Archive for the 'Medien' Category

Ramelow twittert “ACAB” (Alle Polizisten sind Bastarde)

Die Fraktionsspitzen von SPD, Linken und Grünen im Thüringer Landtag werben derzeit u.a. bei Twitter mit einem “frechen” Foto für eine rot-rot-grüne Koalition auch im Bund. Matthias Hey (SPD), Dirk Adams (Grüne) und Susanne Hennig-Wellsow (Linke) sind darauf zu sehen, wie sie “Für mehr Punkrock in der Politik” posieren.

Dazu gehört offenbar als unentbehrlicher Bestandteil Polizisten als “Bastarde” zu beschimpfen. Prangt doch in der rechten unteren Ecke des Fotos ein “ACAB”. Eine in der linken Szene gern verwendtete Chiffre für “All Cops Are Bastards” (Alle Polizisten sind Bastarde). Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow hat das Bild auch gleich mal retweetet:

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NACHTRAG:

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, verwies bereits im Sommer diesen Jahres darauf, dass die Abkürzung “ACAB” nahezu immer in Verbindung mit Gewalt gegen Polizisten stehe (siehe: Tagesschau)

Susanne Hennig-Wellsow und Ex-Regierungssprecher Alexander Fischer finden das ganze übrigens eher lustig:

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NACHTRAG 2: In einer früheren Version des Artikels hatten wir Frau Hennig-Wellsow mit einem zusätzlichen “n” beschenkt. Herrn Alexander Fischer bezeichneten wir als Regierungssprecher. Das ist er aber längst nicht mehr. Er arbeitet nur noch so allgemein für die Staatskanzlei. @wellsow wies uns zu recht darauf hin. Wir danken für den Hinweis und bitten diese Mängel zu entschuldigen.

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NACHTRAG 3:
Linke-MdL Katharina König findet das alles offenbar ungeheuer lustig:

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NACHTRAG 4:

R2G-Punkrock-Foto: Matthias Hey distanziert sich von der ihm unbekannten Botschaft des bearbeiteten Fotos

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Matthias Hey, erfuhr heute von einer bearbeiten Variante eines gemeinsamen Fotos, das ihn, Susanne-Hennig-Wellsow und Dirk Adams abbildet und den Schriftzug ACAB enthält. Dazu erklärt der SPD-Fraktionsvorsitzende Hey:

„Das Bild entstand zufällig bei einer Aktion mit dem Verein Mehr Demokratie e. V. nach der erfolgreichen Verabschiedung des Thüringer Gesetzes zu mehr direkter Bürgerbeteiligung in Kommunen. Das Bild wurde von der Fraktion DIE LINKE aufgenommen und bearbeitet. Mir ist der Schriftzug, der nachträglich eingefügt wurde, nicht aufgefallen, ebenso wenig meinen Mitarbeitern.

Das Foto verstehen wir als Satire. Es wurde deshalb weder auf der Facebookseite der Fraktion verbreitet, noch habe ich es auf meiner Seite geteilt – ich mag Punkrock nämlich schlichtweg nicht.

Natürlich distanziere ich mich auch namens meiner Fraktion zu jeglichen Aufrufen zur Gewalt. Herrn Mohring sei gesagt: Ich schätze es, wie ernst er Oppositionsarbeit nimmt. Mich wegen eines Tweets in die Nähe von Gewalttätern rücken zu wollen, ist allerdings absurd. Selbst sein Fraktionskollege Mario Voigt ist da unaufgeregter und hat auf Facebook sogar schmunzelnd eine Liedzeile unter dem entsprechen Post von Dirk Adams gesetzt“

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NACHTRAG 5:

Bodo Ramelow hat den Retweet still und heimlich gelöscht.

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NACHTRAG 6:

Jetzt irrlichtert Bodo Ramelow wieder nächtlich durch Twitter, setzt lustige Tweets ab und blockt unbequeme Accounts. Direkte Kommunikation vermeidet er ängstlich. Wir würden ihm wirklich gern antworten. Wir würden ihn z.B. gern fragen, warum er den Re(!)tweet gelöscht hat, wenn er doch gar nicht getwittert, sondern “nur” retweetet hat – wobei er bei dieser Gelegenheit der interessierten Öffentlichkeit gleich erklären kann, warum ein Re(!)tweet seiner Ansicht nach kein Tweet ist. Aber Bodo Ramelow blockt lieber. Da kann man nichts machen. Er muss sich schützen. Gegen den gefährlichen Blockwart THÜRINGER BLOGZENTRALE.

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NACHTRAG 7:

Pressemeldung Zu dem Foto „#R2G: Für mehr Punkrock in der Politik“ erklärt Dirk Adams, Fraktionsvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Landtagsfraktion Thüringen:

„Es steht vollkommen außer Frage, dass ich mir das, was mancher mit ACAB verbindet, niemals zu eigen machen würde. Deshalb distanziere ich mich sehr deutlich von dem Denunziationsversuch des Fraktionsvorsitzenden der CDU, Mike Mohring. Das Bild entstand im Zuge einer gemeinsamen Fotoaktion zum Gesetzentwurf für Mehr direkte Demokratie in den Kommunen am Rande des vergangenen Plenums. Dieses Bild verherrlicht weder linksextreme Gewalt noch stellt es eine Geringschätzung unserer Polizistinnen und Polizisten dar.“

Runder Tisch Medienkompetenz in Thüringen

Von Sven

Ich habe gestern wieder auf einem Podium gesessen, um mit Thüringer Medienleuten und Politikern über das Internet zu diskutieren … ach nein … es ging eigentlich um die Förderung von Lesekompetenz an Thüringer Schulen durch Zeitungslektüre. RunderTisch-Medienkompetenz

Diese Veranstaltung hat offenbart, was schiefläuft bei der Diskussion um das Thema Medienkompetenz in Thüringen.

Das Internet ist wie eine Bombe in über Jahrhunderte geschaffene Strukturen gefallen und nun rennen seit Jahren alle schreiend und panisch durcheinander und versuchen irgendwie mit sich selbst klarzukommen und gleichzeitig wieder eine Art Normalität herzustellen. Dabei tun alle so, als habe sich überhaupt nichts verändert. Und so kommt es, dass man auf einer Podiumsdiskussion des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport ernsthaft über die gedruckte Zeitung als Medium zur Leseförderung diskutiert … während man sich nebenbei fleißig auf Handy und Tablet über die Weltlage informiert.

leowtfDie Zuhörer im Auditorium waren entsprechend überrascht, einen Blogger auf dem Podium zu finden, der ihnen erzählte, dass das Internet gefährlich ist und dass eine Diskussion über Lesekompetenz für Zeitungen das Letzte ist, was Thüringer Schulen im Moment brauchen. Man war nicht nur überrascht, man war sogar verärgert, dass hier keine fertigen Lösungen für die unterirdischen Bildungsleistungen Thüringer Auszubildender angeboten wurden, dabei stand sehr deutlich im Konzeptpapier des Runden Tisches Medienkompetenz und im Flyer zur Veranstaltung zur Lesekompetenz(sic!), dass hier Probleme angesprochen und Lösungen gesucht(!) werden sollen.

Ich habe versucht klar zu machen, dass die Schüler sich vor allem für Facebook und Whatsapp, Tinder und Handygames interessieren und dass man auf diesen Zug aufspringen müßte, um Schüler für Lese- und Medienkompetenz zu motivieren. Und auch die beiden Schülerinnen, die mit auf dem Podium saßen, sagten auf die Frage, ob sie das, was sie wirklich interessiert lieber in die Schülerzeitung schreiben oder bei Facebook teilen, vorhersagbar und wahrheitsgemäß: Facebook.

Bei dieser Debatte stand ein riesiger Elefant im Raum und der hieß: Internet.

Und ich sage es an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich: Print ist tot!

Eine Förderung von Lese- und Medienkompetenz durch die gedruckte Zeitung ist überflüssig, so traurig das für die jahrelang gewachsene Kooperation zwischen den Behörden des Freistaates und der Zeitungsgruppe Thüringen auch sein mag. Das Internet ist es, wofür junge Menschen in Thüringen heute dringend(!) Kompetenz brauchen. Hier fehlt es an Experten,  Regeln und Strukturen. Thüringen als “Kindermedienland” mit seinen Leuchttürmen der “New Economy” verschläft die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Unglaublich.

Kampf um Deutungshoheit: Jena hat Blogs aufgesetzt

Auch in der Stadtverwaltung ist es offenbar angekommen, dass die üblichen Wege der PR nicht mehr funktionieren. Pressemeldungen und Interviews von Prominenten in den Lokalzeitungen haben keinen Einfluss mehr. Nachdem die hitzige Diskussion um die Eichplatzbebauung im Internet vor allem von dem PR-Portal Jenapolis bestimmt wurde, hat man sich offenbar überlegt, dass sich die Stoßrichtung der öffentliche Debatte wohl besser in einem eigenen Blogportal beeinflussen läßt.

blog-jena

Seit Anfang 2014 betreibt die Stadt Jena deshalb ein eigenes Blogportal blog.jena.de auf dem kontroverse aktuelle Bauvorhaben und sonstige grundlegende sozialpolitische Veränderungen vorgestellt und diskutiert werden können.

Diese Initiative könnte die Initialzündung für eine ganz neue Art der politischen Auseinandersetzung werden, in der die klassischen Lokalzeitungen weiter an Bedeutung verlieren. Denn wenn sich entsprechende Bürgerinitiativen bilden, die eigene Blogs aufsetzen und die Informationen der Stadt-Blogs kritisch hinterfragen, könnte sich die Debatte aus den Lokalzeitungen und den (kontrollierten) Leserbriefspalten heraus ins Netz bewegen.

Wie üblich bei solchen Projekten hat der Enthusiasmus bereits etwas nachgelassen. Das erste Blog war zur Baumaßnahme am Burgweg. Der letzte Eintrag stammt aus dem März diesen Jahres, auch wenn der Bautbetrieb weiter geht und bereits Fragen “besorgter Bürger” auftauchen.

Auch im Abbe-Bücherei- Blog hat sich die Anfangseuphorie gelegt. Der letzte Eintrag stammt vom August. Das Blog zum “Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention” ist offenbar auch nicht so sexy. Wer liest das alles? Und wer glaubt, dass das jemand liest? Geschweige diskutiert? Über die Baumaßnahmen in der Lutherstraße wird ebenfalls nichts mehr gebloggt – auch wenn dieses Blog zunächst durch schöne Bilder und aufregende Berichte über den Baufortschritt glänzte. Das Eichplatzblog wird wohl erfolgreicher werden.

Und im Blog zum Ausbau der Straßenbahn in Jena-Nord gibt es bereits eine kleine Auseinandersetzung über einen projektkritischen Flyer.

Alles in allem ein guter Anfang. Was fehlt, sind die dazugehörigen Twitter- und Facebookaccounts zu jedem Blog, da neue Beitrage in Blogs meist so abonniert – und vor allem verbreitet werden.

Psychologieprof behauptet, Deutsche würden manipuliert

Der Kieler Psychologieprofessor Rainer Mausfeld muß verrückt geworden sein. Der Autor von Standardwerken zur sozialwissenschaftlichen Statistik setzt seine wissenschaftliche Reputation aufs Spiel, indem er einen Vortrag über die systematische Manipulation der deutschen Bevölkerung durch die Massenmedien hält. Er spricht in diesem Vortrag von Propaganda und Verschleierung. Er spricht davon, dass Fakten absichtlich fragmentiert und nivelliert werden.

Mausfeld spricht von 30-40 Millionen zivilen Opfern durch militärische Interventionen der USA in den letzten 40 bis 50 Jahren. Er spricht von aktiver Manipulation der Massen durch eine Oligarchie – in Deutschland! – die sich die Gesetze und neuesten Befunde der wissenschaftlichen Psychologie zueigen macht, um die Menschen systematisch über ihre wahren Interessen im Unklaren zu lassen. Mausfeld spricht von “Scheindemokratie” und Herrschaft einer unsichtbaren Elite.

Er geht jedoch nicht davon aus, dass das alles “zentral gesteuert” wird. All diese antidemokratischen Verwerfungen seien “systemimmanent”. Aufstieg in diesem System ist nur durch Anpassung erreichbar. Journalisten, die dieses System stützen sind keine Mietmäuler oder gar Lügner. Sie sind selbst überzeugt von der Richtigkeit dieses Systems. Sie tragen es aus Prinzip und werden entsprechend – aufgrund der Erfüllung relevanter impliziter Kriterien – protegiert, steigen auf und fördern später ihrerseits systemrelevante Journalisten.

Laut Mausfeld wird die Bundesrepublik durch ein totalitäres System nach Führerprinzip gelenkt. Angela Merkel sei lediglich eine Marionette. Die wahren Mächtigen säßen auf den Chefsesseln der Konzerne.

Hier kann man sich auch die anschließende Diskussion anschauen.

Der verrückte Professor Mausfeld hat offenbar nichts mehr zu verlieren. Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, da werden berechtigte Fragen nach seiner Qualifikation und Reputation auftauchen. Verschwörungstheoretikern wie Mausfeld reden viel und haben keine Ahnung, was auf dem Spiel steht. Man sollte diesen Vortrag eines unqualifizierten Uniprofessors einfach ignorieren.

Was will Pegida eigentlich? Flüchtlinge aufnehmen!

In Deutschland ist ein Kulturkampf im Gange. Die Bundesregierung, die im Bundestag vertretenen Parteien, Verbände und Leitmedien kämpfen gegen eine wöchentlich stattfindende Demonstration in Dresden. 25.000 Teilnehmer hat sie inzwischen. Der Tenor ist eindeutig: Pegida ist rassistisch, antisemitisch, ausländer- und islamfeindlich, gegen Toleranz, Religionsfreiheit, ganz allgemein gegen Freiheit und gegen Demokratie. Die FAZ fasst diese Pegida-Gegner-Positionen so zusammen: Deutschlandweit Proteste gegen Islamfeinde. Aber ist Pegida überhaupt islam- oder gar so ausländerfeindlich wie sie unisono beschrieben wird?

Wir haben einen Thüringer Blogger und Pegida-Demonstranten gefragt, warum er eigentlich jeden Montag von Gera nach Dresden fährt:
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Landesmedienanstalt sucht Thüringer Blogger

Wir suchen für ein Projekt einen Blogger, der über interkulturelle Themen schreibt oder sich damit auskennt. Dabei sind keine Grenzen gesetzt – ob der Themenschwerpunkt nun Integration ist oder Ihr viel Kontakt zu Menschen auf der ganzen Welt habt: Hauptsache, es hat was mit dem großen Themengebiet Kulturaustausch zu tun und Ihr bloggt gelegentlich darüber.

Am 21. Juni findet in Gera das Brückenfest statt, ein internationales Kultur- und Musikfest. Für eine Gesprächsrunde beim Fest suchen wir deshalb einen Blogger, der sich in dieser Thematik wiederfindet und Lust hätte, 4-5 Fragen in einem Interview dazu zu beantworten (wäre auch super Werbung für das eigene Blog ;)). Die Fahrt- bzw. Übernachtungskosten werden voll erstattet.

Alles Weitere können wir gern per E-Mail unter info@tlm-okgera.de abklären.

Wir freuen uns über Eure Antwort.

Thüringer Landesmedienanstalt
Offener Kanal Gera
Webergasse 6/8
07545 Gera

Der wahre Wählerwille

Kämen alle Parteien in den Bundestag, die zur Wahl stehen und dürften auch alle Parteien abstimmen, dann sähe so das Ergebnis bei den zentralen Fragen des WAHLOMATEN aus (QUELLE: opendatacity):
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Pennälertheater: Premiere für Faust und Intendant

Von Neidhart von Schwarzburg

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Nur fünf Vorhänge, höflicher Applaus, ein paar Buhrufe und ein Türenschlagen, das ist die Ausbeute des gestrigen Abends. Der neue Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, Hasko Weber, hätte gestern die Gelegenheit gehabt, wieder gut zu machen, was in Stuttgart vor acht Jahren bereits einmal gründlich danebenging: … doch er hatte anderes vor.

materdolorosaAus Goethes zeitlosem Meisterwerk wurde eine würde- und instinktlose Nummernrevue mit Slapstickeinlagen und Klamauk, wie geschaffen für gelangweilte Thüringer Schulklassen, die künftig das DNT besuchen müssen und dann Gelegenheit haben, das mit Obszönitäten und Zoten durchwirkte Stück per Smartphone mit ihren Freunden zu teilen.

Das karge Bühnenbild, die blassen Hauptdarsteller, die schnellen Schnitte zwischen den Szenen, die Videoeinspieler und die Zahl der Protagonisten (acht für alles) geben beredtes Zeugnis von der finanziellen Ausstattung des DNT. Alles wirkte so billig und gewöhnlich wie der Schlager von Karel Gott(!), mit dem Mephisto (Sebastian Kowski als einziger wirklicher Lichtblick der Inszenierung) den Faust (Lutz Salzmann, offenbar überfordert) zur Reise um die Welt zu überreden suchte.

Den größten Mißton dieser Inszenierung setzte allerdings das Gretchen. Hasko Weber läßt sie zur Anrufung der Gottesmutter – dem zartesten und verzweifeltsten Ausdruck ihrer Schande – nicht vor einem Marienbildnis knien, sondern wieder und wieder von Stuhl springen, um das Kind Fausts abzutreiben. Nora Quest unterstützt die Profanisierung der Unschuld Gretchens, indem sie Zeile um Zeile herunterleiert und nur da ein wenig Gefühl zeigt, wo sie schreit.

Dieses Stück setzt den Akzent nicht auf das vielleicht Erlösende im Reinen und im Glauben und Vertrauen, sondern auf das zynische Lob des Schmutzig-Dunklen und Abgeklärt-Egoistischen. Manifest wird dies unter anderem im Osterspaziergang, den Salzmann in herablassend-arroganten Spott kleidet. Das Volk wird mit seinem “Hier bin ich Mensch, hier darf sich sein” von einem angeekelten Faust verhöhnt. Das Lachen, das dieser “Faust” erzeugt ist kein frohes, befreiendes, sondern ein rohes, beklemmendes, wenn man ungläubig zuschauen muss, wie Mephisto Marthe mit einem langen Ringelpenis verführt. Diese groteske Obszönität war wohl einem Zuschauer zuviel, so dass er das Theater laut Türen schlagend verließ. Zum Glück hat man – offenbar in letzter Minute – auf eine Duschszene verzichtet.

Die an überraschenden Regieeinfällen sonst recht arme Inszenierung mit erheblichem Interpreationsspielraum läßt den Darstellern, die sich redlich mühen, viel Gelegenheit, wenigstens ihr komisches Talent unter Beweis zu stellen. Der seltene Szenenapplaus ist jedoch am lautesten als Mephisto sein “Ein Dilettant hat es geschrieben, Und Dilettanten spielen’s auch” zum Besten gibt.

Hasko Webers “Faust” am Weimarer Nationaltheater ist nicht nur enttäuschend, er ist eine Schande. Der neue Intendant sollte in Gretchens Lied einstimmen, er wird es brauchen.