Archive for July, 2011

Potemkinsche Statistiken: Wie sich die ZGT schönrechnet

“Wir begrüßen 20.000 neue Leser!” titelt heute die Thüringer Allgemeine.

“Ein alter Sack” hat dazu mal recherchiert und im Blog “Medienmoral Thüringen” dazu folgendes kommentiert:

    Die letzte IVW-Statistik 2/2011 sagt: verkaufte Auflage ZGT gesamt 301.105 Exemplare. Zwei Jahre zuvor: 321.442. Wer lügt sich hier aus welchem Interesse die Statistik schön? Das wär mal ein Thema für das neue TA-Rechercheteam und Herrn M., der die “katholische Pfarrerstochter” erfunden hat. Raues Zahlenspiele auf Seite 7 “Mehr junge Leute lesen unsere Zeitungen” sind ein schönes Beispiel für PR in eigener Sache und verarschen arglose Leser.

Diese Zahlen kommen durch eine in letzter Zeit von vielen Zeitungsleuten wiederholte Mär zustande. Eine Legende von einer heftig gestiegenen “Reichweite” der Zeitung, also von wie vielen Lesern eine Zeitung gelesen wird, auch ohne notwendig gekauft worden zu sein.

Diese beliebig herbeiinterpretierte Zahl, steht dem harten Faktum des in Euro meßbaren Auflagenverlustes entgegen. Steigerung der Reichweite bedeutet aber auch, dass die meisten Leute, die die Zeitung lesen, dafür nichts bezahlen. Warum sich die Chefs der ZGT also angesichts klarer Kommerz-Bekenntnisse über sinkende Einnahmen durch die “Gratiskultur” der “Reichweitensteigerung” freuen, erklärt sich vor allem dadurch, dass der Jubel über die gestiegene Reichweite vor allem eine Botschaft an Werbekunden ist. Die Leser der ZGT-Blätter werden schlicht an Autohäuser und Baumärkte verkauft und TLZ/OTZ/TA somit mehr und mehr zu Anzeigenblättern.

Kürzlich konnte der Geschäftsführer der Zeitungsruppe Thüringen, Klaus Schrotthofer, auf einer Podiumsdiskussion fast unwidersprochen feststellen, dass die Auflage der Zeitungsgruppe Thüringen – zusammen mit dem Internetauftritt – in die Millionen ginge, hätte man doch im Internet 430.000 “Unique User”.

Dass diese Zahl der “unique user” auf den Monat hochgerechnet ist und auf den Tag zurückgerechnet lediglich rund 14.000 Leser bedeutet, wäre fast niemandem aufgefallen. 14.000 Leser täglich. Es gibt private Blogger, die diese Zahlen um Längen schlagen.

Die Faszination des Unbegreiflichen

Von Peter Althaus

Es ist nicht einfach nur traurig, was auf das Papier gedruckt wurde. Es ist peinlich und teilweise sensationslüstern. Thüringen und Sachsen-Anhalt blieben nicht verschont von schlechter Berichterstattung zu dem Bombenattentat in der norwegischen Hauptstadt Oslo und dem anschließenden Massaker auf der Insel Utoya. Der Attentäter wurde dabei stilisiert, genau wie er das minutiös geplant hatte. Und dann kam es auch noch zu einigen schaurigen Fehlern.

Der geneigte Leser der Weimarer Ausgabe der Thüringischen Landeszeitung war sicher etwas schockiert über die Titelseite seiner Hauszeitung am Sonnabend:

(more…)

Bruno Pardon: “Opfer” der “Konterrevolution” 1989?

In der heutigen Ausgabe der Thüringischen Landeszeitung fand sich folgende Todesanzeige:

Verfasser dieser Anzeige ist wahrscheinlich ein ehemaliges Mitglied der WASG und jetzigen Linkspartei, der Diplom-Ingenieur, Dr. Michael Pardon.

Der erklärt auf telefonische Anfrage der THÜRINGER BLOGZENTRALE, dass sein Bruder, Bruno Pardon, in den turbulenten Jahren der Wende in einem Wäldchen am Jenaer Landgrafen erhängt aufgefunden worden sei. Er hätte sich zuvor in einer nahgelegenen (vermutlich psychiatrischen) Klinik in Behandlung befunden und hätte bedrückt gewirkt und über Mobbing geklagt. Dr. Pardon berichtet, dass an der Tür seines Bruders, der als “Oberbauleiter” im “Verkehrstiefbaukombinat” Jena tätig war die Worte “Wir kriegen Euch alle. Kommunisten hängen” gestanden hätte.

Pardon klagt außerdem, dass sein ursprünglicher Text in der Thüringischen Landeszeitung nicht im originalen Wortlaut erscheinen durfte. Statt “Verderber” hätte dort eigentlich “Ratten” stehen sollen.

Bewußt provozierend wollte Michael Pardon mit seiner Anzeige in Thüringer Tageszeitungen eine Debatte über die “wirkliche” Friedlichkeit der “Friedlichen Revolution” in Gang setzen.

Die Anzeige scheint tatsächlich auf erhebliches Interesse zu stoßen. Rund 500 Leser haben allein diesen Beitrag hier in der THÜRINGER BLOGZENTRALE seit gestern aufgerufen.

Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal

Von Sven


Die THÜRINGER ALLGEMEINE hat eine Recherche-Webseite aufgesetzt. Mit Hilfe der Leser will man hier ein bißchen Wikileaks spielen und investigativen Journalismus liefern. Tatsächlich ist das Portal gefährlich für echte Whistleblower. Strafverfolgungsbehörden hätten im Zweifelsfall Zugriff auf die Daten.

Als ich noch sehr jung war, habe ich ein paar ziemlich spannende Filme gesehen. “Die Unbestechlichen” hieß einer, “Network” ein anderer. Ich wollte damals unbedingt Journalist werden. Später habe ich dann solche Filme gesehen wie “Insider”, “Good Night and Good Luck” oder “Frost/Nixon“. Mehrmals.

Ich wollte so sein wie diese Journalisten im Film. Mutige Männer und Frauen, die sich der Arroganz der Macht entgegenstellen und sie mit Intelligenz, Fleiß und Witz in aller Öffentlichkeit anprangern.

Die Wirklichkeit des Thüringer Lokaljournalismus sieht leider anders aus. Wer hier Journalist werden will, braucht ein dickes Fell und ziemlich viel Geduld. Er muss, in irgendeiner Berliner Zentrale vorformulierte Scheinneuigkeiten für den regionalen Leser neu arrangieren. In Karnickelzüchtervereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr und auf Schützenfesten präsent sein. Muss Ortsbauernführer beim Händeschütteln fotografieren und in Kneipenhinterzimmern “wichtige Kontakte” knüpfen. Muss Pressemeldungen neu arrangieren, dass sie wie Meldungen aussehen und er muss damit leben, dass seine Chefs mit den Politikern, die sie kritisieren sollen, eng befreundet sind.

Der Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen, Klaus Schrotthofer, war zum Beispiel mal Regierungssprecher für den SPD-Bundespräsidenten Johannes Rau. Auch der Chef Schrotthofers, Bodo Hombach, ist SPD-Politiker. Der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, zu der die Zeitungsgruppe Thüringen gehört, war 1998 kurzzeitig Minister in Nordrhein-Westfalen und von 1998 bis 1999 Chef des Bundeskanzleramtes in der ersten Regierung Gehrhard Schröder und hat zusammen mit dem heutigen SPD-Wirtschaftsminister von Thüringen, Matthias Machnig, den SPD-Wahlkampf von 1998 geleitet.

Die Thüringer Zeitungen können es sich nicht leisten, ihren großen Anzeigenkunden mit investigativem Journalismus auf den Leib zu rücken oder wesentliche Politiker mit unbequemen Nachfragen oder Recherchen zu beunruhigen. Die Blätter der Zeitungsgruppe Thüringen sind – mit sehr wenigen rühmlichen Ausnahmen – überwiegend Verlautbarungsorgane der Landesregierung und der thüringischen Wirtschaft. Man kennt sich, man mag sich, man braucht sich:

Wie diese Art von “Journalismus” funktioniert, haben Edward Herman and Noam Chomsky in ihrem Buch “Manufacturing Consent – The Political Economy of the Mass Media” bereits 1988 gut beschrieben:

    “Private Medienhäuser sind Großunternehmen, die ein Produkt (Leser und Publikum) an andere Unternehmen (Werbetreibende) verkaufen. Die nationalen Medien zielen vor allem auf die gesellschaftliche Elite, Gruppen, die – auf der einen Seite – ein optimales “Profil” für Werbebemühungen aufweisen und – auf der anderen Seite – eine wesentliche Rolle in der Entscheidungsfindung der privaten und öffentlichen Meinung bilden. Die Medien würden natürlich den Bedürfnissen des Elitenpublikums nicht entsprechen, wenn sie nicht ein in gewisser Weise tolerabel-realistisches Bild der Welt präsentieren würden. Aber ihr “gesellschaftlicher Auftrag” verlangt auch, dass die Interpretation der Welt durch die Medien die Interessen der Verkäufer, Käufer sowie der Regierung und privater Institutionen widerspiegeln, die von diesen Gruppen dominiert werden.”

    “In essence, the private media are major corporations selling a product (readers and audiences) to other businesses (advertisers). The national media typically target and serve elite opinion, groups that, on the one hand, provide an optimal ‘profile’ for advertising purposes, and, on the other hand, play a role in decision-making in the private and public spheres. The national media would be failing to meet their elite audiences’ needs if they did not present a tolerably realistic portrayal of the world. But their ‘societal purpose’ also requires that the media’s interpretation of the world reflect the interests and concerns of the sellers, buyers, and the governmental and private institutions dominated by these groups.” (S.303)

In dieser Gemengelage will die Thüringer Allgemeine nun etwas ganz neues wagen. Eine Qualitätsoffensive. In Zukunft soll recherchiert werden. Hierzu wurden eigens Experten aus dem Westen eingeladen, die den Kollegen vor Ort den Journalismus beibringen sollen. Unter www.ta-recherche.de wird außerdem ein Rechercheportal vorgestellt, auf dem die Leser anonym Hintergrundinformationen an die Thüringer Allgemeine liefern können. Man schreibt:

    “Die Thüringer Allgemeine lebt von Reportagen, Nachrichten, Geschichten und Berichten. Vieles, über das wir aus den Gemeinden, ihren Städten und Kreisen schreiben, haben Sie uns selbst erzählt.
    Doch in einer spannenden Tageszeitung steht mehr. Dafür recherchieren wir hinter den Kulissen, den politischen Fassaden. Nur so können wir schreiben, was nicht gesagt wurde. Dabei treffen wir leider auch auf Schlamperei, auf Korruption, Amtsmissbrauch, Ignoranz bei Behörden oder Bereicherung. Das Ziel einer Zeitung ist es, auch darüber zu berichten. Um solche Fälle aufdecken können, benötigen wir Ihre Hilfe. Schreiben Sie uns oder rufen Sie an, wenn ihnen Ereignisse oder Vorgänge bekannt geworden sind, bei denen Sie vermuten, dass nicht alles korrekt gelaufen ist, dass Schlamperei im Spiel ist oder Menschen übervorteilt werden. Wenn immer Sie es wünschen, bleiben ihre Hinweise anonym. Das Presserecht schützt uns und Sie.”

Man kann auf diesem Rechercheportal Dateien hochladen und Nachrichten verfassen. Darüber hinaus empfiehlt man, Emails mit Einmal-Emialdiensten an die Redaktion schicken. Vorgeschlagen wird hier unter anderem: 10minutemial. Dieser Dienst ist jedoch nur für den Empfang und nicht für die Versendung von Emails gedacht, ist für den Zweck des Rechercheportals also ungeeignet. Ebenfalls empfohlen wird “sofort-mail.de”. Dieser Dienst warnt auf seiner Webseite aber vor sich selbst. (Siehe unten)

Unklar bleibt, ob die von der Recherche-Webseite übermittelten Daten tatsächlich so anonym bleiben wie beschrieben. Die Thüringer Allgemeine behauptet jedenfalls:


    “Es wird nichts weiter übermittelt als Ihr Text und auch der wird verschlüsselt übermittelt und verschlüsselt gespeichert. Es werden keine Verbindungsdaten gespeichert. Wir können Ihren Rechner nicht erkennen.”

In aller Regel erfassen die Server auf denen Webseiten liegen auch die Zugriffe inklusive der Rechner-IP. Die ließen sich dann zumindest zeitlich auch der Nachricht zuordnen. Gehostet wird die Webseite offenbar von einem privaten Hostingservice in den Niederlanden und nicht von einem Server der Thüringer Allgemeinen. Auch das könnte ein Sicherheitsrisiko darstellen. Muss aber nicht.

Alles in allem stellt dieses Rechercheportal wohl nichts anderes als eine leere Versprechung dar. Nach einem ersten großen Interesse dürfte die Euphorie schnell abflauen, da die einlaufenden Informationen eben am Ende doch aufwendig nachrecherchiert und vor allem veröffentlicht werden müssten. Das eine kostet jedoch eine ganze Menge Geld und das andere ist oft nicht gewollt.

Ungeachtet der guten Ansätze bleibt doch wohl alles wie es war im schönen Bundesland Thüringen. Einem Land, in dem sich Fuchs, Hase, Unternehmer, Politiker und Journalist liebevoll Gute Nacht sagen.

Was ich hier in diesem Blog mache, ist natürlich kein Journalismus. Ich bin kein Journalist geworden, sondern Blogger. Aber als Konsument will ich richtigen Journalismus. Ich will die mutige Aufdeckung, Diskussion und Beseitigung von Mißständen, Machtmißbrauch und Meinungshoheit. Ich selbst habe leider keine Zeit für eine lange Recherche und kein Geld für mögliche gerichtliche Auseinandersetzungen. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Aber ich bin der Ansicht, dass es richtigen Journalismus in Thüringen geben muss. Und ich denke, dass das die Mitarbeiter der Zeitungsgruppe Thüringen auch so sehen.

Aber in der Thüringer Allgemeinen wird man richtigen Journalismus dennoch nicht finden. Denn es gibt keinen richtigen Journalismus im falschen.

Rainald Becker: “ARD-Terrorexperte”

Von Neidhart von Schwarzburg

Das Attentat von Oslo und der Amoklauf und Utøya waren Katastrophen absurden Ausmaßes. “Terrorexperten” aus aller Welt haben einander hierzu in grotesken Mutmaßungen übertroffen. Ganz vorn dabei war der stellvertretende Chefredakteur im ARD-Hauptstadtstudio, Rainald Becker. Das ist ein Mann, der die Ansicht vertritt, dass Totalüberwachung wie in den USA das einzig probate Mittel in der Auseinandersetzung mit Terroristen ist:

Und dieser Mann wurde zu den Anschlägen von Oslo und Utøya befragt. Seine erste Reaktion: Es handelt sich wohlmöglich um einen “islamistischen Hintergrund” – auch wenn er da schon wußte, dass der Täter offenbar ein Norweger war (Bitte die eingeschobenen schriftlichen Kommentare des Videos ignorieren!):

Als klar wurde, dass wohl in Oslo wie auch in Utøya ein norwegischer, rechtsradikaler, katholischer Christ am Werk war, der sich als Vollender der Ziele des Templerordens in einem neuen Kreuzzug sieht, passte Rainald Becker seine Argumentation dergestalt an, dass es sich nunmehr wohl um einen “sich selbst radikalisierenden Einzeltäter” gehandelt haben musste, der sich über “Computerkriegsspiele im Internet” auf seine Tat vorbereitete. Beckers Schluss hat sich auch unter anderen Voraussetzungen nicht geändert: Das Internet müsse stärker überwacht und dafür notfalls einige Gesetze geändert werden. Er stimmt mit dieser Ansicht fast wortwörtlich mit dem Leiter des österreichischen Bundesverfassungsschutzes überein:

Nun ja, vielleicht sollten tatsächlich ein paar Gesetze geändert werden. Und zwar Mediengesetze. Dahingehend, dass “ARD-Terrorexperten” ein Journalismusstudium nachweisen müssen. Und zwar wenn möglich nicht an PR-Kaderschmieden der Katholischen Kirche. An einer solchen war Rainald Becker nämlich. Im Anschluss an sein Studium der Sozialwissenschaft, Politik und Katholischen Theologie besuchte er das “Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp)“, das sich ausschließlich an katholische Bewerber richtet.

Vielleicht ist mit richtigen Journalisten dann auch eine ausgewogene Berichterstattung und Kommentierung möglich.

Was ist eigentlich Journalismus?

Von Sven

Zu dieser Frage, die hier im Titel steht, soll ich am kommenden Dienstag, ab 18 Uhr im Augustinerkloster in Erfurt etwas sagen. Auf einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD). Ebenfalls auf dem Podium sitzt – neben drei anderen berufenen Herren – auch Klaus Schrotthofer, der Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen, die Thüringens reichweitenstärksten Druckerzeugnisse herausgibt. Nicht nur die Thüringische Landeszeitung, die Thüringer Allgemeine und die Ostthüringer Zeitung, sondern auch den Allgemeinen Anzeiger, ein Werbeblättchen, das kostenlos an nahezu alle Thüringer Haushalte verteilt wird.

Was soll ich dazu sagen?

Ist die Veröffentlichung von Werbung, Pressemitteilungen, Agenturmeldungen und Fotos bäumepflanzender und händeschüttelnder Bürgermeister Journalismus?

Was wird Schrotthofer sagen? Wird er die Beschreibung des Deutschen Journalistenverbandes zurate ziehen, die Journalismus als die hauptberufliche Beteiligung an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien definiert?

Soll ich Schrotthofer darauf hinweisen, dass sich die hauptberufliche Arbeit für Massenmedien nicht jeder leisten kann? Weder zeitlich, noch finanziell. Und dass damit im Grunde das allgemeine demokratische Recht eines jeden Bundesbürgers ad absurdum geführt ist ,„seine Meinung in Schrift, Wort und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.“? Was hat dieses Recht für einen Wert, wenn Schrift, Wort und Bild keinen Betrachter erreichen? Und was hat dieses Recht für einen Wert, wenn man es sich kaufen kann?

Fakt ist: In den letzten 3 Jahrhunderten waren Männer wie Schrotthofer, die festgelegt haben, wer seine Meinung in Massenmedien veröffentlichen darf, sehr sehr mächtig. Für diese Funktion haben sie sehr viel Geld und sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Mit dem Internet können nun plötzlich Krethi und Plethi ihre mehr oder weniger durchdachten Ansichten ungefiltert in die Welt blasen und ihnen steht damit potentiell ein Publikum von immerhin 70-80% der deutschen Bevölkerung zur Verfügung: Etwa 65 Millionen Menschen.

Mit den Informationsströmen haben sich auch die Publikums- und damit letztendlich die Geldströme grundlegend verändert. Zeitungen und Zeitschriften verlieren Auflage und Einfluss. Ihnen gehen das Geld und gute Mitarbeiter aus. Um die Zeitungen zu füllen und wieder Geld in die Kassen zu bekommen, werden Pressemeldungen und “Verlagssonderveröffentlichungen” abgedruckt. Kritischen Journalismus kann sich keine Zeitung mehr leisten. Kritik bedeutet Einbußen bei Werbeaufträgen und das Ausbleiben von Hindergrundinformationen durch Politiker und Witschaftsbosse. Der Lokaljournalismus in Thüringen kann seinen gesellschaftlichen Auftrag unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen – unübersehbar – nicht mehr erfüllen.

Aber was ist denn der Auftrag des Lokaljournalisten?

Der Auftrag eines jeden Intellektuellen! Michael Kunczik beschreibt diesen in seinem Buch “Public Relations” so:

Kritik liest man in den Blättern der Zeitungsgruppe Thüringen äußerst selten, dafür umso mehr PR. Klickt man heute den Internetauftritt der TLZ an, liest man als Headline der Rubrik Politik eine Pressemeldung der Landesregierung. Und was steht in dieser Meldung noch:

    Der Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM), Jochen Fasco, begrüßte das Konzept (Konzept für Medienkompetenz der Thüringer Landesregierung, Anm. d. Red.). “Wir müssen einen einheitlichen Wissensstandard vermitteln, sowohl für junge als auch alte Menschen”, sagte er. Auch die Qualitätskontrolle für private Anbieter sei richtig, denn “nicht jeder, der mit einer Kamera herumrennt, ist auch zu medienpädagogischer Arbeit imstande”.

Man muss sich das gar nicht ausdenken. Das ist real. Und selbstverständlich findet sich diese spannende Meldung auch auf den Seiten der Thüringer Allgemeinen und der Ostthüringer Zeitung. Bezogen werden diese vom zentralen Berliner Pressedienst dapd.

Was hat das noch mit Journalismus zu tun? Was mit kritischer Distanz? Was mit Skepsis gegenüber den “Lebenslügen von Konventionen” und der realen Macht ihrer Großgestalten Staat oder Wirtschaft?

Die Friedrich-Ebert-Stiftung will am kommenden Dienstag in Erfurt wissen:

    Was nun sind aktuelle Trends der Medienlandschaft in Deutschland und Thüringen? Welche Geschäftsmodelle sind zukunftsfähig? Welche Standards gelten für den Journalismus in der Informationsgesellschaft? Und was sollte der Öffentlichkeit die sog. „vierte Gewalt“ der Demokratie Wert sein?

Meine Spannung auf die Antworten der Vertreter von Politik und Medienwirtschaft hält sich in Grenzen.