Premiere in Weimar: Die ganz neuen Leiden des jungen Werther
Von Franzzi
Stefan Konarske (Werther) und Aaron Hildebrand (Wilhelm) verzogen sich nach der Filmvorführung erstmal unter die Laterne gleich neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal. Die meisten Otto-Normalverbraucher-Premierengäste strömten zeitnah in die laue Sommernacht. Premierenfeier? Nein danke. Die Crew, die Prominenz, die Journalisten und ein paar Weimarer zogen ins Foyer des Deutschen Nationaltheaters um – und auf den wundervollen Theaterbalkon.
Jazzmusik, Häppchen, Sekt und zu lautes Lachen. Vermischt mit Zigarettenrauch. Yvonne Catterfeld hat ihre zwei Freundinnen dabei und plauscht mit Hannah Herzsprung, die im vorgestellten Film die Lotte spielt. Schneewittchengleich – die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Doch heute sieht sie wieder ganz normal aus, schlägt die Beine übereinander, die Haare sind wieder braun und zusammengebunden.
So ist das also, wenn Regisseur Uwe Janson und Produzent Oliver Czeslik ihren Film im glanzvollen Rahmen vorstellen wollen. Einen Film, den jeder drei Tage vorher schon auf arte sehen konnte. Mit besserem Ton und dem gleichen mulmigen Gefühl. Dieser Werther, der hat nichts mehr von Goethes Protagonisten. Er ist in die heutige Welt geschossen und versteht seinen Leidensgenossen von vor 200 Jahren nicht mehr.
Denn im Gegensatz zum Romanvorbild bekommt er seine Lotte, er bekommt sie, weil er all die schönen Dinge, die an Willhelm geschrieben worden sind, diesmal direkt an seine Liebste richtet. “Er fängt mich ein mit seinen Worten”, verrät sie ihrer Freundin. Und sie bleibt bei ihm, schickt ihren Fast-Verlobten Albert (im Übrigen ein sehr unsympathisch-harter Typ) weg. Aber Werther leidet unter ganz anderen Dingen. Er leidet an der kalten Welt, die Glamour und Wärme vorspielt und nur Einsamkeit zu geben hat. “Wie können Menschen einander so wenig sein”, murmelt er, nachdem er Lotte gerade in den Armen hielt. “Ich habe gemacht, nicht gelebt – und Du hast es geglaubt!” Und dann erschießt er sich, vor ihren Augen, trotz ihres Protests. Weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Weil die Ernüchterung furchtbar ist, wenn man das bekommt, was man wollte und der Weltschmerz trotzdem nicht weniger wird.
Werther ist nicht mehr ein verzweifelt Liebender, sondern ein verzweifelt Hassender. Geboren aus dem Albtraum des Älterwerdens und der romantischen Verklärung des Jungseins. Das ist nicht Werther – und das ist nicht schön anzusehen. Die Kulisse schon. Jagdhaus Gabelbach, in dem ich selbst mehrfach meinen Winterurlaub verbrachte. Im verschneiten Thüriner Wald, der so frei atmen lässt. Aber auch das Licht des Films ist kalt, immer wieder die hektische Kameraführung, die Bilder verschwimmen, verlieren ihre Schärfe. Dazu tolle Musik von Miss Kenichi, stumme Bilder und immer wieder die Monologe Werthers. Das ist der Kompromiss, wenn ein Briefroman irgendwie halbwegs authentisch adaptiert werden soll. Es ist, mal wieder, nicht geglückt.
Die Schauspieler überzeugen. Auch Firtz Roth, der die erfundene Figur des Onkel Bernd verkörpert, der ständig “Fick Dich!” sagt und im Spiel tot umfällt, bis er einmal wirklich nicht mehr aufsteht. Er ist nicht nur unnötig, mal abgesehen von den paar flachen Witzen, er zieht die Handlung in die anstrengend in die Länge. Überhaupt lenkt soviel von der Liebesgeschichte ab, die Goethe einst erzählen wollte. Und die schön war, so wie sie war. Und die auch in der Neuzeit erzählt schön hätte werden können.
Dass zu zwei Dritteln besetzte Nationaltheater jubelte und johlte indes. Vor allem die Schüler, die gezwungenermaßen hier waren – und doch Spaß hatten. Vielleicht mag ich einfach die Vorlage zu sehr, um mich auf diese Adaption einzulassen. Obwohl Plenzdorfs neuere Leiden auch gefielen. Wer lieber guckt, als liest, der schaue sich den Thüringer Augenzeugen zur gestrigen Premierenfeier an, die genau genommen keine Premiere war.



Eine Urlesung. Nicht am Handlungsort Marienbad, sondern in Weimar, der Wahlheimat des Protagonisten aus Martin Walsers neuem Roman “Ein liebender Mann”, dem Dicherfürsten Goethe höchstselbst. Die Vorredner geben sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen, Ijoma Mangold, wird den Abend moderieren. Er ist Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und erörtert, was Goethe zu einem Walserschen Helden macht. Schließlich sei Goethe ein Optimist gewesen, der das Leben von allen seinen Seiten gesehen hat. Doch Walser zeigt ihn leidend. So, wie er seine Protagonisten für gewöhnlich zu zeigen pflege.



Sie sind auch im Netz gut dokumentiert:
Das “Köstritzer Spiegelzelt” öffnete am 3. Mai seine Tore für die 

Christoph Schwind