Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch?

Von Neidhart von Schwarzburg

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Rezension des Buches “Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch; Eine Verteidigung des Glaubens” von Rolf Bauerdick. Die Deutsche Verlagsanstalt hatte nach dem Totalverriss von Matthias Matussek “Das katholische Abenteuer – Eine Provokation” den Mut, uns erneut ein Buch mit religiösem Thema zur Rezension zuzuschicken.

gottDas wichtigste vielleicht gleich vorweg: Der Titel ist natürlich Quatsch. In Ostdeutschland ist “Gott” praktisch tot. Mit 70-80% von 16 Millionen Atheisten – oder besser sogenannten religiös “Indifferenten” – ist die These en passant widerlegt.

Der Rest des Buches ist eine Mischung aus Reisereportage, Generalabrechnung, Beichte, Predigt und Bilanz und bei all dem gar nicht mal so schlecht. Es ist gut geschrieben, kenntnisreich, unterhaltsam und anschaulich. Und Teile des Buches sind ein richtiger Pageturner. Für ein Sachbuch ist das schon eine Leistung. Wer sich also von dem eher schwachen Kapitel über den Neuen Atheismus nicht abschrecken läßt, bekommt einen geistreichen und kosmopolitischen Einblick in das Innenleben von Menschen, die an ein unsichtbares, gasförmiges Wirbeltier glauben und eine Antwort auf die Frage, warum das für sie heute – mit Weltraumfahrt und Hirnscanner – überhaupt noch Sinn macht.

Der Autor des Buches ist Theologe und Reisereporter für namhafte Magazine wie Stern, Spiegel, Geo und Playboy und beschreibt in diesem Buch seine Erlebnisse mit lateinamerikanischen Müllkippenpriestern, US-amerikanischen Schlangenfängern und rumänischen Exorzisten. Er hat mit dem Kirchenhasser und -ankläger Karl-Heinz Deschner gesprochen und Lourdes besucht.

Bauerdick schöpft aus eigener Erfahrung einer katholischen Jugend und dem Studium historisch-kritischer Theologie. Die Bibel ist für ihn selbstverständlich ein Mythos, der individuelle Spiritualität transzendiert. Bauerdick wendet sich gegen alle Extremismen, kommen sie aus Religion oder Areligiosität.

Dieses Buch ist – ganz anders als das eitle Buch Matthias Matusseks – ein Versuch, verständlich zu machen, was es mit dem Glauben an Götter und Geister auf sich hat. Warum Menschen an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen, weil sie glauben, das “Wort Gottes” zu besitzen.

Man hat das Gefühl, Bauerdick meint es ernst.

Er glaubt wahrhaftig, mit Gott verschwinde der Mensch – oder besser die Menschlichkeit im Sinne einer Mitgefühlsethik. Und zum Zeugen dieser verstiegenen Theorie zieht er den Siegeszug des Aberglaubens in den postsozialistischen Gesellschaften heran. Das zunehmend entchristlichte Skandinavien ignoriert er geflissentlich. Und auch Ostdeutschland, als weltgrößte Ansammlung nicht abergläubischer Nichtreligiöser widmet er leider keine seiner Reisereportagen.

Stattdessen ist es ihm mit dem Hass auf jede Areligiosität es so ernst, dass er sich leider in eine bittere Polemik gegen den Atheismus Dawkinsscher Prägung versteigt. Er greift auch Michel Onfray frontal an und schreibt mit der gleichen Verächtlichkeit über die Versuche der Neuen Atheisten, die Religion abzuschaffen, wie diese wohl über ihn und sein Religionsverständnis schreiben würden. In diesem Kapitel arbeitet Bauerdick mit abgegriffenen Stereotypen und Versatzstücken uralter Klassenkampfrhetorik. Wo er zumindest in seinen Reportagen über religiöse Fundamentalisten noch Milde walten läßt, kennt er bei Dawkins, Hitchens und Onfray kein Erbarmen. Distanziert und abgehoben reagiert er wie ein verletzter Liebhaber auf eine Demütigung seiner Geliebten. Besser ist der Autor, wenn er über sich und seinen persönlichen Glaubensweg schreibt.

Bauerdick offenbart sich auch als ehemaliger(!) Sozialist ganz im Sinne des Diktums “A young man who isn’t a socialist hasn’t got a heart; an old man who is a socialist hasn’t got a head.” (das man Georges Clemenceau zuschreibt*). Bauerdick zeigt sich als geläutert und altersweise. Auch er konnte im Angesicht schreiender Ungerechtigkeit, Überheblichkeit und der Verbrechen bedeutender Kirchenvertreter nicht gut Christ sein. Aber im Laufe seiner Reisen und seines Lebens lernte er dazu.

Seine These: Die Menschen brauchen das Geheimnis der verfaßten Religion möglichst katholischer Prägung, da sie sonst in Nihilismus, Okkultismus oder Fundamentalismus verfallen. Und Beispiele dieser verbreiteten Alltagstheologie beschreibt er in seinem Buch mannigfach.

Seine theologischen Reiseführer sind Karl Rahner und Josef Ratzinger, wobei er letzteren trotzig verteidigt. Mit diesen Weggefährten der Ära des Zweiten Vatikanums kann bei katholischen Lesern sicher nichts verkehrt machen. Aber er hat nicht nur katholische Weisheiten parat. Die Philosophen Slavoj Žižek, Ludwig Wittgenstein und Rüdiger Safranski sind seine Zeugen, ebenso wie Gilbert Keith Chesterton … und immer wieder Joseph Beuys.

Wer also für die Herbstferien noch gute Unterhaltung mit Reisereportagen sucht, sich nebenbei noch kulturell weiterbilden will und sich für Religion im Allgemeinen und das Christentum im Besonderen interessiert, ist mit diesem Buch sehr gut bedient. Nur eine wirksame Verteidigung des Glaubens ist es wohl nicht, eher eine Bildungsreise, von der man erschöpft aber glücklich gern auch wieder in sein säkulares Zuhause ohne Götter, Geister und Dämonen zurückkehrt.

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*Tatsächlich sagte Clemenceau: “My son is 22 years old. If he had not become a Communist at 22, I would have disowned him. If he is still a Communist at 30, I will do it then.” als ihm gesagt wurde, er sei Mitglied der Kommunisten geworden in Try and Stop Me (1944) by Bennet Cerf.

Der DVA-Verlag hat der THÜRINGER BLOGZENTRALE das hier besprochene Buch kostenlos für die Rezension zur Verfügung gestellt – also geschenkt. Es gab keine weiteren Absprachen. Es wurde um das Buch – mit dem Hinweis auf eine mögliche Rezension in der THÜRINGER BLOGZENTRALE – gebeten und es wurde kommentarlos zugeschickt. Das Buch kostet rund 20 Euro. Das ist für rund 3 Stunden Arbeit für diese Rezension wahrlich nicht der Rede wert. Bei diesem Blogeintrag handelt es sich also um eine echte Kritik und nicht um Werbung.

 

 

So ein Quatsch!Klasse! (+2 von 2 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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3 Responses to “Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch?”

  1. Linda Says:

    Schöne Rezension.

    Mich ärgert, dass Atheisten in solchen Atheistenhasserbüchern immer als minderwertig und moralbefreit dargestellt werden. Als sei man so eine Art “Wilder”, der Erziehung braucht, damit er im System funktionieren kann. Wirkliche Menschlichkeit bleibt da auf der Strecke.

  2. Neidhart von Schwarzburg Says:

    “Atheistenhasserbücher” ist ein wenig übertrieben. :-)

    Bauerdick wirkt angegriffen – unter anderem auch von Lennons Friedenshymne “Imagine”, da dort eine Welt ohne Religion imaginiert wird. Aber er hasst eigentlich nur den Hass auf Religion. Das ist ja irgendwie auch verständlich. Er argumentiert – wie so üblich – dass man neben all dem Bösen auch das Gute nicht aus dem Blick verlieren sollte. Aber er differenziert das noch. Das ist durchaus ehrenwert und interessant.

    Ansonsten ist er scheinbar für friedliche Koexistenz bei gegenseitigem Desinteresse. Wobei er gleichzeitig für zumindest eine gewisse Offenheit der Religiosität gegenüber plädiert.

  3. Christian Otto Says:

    Lieber Rezensent, liebe Linda,

    zum Ersten kann ich nicht nachvollziehen, wie Sie auf die irrige Behauptung kommen, in Ostdeutschland gebe es 80% Atheisten oder religiös Indifferente. Denn Religiosität ist ja ein sehr dehnbarer Begriff, der sich auch auf sogenannte Staatsgläubigkeit mit religiösen Aspekten beziehen kann.

    Fasst man Religion aber als Glauben an Nichtgreifbares – teils auch mißverständlich als “Übernatürliches” apostrophiert, so als sei damit eine hierachische Position und Wertung verbunden – so ist dieser Glaube – ohne in den gemeinen Aberglauben abzurutschen – sehr verbreitet. Was bleibt einem Menschen mit gesundem Menschenverstand auch anderes übrig, als an die Existenz nichtmaterieller “Kräfte” zu glauben.

    Ich konzediere jedoch, dass die Menschen in Ostdeutschland überwiegend keiner verfassten Religion angehören. Was jedoch nicht gleichbedeutend mit Areligiosität ist.

    Es ist also eine Frage der Fragen, die man stellt.

    Die Sinnangebote, die verfasste Religionen liefern, sind dabei nur ein Ausschnitt der gegebenen Möglichkeiten. Ich gehe deshalb mit dem Autor dieses Beitrages nicht konform, wenn er behauptet, Gott sei tot. Er mag zwar nicht mehr in Kirchen präsent sein. Aber im Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften, in Belletristik und diverser Sachliteratur und selbst in der Alltagssprache (Gott sei Dank) spielt der Begriff “Gott” durchaus noch eine erhebliche Rolle.

    Im Übrigen muss Gott ja auch nicht als “Gott” bezeichnet werden. Laut Luther ist ein Gott dass, was einem heilig ist und wozu man in Not Zuflucht nimmt. Das kann auch der Job, der eigene Wohlstand sein, die Gesundheit, die Kinder, die Familie, Freunde, der eigene Leib. Ober aber eine Idee, Bücher, Fernsehen, Computer.

    Im Grunde hat der Autor also ganz recht: Wenn ein Gott das ist, was einem Menschen heilig ist und wozu er Zuflucht nimmt in Not und das verschwindet, es also nichts Heiliges, keine Zuflucht mehr gibt, dann wird es schwer, Mensch zu sein und zu bleiben. Dann wird man wohl wieder zum Tier.

    Insofern also liegt der Rezensent also leider falsch. :-)

    In diesem Sinne ist mir auch nicht nachvollziehbar, wie der Rezensent davon ausgehen kann, er lebe in einer säkularen Welt ohne Götter, Geister und Dämonen. Er mag sie vielleicht anders bezeichnen, aber auch der säkulare Mensch kennt Tabus, er kennt Heiliges, er kennt die “spukhafte Fernwirkung” oder z.B. innerpsychische Kräfte, die ihn an einem erfüllten Leben hindern, wie z.B. Süchte oder er leidet unter unerträglichen immer wiederkehrenden Gedanken und Erinnerungen. Die kann man im übertragenen Sinne auch als “Dämonen” bezeichnen.

    Alles in allem muss der Rezensent wohl noch einiges dazu lernen. :-) Den Anfang hat er ja mit dem Lesen dieses Buches gemacht.

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