Wir bloggen die Bundestagswahl 2013 in Thüringen

Von Sven

Vor 6 Monaten bekamen wir einen Anruf. Eine große deutsche Partei fragte an, ob wir sie beraten wollen, beim Weg ihrer Bundestagsabgeordneten ins 21. Jahrhundert. Ein schönes Angebot. Es versprach viele Privilegien und einen einmaligen Einblick in die politische Kommunikation. Aber unsere Unabhängigkeit war uns wichtiger. Wir lehnten ab.

Diese kleine Episode verdeutlicht uns mindestens zweierlei:

1. Regionale Blogs und Blogger werden inzwischen durchaus als relevant wahrgenommen

2. Deutsche Parteien bewegen sich noch immer recht unsicher auf digitalem Terrain

Wie peinlich die Suche nach einer Internetstrategie ausfallen kann, wenn die nötige Basiskompetenz fehlt, zeigen die jüngsten Anwanzungsversuche des SPD-Bundestagskandiaten Peer Steinbrück.

Zunächst legte sich Steinbrück mit dem schillernden Medienmann Roman Maria Koidl, den er zum Architekten seiner Onlinestrategie ausrief, ein Ei ins Nest. Koidl war schnell weg vom Fenster, als herauskam, dass er auch schon Hedgefonds beraten hatte.

Ebenso schnell verschwand auch das sogenannte “Peerblog”. Ein Versuch, den amerikanischen Wahlkampf mit seiner privat und anonym finanzierten Parteienwerbung auf Deutschland zu übertragen.

Eine Amerikanisierung des Wahlkampfes mit großer Pose und geheimer Medienfinanzierung hat es auch in Thüringen bereits gegeben.

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Die CDU plakatierte den damaligen Ministerpräsidenten als “großen Führer” und erschien auch recht großzügig und auffällig positiv dargestellt in einer geheimnisvollen Internetpostille, die später auch als gedrucktes Journal fast alle Thüringer Haushalte erreichte. Die Hintermänner und Geldgeber von “Tolles Thüringen” (wir berichteten zuerst) sind bis heute nicht ermittelt.

Und CDU wurde im Landtagswahlkampf dann letztlich auch das Internet zum Verhängnis. Einerseits weil man sich dort ungehemmt über die lächerlichen Wahlplakate lustig machen konnte und weil bundesweit über unglückliche Plakatierungsstufen der Thüringer CDU diskutiert wurde. Andererseits weil bei Wikileaks ruchbar wurde, dass die Junge Union – damals noch angeführt von CDU-Generalsekretär Mario Voigt – gezielt und verdeckt die Wahlkampfauftritte der Linken besuchen und stören sollte. Auch das löste ein bundesweites Medienecho aus.

Was lernen wir daraus?

Das Durchstechen gezielter Indiskretionen findet vor allem in der aufgeheizten Atmosphäre des Wahlkampfes sein interessiertes Publikum auch im Internet.

Diesen Effekt machte sich im damaligen nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf das teilanonym geführte Blog “Wir in NRW” zunutze. Aus Hinterzimmergesprächen und privaten Emails bestand letztlich der Haufen Mist, der von Printjournalisten fleißig weiterverbreitet wurde, so dass Jürgen Rüttgers schließlich stürzte.

Heißt das, Blogs sind wirklich relevant?

Nicht per se. Die unterschiedlichen Standpunkte von Blogliebhabern hie und Blogverächtern da durchrauschen ja das jeweilige Medium in bemerkenswerter Regelmäßigkeit und denkbar kakophoner Dissonanz seit es das Phänomen Blog gibt.

Einerseits beklagten Vertreter der Holzmedien kürzlich wieder die “Volksreporter” und “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen”, um sich dann – man beachte(!) – durch das Internet vorhalten lassen zu müssen, dass sie ganz ganz schlecht recherchieren.

Andererseits bejubeln Professoren ohne Doktortitel im Magazin “pressesprecher” vollmundig und kenntnisarm die zunehmende “Substanz” der Blogosphäre, um doch letztendlich auch nur die üblichen Verdächtigen (Niggemeier, Lobo, Knüwer) als Kronzeugen einer professionellen Medienstrategie von Bloggern anzuführen.

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Da beklagen FAZ-Autoren das Bloggen als “rastlose Masturbation“, die ein unüberschaubares Überangebot an – ja auch guten – Texten produziert. Und Deutschlandradion ruft gar eine “Krise der Blogger” aus.

Dieser kulturpessimistischen Sicht stellt sich dann Teresa Maria Bücker in der FAZ ganz entspannt entgegen. Sie meint – am Ende eines langen, lesenswerten Essays:

“Bloggen kann eine Freiheitspraxis sein. Als ein Gespräch mit anderen oder mit sich selbst sind Blogs krisenfest, denn sie sind an nichts gebunden. Nicht einmal ans Netz.”

Dem wollen wir uns anschließen. Allein die Tatsache, dass es in Deutschland keinen Drudge-Report und keine Huffington Post gibt, heißt nicht, dass Blogs nicht relevant sind. In Deutschland herrschen andere Gesetze der Internetöffentlichkeit. Durch das Studium des amerikanischen Wahlkampfes und die blinde Übertragung auf deutsche Verhältnisse macht man aus einem Willy Brandt keinen Jack Kennedy und schon gar keinen Barack Obama aus einem Peer Steinbrück.  Zuallerletzt im anonymen Internet, in dem keine Schwäche ungesühnt bleibt und in dem uncoole Kandidaten gnadenlos zur Strecke gebracht werden.

Vielleicht ist das ja auch eine Folge des Systems, in dem in Deutschland die Kanzlerkandidaten von der Parteiführung ausgerufen und auf einem Parteitag nur nachträglich bestätigt werden. Anders als in den USA, in denen die Kandidaten bereits mehrere Vorwählkampfe bestehen müssen, ehe sie auf die breite Öffentlichkeit losgelassen werden.

Blogger sind frei. Auch in Deutschland.  Und auch hier läßt sich die Unterstützung für einen schlechten Kandidaten nicht simulieren. Schon gar nicht, da verschiedene Manipulationsversuche durch “Astroturfing” – vor allem durch Blogs – aufgedeckt wurden.

Unterstützung für Steinbrück in Weblogs entlarvt sich eigentlich selbst. Wer will diesen Mann schon ernstlich unterstützen? Mit der Unterstützung für andere Kandidaten zur Bundestagswahl sieht das wohlmöglich anders aus.

Blogs werden im Bundestagswahlkampf in Thüringen jedenfalls eine Rolle spielen. Nur ganz sicher anders, als es sich die  Strategen in den Parteizentralen erhoffen.

Das macht Hoffnung.

Hier im Blog herrschte in den letzten 6 Monaten Stille. Mancher schrieb die THÜRINGER BLOGZENTRALE deshalb schon ab. Aber anders als periodisch erscheinende Druckerzeugnisse sind Blogs eben nicht an irgendetwas gebunden, lediglich an Zeit und Lust von Autoren und Lesern. Die Bundestagswahl ist am 22. September. Bis dahin gibt es noch viele interessante Dinge zu sagen. Frei, ungefiltert, unbeeinflusst. Packen wir es an!

Bloggen wir die Bundestagswahl 2013 in Thüringen!

 

So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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6 Responses to “Wir bloggen die Bundestagswahl 2013 in Thüringen”

  1. Peter Says:

    Lieber Sven,

    auch wenn der Beitrag im Pressesprecher wirklich unspannend ist, haben sowohl Andrea Beyer, als auch Lothar Rolke promoviert, was du gern hier nachlesen kannst:
    http://www.fh-mainz.de/fh-mainz/personenverzeichnis/alle-anzeigen/profil/beyer-andrea/index.html
    http://www.fh-mainz.de/wirtschaft/personenverzeichnis/profil/rolke-lothar/index.html
    Zumindest Andrea Beyer gilt auf dem Gebiet der Medienökonomie durchaus als anerkannte Fachfrau. Keine Ahnung warum dort der Doktortitel nicht genannt wird, aber bei vielen Medien ist es üblich die wegzulassen.

    Ansonsten freue ich mich, wenn man von dir wieder mal was liest!

    Beste Grüße

    Peter

  2. sven Says:

    Danke! :-)

    Immer wenn ich mich überhebe bekomme ich prompt die Quittung …

  3. sven Says:

    Da hat jemand auf den obigen Blogeintrag im eigenen Blog geantwortet … aber offenbar ohne das Ursprungsposting gründlich gelesen zu haben …

    Meine Antwort erfolgt dort vor Ort:

    http://davidmono.com/amerikanisierung-des-deutschen-wahlkampfs/

  4. HerrStrudel Says:

    Meine Vermutung ist, dass die Seite Fandealer als Trittbrettfahrer auf den Aufmerksamkeitszug aufspringt und die FDP glücklich ist, irgendwas als Ausrede verwenden zu können.

    Update: Danke an Ernesto Ruge für den Hinweis in den Kommentaren, dass der Geschäftsführer von Fandealer ein FDP-Mitglied zu sein scheint (Jemand mit seinem Namen wird in FDP-Thüringen-Zeitung genannt, Fandealer sitzt in Erfurt). Das ist dann wohl eine Win-Win-Aktion.
    https://netzpolitik.org/2013/fdp-prasentiert-nachste-ausrede-fur-follower-wachstum/

  5. THÜRINGER BLOGZENTRALE » Blog Archive » FDP, Fandealer, Patrick Kurth und Mario Roensch Says:

    […] an Herrn Strudel für den Hinweis in den […]

  6. TBZ: Wir bloggen die Bundestagswahl 2013 in Thüringen | Der Totale Durchblickstrudel Says:

    […] ich da wieder losgetreten […]