Archive for January, 2012

Alain de Botton will Atheistenkirche bauen: Ich bin dabei

Von Neidhart von Schwarzburg

Ich bin Atheist. Mindestens in der 3. Generation … und ich wollte Pfarrer werden, solange ich denken kann. Es ist ein wirklich doofes Gefühl. Ich liebe Kirchen und Klöster. Michelangelo und Raffael. Bach und das Miserere von Gregorio Allegri. Ich finde die Bergpredigt im Neuen Testament richtig und unbedingt lehrenswert. Zu den Menschen, die ich am meisten verehre, gehören Pfarrer und Kirchenmitglieder. Ich brauche Vertrauen und das Wissen um Bedeutenderes als mich und die Menschen um mich herum. Ich gehe gern in Gottesdienste und liebe das Orgelspiel und den gemeinsamen Gesang und das Gebet. Das Teilen von Ängsten und die gemeinsame Versicherung eines Grundvertrauens in die Richtigkeit der Ordnung der Welt geben mir Geborgenheit und ein Gefühl von Wärme und Sicherheit.

Aber es gibt nun mal keine Götter. Und der Glaube an Götter ist die Wurzel der größten Verbrechen der Menschheit.

Will ich mit meinen weltanschaulichen Ansichten und Bedürfnissen nicht allein sein, bleiben deshalb nur zwei Optionen. Entweder, ich lebe mit einer Maske unter den Gläubigen (einem Großteil wird es wie mir gehen) und versuche mich anzupassen und einen großen Teil des inhaltlichen Unfugs einfach zu überhören, der in Kirchen verbreitet wird.

Oder aber ich versuche, mich einer der atheistischen Organisationen in Deutschland anzuschließen. Leider bestehen die deutschen Atheistverbände überwiegend aus Religionshassern oder lehnen zumindest jeden Anflug von Religiosität in ihren Organisationen und ihrem Leben ab. Stattdessen wird ein recht simplizistischer Szientismus verbreitet und kultisch betrieben, bei dem es überwiegend um eine kritiklose Befürwortung wissenschaftlicher Forschung im Allgemeinen und eine peinliche Darwinverehrung im Besonderen geht.

Nun will ich aber weder das eine, noch das andere.
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Lokalpolitiker im Internet: Thüringer Kommunalwahlkampf 2012

Von Sebastian Großert

Eigentlich sollte hier ein schöner Rant stehen, eine Tirade über Thüringer Politiker, die ihren Kommunalwahlkampf 2012 lieber nicht in diesem Internet führen. Doch der Rant muss ausfallen, lediglich ein paar Spitzen sind noch drin, denn bis in hinterste Winkel des grünen Herzens haben sich die politischen Möglichkeiten des WWW herumgesprochen.

Am 22. April 2012 werden viele Thüringer wieder wählen können, wenn sie es denn wollen: 16 Landräte, die Oberbürgermeister der sechs kreisfreien Städte und rund 120 Oberbürgermeister und Bürgermeister weiterer Kommunen werden neu bestimmt. Und sah es im Herbst 2011 so aus, als mache selbst das politische “Spitzenpersonal” bei dieser Wahl – die finanziell recht ordentlich bestallten Oberbürgermeister und Landräte (hier: die Einstufung der Wahlbeamten in die Besoldungsgruppen, hier: die Grundgehälter in diesen Besoldungsgruppen) sowie deren Herausforderer – um dieses Internet als Kommunikationsmedium mit dem Wähler lieber einen Bogen, sieht es inzwischen anders aus.
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Angela Merkel will gelenkte marktkonforme Demokratie

Warum verplappern sich Politiker eigentlich immer im Deutschlandfunk? Bundespräsident Horst Köhler mußte zurücktreten, weil er im Deutschlandfunk davon sprach, dass “militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, z.B. freie Handelswege”. Irgendwie wurde das Interview versendet. Vom Deutschlandfunk keine Reaktion. Auch sonst nicht viel. Erst im Internet kam dann langsam – etwas später – die Bombe hoch.

Schon im September wurden im Deutschlandfunk Ausschnitte einer Presskonferenz versendet. Dort antwortete Angela Merkel auf folgende Frage (auf den Seiten des Bundeskanzleramtes nachzulesen):

Frage: Frau Bundeskanzlerin, fürchten sie um die Schlagkraft des EFSF, wenn der Bundestag und alle anderen nationalen Parlamente in Europa demnächst bei allen wichtigen Entscheidungen vorab mitbestimmen wollen?

mit den Worten:

“Wir leben ja in einer Demokratie und sind auch froh darüber. Das ist eine parlamentarische Demokratie. Deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments. Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den Märkten die entsprechenden Signale ergeben. Ich höre zum Beispiel von unseren Haushaltspolitikern, dass man sich dieser Verantwortung bewusst ist. Aber wir müssen in Europa einen Weg finden, obwohl wir mehrere Länder sind, trotzdem das Richtige zu tun. Dabei müssen die Regierungen und die europäischen Institutionen in Sachen Kommunikation zum Teil hinzulernen, und dabei müssen die Parlamente lernen. Aber ich sehe keinen Grund, warum die Parlamente schlechter als andere sein sollten.

Und erst langsam kommt so ein bißchen Unverständnis hoch. Die ersten waren wohl die nachdenkseiten. Dann kam der Freitag. Und jetzt der unbedingt lesenswerte Essay von Ingo Schulze in der Süddeutschen.

Vielleicht tritt ja bald eine Bundeskanzlerin zurück. Wegen eines Beitrages im Deutschlandfunk.

And no religion too!

Von Neidhart von Schwarzburg

Silvester-Skandal auf dem Times Square: Der Musiker Cee Lo Green sang eine veränderte Version von Lennons „Imagine“. Er ist nicht der erste. Amnesty International hatte die Textzeile einst einfach unterschlagen. Aber Green entstellte den Sinn des Liedes völlig. Statt “… and no religion too” sang er “… and all religion’s true”.

Bei der Silvester-Gala auf dem New Yorker Times-Square trat Cee Lo Green neben Lady Gaga und Justin Bieber auf. Kurz vor dem Jahresende konnten mehr als 2,3 Millionen TV-Zuschauer von “NBC’s New Year’s Eve with Carson Daly” live hören wie Green die letzte Zeile der Strophe des berühmten Liedes

Imagine there’s no countries ~ It isn’t hard to do ~ Nothing to kill or die for ~ And no religion too

kurzerhand in ein “… and all religion’s true” umwandelte.

Diese Änderung rief erheblichen Protest bei Fans und Atheisten hervor. Greens Twitter-Account wurde von einem ordentlichen Shitstorm überrollt. In Internet-Foren finden sich inzwischen diverse Reaktionen.

Andere bemerkten, dass Cee Lo die Zeile “Imagine no possessions” gekleidet in einen teuren Pelz mit goldener Uhr und Designerbrille sang.

Der Blogger Daniel Fincke argwöhnte, dass Cee-Loo seine Fans bald mit Passagen aus den Büchern von Christopher Hitchens’s “God Is Great: How Religion Fixes Everything” oder Richard Dawkins’s “The God Solution überraschen wird.

Cee Lo Green beschimpfte zunächst seine Fans für die Kritik, löschte die Beschimpfungen aber wieder und erklärte in einem – inzwischen ebenfalls gelöschten – Tweet dann folgendes:

‘Yo I meant no disrespect by changing the lyric guys! I was trying to say a world were u could believe what u wanted that’s all,’

Bereits vor vier Jahren startete Amnesty International eine Kampagne zur Rettung der Menschen von Darfur. Im Rahmen dieser Kampagne sangen viele bekannte Stars für ein Benefiz-Album Lieder von John Lennon. Unter anderem auch die Hymne der Atheisten: “Imagine”. Aus dem Lied, in dem es um Frieden und Freiheit und eine Welt ohne Kriege um Besitz und Religionen geht machte Amnesty International mit der Hilfe von Willie Nelson folgende Version: