene” so jämmerlichen intellektuellen Schiffbruch erleiden?

Denn darin liegt die eigentliche Tragik Nietzsches … und mit ihm der Intellektuellen des gesamten 20. Jahrhunderts. Nicht – wie die Naumburger Ausstellung insinuiert – “Gott” vergeblich gesucht, sondern diese menschenverachtende Idee durch eine andere, nicht weniger monströse ersetzt zu haben.

Nazis überschwemmen Thüringen mit Kostenloszeitungen

Friedenslicht auf der Reise durch Thüringen

Kommentar von Neidhart von Schwarzburg

Weihnachten, liebe Leser, Weihnachten – für den Fall, dass Sie es noch nicht bemerkt haben sollten – findet zur Zeit unmittelbar statt.

Und mit ihm, die Aufrufe der Thüringer Kirchen, Frieden in alle Welt zu bringen. Der MDR berichtet beispielsweise über ein “Friedenslicht” aus Betlehem, das seine Reise durch Thüringen angetreten hat.

Worüber der MDR leider nicht berichtet, ist der “Feldgottesdienst” in Afghanistan und die fleißige Missionsarbeit der Militärseelsorge vor Ort, dass auch die christlichen Soldaten auf ihren geistlichen Beistand nicht verzichten müssen, wenn sie Feinde des Friedens und der Demokratie töten mußten.

Die OTZ schreibt, dass die Bundestagsvizepräsidentin aus Thüringen, Kathrin Göring-Eckardt, die auch Präses der Evangelischen Kirche und Präsidentin des evangelischen Kirchentages ist, den Besuch Papst Benedikts in Deutschland und seine bevorstehende Rede vor dem Deutschen Bundestag als “gutes Zeichen für Ökumene” sieht. Der Papst sei “in jedem Fall eine herausragende Person der Zeitgeschichte“.

Was die OTZ nicht schreibt, ist, dass Partei- und Kirchenkollegen den Besuch des Papstes im Bundestag massiv kritisieren. Und was Atheistenvertreter vom Oberhaupt der katholischen Kirche halten, darf stellvertretend Richard Dawkins im britischen Guardian noch einmal klarstellen.


Die Thüringer Allgemeine druckt Auszüge
aus einer Weihnachtspredigt der Thüringer Ministerpräsidentin, die diese vor 21 Jahren in der Dorfkirche Ottmannshausen nahe Weimar hielt. Sie kritisierte damals die Mächtigen – und die seelenlose Konsumkultur des Westens.

Was die Thüringer Allgemeine nicht druckt, ist die Höhe der üppigen Fraktionszuschüsse, die sich die Thüringer CDU-Fraktion – also die Christlich(!) Demokratische Union – mit Ministerpräsidentin Lieberknecht an der Spitze im Landtag selbst genehmigt. 121.000 Euro sind das pro Monat. Die Zuschüsse an alle Fraktionen im Thüringer Landtag stieg von 5 auf 7.5 Millionen Euro:

Die Thüringische Landeszeitung wiederum hebt Pfarrer Carsten Kämpf ins Blatt. Der darf “ohne jegliche Gefühlsduselei” und in aller Ausführlichkeit auf den “ursprünglichen Kern” der “Weihnachtsbotschaft” zu sprechen kommen. Zum Beispiel spricht er über die vielen caritativen Hilfsangebote und vor allem die Kindereinrichtungen der katholischen Kirche.

Was die die Kirche tatsächlich zur Caritas beiträgt, schreibt die Thüringische Landeszeitung nicht. Sie fragt auch nicht weiter nach. Wir können es ihr trotzdem sagen: Es sind rund 9% des Gesamthaushaltes. Den Rest tragen der Staat, die Versicherten und diverse Spender. Die Meriten aber bekommen die Kirchen … zugesprochen. Vor allem an Weihnachten. Von Pfarrern in Thüringer Medien.

Was wäre Weihnachten ohne Pfarrer, die auf allem Kanälen von der Botschaft der Liebe Jesu Christi schwärmen, ohne Politiker, die ihre ganz persönliche Bedeutung der Weihnachtsgeschichte schildern, ohne die unzähligen Aufrufe zu Spenden, Frieden und Nächstenliebe?

Eigentlich auch ganz schön.

Sollten Sie Kirchenmitglied sein, erfahren Sie hier, wie sie austreten können.

Schnee auf den Straßen in Thüringen

Naja, der Titel dieses Blogposts ist vielleicht ein wenig euphemistisch formuliert … denn das was im Moment in Thüringen los ist, grenzt tatsächlich an eine Katastrophe. Sogar die Autobahnen sind tief verschneit. Es gibt kilometerlange Staus.

Nach Angaben des Landesamtes für Verkehr wird auf den Autobahnen 4, 38, 71 und 73 bis auf weiteres nur noch die rechte Fahrspur geräumt. Alles andere wäre Salzverschwendung, hieß es zur Begründung.

Bei fast 30 Zentimeter Neuschnee sind in Thüringen ganze Orte von der Außenwelt abgeschnitten, so dass die Einwohner – wie die von Gösselsdorf - zur Selbsthilfe greifen müssen:

Tiere finden im Eis-Schnee kein Futter mehr.

Und Ihr so?

Betrugsverdacht beim Kinderkanal in Erfurt

Wieviele Menschenleben kostet erneuerbare Energie?

Von Neidhart von Schwarzburg

Ein hoher Funktionär der Thüringer CDU unterhält Verbindungen zu einem dubiosen Verein, der den Klimawandel infragestellt. Bezahlt wird dieser Verein von Auto- und Erdölkonzernen wie Chevron, DaimlerChrysler und ExxonMobil.

Während sich im mexikanischen Cancún die Staatsmänner der Welt zur abschließenden Sitzung der UN-Klimaschutzkonferenz trafen, fand in Berlin die jährliche Gegenkonferenz statt. Eingeladen zu dieser “Internationalen Energie- und Klimakonferenz” hatten die Gegner der Annahme von der menschengemachten Klimaerwärmung, das sogenannte EIKE (Europäisches Institut für Klima und Energie) und die europäische Dependance des US-amerikanischen Vereins CFACT (Committee For A Constructive Tomorrow). Beide Vereine teilen sich ein Postfach in Jena. Präsident bzw. Vorsitzender ist in beiden Fällen ein und dieselbe Person.

Das ZDF-Magazin Frontal21 berichtete Anfang Dezember über diese “Internationale Energie- und Klimakonferenz” und ihre Ausrichter. Diese haben ausgezeichnete Verbindungen zur FDP, deren Friedrich-Naumann-Stiftung ebenfalls als Organisator auftritt. Ein weiterer Ausrichter dieser Konferenz ist die Berliner Zentrale des “Manhattan Instituts“, eines neokonservativen Thinktanks, dessen Aufgabe es ist, die “Prinzipien der freien Marktwirtschaft” zu propagieren.

Während EIKE vor allem durch lautstarke Klimaskeptikerpropaganda auffällt und reißerische Artikel mit dem Titel “Wie viele Menschenleben kostet erneuerbare Energie?” oder „Nutznießer der Klimakatastrophe im Umweltministerium und im PIK“ veröffentlicht, macht CFACT mit tollen Aktionen von sich reden:

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace berichtet (PDF), dass CFACT allein 2004 von von dem US-amerikanischen Erdölkonzern ExxonMobil rund 125.000 US-Dollar erhielt, davon 50.000 US-Dollar für den bezeichnenden Titel „Grassroot Efforts on Climate Change Issues“.

Mit der Mobilisierung politischer “Grassroots” und ihrer Vortäuschung kennt sich auch ein Thüringer CDU-Spitzenpolitiker aus. Hat er doch ein Buch zum Thema “Grassroots und Mobilisierung im Bundestagswahlkampf 2005″ mit herausgegeben. Im Landtagswahlkampf 2009 ging eine von ihm inszenierte “Grassroots“-Kampagne gegen den Spitzenkandidaten der Linken, Bodo Ramelow, jedoch schief, weil der Aufruf des damaligen Landesvorsitzenden der Jungen Union – bei Veranstaltungen Ramelows in “zivil” zu erscheinen und gezielt “kontrastierende Werbung” zu verbreiten – bei Wikileaks gelandet war.

Der Mann sitzt nun zufällig auch im Beirat des gut finanzierten Klimaskeptikerverein ohne Büro. Er und der CFACT/EIKE-Chef kennen sich noch aus Zeiten früher Zusammenarbeit in der CDU-Nachwuchsorganisation RCDS, deren Vorsitzender und Co-Vorsitzender die beiden einst waren. Gemeinsam gab man eine Broschüre zur Geschichte des RCDS heraus. Heute organisiert der eine, Dr. Holger Thuss, Lobbykonferenzen und der andere, Dr. Mario Voigt, die mitgliederstärkste Partei Thüringens.

Wie anpassungsfähig der Generalsekretär der Thüringer CDU ist, zeigen seine jüngsten Äußerungen zur Energiepolitik. Hier erklärt er Thüringen zum “Musterland der erneuerbaren Energie” und schilt den energiepolitischen Kurs der SPD als „realitätsfern und ideologisch aufgeladen“.

Fehlenden Pragmatismus will er sich offenbar nicht vorwerfen lassen.

Winter: Ausnahmezustand in Thüringen

Warnhinweis eingeschränkter Winterdienst

“Gesperrte Autobahnen, verwehte Straßen: Der Winterdienst gelangt zunehmend an seine Grenzen. Auf den Bergen ist die Ein-Meter-Grenze überschritten. Doch auch im Tal kommen jeden Tag mindestens 10 Zentimeter Neuschnee hinzu. Damit wird das Verkehrschaos zum Dauerzustand. Ende ungewiss.” schreibt die Thüringer Allgemeine heute.

Die Ursachen für diese katastrophenartigen Zustände könnten hausgemacht sein – und damit ist nicht Thüringer Beitrag zum “Treibhauseffekt” gemeint. Die Thüringer Straßenmeistereien wurden 2002 komplett privatisiert. Das ist ein für das Bundesgebiet einmaliger Zustand.

Die Dienstleistungsgewerkschaft verdi schreibt dazu:

“Veranschlagt man im Bundesdurchschnitt für Winterdienst pro Kilometer Bundes- oder Landstraße je Winterperiode 2500,- Euro, so kostete der Winterdienst je Kilometer Landstraße in Thüringen 4950,- und je Kilometer Bundesstraße sogar 7470,- Euro. Diese Zahlen hat der Landesrechnungshof ermittelt. Kommunen in Thüringen haben bereits reagiert und führen den Winterdienst in den Ortsdurchfahrten wieder in eigener Regie durch – das ist für sie günstiger.

Im Januar diesen Jahres fragte die Abgeordnete der Grünen im Thüringer Landtag, Jennifer Schubert, wie hoch denn die Ausgaben für den Winterdienst in den vergangenen Jahren seit 2002 lagen. Die Antwort der Thüringer Landesregierung (PDF):

Die Winterdienstkosten betrugen gerundet in Mio. € 2002/03 10,9, 2003/04 12,9,2004/05 16,5, 2005/06 18,6 Mio. €, 2006/07 10,1 Mio. €, 2007/08 14,9 Mio. € und 2008/09 20,7 Mio. €.

Bei einer angenommenen Verdopplung der Kosten hat das Land Thüringen damit in den letzten 8 Jahren 50 Millionen Euro zuviel ausgegeben.

Der Landesrechnungshof bemängelte das in seinem Bericht von 2008:

Das mit der Privatisierung des Straßenbetriebsdienstes verfolgte Ziel einer nachhaltigen Kostensenkung wurde bisher verfehlt. Die Ausgaben für den Winterdienst auf den Landesstraßen in Thüringen haben sich seit der Winterperiode 2001/2002 mehr als verdoppelt.

Das wird vom Betreiber unter anderem auf den verdoppelten Streusalzverbrauch und die abgerechneten Räumkilometer zurückgeführt.

Der Winter 2010/11 wird die Thüringer also damit ganz sicher noch teurer zu stehen kommen.