Archive for the 'Feuilleton' Category

Potemkinsche Statistiken: Wie sich die ZGT schönrechnet

“Wir begrüßen 20.000 neue Leser!” titelt heute die Thüringer Allgemeine.

“Ein alter Sack” hat dazu mal recherchiert und im Blog “Medienmoral Thüringen” dazu folgendes kommentiert:

    Die letzte IVW-Statistik 2/2011 sagt: verkaufte Auflage ZGT gesamt 301.105 Exemplare. Zwei Jahre zuvor: 321.442. Wer lügt sich hier aus welchem Interesse die Statistik schön? Das wär mal ein Thema für das neue TA-Rechercheteam und Herrn M., der die “katholische Pfarrerstochter” erfunden hat. Raues Zahlenspiele auf Seite 7 “Mehr junge Leute lesen unsere Zeitungen” sind ein schönes Beispiel für PR in eigener Sache und verarschen arglose Leser.

Diese Zahlen kommen durch eine in letzter Zeit von vielen Zeitungsleuten wiederholte Mär zustande. Eine Legende von einer heftig gestiegenen “Reichweite” der Zeitung, also von wie vielen Lesern eine Zeitung gelesen wird, auch ohne notwendig gekauft worden zu sein.

Diese beliebig herbeiinterpretierte Zahl, steht dem harten Faktum des in Euro meßbaren Auflagenverlustes entgegen. Steigerung der Reichweite bedeutet aber auch, dass die meisten Leute, die die Zeitung lesen, dafür nichts bezahlen. Warum sich die Chefs der ZGT also angesichts klarer Kommerz-Bekenntnisse über sinkende Einnahmen durch die “Gratiskultur” der “Reichweitensteigerung” freuen, erklärt sich vor allem dadurch, dass der Jubel über die gestiegene Reichweite vor allem eine Botschaft an Werbekunden ist. Die Leser der ZGT-Blätter werden schlicht an Autohäuser und Baumärkte verkauft und TLZ/OTZ/TA somit mehr und mehr zu Anzeigenblättern.

Kürzlich konnte der Geschäftsführer der Zeitungsruppe Thüringen, Klaus Schrotthofer, auf einer Podiumsdiskussion fast unwidersprochen feststellen, dass die Auflage der Zeitungsgruppe Thüringen – zusammen mit dem Internetauftritt – in die Millionen ginge, hätte man doch im Internet 430.000 “Unique User”.

Dass diese Zahl der “unique user” auf den Monat hochgerechnet ist und auf den Tag zurückgerechnet lediglich rund 14.000 Leser bedeutet, wäre fast niemandem aufgefallen. 14.000 Leser täglich. Es gibt private Blogger, die diese Zahlen um Längen schlagen.

Die Faszination des Unbegreiflichen

Von Peter Althaus

Es ist nicht einfach nur traurig, was auf das Papier gedruckt wurde. Es ist peinlich und teilweise sensationslüstern. Thüringen und Sachsen-Anhalt blieben nicht verschont von schlechter Berichterstattung zu dem Bombenattentat in der norwegischen Hauptstadt Oslo und dem anschließenden Massaker auf der Insel Utoya. Der Attentäter wurde dabei stilisiert, genau wie er das minutiös geplant hatte. Und dann kam es auch noch zu einigen schaurigen Fehlern.

Der geneigte Leser der Weimarer Ausgabe der Thüringischen Landeszeitung war sicher etwas schockiert über die Titelseite seiner Hauszeitung am Sonnabend:

(more…)

Rainald Becker: “ARD-Terrorexperte”

Von Neidhart von Schwarzburg

Das Attentat von Oslo und der Amoklauf und Utøya waren Katastrophen absurden Ausmaßes. “Terrorexperten” aus aller Welt haben einander hierzu in grotesken Mutmaßungen übertroffen. Ganz vorn dabei war der stellvertretende Chefredakteur im ARD-Hauptstadtstudio, Rainald Becker. Das ist ein Mann, der die Ansicht vertritt, dass Totalüberwachung wie in den USA das einzig probate Mittel in der Auseinandersetzung mit Terroristen ist:

Und dieser Mann wurde zu den Anschlägen von Oslo und Utøya befragt. Seine erste Reaktion: Es handelt sich wohlmöglich um einen “islamistischen Hintergrund” – auch wenn er da schon wußte, dass der Täter offenbar ein Norweger war (Bitte die eingeschobenen schriftlichen Kommentare des Videos ignorieren!):

Als klar wurde, dass wohl in Oslo wie auch in Utøya ein norwegischer, rechtsradikaler, katholischer Christ am Werk war, der sich als Vollender der Ziele des Templerordens in einem neuen Kreuzzug sieht, passte Rainald Becker seine Argumentation dergestalt an, dass es sich nunmehr wohl um einen “sich selbst radikalisierenden Einzeltäter” gehandelt haben musste, der sich über “Computerkriegsspiele im Internet” auf seine Tat vorbereitete. Beckers Schluss hat sich auch unter anderen Voraussetzungen nicht geändert: Das Internet müsse stärker überwacht und dafür notfalls einige Gesetze geändert werden. Er stimmt mit dieser Ansicht fast wortwörtlich mit dem Leiter des österreichischen Bundesverfassungsschutzes überein:

Nun ja, vielleicht sollten tatsächlich ein paar Gesetze geändert werden. Und zwar Mediengesetze. Dahingehend, dass “ARD-Terrorexperten” ein Journalismusstudium nachweisen müssen. Und zwar wenn möglich nicht an PR-Kaderschmieden der Katholischen Kirche. An einer solchen war Rainald Becker nämlich. Im Anschluss an sein Studium der Sozialwissenschaft, Politik und Katholischen Theologie besuchte er das “Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp)“, das sich ausschließlich an katholische Bewerber richtet.

Vielleicht ist mit richtigen Journalisten dann auch eine ausgewogene Berichterstattung und Kommentierung möglich.

Matthias Matussek “Das katholische Abenteuer – Eine Provokation”?

Von Neidhart von Schwarzburg

Matthias Matussek hat ein Buch veröffentlicht. Mal wieder. Ein eitles, verlogenes und in Teilen vermutlich zusammengegoogeltes Buch über ein eigentlich wichtiges Thema: Heute Katholik sein in Deutschland.

Ich hatte gehofft, dass uns der Verlag ein Buch zuschickt*, das mich zum Nachdenken anregt, das neue Ideen birgt und vielleicht ein wenig Verständnis schaffen kann für die Rolle eines Katholiken in Deutschland nach dem Mißbrauchsskandal. Was ich bekam, war die eitle Autobiographie eines ehemaligen Ministranten und Jesuitenzöglings in einem Stil sentimentaler Pop-Religiosität und trotziger Bigotterie mit seitenlangen, wiederverwursteten Interviews mit bekannten Geistesgrößen wie Martin Walser oder Rüdiger Safranski, eingebettet in die langatmige Aufzählung bekannter Fakten, überflüssiger, teilweise grundfalscher Details und Zitate aus dem Internet – kurz ein langweiliges Buch … aber zu allerletzt eine Provokation.

Denn wen bitte sollte eine so kenntnisarme Litanei provozieren?

Atheisten oder Anhänger der Aufklärung jedenfalls nicht. Denn Matussek steigt bereits im Vorwort mit zwei blauen Augen in den Ring. Er schreibt:

    “Der Philosoph Robert Spaemann nennt Gott ein “unsterbliches Gerücht”, eins, das sich durch die Zeiten so hartnäckig hält und so weit und lückenlos verbreitet ist, dass die Beweislast mittlerweile doch bei der Gegenseite liegen sollte. Ich warte also gespannt auf den wissenschaftlichen Beweis “Gott kann es nicht geben weil…”

Bereits dieser Quatsch, der sich schon auf Seite 12 des Buches findet, läßt erahnen, dass der Rest nicht besser werden kann. Der ehemalige Leiter der Feuilletonredaktion des bedeutensten Wochenblatts Deutschlands sollte wissen und schreiben, dass “Nichtexistenz” von was auch immer niemals “bewiesen” werden kann – zumal die Nichtexistenz einer angeblichen Entität für die es nicht einmal eine einheitliche Definition sondern lediglich einen ziemlich schillernden Begriff wie “Gott” gibt.

Und dann wartet Matussek, bereits ein wenige Zeilen weiter, mit einer Begründung der Theodizee in der Willensfreiheit des Menschen auf! Was kann man von einem Buch erwarten, das mit einem solch naiven Vorwort beginnt, das eher in die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts gehört als in das zweite Jahrtausend. Will Matussek seine Leser für dumm verkaufen oder ist er tatsächlich so naiv, anzunehmen, dass Naturkatastrophen ihre Ursache in der fehlenden Bereitschaft der Befolgung der Zehn Gebote haben?

Offenbar, denn Matussek setzt sein Buch mit einer ermüdenden Abhandlung über die Todsünden fort, um anschließend seine “Education sentimentale” im katholischen Elternhaus und dem Bonner Mißbrauchsinternat “Aloisiuskolleg” ausführlichst zu schildern. Wer das Buch dann noch nicht weggelegt hat, tut dies spätestens nach dem Kapitel das übertitelt ist mit:

    “Einige Argumente für den Glauben, die das atheistische Team blass aussehen lassen, sowie ein paar Mitspieler, vor denen selbst der Gegner normalerweise in die Knie geht.”

Naa, was denken Sie? Kann Matussek das Versprechen halten, das er hier so großspurig gibt? Sie ahnten es: natürlich nicht.

Seinen bis heute nicht exkommunizierten und zu Lebzeiten fleißig Kirchensteuern zahlenden katholischen Glaubensbruder Adolf Hitler beschreibt Matthias Matussek ernstlich als “atheistische Spitzenkraft”.

Den Entdecker des Evolutionsprinzips und Agnostiker Charles Darwin wiederum reklamiert Mattusek für sich und seinen Glauben indem er ernstlich behauptet, dieser hätte “aus logischen Gründen” an “seinem Gottesglauben” festgehalten. Matussek hat sich zur Bestätigung seiner absurden These von der Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion offenbar ein falsches Zitat aus dem Internet zusammengegoogelt. Zu dem Zitat findet sich bei Matussek natürlich keine Quellenangabe. Es lautet:

    “Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint. Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. – Die Unmöglichkeit des Beweisens und Begreifens, dass das großartige, über alle Maßen herrliche Weltall ebenso wie der Mensch zufällig geworden ist, scheint mir das Hauptargument für die Existenz Gottes.”

Darwin hat das natürlich nie so geschrieben. Was der bekennende Agnostiker tatsächlich schrieb – und was wohl so die Grundlage dieses angeblichen Zitats wurde – war:

    “I may say that the impossibility of conceiving that this grand and wondrous universe, with our conscious selves, arose through chance, seems to me the chief argument for the existence of God; but whether this is an argument of real value, I have never been able to decide. I am aware that if we admit a first cause, the mind still craves to know whence it came and how it arose. Nor can I overlook the difficulty from the immense amount of suffering through the world. I am, also, induced to defer to a certain extent to the judgment of the many able men who have fully believed in God; but here again I see how poor an argument this is. The safest conclusion seems to be that the whole subject is beyond the scope of man’s intellect; but man can do his duty.”

Letter 8837 — Darwin, C. R. to Doedes, N. D., 2 Apr 1873

Ich habe dann aufgehört zu lesen. Ein Buch, das mit so schlecht recherchiertem, offensichtlich ausschließlich zu Propagandazwecken zusammengelogenem Unfug aufwartet, stiehlt mir meine Zeit … und die jedes anderen Lesers. Sparen Sie sich diese für ein gutes Buch!

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*Der DVA-Verlag hat der THÜRINGER BLOGZENTRALE das hier besprochene Buch kostenlos für die Rezension zur Verfügung gestellt – also geschenkt. Es gab keine weiteren Absprachen. Es wurde um das Buch – mit dem Hinweis auf eine mögliche Rezension in der THÜRINGER BLOGZENTRALE – gebeten und es wurde kommentarlos zugeschickt. Bei diesem Blogeintrag handelt es sich also um Werbung.

Veröffentlichung in der Blogzentrale per Safemail

Gestern erreichte die THÜRINGER BLOGZENTRALE sehr interessante Post. Verschickt per Safemail. Kein Absender. Kein erklärender Text. Kein Gruß. Einfach ein Artikel. Gut geschrieben und mit interessantem Inhalt. Es geht – wie so oft in der Blogzentrale – um die Qualität der Erzeugnisse des Thüringer Zeitungsmonopolisten.

Noch gestern veröffentlichte das PR-Portal “Informationsdienst Wissenschaft” einen Beitrag, der feststellt, dass die Monopolstellung eines Druckerzeugnisses in einer Region gerade zu dessen besonderer Qualität beitragen soll. Prof. Dr. Frank Marcinkowski vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster wollte in einer Studie nachgewiesen haben, dass mit zunehmender Intensität des Wettbewerb zwischen Printprodukten die Qualität abnahm. Qualität war bei Marcinkowski definiert mit “Akteursvielfalt, Politisierung und Anti-Provinzialismus” .

Solche Dinge kann man der Zeitungsgruppe Thüringen mit ihren Blättern TLZ, OTZ und TA jedenfalls nicht vorwerfen. Hier mischen sich sehr wenige durchaus gut recherchierte und pointiert formulierte Beiträge mit blöder Propaganda – wobei letztere den eindeutig prominenteren Platz einnimmt.

Nicht dass das Thüringer Publikum hohe journalistische Qualität zu würdigen wüßte … jedenfalls …

Es gibt die Möglichkeit in der THÜRINGER BLOGZENTRALE Beiträge zu veröffentlichen, die einen gewissen Nachrichten- und Unterhaltungswert haben und in den Blättern der Zeitungsgruppe Thüringen ganz sicher nicht erscheinen werden. Per Safemail. Nun ja. Schlimm genug.

Der SPD-Chef ist gegen die Trennung von Staat und Kirche

Seit dem Herbst vergangenen Jahres gibt es einen inoffiziellen Arbeitskreis von Laizisten in der SPD. Die Genossen wollen, dass Religion wirklich Privatsache wird. Das ist in Deutschland nämlich nicht der Fall. Alle Deutschen – ob Christ, Atheist oder gar Muslim – zahlen jährlich eine Art vesteckte Kirchensteuer, die die Kirchen nach Belieben ausgeben können. Es gibt zwar keine “Staatskirche” aber allein der Freistaat Thüringen zahlt jährlich rund 22 Millionen Euro an die beiden Großkirchen. Der Thüringer SPD-Abgeordnete Rolf Schwanitz bringt den Grund für die Initiative seiner Parteigenossen auf den Punkt:

Der SPD-Vorsitzende und evangelische Christ, Sigmar Gabriel, findet die Initiative der vornehmlich ostdeutschen Genossen nicht ganz so nachvollziehbar. Auf die Frage des
christlich-fundamentalistischen “Evangelischen Pressedienstes”, warum er gegen einen offiziellen laizistischen Arbeitskreis ist, antwortet er

Das bedeutet im Klartext: Die SPD ist gegen eine klare Trennung von Staat und Kirche. Ganz anders übrigens als die Mehrheit der Deutschen. Die spricht sich nämlich für die Trennung aus.

Die Rolle von Kirchen soll noch eine andere sein, als eine soziale. Welche das sein soll und warum diese besonders schützenswert ist, läßt Gabriel offen. Dass die Kirchen in Staat und Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen sollen, sieht übrigens die Mehrheit der Ostdeutschen nicht so gern. Bei einer Umfrage des Instituts infratest dimap kam man zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl der Ostdeutschen findet, dass Kirchen einen viel zu großen Einfluss haben:

Wiglaf Droste fasste diese Ansicht der Ostdeutschen am 3.6.2011 in der jungen Welt in folgende kleine Anekdote:

    Am 14. Mai starb Michael John, der die Erfurter Herbstlese erfand und dann auch noch die Erfurter Frühlingslese organisierte. Ich freute mich immer, von ihm eingeladen zu werden, und ich weiß noch genau, was er bei unserer letzten Begegnung am 27.März zu mir sagte: »Man kann gegen die DDR eine Menge sagen, aber diese penetranten Christen hat sie gut in Schach gehalten und zurückgedrängt. Und aus Rache dafür sitzt hier seit 1989/90 auf jedem zweiten Stuhl ein Christ, hat von nichts eine Ahnung, redet aber überall mit, will bestimmen und nervt.«

Matussek und de Maizière wollen bomben und beten

Kommentar von Neidhart von Schwarzburg

Der Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und der SPIEGEL-Kolumnist Matthias Matussek sind der Meinung, Christentum und Krieg ließen sich gut vereinbaren. Für die, die man in diesem Krieg tötet zu beten, sei “nötig und sinnvoll“. Die Aufforderung der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, lieber mit ihnen zu beten, findet Matussek dagegen “theologisches Mokkagebäck“.

Matthias Matussek und Thomas de Maizière haben ein paar Dinge gemeinsam. Beide sind im Jahr 1954 geboren. Beide besuchten das erzkatholische Jesuiten- internat “Aloisiuskolleg” im feinen Diplomatenvorort Bonn Bad Godesberg und kennen sich deshalb höchstwahrscheinlich schon aus der Schulzeit und beide sind der Überzeugung, dass Christen ihre Feinde – trotz des Gebots der “Feindesliebe” – töten dürfen.

    “Vor Gewalt darf man nicht weichen”

meint der deutsche Verteidigungsminister und findet mit dieser These bei seinem Internatskollegen Matussek ein offenes Ohr und uneingeschränkte Zustimmung. Sollte dieses apodiktische Gebot auch für die Taliban gelten, wird es mit den beiden Christen Thomas de Maizière und Matthias Matussek wohl nie eine friedliche Lösung in Afghanistan geben.

Man darf die Taliban also töten. Geht es nach de Maizière und Matussek, sollte man aber außerdem für sie beten:

    “Das Beten für Täter und Opfer – für Opfer gleich welcher Nation – ist gut und richtig. Insoweit ist auch ein Gebet für die Taliban nötig und sinnvoll.”

Was man jedoch keinesfalls tun darf, ist, mit ihnen zu beten.

Margot Käßmann hatte es in der letzten Woche auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden gewagt, zu fordern, dass man mit den “Taliban beten solle, statt sie zu bombardieren“. Schlimmer noch, sie hatte behauptet:

    “Es gibt keinen gerechten Krieg, es gibt nur einen gerechten Frieden”

Für den Zögling des Bonner Jesuiteninternats Matussek sind diese Worte “wohlklingende fromme Phrasen“, ist diese Friedensethik “theologisches Mokkagebäck“. Die Zuhörer Käßmanns auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden sind für Matussek “Kirchentag-Groupies“, “meist weiblich“, die “sich ins selig Ungefähre juchzen und schmachten“.

Aber Matussek hat natürlich recht. Die Bibel ist voll des Säbelgerassels und Kopfabschlagens und selbst Jesus war sich – laut Bibelautoren – nicht zu schade, die Ermordung der Feinde Gottes zu fordern. Und das Christentum kennt natürlich sehr wohl den “gerechten Krieg“. Auch Luther war der Überzeugung dass Gewaltanwendung zur Erhaltung der göttlichen Ordnung von Obrigkeit und Untertanen zulässig sei.

Insofern ist Matusseks Kriegshetze in quellennaher Auslegung der überlieferten biblischen Texte und der jahrtausendealten christlichen Tradition von Augustinus bis Thomas von Aquin nur konsequent und Frau Käßmann entfernt sich mit ihrer humanistischen Friedensethik eigentlich vom Altem und Neuem Testament. Die Feindesliebe Jesu galt allen, nur nicht den “Feinden Gottes”, die in der Hölle schmoren sollten.

Frau Käßmann setzt sich nun sowohl von biblischen als auch von den Wurzeln ihrer Kirche ab. Sie fordert zum Dialog auf, will gebildete Fronten aufweichen und Gemeinsamkeiten herausstellen. Das passt christlichen Taliban wie Matussek natürlich nicht in ihr schönes Weltbild: Hie die gewalttätigen Muslime, da die angeblich durch Feindesliebe(!) moralisch erhabeneren Christen.

    Ja, die Feindesliebe ist der revolutionäre Kern des Christentums, und zeichnet es vor allen anderen Religionen, etwa dem Islam, geradezu aus. Und so tat der fast immer besonnene Verteidigungsminister, der evangelische Christ Thomas de Maizière, recht daran, als er auf dem Kirchentag forderte, für Opfer und Täter gleichermaßen zu beten. Auch für die Taliban? Auch für die Taliban. Geht das denn, bomben und beten? Aber sicher.

    Es gibt den bellum iustum, den gerechten Krieg. Seit dem heiligen Augustinus dürfen Christen Krieg führen, wenn er dem Frieden dient. Und das Gebet für die Feinde?

    Ich kann dafür beten, dass Jesus Christus die Herzen noch der grimmigsten Taliban erleuchtet und mit der Botschaft des Friedens erfüllt.

Dass Matussek hier einer selbstwertdienlichen Schizophrenie aufsitzt, erschließt sich dem rachegeifernden “Freund des Friedens” offenbar nicht.

Matthias Matussek, dessen Kolumnen stets an der Grenze zur Volksverhetzung changieren, war sich schon nicht zu schade, der Bundeskanzlerin zu ihrer “Freude” über die Tötung Osama bin Ladens zu sekundieren:

    “Man kann den Tod zornig zur Kenntnis nehmen, wie es schon jetzt einige islamistische Nachwuchskader in westlichen oder arabischen Ländern tun. Doch wir Übrigen, wenn wir nicht gerade mit moralisierender Selbstgerechtigkeit beschäftigt sind, atmen auf und legen eine wüste, gespenstische, zehnjährige Mördergeschichte erschöpft zur Seite.”

Man darf den Tod bin Ladens natürlich auch dann “zornig zur Kenntnis” nehmen, wenn man kein “islamistische Nachwuchskader” ist und bin Laden am liebsten vor einem ordentlichen Gericht gesehen hätte. Aber das passt nicht in das “Wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns”-Weltbild des katholischen Hardliners und zunehmend militanten Kriegsbefürworters. Matussek zitiert lieber die Bibel, in der die Feinde Israels und Gottes: “Wie Krüge aus Ton zertrümmert” werden sollen.

Matussek ist mit seiner entfesselten Kriegsrhetorik der Freund eines jeden Religionsfeindes. Hier fühlt sich noch der zurückhaltenste Atheist bestätigt, dass die Religion noch immer die beste Begründung für einen Krieg liefert.

Wen wundert da noch, dass es gerade die christliche Partei war, die den humanitären Einsatz in Afghanistan – der er noch unter Rot-Grün war – zu einem Kriegseinsatz mit “Präventivschlägen” gemacht hat.

Matthias Matussek und seine Glaubensbrüder argumentieren – ganz wie ihre militanten Gegner – mit den überlieferten Werten einer jahrtausendealten Hirtenkultur auf den Fundamenten einer mittelalterlichen Institution und das in einer Welt, die Waffen kennt, die auf einen Schlag Millionen von Menschen das Leben kosten können.

Es müßte eine Weltregion geben, wohin die die Irren und Hardliner aller Couleur verschifft werden. Dort sollten sie nach Herzenlust mit Äxten und Hellebarden aufeinander losgehen können. Sie sollen hetzen, einander verfolgen, foltern und töten dürfen … und meinetwegen auch miteinander oder füreinander beten.

Währenddessen könnten die anderen wenigstens mal in Ruhe miteinander reden.

Katharina König (DIE LINKE) mobbt den Papst

Von Sven

Es hätte alles so schön beschaulich werden können, heute im Thüringer Landtag. Die FDP hatte einen Antrag eingereicht mit dem der Besuch Joseph Ratzingers im September zum Jahrtausendereignis stilisiert werden sollte. Und die Fraktionen der CDU und SPD ergänzten den Wunsch der FDP um eine Wertedebatte um den ungeheuer wichtigen Aspekt des Fremdenverkehrs.

    Mit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Thüringen findet ein Ereignis von historischer Dimension statt.

Die Landesregierung wurde deshalb von der FPD aufgefordert:

im Vorfeld des Papstbesuchs im Dialog mit den christlichen Kirchen und den Vertretern der anderen, in Thüringen vertretenen Weltreligionen die Diskussion um Werte und Ethik in unserer pluralistischen, freien und demokratischen Gesellschaft verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken und dabei insbesondere

    1. die deutlichen Signale aus Rom in Richtung einer verstärkten Ökumene in die gesellschaftliche Debatte einzubeziehen,
    2. die Chancen und Impulse des christlichen Wertekanons in der allgemeinen Wertedebatte bei gleichzeitiger Wahrung der Religionsfreiheit zu berücksichtigen

Die Fraktionen der CDU und SPD, die die Landesregierung bilden, stellten einen kleinen Änderungsantrag mit leichten Schwerpunktveränderungen:

Die Landesregierung wurde deshalb von CDU und SPD aufgefordert:

im Vorfeld des Papstbesuchs im Dialog mit den christlichen Kirchen und den Vertretern der anderen, in Thüringen vertretenen Weltreligionen die Diskussion um Werte und Ethik in unserer pluralistischen, freien und demokratischen Gesellschaft verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken

    Und im Bereich des Fremdenverkehrs
    a) das große Potential herausragender Geschichtsorte des Christentums verstärkt zu erschließen und zu vernetzen,
    b) diese Überlieferung als Teilbereich des Kulturtourismus mit besonderem Nachdruck weiterzuentwickeln,
    c) im Rahmen der staatlichen Beteiligung an der Lutherdekade dem Gedanken der konfessionellen und religiösen Toleranz besonderes Augenmerk zu widmen

Eine aber machte der schönen Harmonie und Einigkeit über die Freude über den Besuch Joseph Ratzingers einen Strich durch die Rechnung: Die bekennende Christin und Abgeordnete der LINKEN im Thüringer Landtag, Katharina König. Sie benannte ein paar sehr unangenehme Wahrheiten und machte sich damit bei manchen ihrer Kollegen ein paar Feinde mehr:

Es lohnt sich auch, die gesamte Debatte anzuschauen. Soviel Grundfalsches über die angeblich “christlichen Wurzeln” unserer Wertegemeinschaft hat es im Thüringer Landtag selten gegeben. Und selten hat man soviel Verlogenes über einen Papst gehört, der Kindesmißbrauch deckte und Nazis rehabilitierte, Kondome verbot und Schwule, Juden und Frauen diskriminiert.

Joseph Ratzinger in Thüringen und im Bundestag

Joseph Ratzinger kommt im September diesen Jahres nach Deutschland. Vor allem kommt er aber nach Thüringen. Am Donnerstag, dem 22. September, wird er in Berlin landen und anschließend eine Rede vor dem Deutschen Bundestag halten dürfen. Am darauffolgenden Freitag wird er auf dem Erfurter Domplatz einen Gottesdienst zelebrieren und anschließend zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Thüringer Eichsfeld weiterreisen.

Der Deutschlandbesuch von Joseph Ratzinger steht unter dem Motto «Wo Gott ist, da ist Zukunft».

Unterdessen regt sich erheblicher Protest gegen den Besuch des deutschen Papstes in Thüringen und seine geplante Rede vor dem Deutschen Bundestag.

Das Erfurter Radio F.R.E.I. berichtet von Planungen kirchenkritischer Gruppierungen für ein regelrechtes “Vatikantribunal”.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele hat angekündigt, den Plenarsaal zu verlassen, wenn Papst Benedikt XVI. wie angekündigt im September im Bundestag eine Rede halten wird. “Ich halte davon nichts”, sagte er der “Mitteldeutschen Zeitung” (Online-Ausgabe) zu der Rede. “Ich werde rausgehen. Ich bin auch bei Putin und bei Bush rausgegangen. Unserem Heiligen Vater nehme ich besonders übel, dass er sich in Lateinamerika nicht zu seiner Schuld und der seiner Kirche bekannt hat.” Kritiker werfen der katholischen Kirche die Christianisierung der Ureinwohner vor. Joseph Ratzinger war zudem in den achtziger Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation gegen die lateinamerikanischen Befreiungstheologen vorgegangen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat die angekündigte Rede von Papst Benedikt XVI. im Bundestag scharf kritisiert. Es irritiere ihn sehr, dass die römisch-katholische Kirche sich nicht nur als Kirche, sondern auch als Staat verstehe, sagte Schneider der “Berliner Zeitung”.

Ein Protestbündnis plant eine Großdemo zum Papstbesuch. Schwule und Lesben wollen dann gegen Sexualmoral der katholischen Kirche protestieren.

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) kritisiert die eklatante Bevorzugung der katholischen Kirche gegenüber anderen Weltanschauungsgemeinschaften. Obendrein werde damit eine Organisation hofiert, in der Werte wie Demokratie und Gleichberechtigung der Frau keinen Platz hätten. Dies könne auch nicht dadurch ausgeglichen werden, dass nun auch andere religiöse Oberhäupter in gleicher Weise eingeladen werden. „Wenn nun Vertreter aller möglichen Religionen im Bundestag auftreten würden, würde das die Vermischung von Politik und Religion auf die Spitze treiben“.

Joseph Ratzinger wird als Staatsoberhaupt im Bundestag sprechen.

Beim Besuch Joseph Ratzingers in Großbritannien im September vergangenen Jahr hatte es erhebliche Proteste gegeben. Die Briten lehnten den Besuch Ratzingers aus folgenden Gründen ab:

  • Befürwortung einer sehr eingeschränkten Nutzung bzw. eines Verbots der Nutzung von Kondomen – AIDS-Risiko wird in Kauf genommen
  • Unterstützung der Erziehung von Kindern nach Weltanschauungen getrennt
  • Abtreibungsverbot für alle – auch besonders beeinträchtigte Frauen (Vergewaltigung, Behinderung)
  • Gegner gleicher Rechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender
  • Mangelhafte Aufarbeitung oder gar Vertuschung der Fälle von Kindesmißbrauch in der Katholischen Kirche
  • Rehabilitation des notorischen Holocaustleugners Bischof Richard Williamson und des Hitler-Verharmlosers Papst, Pius XII.
  • Der Staat Vatikan erkennt außerdem die Europäische Erklärung der Menschenrechte nicht an.

Weitere Informationen unter http://www.protest-the-pope.org.uk/

Lothar Dombrowski zu Merkel, Mappus & Guttenberg