Archive for June, 2012

Where the hell is Matt 2012

… unter anderem an der Frauenkirche Dresden …

Brief der Redaktion der Thüringer Allgemeinen an ihren Chefredakteur Paul-Josef Raue

Sehr geehrter Herr Raue,

wir Redakteurinnen und Redakteure der Thüringer Allgemeinen beobachten die Entwicklung unserer Zeitung mit großer Sorge. Die Auflagenzahl sinkt ungebremst, die Abbestellungen befinden sich auf dramatischem Niveau. Offenbar brachten der Neustart der Zeitung mit anderem Layout und veränderter Seitenfolge sowie die versuchte Umorganisation der Redaktion nicht den von uns allen gewünschten Erfolg.

Im Gegenteil. Die Zeitung verliert in den Augen vieler Leser an Relevanz. Es mangelt zunehmend an spannenden Geschichten, exklusiven Nachrichten und gut lesbaren Autorenbeiträgen. Im Mantel findet sich ein hoher Anteil an Agenturbeiträgen. Der Thüringen-Teil lässt Brisanz vermissen. Die Aufmachung der Beiträge wirkt oft bieder. Ein Leseanreiz mittels innovativer, aber maßvoller Optik findet kaum statt.

Ihre Antwort kennen wir aus Ihren Ansprachen: Die Redakteurinnen und Redakteure tragen die Schuld. Sie seien ja dazu angehalten, spannende Geschichten zu produzieren und die Ausgaben zu gestalten – und scheiterten daran. Diesen Vorwurf haben Sie auch unseres Wissens des Öfteren außerhalb der Redaktion öffentlich geäußert. Damit führen Sie allerdings selber Ihre redaktionelle Verantwortung als Chefredakteur ad absurdum.

Jeder von uns muss seine Arbeit täglich kritisch überdenken. In einer Redaktion sollte es selbstverständlich sein, über die Qualität der Beiträge, die Themenfindung und die Aufmachung der Artikel ständig zu reden. Nur durch Kommunikation kann es zu Verbesserungen kommen, gerade durch den Austausch entstehen Ideen.

An dieser redaktionellen Kommunikation fehlt es. Sie wird geradezu unter Ihrer Leitung verhindert. Ein organisierter, vertrauensvoller Kontakt zwischen den Redakteuren findet nicht mehr statt. Redaktionskonferenzen, wie sie in allen relevanten Zeitungen zur bewährten Praxis gehören, wurden formlos abgeschafft. Redaktionelle Belange werden allenfalls im kleinsten Kreis Ihres Stellvertreters und der beiden Desk-Chefs besprochen. In den Telefonrunden des Regional-Tisches mit den Lokalredaktionen wird diktiert statt kommuniziert.

Mit dieser Glaskasten-Mentalität schätzen Sie demonstrativ die Kreativität und Kompetenzen der Mitarbeiter gering. In den seltenen Reporterberatungen geht es nicht um die Tagesausgabe, sondern um langfristige Projekte.

Diese Projekte – Grenzwanderungen, Serien oder Foren – binden sowohl in den Lokalredaktionen als auch in der Mantel-Belegschaft große Teile der geringer gewordenen Personalressourcen. Positive Reaktionen der Leser darauf sind überschaubar. Aus persönlichen Kontakten, Anrufen und Zusendungen wissen wir, dass es einen Übersättigungseffekt bei Serien mit zum Teil mehr als 20 Folgen gibt. Oft sind die Serien historisierend: Es geht meistens um Vergangenheitsbewältigung. Häufig schreibt die Thüringer Allgemeine in belehrendem und gelegentlich sogar missionierendem Ton an Lebenswelt und Bedürfnissen ihrer Leser vorbei.

Dies alles findet vor dem Hintergrund eines stetigen Personalrückganges statt. In den Lokalredaktionen herrscht chronischer Personalmangel. Eine Reaktion auf die Klagen der Kollegen in den Lokalredaktionen und an den Produktions-Tischen über die wachsende Arbeitsbelastung ist nicht erkennbar. Die Kollegen fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen. Die jeweilige Zuständigkeiten von Regional-Tisch und Lokalredaktionen sind nur unzureichend geregelt.

In der Mantelredaktion hat sich in den vergangenen drei Jahren die Belegschaft in den Ressorts Kultur, Wirtschaft und Landesredaktion halbiert. Die Ressorts Politik und Unterhaltung verschwanden ganz. Mehrere, vor allem jüngere Mitarbeiter kündigten. Ein Widerstand oder Bedauern Ihrerseits waren nicht spürbar.

Das verbliebene Redaktionspersonal ist kaum noch organisiert. Inhaltliche Zuständigkeiten bleiben immer öfter dem individuellen Engagement der Kollegen überlassen. Ist der betreffende Mitarbeiter im Urlaub oder krank, findet das Thema nicht mehr statt. Bestimmte Themen werden gar nicht mehr behandelt.

Die beiden Verantwortlichen für die Produktionstische können die Lücke nicht schließen. In ihrer Funktion wurden Aufgaben gebündelt, die früher von einer vierköpfigen Chefredaktion, einem Chef vom Dienst und den Lokalchefs und Ressortleitern übernommen wurden. Personalplanung, Redaktionsorganisation, Terminmanagement, Themenfindung, Blattproduktion, Qualitätssicherung – niemand kann dieser Personalunion sinnvoll gerecht werden.

Diese Situation hat das Klima in der gesamten Redaktion auf einen bisher ungekannten Tiefpunkt sinken lassen. Demotivation wird geradezu organisiert. Blattmacher und Reporter, Lokal- und Mantelredakteure aber auch zunehmend einzelne Mitarbeiter werden gezielt gegeneinander ausgespielt. Die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Produkt sinkt. Entsprechende Hinweise des Betriebsrates führten zu keiner erkennbaren Reaktion seitens der Chefredaktion. Der Betriebsfrieden ist inzwischen gefährdet.

Die Herausforderung bleibt bestehen, angesichts der wirtschaftlichen Zwänge des Verlags, der demografischen Entwicklung und eines sich verändernden Medienkonsums den erfolgreichen Fortbestand der Tageszeitungen der Zeitungsgruppe Thüringen zu sichern. Wir wollen mit Ihnen gemeinsam daran arbeiten.

Deshalb fordern wir:

1. Die Wiedereinführung einer täglichen Redaktionskonferenz, die für die gesamte Redaktion offen ist und in die die Ergebnisse und Einschätzungen einer echten Lokal-Konferenz gleichberechtigt einfließen, in welcher eine inhaltliche Debatte ermöglicht wird.

2. Die Einrichtung von zwei Arbeitsgruppen, die jeweils bis Ende Juni Vorschläge zur Verbesserung der Organisationsstruktur Mantelredaktion-Newsdesk und Lokalredaktionen-Regionaldesk erstellen und alle Projekte unter Berücksichtigung der Ressourcen neu bewerten.

3. Eine offene Debatte über inhaltliche Veränderungen der Zeitung und nötige Anpassungen der Blattstruktur, die eine noch stärkeren Gewichtung der Lokal- und Regionalberichterstattung ermöglichen und gleichzeitig den überregionalen Anspruch einer wichtigen Stimme in Ostdeutschland wieder herstellen – um einem möglichst breiten Leser-Spektrum und der demokratischen Funktion einer Zeitung gerecht zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Hans Hoffmeister schlägt wieder zu

In der THÜRINGISCHEN LANDESZEITUNG vom 04.06.2012, S. 3, schreibt Chefredakteur Hans Hoffmeister unter dem Titel “Warum wir die Linke brauchen”:

    Eine starke, als kompetent wahrgenommene Linke als Oppositions-, besser Treibmittel der ”Großen” wäre endlich zu wünschen gewesen. Ihre Zukunft steht jetzt in den Sternen. Ihre nächste Krise kommt bestimmt. Und so unselige, dubiose Bewegungen wie die Piraten auch.

Bereits vor zwei Wochen schlug Hoffmeister vor, die Piraten “auszutrocknen”.