Archive for February, 2013

Der “Twitterkönig von Thüringen” oder “Fandealergate”

Der THÜRINGER BLOGZENTRALE wird wieder mit dem Rechtsanwalt gedroht. Diesmal durch den Geschäftsführer der Firma “Fandealer”, Mario Rönsch. Fandealer ist in den letzten Tagen ins Gerede gekommen, weil sie der FDP Follower bei Twitter besorgt haben soll.

Bei netzpolitik.de wurde bekannt, dass ein Mann mit dem Namen Mario Rönsch im Jahr 2010 Mitglied der thüringischen FDP geworden sein soll.

Da der Bundestagsabgeordnete der Thüringer FDP, Patrick Kurth, über eine außergewöhnliche Zahl an Twitter-Followern verfügt, stellten wir an Kurth und Rönsch die Frage, ob sie miteinander bekannt seien, ob Rönsch tatsächlich FDP-Mitglied sei und ob die Firma Fandealer am Followerwachstum von Kurths Twitter-Account beteiligt gewesen sein könnte.

Der Bundestagsabgeordete Patrick Kurth antwortete folgendermaßen:

Inzwischen hatte sich dann auch die Firma Fandealer per Twitter und per Mail in die Kommunikation eingeschaltet. Mario Rönsch, war nicht bereit, per Mail irgendwelche Auskünfte zu geben und drohte stattdessen mit einer Rechtsanwaltskanzlei. Per Twitter schrieb man:

(UPDATE: Fandealer hat die Tweets inzwischen gelöscht. Deshalb werden sie nicht mehr im Original-Tweetformat angezeigt. Wir dokumentieren die Rhetorik von Fandealer hier trotzdem mit Hilfe der original Tweetpublishfunktion von Twitter)

Wer mit dem Anwalt droht, hat oft ein begründetes Interesse daran, weitere kritische Nachfragen und Aufdeckungen zu verhindern. Man darf in diesem Fall gespannt sein, was das ist. Jedenfalls scheinen die Nerven bei Fandealer zum Zerreissen gespannt zu sein. Auf die Bitte, unsere Fragen zu beantworten, antwortete man folgendermaßen:

FDP, Fandealer, Patrick Kurth und Mario Roensch

Dass der – immer sympathisch lächelnde – Thüringer FDP-Bundestagsabgeordnete Patrick Kurth über eine erstaunliche Followerzahl bei Twitter verfügt, hatten wir bereits an vielen verschiedenen Stellen bemerkt. Eine für Thüringen extrem außergewöhnliche Zahl, die keinen Vergleich findet. Selbst die deutschlandweit bekanntesten Blogger Thüringens Florian Freistetter und Johannes K. verfügen nicht über eine derart beeindruckende Followerpower.

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Kurths Masche zur Gewinnung von Followern erschien zunächst harmlos. Er folgte scheinbar wahllos allen verfügbaren Twitterern in Reichweite und entfolgte sie wenig später wieder um sie erneut zu followen, wenn sie ihn nicht inzwischen auf die Followerliste gesetzt hatten.

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Patrick Kurths Followerentwicklung ist – auch vor dem Hintergrund einer solch aufwendigen Praxis – erstaunlich. Der Wildfire Social Media Monitor zeigt: Seit Mai 2010 hatte er einen Anstieg von rund 12.000 Followern. Das bedeutet einen durchschnittlichen täglichen Zugewinn von 12 neuen Verfolgern. Kurth ist mit diesem außergewöhnlichen Wachstum deutlich prominenteren Parteikollegen sogar weit voraus. Sabine Leutheuser-Schnarrenberger und Christian Lindner lagen lange Zeit weit abgeschlagen hinter Patrick Kurth zurück. Und noch heute überflügelt Kurth die Bundesministerin in der Followerzahl:

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Nach einem zwischenzeitlichen Plateau ging es auch in den letzten Tagen weiterhin steil bergauf. Allein am 19. Februar hatte Kurth einen Followerzugewinn von 37 Twitternutzern, einen Tag später immerhin von 12 und am darauffolgenden Tag 15 neue Follower. Das ist – gelinde gesagt – ungewöhnlich … für einen Hinterbänkler.

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Die FDP ist nun kürzlich ins Gerede gekommen, weil sie angeblich Twitter-Follower gekauft haben soll. Plötzlich verfügte die Partei nämlich – quasi über Nacht – über nicht nur 6500 sondern sage und schreibe knapp 37.000 Follower.

Die FDP selbst behauptet nun, sie kaufe keine Fans. Eine vom SPIEGEL ins Gerede gebrachte Firma “Fandealer” – mit Sitz in Erfurt – distanziert sich auf den Seiten der FDP explizit von einer Beteiligung an den märchenhaften Fanzuwächsen. Fandealer ist ein Unternehmen, dass sich ganz offen auf den Verkauf von Twitter- und Facebook-Fans spezialisiert hat.

Geleitet wird die Firma “Fandealer” offenbar von Mario Rönsch. Auf der Webseite netzpolitik. de wurde nun vermeldet, dass ein Mensch mit diesem Namen im Jahr 2010 in die Thüringer FDP eingetreten sei. So findet es sich zumindest in der FDP-Mitgliederzeitung aus diesem Jahr:

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Fraglich bleibt, in welchem Verhältnis Kurth, Rönsch und die märchenhaften Followerzahlen sowohl Kurths als auch der Bundes-FDP stehen.

Die Anfrage an Patrick Kurth und Mario Rönsch ist raus.
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Dank an Herrn Strudel für den Hinweis in den Kommentaren
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UPDATE: Patrick Kurth hat geantwortet:

Aber er hat die wesentlichen Fragen unbeantwortet gelassen:

Für die Antwort interessiert sich jetzt auch der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck (siehe Retweets)

Fandealer hat übrigens auch geantwortet und bittet um Verständnis dafür, dass man keine Auskünfte erteilt und bittet darüber hinaus darum, von weiteren Nachfragen abzusehen.

Wir bloggen die Bundestagswahl 2013 in Thüringen

Von Sven

Vor 6 Monaten bekamen wir einen Anruf. Eine große deutsche Partei fragte an, ob wir sie beraten wollen, beim Weg ihrer Bundestagsabgeordneten ins 21. Jahrhundert. Ein schönes Angebot. Es versprach viele Privilegien und einen einmaligen Einblick in die politische Kommunikation. Aber unsere Unabhängigkeit war uns wichtiger. Wir lehnten ab.

Diese kleine Episode verdeutlicht uns mindestens zweierlei:

1. Regionale Blogs und Blogger werden inzwischen durchaus als relevant wahrgenommen

2. Deutsche Parteien bewegen sich noch immer recht unsicher auf digitalem Terrain

Wie peinlich die Suche nach einer Internetstrategie ausfallen kann, wenn die nötige Basiskompetenz fehlt, zeigen die jüngsten Anwanzungsversuche des SPD-Bundestagskandiaten Peer Steinbrück.

Zunächst legte sich Steinbrück mit dem schillernden Medienmann Roman Maria Koidl, den er zum Architekten seiner Onlinestrategie ausrief, ein Ei ins Nest. Koidl war schnell weg vom Fenster, als herauskam, dass er auch schon Hedgefonds beraten hatte.

Ebenso schnell verschwand auch das sogenannte “Peerblog”. Ein Versuch, den amerikanischen Wahlkampf mit seiner privat und anonym finanzierten Parteienwerbung auf Deutschland zu übertragen.

Eine Amerikanisierung des Wahlkampfes mit großer Pose und geheimer Medienfinanzierung hat es auch in Thüringen bereits gegeben.

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Die CDU plakatierte den damaligen Ministerpräsidenten als “großen Führer” und erschien auch recht großzügig und auffällig positiv dargestellt in einer geheimnisvollen Internetpostille, die später auch als gedrucktes Journal fast alle Thüringer Haushalte erreichte. Die Hintermänner und Geldgeber von “Tolles Thüringen” (wir berichteten zuerst) sind bis heute nicht ermittelt.

Und CDU wurde im Landtagswahlkampf dann letztlich auch das Internet zum Verhängnis. Einerseits weil man sich dort ungehemmt über die lächerlichen Wahlplakate lustig machen konnte und weil bundesweit über unglückliche Plakatierungsstufen der Thüringer CDU diskutiert wurde. Andererseits weil bei Wikileaks ruchbar wurde, dass die Junge Union – damals noch angeführt von CDU-Generalsekretär Mario Voigt – gezielt und verdeckt die Wahlkampfauftritte der Linken besuchen und stören sollte. Auch das löste ein bundesweites Medienecho aus.

Was lernen wir daraus?

Das Durchstechen gezielter Indiskretionen findet vor allem in der aufgeheizten Atmosphäre des Wahlkampfes sein interessiertes Publikum auch im Internet.

Diesen Effekt machte sich im damaligen nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf das teilanonym geführte Blog “Wir in NRW” zunutze. Aus Hinterzimmergesprächen und privaten Emails bestand letztlich der Haufen Mist, der von Printjournalisten fleißig weiterverbreitet wurde, so dass Jürgen Rüttgers schließlich stürzte.

Heißt das, Blogs sind wirklich relevant?

Nicht per se. Die unterschiedlichen Standpunkte von Blogliebhabern hie und Blogverächtern da durchrauschen ja das jeweilige Medium in bemerkenswerter Regelmäßigkeit und denkbar kakophoner Dissonanz seit es das Phänomen Blog gibt.

Einerseits beklagten Vertreter der Holzmedien kürzlich wieder die “Volksreporter” und “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen”, um sich dann – man beachte(!) – durch das Internet vorhalten lassen zu müssen, dass sie ganz ganz schlecht recherchieren.

Andererseits bejubeln Professoren ohne Doktortitel im Magazin “pressesprecher” vollmundig und kenntnisarm die zunehmende “Substanz” der Blogosphäre, um doch letztendlich auch nur die üblichen Verdächtigen (Niggemeier, Lobo, Knüwer) als Kronzeugen einer professionellen Medienstrategie von Bloggern anzuführen.

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Da beklagen FAZ-Autoren das Bloggen als “rastlose Masturbation“, die ein unüberschaubares Überangebot an – ja auch guten – Texten produziert. Und Deutschlandradion ruft gar eine “Krise der Blogger” aus.

Dieser kulturpessimistischen Sicht stellt sich dann Teresa Maria Bücker in der FAZ ganz entspannt entgegen. Sie meint – am Ende eines langen, lesenswerten Essays:

“Bloggen kann eine Freiheitspraxis sein. Als ein Gespräch mit anderen oder mit sich selbst sind Blogs krisenfest, denn sie sind an nichts gebunden. Nicht einmal ans Netz.”

Dem wollen wir uns anschließen. Allein die Tatsache, dass es in Deutschland keinen Drudge-Report und keine Huffington Post gibt, heißt nicht, dass Blogs nicht relevant sind. In Deutschland herrschen andere Gesetze der Internetöffentlichkeit. Durch das Studium des amerikanischen Wahlkampfes und die blinde Übertragung auf deutsche Verhältnisse macht man aus einem Willy Brandt keinen Jack Kennedy und schon gar keinen Barack Obama aus einem Peer Steinbrück.  Zuallerletzt im anonymen Internet, in dem keine Schwäche ungesühnt bleibt und in dem uncoole Kandidaten gnadenlos zur Strecke gebracht werden.

Vielleicht ist das ja auch eine Folge des Systems, in dem in Deutschland die Kanzlerkandidaten von der Parteiführung ausgerufen und auf einem Parteitag nur nachträglich bestätigt werden. Anders als in den USA, in denen die Kandidaten bereits mehrere Vorwählkampfe bestehen müssen, ehe sie auf die breite Öffentlichkeit losgelassen werden.

Blogger sind frei. Auch in Deutschland.  Und auch hier läßt sich die Unterstützung für einen schlechten Kandidaten nicht simulieren. Schon gar nicht, da verschiedene Manipulationsversuche durch “Astroturfing” – vor allem durch Blogs – aufgedeckt wurden.

Unterstützung für Steinbrück in Weblogs entlarvt sich eigentlich selbst. Wer will diesen Mann schon ernstlich unterstützen? Mit der Unterstützung für andere Kandidaten zur Bundestagswahl sieht das wohlmöglich anders aus.

Blogs werden im Bundestagswahlkampf in Thüringen jedenfalls eine Rolle spielen. Nur ganz sicher anders, als es sich die  Strategen in den Parteizentralen erhoffen.

Das macht Hoffnung.

Hier im Blog herrschte in den letzten 6 Monaten Stille. Mancher schrieb die THÜRINGER BLOGZENTRALE deshalb schon ab. Aber anders als periodisch erscheinende Druckerzeugnisse sind Blogs eben nicht an irgendetwas gebunden, lediglich an Zeit und Lust von Autoren und Lesern. Die Bundestagswahl ist am 22. September. Bis dahin gibt es noch viele interessante Dinge zu sagen. Frei, ungefiltert, unbeeinflusst. Packen wir es an!

Bloggen wir die Bundestagswahl 2013 in Thüringen!