Matthias Matussek “Das katholische Abenteuer – Eine Provokation”?

Von Neidhart von Schwarzburg

Matthias Matussek hat ein Buch veröffentlicht. Mal wieder. Ein eitles, verlogenes und in Teilen vermutlich zusammengegoogeltes Buch über ein eigentlich wichtiges Thema: Heute Katholik sein in Deutschland.

Ich hatte gehofft, dass uns der Verlag ein Buch zuschickt*, das mich zum Nachdenken anregt, das neue Ideen birgt und vielleicht ein wenig Verständnis schaffen kann für die Rolle eines Katholiken in Deutschland nach dem Mißbrauchsskandal. Was ich bekam, war die eitle Autobiographie eines ehemaligen Ministranten und Jesuitenzöglings in einem Stil sentimentaler Pop-Religiosität und trotziger Bigotterie mit seitenlangen, wiederverwursteten Interviews mit bekannten Geistesgrößen wie Martin Walser oder Rüdiger Safranski, eingebettet in die langatmige Aufzählung bekannter Fakten, überflüssiger, teilweise grundfalscher Details und Zitate aus dem Internet – kurz ein langweiliges Buch … aber zu allerletzt eine Provokation.

Denn wen bitte sollte eine so kenntnisarme Litanei provozieren?

Atheisten oder Anhänger der Aufklärung jedenfalls nicht. Denn Matussek steigt bereits im Vorwort mit zwei blauen Augen in den Ring. Er schreibt:

    “Der Philosoph Robert Spaemann nennt Gott ein “unsterbliches Gerücht”, eins, das sich durch die Zeiten so hartnäckig hält und so weit und lückenlos verbreitet ist, dass die Beweislast mittlerweile doch bei der Gegenseite liegen sollte. Ich warte also gespannt auf den wissenschaftlichen Beweis “Gott kann es nicht geben weil…”

Bereits dieser Quatsch, der sich schon auf Seite 12 des Buches findet, läßt erahnen, dass der Rest nicht besser werden kann. Der ehemalige Leiter der Feuilletonredaktion des bedeutensten Wochenblatts Deutschlands sollte wissen und schreiben, dass “Nichtexistenz” von was auch immer niemals “bewiesen” werden kann – zumal die Nichtexistenz einer angeblichen Entität für die es nicht einmal eine einheitliche Definition sondern lediglich einen ziemlich schillernden Begriff wie “Gott” gibt.

Und dann wartet Matussek, bereits ein wenige Zeilen weiter, mit einer Begründung der Theodizee in der Willensfreiheit des Menschen auf! Was kann man von einem Buch erwarten, das mit einem solch naiven Vorwort beginnt, das eher in die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts gehört als in das zweite Jahrtausend. Will Matussek seine Leser für dumm verkaufen oder ist er tatsächlich so naiv, anzunehmen, dass Naturkatastrophen ihre Ursache in der fehlenden Bereitschaft der Befolgung der Zehn Gebote haben?

Offenbar, denn Matussek setzt sein Buch mit einer ermüdenden Abhandlung über die Todsünden fort, um anschließend seine “Education sentimentale” im katholischen Elternhaus und dem Bonner Mißbrauchsinternat “Aloisiuskolleg” ausführlichst zu schildern. Wer das Buch dann noch nicht weggelegt hat, tut dies spätestens nach dem Kapitel das übertitelt ist mit:

    “Einige Argumente für den Glauben, die das atheistische Team blass aussehen lassen, sowie ein paar Mitspieler, vor denen selbst der Gegner normalerweise in die Knie geht.”

Naa, was denken Sie? Kann Matussek das Versprechen halten, das er hier so großspurig gibt? Sie ahnten es: natürlich nicht.

Seinen bis heute nicht exkommunizierten und zu Lebzeiten fleißig Kirchensteuern zahlenden katholischen Glaubensbruder Adolf Hitler beschreibt Matthias Matussek ernstlich als “atheistische Spitzenkraft”.

Den Entdecker des Evolutionsprinzips und Agnostiker Charles Darwin wiederum reklamiert Mattusek für sich und seinen Glauben indem er ernstlich behauptet, dieser hätte “aus logischen Gründen” an “seinem Gottesglauben” festgehalten. Matussek hat sich zur Bestätigung seiner absurden These von der Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion offenbar ein falsches Zitat aus dem Internet zusammengegoogelt. Zu dem Zitat findet sich bei Matussek natürlich keine Quellenangabe. Es lautet:

    “Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint. Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. – Die Unmöglichkeit des Beweisens und Begreifens, dass das großartige, über alle Maßen herrliche Weltall ebenso wie der Mensch zufällig geworden ist, scheint mir das Hauptargument für die Existenz Gottes.”

Darwin hat das natürlich nie so geschrieben. Was der bekennende Agnostiker tatsächlich schrieb – und was wohl so die Grundlage dieses angeblichen Zitats wurde – war:

    “I may say that the impossibility of conceiving that this grand and wondrous universe, with our conscious selves, arose through chance, seems to me the chief argument for the existence of God; but whether this is an argument of real value, I have never been able to decide. I am aware that if we admit a first cause, the mind still craves to know whence it came and how it arose. Nor can I overlook the difficulty from the immense amount of suffering through the world. I am, also, induced to defer to a certain extent to the judgment of the many able men who have fully believed in God; but here again I see how poor an argument this is. The safest conclusion seems to be that the whole subject is beyond the scope of man’s intellect; but man can do his duty.”

Letter 8837 — Darwin, C. R. to Doedes, N. D., 2 Apr 1873

Ich habe dann aufgehört zu lesen. Ein Buch, das mit so schlecht recherchiertem, offensichtlich ausschließlich zu Propagandazwecken zusammengelogenem Unfug aufwartet, stiehlt mir meine Zeit … und die jedes anderen Lesers. Sparen Sie sich diese für ein gutes Buch!

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*Der DVA-Verlag hat der THÜRINGER BLOGZENTRALE das hier besprochene Buch kostenlos für die Rezension zur Verfügung gestellt – also geschenkt. Es gab keine weiteren Absprachen. Es wurde um das Buch – mit dem Hinweis auf eine mögliche Rezension in der THÜRINGER BLOGZENTRALE – gebeten und es wurde kommentarlos zugeschickt. Bei diesem Blogeintrag handelt es sich also um Werbung.

So ein Quatsch!Klasse! (0 von 4 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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One Response to “Matthias Matussek “Das katholische Abenteuer – Eine Provokation”?

  1. Robi_san Says:

    Dieses Buch sollte einfach ignoriert werden. Der Autor ist auf dünnem Eis unterwegs und sprengt mehrmals den gesunden Menschenverstand.

    Ich vermute, dass bei dem schwierigen Thema über “eine lateinische Formeln murmelnde Sekte unterwerfungssüchtiger und sexualneurotischer Sonderlinge” (Herbert Kohlmaier) das Gehirn des Autors in den Blaubildschirmmodus wechselte und dort bis zur Fertigstellung des Buches hängenblieb.

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