Wutbürger Nietzsche und sein Dokumentationszentrum in Naumburg
Von Peter Gast
In der kleinen Stadt Naumburg, einem Örtchen in Sachsen-Anhalt an der Grenze zu Thüringen, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche den größten zusammenhängenden Teil seines Lebens verbracht. In seinem ehemaligen Wohnhaus gibt es seit einiger Zeit eine Ausstellung über sein Verhältnis zum Christentum. Diese Ausstellung ist nicht nur armselig ausgestattet, sie verfälscht auch Nietzsches Antitheismus und verhöhnt sein Werk. Ein kürzlich eröffnetes – überwiegend von Christen geleitetes – Dokumentationszentrum will die Lufthoheit über den Rezeptionshorizont beanspruchen.
Man hätte es sich denken können. Eine Stadt wie Naumburg, die auf allen politischen Ebenen – vom Bund über das Land, den Kreis bis in die Stadt hinein – von einer christlichen Partei regiert wird, kann dem Leben und Werk Friedrich Nietzsches, dem selbsterklärten Antichristen, nur Gewalt antun. Mit der Einweihung eines überdimensionierten Dokumentationszentrums zu seiner Rezeptionsgeschichte hat man die erdrückende Umarmung dessen, das man nicht bekämpfen kann, noch ein wenig enger, atemberaubender gemacht.
Zum Direktor der brandneuen “Friedrich-Nietzsche-Stiftung“, die zusammen mit dem Bauvorhaben aus dem Boden gestampft wurde und nun die Nietzsche-Gedenkstätten verwalten soll, hat man jedenfalls einen Philosophen gewählt, der bisher mit bemerkenswerten Schriften wie “Im Spannungsfeld von Gott und Welt” oder “Existenzphilosophie und Christentum. Albert Schweitzer und Fritz Buri.” hervortrat und z.B. die “Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion” von Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem herausgegeben hat.
Vorsitzender des Stiftungsrates ist der amtierende CDU-Oberbürgermeister Naumburgs, Berward Küper. Sein Stellvertreter ist der Staatssekretär im Kultusministerium, Dr. Valentin Gramlich (CDU). Ebenfalls im Stiftungsrat vertreten: CDU-Innenminister a.D. Curt Becker. Das ist in etwa so, als säßen im Aufsichtsrat einer (fiktiven) Karl-Marx-Stiftung die Vorstände von Deutscher Bank, DaimlerCrysler und E.on.
Das Werk des Philosophen der “Umwertung aller Werte” wandert nun so aus den Klauen seiner vom Macht- und Rassenwahn verblendeten Schwester Elisabeth letztendlich in die Finger der kleingeistig-bürokratischen Wächter der bürgerlichen Moral.
Die Konsequenzen dieser Vereinnahmung kann man bereits in der Sonderaustellung zu Nietzsches Religionskritik im Nietzsche-Haus unter dem überaus einfallsreichen Titel “Gott ist tot” betrachten.
Die Ausstellung ist in ihrer schreienden Banalität ein Skandal.
Hier wurden Nietzsche-Zitate zusammenhanglos als platte Parolen auf Schilder geschmiert, ohne Erklärung in den Raum geworfen und gleichzeitig süßlichen Heiligenbildchen und der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu gegenübergestellt.
In dieser bizarren Überzeichnung wird Nietzsches fundamental antitheistische Position zur nachvollziehbaren Kritik am Götzendienst des gemeinen Volkes verniedlicht. Vor dieser aufdringlichen Deutungs-Fototapete kann es sich auch noch der letzte “aufgeklärte Christ” (sic!) bequem machen und den “Gekreuzigten” in sein kuscheliges Weltbild einebnen.
Der Hammer, mit dem Nietzsche philosophierte, wird so zum Gummihämmerchen, seine glasklaren schneidenden Wahrheiten zu wolkigen Phantasien eines Umnachteten, sein Furor zum Sturm im Wasserglas.
Nietzsche wird hier als früher “Wutbürger” mit Ödipuskomplex porträtiert, der den alten “Gottvater” töten will, um sich an seine Stelle zu setzen – mit dem Ziel, sich selbst zu “vergotten“. Karikiert wird diese groteske Verzerrung seiner Ideen in der lachhaften Verbildlichung eines seiner Pseudonyme. Nietzsche mit Dornenkrone, der radikale Denker als Witzfigur.
Und zwischendrin der “tolle” Funzelmann aus der “Fröhlichen Wissenschaft”, der mitten am Tage eine Laterne entzündet und seine Suche nach “Gott” über den Marktplatz schreit. Der “Mord” an “Gott” als Tat, zu groß für die Menschen, verbunden mit der Frage, ob wir nicht selber zu “Göttern” werden müssen, um ihrer würdig zu erscheinen.
So wird der Schatten Nietzsches zum verzweifelt nach dem “wahren Gott” suchenden, der ja im ewigen Zweifel der wahrhaft Religiöse sein soll.
Die Kultivierung des berechtigten Zweifels an einem absurden Konstrukt (“Gott”) als (zirkulärer) Beweis für die ontische Präsenz desselben darf als größte Propagandaleistung einer Institution in der Geschichte der Menschheit gelten.
Glaubt nicht auch der, der mit vielen Worten gegen das geozentrische Weltbild anschreibt, insgeheim den Worten des Ptolemäus? Sucht nicht die Frau, die für Gleichberechtigung kämpft, nicht insgeheim das Patriarchat? Will die Mutter, die gegen den Krieg demonstriert ihren Sohn nicht insgeheim auf dem “Feld der Ehre” fallen sehen?
Natürlich nicht!
So wenig wie ein Antitheist wie Nietzsche je auf der “Suche” nach einem “Gott” war. Er selbst wehrt sich gegen diese perfide Unterstellung mit folgenden Worten:
- „‚Gott‘, ‚Unsterblichkeit der Seele‘, ‚Erlösung‘, ‚Jenseits‘ lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, – ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? – Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker –, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! …“
Doch das hindert die christlichen Hobbypsychologen nicht daran, seinen Vater, seine Schule, und sein Erststudium für Nietzsches Erkenntnis vom “Denkverbot Gott” verantwortlich zu machen.
Nietzsches bedingungsloser Atheismus wird dem Publikum der Naumburger Ausstellung vorenthalten. In der “Fröhlichen Wissenschaft” schreibt er:
-
“Der unbedingte redliche Atheismus (- und seine Luft allein athmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht demgemäss nicht im Gegensatz zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen und inneren Folgerichtigkeiten, – er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet.”
Dem Besucher wird die Deutung der Theismuskritik Nietzsches nicht selbst überlassen. In der Hand des Kurators wird sie zur kindischen Rebellion gegen den Muff einer pietistischen Herkunft.
Auch wenn man die Kritik an dieser Interpretation der Ausstellung in der Deutungstafel (siehe unten) bereits vorwegnimmt, sie findet sich, nur leicht variiert und modernisiert wieder – in dem Verweis auf das unkritisierbare Tabu, die höchste moralische Autorität, den wichtigsten modernen Märtyrer des Christentums, Dietrich Bonhoeffer.
Bonhoeffer – der sich höchstselbst auf Nietzsche bezog – wird hier als Kronzeuge einer modernen “Gott-ist-tot“-Theologie eines “religionslosen Christentums” beschworen, eines Christentums, das auch ein intellektuell redliches Leben im christlichen Glauben zulassen soll und das die “leere Religiosität” innerhalb der Kirche kritisiert.
Doch auch dieser fade Vermittlungsversuch geht fundametal am radikalen Kern der Botschaft Nietzsches vorbei. Nietzsche will keine Versöhnung mit einem Christentum ohne “Gott”. Er schreibt:
-
Sie sind den christlichen Gott los und glauben nun um, so mehr die christliche Moral festhalten zu müssen: das ist eine englische Folgerichtigkeit, wir wollen sie den Moral Weiblein á la Eliot nicht verübeln. In England muss man sich für jede kleine Emancipation von der Theologie in furchteinflössender Weise als Moral-Fanatiker wieder zu Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die man zahlt. – Für uns Andre steht es anders. Wenn man den christlichen Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füssen weg. Diese versteht sich schlechterdings nicht von selbst: man muss diesen Punkt, den englischen Flachköpfen zum Trotz, immer wieder an’s Licht stellen. Das Christenthum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze: man hat nichts Nothwendiges mehr zwischen den Fingern. Das Christenthum setzt voraus, dass der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne, was für ihn gut, was böse ist: er glaubt an Gott, der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist, – sie steht und fällt mit dem Glauben an Gott. – Wenn thatsächlich die Engländer glauben, sie wüssten von sich aus, “intuitiv”, was gut und böse ist, wenn sie folglich vermeinen, das Christenthum als Garantie der Moral nicht mehr nöthig zu haben, so ist dies selbst bloss die Folge der Herrschaft des christlichen Werthurtheils und ein Ausdruck von der Stärke und Tiefe dieser Herrschaft: so dass der Ursprung der englischen Moral vergessen worden ist, so dass das Sehr-Bedingte ihres Rechts auf Dasein nicht mehr empfunden wird. Für den Engländer ist die Moral noch kein Problem …
Die Naumburger Ausstellung macht es sich also zu einfach. Nietzsche ist erbarmungsloser Antichrist wenn er schreibt:
-
Der Begriff “Gott” erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff “Jenseits”, “wahre Welt” erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, – um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff “Seele”, “Geist”, zuletzt gar noch “unsterbliche Seele”, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – “heilig” – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen!
Statt der Gesundheit das “Heil der Seele” – will sagen eine folie circulaire zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff “Sünde” erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff “freier Wille”, um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des “Selbstlosen”, des “Sich-selbst-Verleugnenden” das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur “Pflicht”, zur “Heiligkeit”, zum “Göttlichen” im Menschen!
Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heisst nunmehr der Böse… Und das Alles wurde geglaubt als Moral! – Ecrasez l’infâme!
Die Präsentation Nietzsches als psychisch gestörten Demagogen und im Grunde tiefreligiösen “Gottsucher” beraubt uns der heilsamen kognitiven Dissonanz, die uns bei der Lektüre seiner Worte befällt. Wie kann ein Mann, der in seiner Analyse des judeo-christlichen Monotheismus soviel Wahres und Notwendiges schrieb, bei einer so essentiellen Frage wie dem instinktiven(!) Mitgefühl für alles Schwache, Kranke und “Mißratene” so jämmerlichen intellektuellen Schiffbruch erleiden?
Denn darin liegt die eigentliche Tragik Nietzsches … und mit ihm der Intellektuellen des gesamten 20. Jahrhunderts. Nicht – wie die Naumburger Ausstellung insinuiert – “Gott” vergeblich gesucht, sondern diese menschenverachtende Idee durch eine andere, nicht weniger monströse ersetzt zu haben.








