Der Obrigkeit gehorchen: Weimar und die Reformation

Von Sven

Zwei Themen des bevorstehenden Reformationsjubiläums gelten als die “schwierigen” Themen. Luthers Verhältnis zu den Juden und seine Haltung zur Obrigkeit und damit letztlich zum Feudalismus, dessen Wiedergeburt wir im sogenannten “Neofeudalismus” und seiner fortgesetzt religiösen Rechtfertigung heute erleben.

Maßgeblich für Luthers Position seinerzeit war seine Unterscheidung eines geistlichen und eines weltlichen Reiches.

Die “Zwei-Reiche-Lehre” oder “Obrigkeitslehre” bildete die Grundlage für die Zementierung weltlicher Macht in der geistlichen Sphäre. Landesherren schwangen sich zu Miniaturpäpsten auf und legten fest, was von der Kanzel zu predigen und damit auch welchem Herrn wie zu dienen sei.

Welche Wirkung Luthers Schrift Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei zur damaligen Zeit entfaltete, kann man exemplarisch am Beispiel der sogenannten Weimarer Reformation unter Herzog Johann dem Beständigen nachvollziehen.

Vor der Publikation dieser Auftragsarbeit, hielt Martin Luther am 24. und 25. Oktober 1522 nämlich in der Schlosskirche zu Weimar zwei bedeutende Predigten, in denen er das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht neu definierte und die die Grundlange seiner Schrift von der “weltlichen Obrigkeit” bildete. Der Herzog ließ sich die Abschriften sogleich zuschicken und setzte die Programmatik in seinem Reich um.

Luther formulierte in seinen Predigten Voraussetzungen für die Herausbildung eines modernen quasisäkularen Staates, indem er den Verzicht der Kirche auf weltliche Machtmittel forderte und so einen eigenständigen Bereich des Politischen möglich machte.

weimarDie im August erschienene Schrift “Weimar und die Reformation – Luthers Obrigkeitslehre und ihre Wirkungen” zeichnet den Weg, den diese Obrigkeitslehre zu ihrer Zeit entfaltete und welche Wirkungen sie bis heute hat, exemplarisch nach. In diesem Band werden sowohl die politischen aber auch die hauswirtschaftlichen Verhältnisse am Weimarer Hof minutiös nachgezeichnet. Die damalige Reformations-Propaganda durch Lucas Cranach wird ebenso beleuchtet, wie die Relevanz der Obrigkeitslehre für Moderne und Gegenwart.

Klaus Dicke stellt in seinem Beitrag denn auch die berechtigte und – der Wissenschaftlichkeit der Publikation geschuldet – dezente aber sprengstoffhaltige Frage: Hat die Einrichtung des Luthertums im landesherrlichen Kirchenregiment kritische Potentiale der Obrigkeitslehre überdeckt oder in Vergessenheit geraten lassen?

Aus heutiger Sicht könnte man darauf mit einem herzhaften JA antworten. Mancher der Autoren des von Christoph Spehr, Michael Haspel und Wolfgang Holler herausgegebenen Buches sieht sein Kapitel jedoch offenbar eher als notwendigen Beitrag zur “sorgfältigen Historisierung” bis hin zur Mumifizierung der Obrigkeitslehre Luthers.

Am kommenden Montag kann man sich mit den Autoren darüber streiten. Musikalisch wird der Abend gestaltet von der Violinistin Katharina Müller. Es wird zur Buchpräsentation und anschließend zu einem kleinen Empfang eingeladen. Mehr Informationen gibt es hier -> Evangelische Akademie

Wann?
19:00 Uhr, Montag, 24. Oktober 2016

Wo?
Schloss Weimar
Südflügel
Burgplatz 4
99423 Weimar

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Die Evangelische Akademie hat der THÜRINGER BLOGZENTRALE das hier besprochene Buch kostenlos für die Rezension zur Verfügung gestellt – also geschenkt. Es gab keine weiteren Absprachen. Es wurde um das Buch – mit dem Hinweis auf eine mögliche Rezension in der THÜRINGER BLOGZENTRALE – gebeten und es wurde uns mit Bitte um Hinweis auf die Buchvorstellung zugeschickt. Diesem Wunsch sind wir gern nachgekommen, da wir selbst vor Ort sein werden. Es gibt Schnittchen. Das Buch selbst kostet 25 Euro. Bei diesem Blogeintrag handelt es sich also um eine echte Kritik und nicht um Werbung.

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