Die deutsche Blogosphäre ist am Ende … und keinen interessiert’s

Von Neidhart von Schwarzburg

Kaum noch Interaktion zwischen Blogs, meist SEO, PR, Pressemeldungen und Spam überall. Facebook, Twitter und traditionelle Medienunter- nehmen übermächtig. Diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man zu einem beliebigen Thema das Internet befragt.

Die übliche Google-Suche listet zu aktuellen Themen zuerst meist News-Beiträge und Aggregatoren.

Auch wenn man tiefer und spezifischer sucht, bei Google-Blogsuche, Icerocket-Blogsuche oder Twitter-Search, die Suchergebnisse bestehen meist aus einem wüsten Gemisch aus Partei-Propaganda, Gadget-Werbung, Sex- und Jobangeboten.

Deutsche ehemalige Spitzenblogger sind inzwischen überwiegend zu SocialMediaExperten gegoren und verdingen sich bei Parteien und Unternehmen oder waren schon immer im Propagandageschäft und nutzen ihre quasi-journalistische Tätigkeit zur Selbstwerbung.

Große Debatten finden in der deutschen Blogopshäre praktisch nicht mehr statt. Falls doch irgendwo eine Diskussion hochkocht, wird sie sofort von etablierten Medien aufgregriffen und mit exzessiver Berichterstattung, Expertenbefragungen und Twitterschnipseln totgesendet.

Michael Stepper malt bei Philibuster den Teufel der Rückkehr zur alten Ordnung an die Wand. Seine Diagnose:


    “Während Blogger landauf, landab ihren einstigen Tatendrang langsam verlieren (weil a) nach wie vor kein funktionierendes Geschäftsmodell für ihr zeitintensives Hobby erkennbar wird und b) sie ihre Zeit, Gedanken und Inhalte laut Sascha Lobo lieber an die Social-Web-Mafia verschenken), schwänzelt die Mainstream-Journaille immer erfolgreicher um die Netzgemeinde herum. Besetzt nach und nach Themenbereiche, für die sich noch vor kurzem nur Blogs zu interessieren schienen.”

Im selben Ausmaß in dem jedoch professionelle bezahlte PR-Fachleute in das Internet eindringen und es mit irrelevanten Informationen zumüllen, läßt das Interesse der Blogger nach, sich weiter (füreinander) zu engagieren. Die Blogosphäre ist unübersichtlich geworden. Man fühlt sich wie ein Müllsucher im Jahrmarkt-Geschrei der I-follow-back-Experten.

Wer bei Social Collider nach dem Target “Thüringen” sucht, muss schier verzweifeln. Außer Linkspartei und Piraten, Sex, Jobs, Übernachtungsangeboten ist dort nichts zu finden:

Die zunehmende Professionalisierung durch Kommerzialisierung und Ideologisierung ist auch bei Blogpostaggregatoren zu beobachten. Dienste wie Rivva oder Ebuzzing, die eine Übersicht über die aktuell heiß diskutierten Themen verschaffen sollen, kommen nicht ohne Apple-Werbung und Einfach-Geld-von-Zuhause-verdienen-Seiten aus.

Steve Rückwardt kennt dagegen andere Gründe für die Blogmüdigkeit:

    Neid
    Link-Geiz
    Kommentar-Faulheit
    Rechtsunsicherheit

Das ist natürlich Quatsch. Neid oder Link-Geiz sind unnötig und ein guter Blogeintrag ist allemal einen Kommentar wert. Allein die Rechtsunsicherheit könnte so manchen von der Veröffentlichung einer kontroversen Meinung abhalten.

Dem entgegen stehen lautstarke Aufrufe “kleine geile Blogs” aufzumachen oder sich gegenseitig wieder stärker zu vernetzen.

Das nuf schreibt – einer Meinung mit Sascha Pallenberg:

    “Wir sollten uns wohl öfter gegenseitig erwähnen und Blogrolls wieder auferstehen lassen und so andere daran teilhaben lassen, was sie gerne lesen (deswegen ein Hoch auf Quote.fm!). Und damit bin ich sogar einer Meinung mit Herrn Pallenberg, der zur Beschreibung seiner re:publica Session geschrieben hat: “Anstatt sich staerker zu vernetzen und miteinander zu kooperieren, ist sie (die deutsche Blogosphäre) staerker denn je fragmentiert, kreist aber immer noch wunderbar um sich selbst.”

Das mit dem “öfter gegenseitig” erwähnen wird schwer, bei einer Überrepräsentanz von etablierten Massenmedien, die zusammen mit Facebook auch noch den letzten Rest Aufmerksamkeit fressen. Diese letzten verzweifelten Aufrufe verpuffen jedenfalls mit einem leisen ‘blobb’. Lediglich 3-4 Blogbeiträge zum Thema, das vor vier Jahren ganze Blogparaden provoziert hätte.

Die Blosophäre ist fragmentiert. Das sieht man beispielhaft auch an der Thüringer Blogosphäre, die sich zwar noch zu Barcamps oder auf Bürofluren trifft – aber eben nicht als Blogger, sondern als Mitarbeiter irgendeiner E-Commerce-Klitsche.

Zwei der bekanntesten Dystopien der Weltliteratur beschreiben den möglichen Einfluss der Massenmedien auf die Kontrolle der öffentlichen Meinung. Wenn man sich die Entwicklung der deutschen Blogosphäre im Internet so betrachtet, wäre das dann wohl ein 1:0 für Aldous Huxley:

So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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13 Responses to “Die deutsche Blogosphäre ist am Ende … und keinen interessiert’s

  1. Blogzentrale Says:

    [NEW BLOGPOST] Die deutsche Blogosphäre ist am Ende … und keinen interessiert's http://t.co/OAbB0MiH

  2. Thüringer Blogs Says:

    Die deutsche Blogosphäre ist am Ende … und keinen interessiert’s: Von Neidhart von Schwarzburg
    Kaum noch Interak… http://t.co/LCP6CRN4

  3. Steve Says:

    Wieso sind denn Neid und Link-Geiz Quatsch?

    Mir ging es in der Darlegung um die Tatsache, dass sich Autoren kleinerer Blogs von einem fehlenden Feedback und Resonanz demotivieren lassen und somit die Blogs nicht oder nur eingeschränkt weiter betreiben.

    Das Neid und Link-Geiz sowie auch Kommentarfaulheit an sich Quatsch sind, da stimme ich Dir zu. Das diese Punkte aber in der Realität für manchen Blogger Gründe sein mögen, warum man eben nicht mehr bloggt bzw. erst gar nicht damit anfängt sehe ich als gegeben an.

    Es geht beim Bloggen ja auch nicht ausschliesslich um “kontroverse Meinung”. Da gibt es doch auch nicht gänzlich andere Dinge, welche verbloggt werden.

  4. Neidhart von Schwarzburg Says:

    Soll ich ehrlich sein?

    ok. :o)

    Ich hab geschrieben, dass das Quatsch ist, um wenigstens EINEN richtigen Kommentar zu provozieren.

    Denn Du hast ja eigentlich recht.

    Blogger sind inzwischen in eine bräsige Konsumhaltung verfallen, die jeden überflüssigen Tastendruck zur Mammutaufgabe werden läßt.

    Ein Link oder gar ein Kommentar sind zuviel verlangt. Oft reicht es nicht einmal mehr für einen Tweet oder ein Facebook-Like.

    Versaut ist die Blogkultur jedenfalls durch den ganzen PR-Dreck, der das Netz überschwemmt… und der jetzt auch nicht mehr rausgeht …

  5. Steve Says:

    Womit wir wieder beider Schlussfrage meines Artikels wären… :)

  6. Neidhart von Schwarzburg Says:

    Du meinst:

    “Wie ändern wir sie bzw. warum haben wir sie bisher nicht geändert bzw. überhaupt eingeführt/uns angeeignet?”

    Ganz einfach: Das Angebot an Alternativen zu Blogs ist inzwischen derart groß und übermächtig, dass ihr Einfluss stetig nachgelassen hat.

    Damit hat auch die Hoffnung nachgelassen, mit der Bloggerei etwas verändern zu können.

    Jetzt bloggen nur noch die, die das wirklich wollen – oder eben die, die sich haben einreden lassen, dass man damit Geld verdienen könne …

    Also: Das Angebot an Infos im Internet ist zu groß und vor allem zu unübersichtlich. ÜBersichtlichkeit wird ja auch immer zerstört, indem sich Spammer in die Aggregatoren mischen.

    Am Ende gewinnen die, die am lautesten, längsten und häufigsten schreien auf allen Sinneskanälen Buzz erzeugen können.

    Die Blogopshäre stirbt, Medienimperien überleben. Bumm.

  7. Steve Says:

    Diese Ansicht teile ich nicht.

    Würde es doch bedeuten, dass “früher” alle nur gebloggt haben, die etwas verändern wollten. Die meisten Leute haben mAn nach angefangen zu bloggen aus Spass daran. Soetwas entwickelt sich natürlich, was auch legitim ist. Auch die Zeiten ändern sich. Dennoch ist der Spass mAn noch immer ein wichtiger Treiber für ein eigenes Blog!

    Und diesen Spass verliert man nicht, weil es noch andere Medien gibt. Man verliert ihn vllt. weil man eben keine oder nur magere Response hat und dadurch den Eindruck es interessiert niemanden.

    Das Blogs sterben glaube ich nicht. Blogs sind noch immer relevant und in meinem Augen teilweise auch relevanter als irgend ein “Standardmedium”. Diese Relevanz lässt sich nur eben nicht immer in klaren quantitativen Faktoren messen wie zB PIs.

    Wenn ein Themen-Blog “nur” 150 Leser im Monat hat, aber eben 150 Leser, die sich exakt für das Thema interessieren, diese miteinander interagieren etc. dann ist die Relevanz mAn bestätigt.

    Eine mögliche Vielfältigkeit wie sie Blogs bieten, können klassische Medien überhaupt nicht erfüllen, da sich dies nur bedingt bis gar nicht finanzieren lässt.

    Um mehr Leute zum Bloggen zu animieren bzw. bestehende Blogger zu motivieren müssen wir hierzulande endlich mal ein paar Dinge in den Griff bekommen. Mein Punkt 1 ist hier warscheinlich mit der Wichtigste. Einfach dem anderen Ertfolge gönnen, miteinander kooperieren, sich fördern und fordern… siehe auch hier

    Aber auch die Politik ist hier gefordert. Rechtssicherheit für diesen Bereich, so dass man als Blogger nicht ständig über etwaige rechtliche Belange nachdenken muss.

  8. StephanJ Says:

    *inderNasebohr*

  9. Neidhart von Schwarzburg Says:

    Steve, ich denke, der wichtigste Treiber für die Eröffnung eines Blogs ist:

    Gelesen werden.

    Sonst kannst Du auch in die Kneipe gehen.

    Aber Du hast sicher recht: Wer bloggen will bloggt.

    Problem ist nur: Die meisten Blogeinträge – auch die guten – verschwinden im digitalen Nirvana.

    Den Enfluss, den Blogs früher hatten, haben sie verloren. Bloggen ist wieder Hobby geworden.

    Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Ich sehe aber ein Problem darin, wenn diverse Propagandaexperten und Social-Media-Berater “Das Internet” und “Die Blogger” für sich in Anspruch nehmen, um diverse Botschaften zu verbreiten.

    Da wo früher Meinung Dialog und Informationszugewinn war – eben auch weil sich Diskussionen zu Massenbewegungen entwickelt haben – ist heute die öde Leere der inszenierten Debatten.

    Steve, Du schreibst:

    “Wenn ein Themen-Blog “nur” 150 Leser im Monat hat, aber eben 150 Leser, die sich exakt für das Thema interessieren, diese miteinander interagieren etc. dann ist die Relevanz mAn bestätigt.”

    Das ist doch genau das Problem. Es findet kaum noch INTERAKTION statt. Blogs sind zum Rezeptionsmedium geworden.

    Kommentare dienen nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern der Generierung weiterer Kommentare, die dann ein breites Interesse simulieren.

    Du schreibst weiter:

    “Eine mögliche Vielfältigkeit wie sie Blogs bieten, können klassische Medien überhaupt nicht erfüllen, da sich dies nur bedingt bis gar nicht finanzieren lässt.”

    Ein gutes Blog zu führen, läßt sich eigentlich auch nicht finanzieren.

    WAs ich in Deiner Argumentation allerdings nicht so recht verstehe, ist, was Du mit “Erfolge gönnen” meinst.

    Kannst Du irgendwelche Beispiele nennen, in denen einem Blogger der Erfolg nicht gegönnt wurde?

  10. Steve Says:

    Ein konkretes Bsp habe ich auf die Schnelle nicht (evtl. Lobo/Vodafone, sowas gibts aber auch in klein). Aber was ich meine, habe ich ja im verlinkten Artikel dargelegt.

    Sobald jmd. erfolgreich wird mit seinem Blog oder der Blogger eben offeriert, vom Bloggen leben zu wollen etc. gibt es schnell Debatten, dass man dies ja nicht dürfe und dadurch die “Bloggergemeinde” verrät etc pp.

    Dem Eingangsstatement Deines Kommentares kann ich so nicht zustimmen: wenn man nur schreibt um gelesen zu werden, halte ich dies für eine falsche Intention und ich glaube, dass es vielmehr ein Schreiben des Spasses/der Freude Willen ist und der (erhoffte) positive Nebeneffekt ist, gelesen zu werden.

    Verstehe ich Dich richtig, dass Du diesen Dialog hier zB als “Generierung weiterer Kommentare” bezeichnest um (bleibt die Frage welche Seite dies dann dAn tut) ein “breiteres Interesse zu simulieren”?

  11. Neidhart von Schwarzburg Says:

    Wenn Du von Sascha Lobos Vodafone-Experiment sprichst, dann hat das nicht viel mit “Erfolg” nicht “gönnen” zu tun.

    Und es es geht bei dieser Diskussion auch nicht um einen ideologischen Verrat an “der Bloggergemeinde”.

    Es geht um die Frage, ob erfolgreiche Publizisten ihre Fähigkeiten dazu einsetzen sollten, für Waren oder politische Ideen Werbung zu machen – oft ohne darüber zu informieren, dass sie dafür bezahlt wurden.

    Es geht bei dieser Diskussion darum – und genau das ist auch der Inhalt des obigen Blogeintrags – ob man ständig (Schleich)Werbung im Feedreader haben will oder nicht.

    “Vom Bloggen leben” kann man nicht, wenn man keine Werbung macht. Deshalb gibt es diese Debatten.

    Und das ist im Grunde auch das Dilemma der etablierten Medien. Sie müssen Werbung machen, um zu überleben. Das bedeutet aber, dass sie gleichzeitig die Umgebung der Werbung so ansprechend gestalten müssen, dass ihnen die Werbekunden nicht wieder abspringen.

    So wird unabhängiges Bloggen sehr sehr schwer.

    Zum zweiten Teil Deines Kommentars:

    Wenn ich etwas aufschreibe, will ich, dass es gelesen wird. Von möglichst vielen Leuten. Und ich will, dass ich darüber diskutieren kann, um etwas dazuzulernen. Gelesenwerden ist für mich kein “Nebenenffekt” des Bloggens, sondern der Haupteffekt. Dieser darf nicht zum Selbstzweck werden. D.h. alles – egal was – zu bloggen, um die Zahl der Leser zu erhöhen, das ist machen Spammer und SEOler, ich nicht.

    Und ich sehe unseren Dialog auch nicht als Kommentargenerator. Wenn, dann wäre er ja ziemlich erfolglos. :o)

    Online-Auftritte etablierter Medien arbeiten gern mit der Kommentarzahl. Teils werden anonyme Kommentare simuliert, um die Diskussion am Laufen zu halten und am Ende schreiben zu können, dass man tausend Kommentare oder Besucher hatte.

    Wenn ich blogge, dann weil mich etwas nervt und aufregt und weil ich wissen will, ob ich damit allein bin. Und falls jemand anderer Ansicht ist, wüßte ich gern, warum ich vielleicht falsch liege.

    Das Ziel ist bei mir immer Erkenntnisgewinn, da die bloße Kommentar- oder Besucherzahl mir nichts bringt. Ich werde dafür ja nicht bezahlt … im Gegensatz zu anderen Bloggern und Journalisten, die Klicks und Kommentare generieren müssen.

  12. Steve Says:

    Lobo/Vodafone war ja nur ein Bsp und ich finde schon, dass es sehr viel mit “nicht gönnen” zu tun hat(te).

    Wir kommen jetzt an einen Punkt, der hier schon mal (sehr ausgiebig) diskutiert wurde und dieses Thema mag ich nicht wieder eröffnen. Das Verständnis von “Schleichwerbung” oder Werbung überhaupt ist vielerorts unterschiedlich…

    Wenn man auch nur ansatzweise professionell bloggen möchte, also nicht unerheblich viel Zeit in Recherche und das Schreiben selbst steckt, so kommt man nicht drum herum, es zu monetarisieren. Dies ist per se doch auch überhaupt nichts Schlechtes. Der Blogger erbringt eine Leistung welche andere konsumieren und davon auch profitieren. Also warum diese Leistung nicht vergüten? Die Möglichkeiten dies zu tun sind natürlich vielfältig…

    zu Teil 2) Das dies für DICH zu trifft bedeutet ja nicht, dass es für alle so ist. Aber dies zu diskutieren ist wohl ehr endlos… :)

  13. heute ist Muttertag Says:

    Blogs hatten früher mal Einfluß? Auf wen oder was?