Archive for the 'Jena' Category

Bildungsstreik in Thüringen: Mach mit und sei dabei?

Von Robby

bildungsstreik.gifOh mein Gott! Erst eben habe ich festgestellt, wie schockierend und peinlich die Sache mit dem Bildungs- streik eigentlich ist. Im Seminar Beratungspsycho- logie ging es heute um psychologische Beratung im Bereich Werbung. Im Zuge dessen war es im praktischen Teil unsere Aufgabe ein Plakat für den Bildungsstreik zu entwerfen. Gleichzeitig wurden zu Beginn der Veranstaltung der aktuelle Flyer ausgeteilt, bei dem ich mich frage, wer sich von so etwas angesprochen und motiviert fühlt? Man werfe bitte einen Blick hierauf.

Nicht nur, dass ich nicht verstehe, was das Krümelmonster mit dem Bildungsstreik zu tun hat, nein, der Slogan beziehungsweise die Aufforderung “Mach mit und sei dabei” ist wirklich der Hammer. Erinnert mich ehrlich gesagt an “1, 2 oder 3 – letzte Chance, vorbei.”. Kindergarten- oder maximal Grundschulniveau. Warum sollte ich mitmachen, außer, damit ich wie alle anderen mitmache und dabei bin? Sorry, aber sinnlose Menschenaufläufe sind nicht mein Fall.

Weiterhin habe ich persönlich mit der Begriffswahl Streikdemo ein Problem. Das klingt nach Hauptsache gegen, aber nicht im Ansatz nach Wofür. Wie schon in dem Videokommentar angesprochen sehe ich auch hier wieder das Problem: Fordern ohne etwas dafür anzubieten. Und eine .de.vu-Domain macht das ganze nicht besser. Die (einmaligen) 12€ (oder weniger) für eine ordentliche Adresse sollte man schon haben, zumindest würde das in meinen Augen einen gewissen Grad Seriösitität liefern.

Nuja. Auch wenn unser Seminar aufgrund des Bildungsstreiks morgen ausfällt, geh ich wohl nicht mit Steine schmeißen. Erstens habe ich etwas gegen Massenaufläufe und zweitens kann ich mich deswegen und darüber hinaus nicht damit identifizieren. Ich gehe Seifenblasen vom Balkon steigen lassen. Denn erstens macht das Spaß und zweitens kann dann jeder sagen “Guckt mal, die Seifenblasen zerplatzen wie unsere Träume und Wünsche nach Bildung. Wie metaphorisch.”. Uns geht es zwar um die Seifenblasen, aber so bekommt jeder, was er will.

bildungsstreik2.gifWas unser Plakat angeht: In knappen 15 Minuten entwickelten wir den Slogan

“Bildung für alle!?
Alle für Bildung!”

Aufgehübscht mit verschiedenen, prototypischen Studentenvertretern respektive deren Strichmännchenkopfpendants. Das Plakat hängt auch irgendwo im Campusgebäude aus. Der Hintergrund der Botschaft? Bildung nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht. Dazu beachte man die latente Musketierverbindung. Nichts, aber auch nichts anderes als die soziale Verantwortung würde mich dazu bewegen, an der Streikdemo zu partizipieren. Und selbst mit der habe ich immer noch eine starke Tendenz zum Schulterzucken.

Mit Nazis reden?

unique.gif“Heil Hitler, Herr Friedman”, so begrüßte der verurteilte Holocaustleugner und ehemalige RAF-Terrorist Horst Mahler einst seinen Interviewpartner. Die Boulevardzeitschrift “Vanity Fair” wollte für ihre deutsche Erstausgabe einen richtigen “Knaller” im Heft haben. Der wegen Drogenbesitzes verurteilte TV-Moderator und ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, wollte es in einem rhetorischen Schaukampf mit einem für seine Eloquenz berüchtigtem Nazi aufnehmen. Wer dieses bizarre Duell inhaltlich gewann, darüber besteht bis heute Uneinigkeit an Stammtischen und in den Feuilleton-Büros.

Der publizistische Gewinner war jedoch eindeutig Horst Mahler.

In Jena wollte man dieses groteske Experiment offenbar wiederholen. Die Studentenzeitschrift “unique”, die sich vor allem integrationspolitischen Themen widmet, wählte sich einen stadtbekannten Jungnazi zum Gesprächspartner und ließ sich von dem geschulten Kader vorführen. Man stellt Fragen wie diese:

Unsere Einstiegsfrage, die wir auch bei unserer Straßenumfrage gestellt haben, lautet, wogegen oder wofür kämpfst du?

Und erhielt natürlich Antworten wie diese:


Wie alle politischen Idealisten jeglicher Couleur für eine bessere und gerechtere Welt, was in meinem und unseren Falle bedeutet: gegen den ausufernden Kapitalismus. Gegen die Globalisierung kämpfen wir und gleichzeitig für mehr soziale Gerechtigkeit und den Erhalt der Kulturen und der Völker.

Die Konsequenzen waren verheerend. Die Thüringer Allgemeine berichtete über den Vorfall. Die Linksfraktion im Thüringer Landtag forderte den Rücktritt des Chefredakteurs und die Nazis jubelten.

Morgen wird es zu dieser Sache eine Podiumsdiskussion geben:

Mittwoch, den 28. Januar, um 20 Uhr im Hörsaal 8 am Campus der Uni Jena

Es diskutieren (Fabian Köhler und Lutz Thorman), Louisa Reichstätter (Akrützel), Theresa Junge und Frank Piehler (Campusradio), Christoph Ellinghaus (Aktionsnetzwerk gegen Rechts), Prof. Seufert (Kommunikationswissenschaft) und Prof. Frindte (Pädagogische Psychologie).

Wiglaf Droste antwortete übrigens einmal auf die Frage, ob man mit Nazis reden müsse: “Muß man an jeder Mülltonne schnuppern?

Videos vom Halbfinale der EM gegen die Türkei in Jena

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Fußball-EM: Public-Viewing auch in Jena, Weimar und Erfurt

Szenen wie diese wird es wohl auch dieses Jahr wieder geben. Am Johannistor in Jena ist ein Public-Viewing-Projekt geplant. Der Eintritt wird frei sein. Es wird jedoch auch wieder eine Schleuse geben, um den Gastronomen vor Ort ihre Umsätze zu erhalten.

Noch in der vorigen Woche wurde über den Ausfall der Fußball-EM-Feier in Jena spekuliert. Gastronomen, die die Fußball-WM am Faulloch betreuten, wollten darauf in diesem Jahr verzichten, da die Kosten die Gewinne nicht aufwogen. Nun hat die Firma CC Eventmanagement aus Utzberg bei Erfurt eine Genehmigung beantragt. Die Spiele werden auf einer 15 Quadratmeter großen Leinwand zu sehen sein. Das gilt auch für Erfurt und Weimar. In Erfurt kann man die EM auf dem Bahnhofsvorplatz und dem Universitäts-Campus verfolgen, in Weimar ist die deutsche Elf auf einer Großbildleinwand auf dem Goetheplatz zu sehen. Im Kirchgarten von Oberndorf bei Apolda und im Pfarrgarten von Magdala gibt es ebenfalls Public-Viewing-Möglichkeiten.

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Für Leser der Thüringer Allgemeinen, für die der Begriff “public-viewing” zu undeutsch ist, gibt es natürlich auch überall “Gartenfernsehen, Terrassenfernsehen, Hoffernsehen” und “Fernsehen im Freien”.

NACHTRAG: Bilder vom Spiel Deutschland gegen Portugal gibt es hier (Klick!)

Stadtbalkon

Von Baytor

“Stadtbalkon”? Mein Duden von 1983 kennt dieses Wort nicht, ich neuerdings aber, da mein Jenaer Stadtteil, das kleine, dröge Winzerla, jetzt einen Stadtbalkon hat!
Meine aus persönlichen Eindrücken gehäkelte Definition eines Stadtbalkons lautet: Begriff aus der urbanen Landschaftsgestaltung, zur Bezeichnung weitgehend unnützer Fläche mit schöner Aussicht, für die gern mal über eine Million Euro verheizt wird; effektiver Nutzwert: Assi-Treffpunkt.

Einst gab es am ehemaligen Winzerlaer Marktplatz einen kleinen grünen Hügel mit einem kleinen Wasserbecken inklusive kleiner Wasserspiele und der Plastik eines Flößers (daher der Name “Flößerbrunnen”). Dank einer, von der OTZ (Artikel zum Stadtbalkon) auf “rund 1,2 Millionen Euro” bezifferten Geldspritze ist der grüne Hügel einer Betonplattform gewichen, das Becken ist größer, der Flößer ist derselbe.

Die Baukosten wurden durch Fördergelder getragen, die ausschließlich zur Gestaltung Winzerlas genehmigt waren. Schon zu Baubeginn gab die Stadtteilzeitung zu bedenken, dass man doch auch mal ein wenig Instandsetzung betreiben könne. Nicht mit diesem Geld!

Am Donnerstag dann die Einweihung. Alle sind begeistert. Feierliche Eröffnung, feierliches Aufdrehen des Wasserflusses, feierliches Erstplanschen im neuen Becken, feierliches Erstsitzen auf den neuen Bänken.

Bald auch: feierliches Erstbesaufen und feierliche Erstbesprühung mit Graffiti – da bin ich mir sicher. Jeder, der hier auch nur eine Woche in Winzerla verbringt, weiß über den Platz am “Stadtbalkon” Bescheid. Schließlich befindet sich in unmittelbarer Nähe ein Supermarkt. Am Becken saßen sie schon immer: jene Leute, die ihre Zeit mit Sitzen verbringen und Kronkorken und Zigarettenstummel wie Konfetti verstreut zurücklassen.

Das einzig Gute am Stadtbalkon ist die fehlende Überdachung der Sitzgelegenheiten, sonst säßen sie auch bei Regen dort.

Lichtgedanken? 450 Jahre Universität Jena

Am morgigen Donnerstag, dem 15. Mai 2008 wird im Rahmen der Festwoche des Jenaer Universitätsjubiläums ein festlicher akademischer Umzug des Senats sowie von Rektoren und Gästen der COIMBRA-Gruppe und anderer befreundeter Universitäten stattfinden. Der Zug wird um 14.30 Uhr am Universitätshauptgebäude beginnen und über den Marktplatz, das Collegium Jenense und den Campus bis zum Volkshaus führen.

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Der Festakt zum 450-jährigen Jubiläum der Universität im Volkshaus wird ab 15.30 Uhr live im Internet übertragen.

Zum Jubiläum der Friedrich-Schiller-Universität Jena schreibt der Rektor den Kunstpreis 2008 für bildende und angewandte Kunst zum Thema “450 Jahre Friedrich-Schiller-Universität Jena – Rückblicke, Einblicke, Ausblicke” aus.

Teilnahmeberechtigt sind Studierende und Mitarbeiter der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

    “[...] jede Bearbeitung soll von uns wohl aufgenommen sein, welche die höchsten und mannigfaltigsten Motive [...] in gebildetem Kunstsinne vorzulegen weiß.”

    Johann Wolfgang von Goethe

Die Arbeiten können bis zum 30. Mai 2008 eingereicht werden. Weitere Informationen hier.

Nachtrag: Bilder von der Tortenwurf-Attacke auf den Rektor

Aufruf zur 2. Thüringer Bloglesung

Genau ein Jahr ist es her, da traf sich die Thüringer Blogosphäre zur allerallerersten Thüringer Bloglesung im Jenaer Café Quirinus. Ausführliche Erlebnisberichte von JaBB, Markus, Pulsiv, Baytor, René, Michael, Lesof, Franzzi, Gonzo und Basti zeugen von einem unvergesslichen Ereignis.

So unvergesslich immerhin, dass Basti und Robby spontan Lust bekamen, dieses Ereignis zu wiederholen und vielleicht sogar zu toppen?! Wie siehts aus, liebe Thüringer Blogosphäre, gibt’s uns noch? Wollen wir?

Nachtrag (7.5.2008): Termin und Location sind gefunden. Weitere Informationen gibt es hier

Jenaer Denkmalstreit entschieden

Der Jenaer Stadtrat hat in seiner gestrigen Sitzung abschließend über den Bau eines Denkmals “zum Gedenken an die politisch Verfolgten in der SBZ und in der DDR zwischen 1945 und 1989” entschieden. Nach einer langen und sehr emotional geführten Debatte, mit zahlreichen Zitaten aus Biographien politisch Verfolgter und der mehrfachen Bestärkung der bereits seit Jahren bekannten Argumente für und wider den Bau des Denkmals, mit oder ohne Sponsoring durch den Deutsch-Amerikaner Karl-Heinz Johannsmeier, ist der Streit nun mit einem Änderungsantrag dreier Stadtratsfraktionen folgendermaßen entschieden worden.

    “Die Stadt Jena schreibt zur Gestaltung des Denkmals einen beschränkten Wettbewerb auf Grundlage einer Aufgabenstellung aus, die von der Stadt unter Einbeziehung von Opferverbänden und Historikern erarbeitet wird. Ausschreibungstext und Widmungstext sind dem Stadtrat zur Bestätigung vorzulegen. Die Finanzierung des Denkmals erfolgt aus Spenden und aus dem städtischen Haushalt. Das Denkmal wird am Standort Gerbergasse errichtet”

Die Fraktionen der Bürger für Jena, der CDU und der FDP sprachen sich für den Bau des Denkmals nach den Entwürfen und mit dem Sponsoring durch Karl-Heinz Johannsmeier aus. Begründet wurde dies mit der unbedingten Notwendigkeit des Baus eines solchen Denkmals, verbunden mit Anklagen in Richtung der Linksfraktion und der anderen Fraktionen, denen die Behinderung des Denkmalsbaus und Verunglimpfung Johannsmeiers vorgeworfen wurde. Textpassagen aus Dissidentenbiographien und persönliche Schicksale wurden als Argumente für die Forcierung des Baus nach dem Johannsmeier-Entwurf ins Feld geführt.

Linke, SPD und Grüne sprachen sich dagegen klar für den Bau eines Denkmals für die Verfolgten in der SBZ und in der DDR zwischen 1945 und 1989 aus, wollten jedoch die Bebauung des öffentlichen Raums und das Gedenken an die Opfer der “kommunistischen Diktatur” nicht so eng mit dem Sponsor Johannsmeier verbunden wissen, sondern die Last der Finanzierung und die Entscheidung über die Form des Denkmals den Jenaer Bürgern überlassen. Es sollte schließlich kein Johannsmeier-Denkmal gebaut werden, zu dem der Entwurf im Volksmund bereits geworden war.

Schwere Vorwürfe wurden gegen die Presse laut. Dass Leserbriefe veröffentlicht wurden, die den potentiellen Stifter diskreditierten und in seiner Ehre verletzten, sei unverantwortlich, meinte ein Stadtrat.

Karl-Heinz Johannsmeier hatte vorgestern gegenüber der OTZ seinen Rückzug aus dem Denkmal-Projekt angkündigt, sollte sich der Stadtrat erneut gegen seinen Entwurf entscheiden und eine öffentliche Ausschreibung fordern.

Will Jena Schulen an die Deutsche Bank verkaufen?

Was klingt wie ein Aprilscherz, ist ausgesprochen ernst: Die Deutsche Bank hat der Stadt Jena ein unmoralisches Angebot gemacht und nun ist man im Stadtrat im Zweifel. Sollen die Jenaer Schulgebäude, im Wert von 100 Millionen Euro, für 15 Jahre an eine Fondsgesellschaft verkauft werden, um damit einen Zinsertrag (durch Umgehung der Erbschaftssteuer) von 1,5 Millionen Euro einzustreichen?

Die Skepsis ist fraktionsübergreifend groß. Der Oberbürgermeister sagte der TLZ: “Ich werde keine entsprechende Beschlussvorlage in den Stadtrat einbringen”.

Grünen-Sprecherin, Anja Kaschta wies auf das Problem der Steuergerechtigkeit hin. Steuern, wie z.B. Erbschaftssteuern, kommen dem Staat zugute. Es sei “geradezu absurd, wenn staatliche Ebenen sich gegenseitig austricksen”.

Mehr Information im Bewegtbild von jenatv:
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Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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Das DFB-Pokal-Halbfinal-Spiel, FC Carl Zeiss Jena gegen Borussia Dortmund, wird heute live, im Hörsaal 2 des Jenaer Uni-Campus (Ernst-Abbe-Platz), auf Großbildleinwand übertragen.

Beginn um 20 Uhr*. Eintritt frei. Getränke gibt es zu einem günstigen Preis.

Nachtrag: Übrigens, auch im F-Haus kann man sich das Spiel ansehen. Falls der Hörsaal 2 übervoll ist, womit zu rechnen sein dürfte.

Nachtrag: Jena verlor 0:3 gegen Dortmund

Jenaer Johannsmeier-Denkmal: Eine gnadenlose Schmierenkomödie

Von Norbert Krause

[Nachtrag vom 17.4.2008: Jenaer Stadtrat hat über den Denkmalsbau entschieden weiterlesen ... ]

johannsmeier.gifManchmal wiederholt sich Geschichte einfach. Das passiert genau dann, wenn man eine Diskussion nicht zu einem Ende oder zumindest zu einem Kompromiss bringt. Es ist gespenstisch, die Debatte um das Denkmal für die „Opfer der kommunistischen Diktatur 1945-1989“ zu verfolgen. Es sind genau die gleichen Fronten, genau dieselben Argumente, genau dieselben Verdächtigen. Scheinbar hat niemand etwas aus dem damaligen Scheitern des Projekts dazu gelernt.

Vor fünf Jahren trat Karl-Heinz Johannsmeier an die Stadt heran und bot ihr an, ein Denkmal für „die Opfer der kommunistischen Diktatur 1945 bis 1989“ zu stiften. Johannsmeier hatte, wegen angeblicher Wirtschaftsspionage, in der DDR drei Jahre im Zuchthaus gesessen, bevor er in die USA emigrierte und zu wirtschaftlichem Erfolg kam. Da er sich selbst auch als Künstler sieht, hatte er auch schon direkt einen Entwurf für dieses Denkmal in der Tasche. Die Jenaer Historiker hielten die “ästhetische Realisierung für banal“ und Teile des Denkmals für „gnadenlosen Unsinn” – aber das interessierte den Stadtrat nicht. In Jena sollte das erste Denkmal in Deutschland für diese Opfergruppe entstehen. Letzten Endes scheiterte das Projekt daran, dass der Druck des Stifters immer größer wurde und der Stadtrat in einer „historischen“ Entscheidung mit 18 zu 18 Stimmen nicht dafür stimmte. Der Stifter sprang daraufhin ab, weil er mit „unserer Demokratie“ nicht klar kam. Der Talkessel von Jena sei zu klein für ein Denkmal von solcher Bedeutung. Nun ist Johannsmeier jedoch wieder da – und macht den Politikern des zu kleinen Talkessels just dasselbe unmoralische Angebot noch einmal.

grundstein.gifDas ganze Schauspiel wird daher in Jena wieder neu aufgelegt. Alle Beteiligten sind wieder dabei, so frisch, als ob es nicht vor vier Jahren schon einmal in aller Ausgiebigkeit diskutiert worden wäre. Vermutlich hoffen die Befürworter auf einen Ermüdungseffekt der Gegner. Doch diesmal wurde die Bevölkerung stärker in den Entscheidungsprozess einbezogen, da der Entwurf im Rathaus ausgestellt und ein Gästebuch ausgelegt wurde. Dort fanden sich letzten Endes insgesamt 123 negative Äußerungen von Jenaer Bürgern zum Denkmal, wie die OTZ gezählt hat. Die Regionalzeitung fasst die Meinung der meisten Eintragenden sehr treffend zusammen:

    „Eine Mehrzahl der Jenaer Bürger hat nichts gegen eine Würdigung für die Verfolgten der kommunistischen Diktatur 1945 bis 1989 einzuwenden, lehnt aber den Standort am Rathaus und die Art und Weise des Entwurfs von Stifter Johannsmeier strikt ab.“

Die konservativen Verteidiger des Denkmals beschimpfen solche ablehnenden Äußerungen als Verteidigung der DDR-Diktatur und bezichtigen die Sprecher indirekt als Mittäter. Man redet also weiterhin konsequent aneinander vorbei. Die einen wollen unbedingt ein Denkmal und wollen die Chance nutzen, die ihnen Johannsmeier bietet. Die anderen wollen zwar auch ein Denkmal, aber nicht in der Form, die Johannsmeier ihnen bietet.

Damals wurde der Kompromiss gefunden, dass Johannsmeier als Stifter auftreten könne, aber die Form in einem künstlerischen Wettbewerb ausgeschrieben wird. Diesen Wettbewerb gewann die Weimarer Künstlerin Sybille Mania. Johannsmeier lehnte es jedoch vehement ab, mit der Künstlerin zusammenzuarbeiten – nachdem der Stadtrat dies von ihm verlangt hatte. Über den Entwurf der Künstlerin sollte in diesem Jahr im Stadtrat ebenfalls abgestimmt werden. Allerdings zog sie diesen zurück, nachdem er im Rathaus in unangemessener Weise (auf zwei kleinen Fotos am Rande) neben das Denkmalsmodell von Johannsmeier gestellt worden war.

denkmal.gifIm Stadtrat herrscht wiederum ein Patt zwischen dem linken Block (SPD, Grüne, Linke) und dem konservativen Block (Bürger für Jena, CDU FDP), das lediglich der Oberbürgermeister Schröter mit seiner einen Stimme auflösen könnte. Allerdings will er die Entscheidung für das Denkmal nicht so knapp gefällt wissen. Damals stand er eher auf der Seite der Gegner des Denkmals, heute will er sich nicht mehr entscheiden. Ein Kompromiss deutet sich immerhin in der Frage des Ortes an. Wenn das Denkmal nicht auf dem Platz hinter dem Rathaus (vor H&M und C&A), sondern am ehemaligen Sitz der Staatssicherheit in der Gerbergasse 18 errichtet wird, fänden sich im Stadtrat möglicherweise mehr Befürworter. Als Fertigstellungstermin wird nun der Herbst 2009 angestrebt, es soll zum 20. Jahrestag der Wende eingeweiht werden. Vor vier Jahren sollte der 50. Jahrestag des 17. Juni der Anlass zur Einweihung sein. Damals konnte für 50.000 Euro nur ein Grundstein hinter dem Rathaus gesetzt werden. Diesmal soll es mehr sein – die Ehre das erste „Investorendenkmal mit Widmung“ im öffentlichen Raum zu besitzen, scheint unvermeidbar auf Jena zuzukommen.

Die Neuauflage des Jenaer Schauspiels wird es am kommenden Mittwoch in der Stadtratssitzung gegeben. Es wird voraussichtlich wieder eine Schmierenkömodie werden. Alle Jenaer Bürger sind dennoch – oder gerade deshalb – herzlich eingeladen.

Hintergründe:
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