Archive for December, 2011

Ein paar letzte Worte über eine Liebe

Von Sven

Ich werde jetzt Schluss machen.

Ich denke, dass man sich trennen sollte, wenn man sich so auseinandergelebt hat wie wir. Das mit uns hat ziemlich ja ziemlich leidenschaftlich begonnen. Und wie das so bei Leidenschaften ist, sie gehen irgendwann vorbei. Und dann ist man enttäuscht. Die Liebe erkaltet. Und man kann nicht verstehen, was man in dem anderen eigentlich gesehen hat.

In Dir sah ich eigentlich immer nur Deine Vergangenheit. Die war so rebellisch. Du warst so authentisch. So liebenswert. So chaotisch und unberechenbar. Aber immer warmherzig und vielleicht ein bißchen kauzig.

Ja, ich habe Dich geliebt.

Oder … naja … dieses Bild, das Du und andere von Dir verbreiteten. Klar war ich auch ein bißchen gebauchpinselt, dass Du auf meine Liebe gleich mit ebenso heftiger Gegenliebe geantwortet hast. Aber Du hast mich auch ausgesaugt. Mir meine letzten Kräfte geraubt. Du hast viel genommen und wenig gegeben.

Und je länger ich mit Dir zusammen war, desto besser habe ich in Deine Facetten schauen können. Und da, wo früher Natürlichkeit und Spontaneität waren, steht heute ein festgezurrtes Grinsen hinter einer dicken Schicht von Schminke. Klar, Du kannst nichts für Dein Alter. Du kannst nichts für die physischen Veränderungen, denen Du zwangsläufig unterworfen bist. Aber Du hast mit Deinem Alter und Deinem Äußeren auch Deinen Charakter verändert.

Die Freunde, mit denen Du Dich jetzt umgibst, sind nicht mehr meine Freunde. Sie sind wohlhabend und einflussreich. Und deshalb willst Du auch wohlhabend und einflussreich sein. Aber das hat einen Preis. Diese neuen Freunde hast Du, weil Du früher frisch und spontan warst und viele Menschen Dich mochten und den matten Abglanz Deiner Vergangenheit – den Du fleißig beschwörst – noch immer mögen. Früher trugst Du Jesuslatschen, Cordhosen und einen viel zu großen Strickpullover, der ganz wunderbar zu Deinen langen rotblonden Haaren passte. Heute trägst Du Gucci und Armani. Fährst Audi oder Lexus. Spielst mit iPad und iPhone. Und das, was Dir früher wichtig war, wischst Du heute mit der Begründung der “Alternativlosgkeit” und “Machbarkeit” vom Tisch.

Du hast früher jedem zugehört. Dem Clochard an der Ecke wie der Oma im Seniorenstift. Du hast Sitzdemos und Laufdemos gemacht. Du hast immer ganz vorn gestanden. Und wenn “sie” Dich vereinnahmen wollten, hast Du sie ausgelacht.

Diese Zeiten sind vorbei.

Du gehörst jetzt dazu. Du hast damals schon dazugehört, als wir zusammenkamen. Aber das hatte ich damals noch nicht verstanden. Klar, Du hast schon damals als wir uns kennelernten komische Ansichten gehabt. Aber Du hast ein überzeugendes rhetorisches Talent. Ich habe Dir vieles abgenommen, Dich verteidigt und Dir blind geglaubt, weil ich Dich liebte. Ich habe mich damit zum Deppen gemacht und meine eigenen Standards unterschritten. Und dann, als es fast vorbei war und ich immer weniger Lust hatte, Dich anzurufen, weil Du eh nie zurückgerufen hast, sondern immer ganz beschäftigt mit Deinen teuren Freunden tatest, hab ich noch einen letzten Versuch gemacht. Ich wollte Dich testen, Dich provozieren. Ich gebe es zu. Ich wollte sehen, wieviel von Deinem alten Ich noch in Dir steckte. Und zuerst hast Du reagiert. Warst neugierig und interessiert. Wir haben doch mal wieder was zusammen gemacht. Doch mal wieder lange gesessen und gequatscht und ich fühlte mich Dir ziemlich nah.

Aber dann war da dieser Tag.

Ich dachte unsere Liebe wäre groß genug gewesen auch Streit auszuhalten. Auch den Streit vor anderen. Aber das war einmal. Jetzt – wo Du aussiehst wie eine Hamburger Verlegerwitwe – ist Dir Deine Außenwirkung einfach viel zu wichtig. Früher, als Du so frei warst wie die Freiheit auf dem Delacroix-Gemälde, waren Dir die anderen egal. Wichtig war, dass Du echt warst und dass der andere echt sein durfte. Und dann konnte diskutiert werden bis der Morgen graute. Heute hast Du einfach keine Zeit mehr dazu. Und die Macht, jede Diskussion einfach im Keim zu ersticken.

Du hast dabei eines vergessen: Das ewig fließende Gespräch ist die Quelle der Liebe.

Du hast diese Quelle versiegen lassen. Und damit vertrocknete meine Liebe wie ein ungegossenes Immergrün in einem grauen Stadtratsbüro in den Sommerferien. Ich habe sie noch ein bißchen stehen lassen. Vielleicht aus Faulheit. Vielleicht aus Nostalgie. Aber ich werde sie jetzt wegräumen und Platz für eine neue machen. Du wirst sicher nicht sehr traurig sein.

Aber ich wünsche Dir alles Gute. Du hast mir viel bedeutet. Ich werde Dich nie vergessen. Und auch nicht die Zeit mit Dir. Leb wohl.
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Der Autor des Beitrags war von 2005 bis zum 31.12.2011 Mitglied von Bündnis90/Die Grünen und Delegierter verschiedener Bundes- und Landesparteitage sowie Sprecher und Geschäftsführer eines kleinen ostdeutschen Kreisverbandes.

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Geschichten erzählen von Freude und Fleiß

Offener Brief gegen Kriminalisierung Lothar Königs

Folgend ein Protestbrief, der von mehr als hundert Bürgern aus der ganzen Bundesrepublik unterschrieben worden ist. Unter den Unterzeichnern finden sich nicht nur zahlreiche Bürgerrechtler aus der ehemaligen DDR, die Lothar König seit vielen Jahren kennen, sondern auch Bundes- und Landtagsabgeordnete, wie Astrid Rothe-Beinlich, Sebastian Krumbiegel, Stephan Krawczyk o. Arnulf Rating, die die Anschuldigungen völlig absurd finden.

Sie fordern die sächsischen Behörden auf, ihre Verfolgungswut gegen mündige Bürger und insbesondere das Ermittlungsverfahren gegen Lothar König zu beenden und sich stattdessen mit den tatsächlichen Feinden der Demokratie zu beschäftigen.

Unser Freund Lothar König, Jugendpfarrer in Jena und derzeitiger Vater der traditionsreichen Offenen Arbeit in der Jungen Gemeinde Stadtmitte – eine der Wiegen der DDR-Opposition – wird von der Dresdner Staatsanwaltschaft verklagt. Nachdem man es vorher bereits erfolglos mit dem Paragraphen 129 – kriminelle Vereinigung – probierte, wird nun die Beteiligung an einer Demonstration gegen Neonazis in Dresden zu einem neuen Versuch benutzt, Lothar König und die Offene Arbeit zu kriminalisieren. Diesmal hat man den Paragraphen 125, Landfriedensbruch, „angezogen“ (wie man in der DDR gesagt hätte). Zu diesem Zweck wurde ein junger Chemnitzer als Kronzeuge gepresst, der sowohl bestätigt, dass er sich von Ansagen aus dem Lautsprecherwagen der Jenenser zur Gewalt aufgerufen fühlte als auch angibt, dass er sich vor verfolgenden Polizisten in diesem Lautsprecherwagen versteckt hätte. Nachdem bereits im August sächsische Polizeibeamte in Thüringen die Jenenser Dienst- und Privaträume Lothar Königs durchsucht hatten und unter anderem der Lautsprecherwagen beschlagnahmt worden war, wird nun über den sächsischen Innenausschuss von der Staatsanwaltschaft die Nachricht über das neue Verfahren publik gemacht.

Das geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem sich thüringische und sächsische Behördenvertreter die Verantwortung für jahrelange Verschleppung der Ermittlungen und Verfahren gegen hetzende und mordende Neonazis zuzuschieben versuchen. Statt lokale und überregionale Initiativen gegen Neonazis zu bejahen und zu fördern, versuchen sie diese zur Verschwörung zu erklären und zu diesem Zweck einen “Rädelsführer” zu konstruieren.

Demokratie ist nur aufrecht zu erhalten durch die tätige Teilnahme aller am Meinungsbildungsprozess. Das tut auch der Pfarrer Lothar König. Wo das funktioniert, finden Feinde der Demokratie nicht das Publikum, das sie brauchen – enttäuschte, ins Abseits gedrängte Leute. Es ist allerdings eine alte Tradition, dass Behörden solche Einmischung der Bürger und Bürgerinnen in die eigenen Angelegenheiten als Angriff auf ihre Macht empfinden und bekämpfen.

Wir fordern die sächsischen Behörden auf, ihre Verfolgungswut gegen mündige Bürger und insbesondere das Ermittlungsverfahren gegen Lothar König zu beenden und sich stattdessen mit den tatsächlichen Feinden der Demokratie zu beschäftigen. Wir fordern die thüringischen Behörden auf, sich gegen die Übergriffe von sächsischer Staatsanwaltschaft und Polizei zu wehren. Wir solidarisieren uns mit Lothar König, den wir schon aus DDR-Zeiten als treuen und ehrlichen Gefährten der Demokratiebewegung kennen.
Berlin, 16.12.2011

Wolfgang Rüddenklau, Frank Ebert, Klaus Wolfram, Hans-Jürgen Buntrock, Peter Rösch, Uwe Dähn, Michael Heinisch, Anett Gröschner, Silke und Henry Leide, Till Böttcher, Rolf Schaelike, Dirk Teschner, Katrin Vogel, Heinz Havemeister, Frank Willmann, Stephan Krawczyk, Bernd Gehrke, Holger Kulick, Uta Ihlow,
Fabian Kukutz, Jürgen Schneider, Dr. Klaus Lederer, Silke Ahrens, Dr. Renate Hürtgen, Sebastian Krumbiegel, Thomas Grund, Wolfgang Musigmann, Doris Liebermann, Erhard Weinholz, Dr. Thomas Klein, Tina Krone, Isa-Lorena Messer, Reinhard Schult, Prof. Thomas Heise, Gerd Adloff, Arno Polzin, Gullymoy S. Geißler, Judith Braband,Katrin Framke, Uwe Lehmann, Astrid Rothe-Beinlich, Katrin Eigenfeld, Arnulf Rating, Sebastian Gerhardt, Werner Richter, Christopher Dehn, Matthias Weiß, Steffen Steinbacher, Hauke Benner, Silvia Müller, Andreas Schmidt, Prof. Dr.-Ing. Reinhard Schramm, Anette Leo, Malte Daniljuk, Christoph Hering, Kerstin Gierke, Bernd Wagner, Gisela und Hans-Peter Freimark, Christian Semler, Redaktion telegraph, Dietmar Wolf, Claudia Roth, Eva Quistorp, Uwe Kulisch, Stefan Ret, Annekatrin Klepsch, Barbara Henniger, Heinfried Henniger, Christoph Sauter, Annett Freier, Rolf Walter, Christiane Schidek,Katharina Harich, Dr. Antje Meurers, Harry Ewert, Benno Plassmann, Dr. Henning Pietzsch, Dietmar Waldschmidt-Miehlke, Dolores Kummer, Anne Seeck, Alexandra Kendelbacher, Dirk Moldt, Bert Schlegel, Reinhard Weißhuhn, Norbert Lötzsch, Christian Duschek Spinne, Pfarrer Dr. Bernd Albani, Manuela Albani, Joachim Goertz, Dr. Wilhelm Knabe, Birgit Voigt, Sabine Börner-Grimm,
Dagmar Vieth, OKR i.R. Ludwig Große, Martin Klähn, Wolfram Hülsemann, Klaus Lemmnitz, Carsten Hahn, Klaus Hoelzle, Barbara Morgenroth, Jörg Zickler, Christoph Links, Evelyn Zupke, Gunther Begenau, Hugo Velarde, Robert Mießner, Tone Avenstroup, Andreas Graf, Michael Kreyenborg, Wolfgang Nossen

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