Archive for the 'Thüringen' Category

Lokalpolitiker im Internet: Thüringer Kommunalwahlkampf 2012

Von Sebastian Großert

Eigentlich sollte hier ein schöner Rant stehen, eine Tirade über Thüringer Politiker, die ihren Kommunalwahlkampf 2012 lieber nicht in diesem Internet führen. Doch der Rant muss ausfallen, lediglich ein paar Spitzen sind noch drin, denn bis in hinterste Winkel des grünen Herzens haben sich die politischen Möglichkeiten des WWW herumgesprochen.

Am 22. April 2012 werden viele Thüringer wieder wählen können, wenn sie es denn wollen: 16 Landräte, die Oberbürgermeister der sechs kreisfreien Städte und rund 120 Oberbürgermeister und Bürgermeister weiterer Kommunen werden neu bestimmt. Und sah es im Herbst 2011 so aus, als mache selbst das politische “Spitzenpersonal” bei dieser Wahl – die finanziell recht ordentlich bestallten Oberbürgermeister und Landräte (hier: die Einstufung der Wahlbeamten in die Besoldungsgruppen, hier: die Grundgehälter in diesen Besoldungsgruppen) sowie deren Herausforderer – um dieses Internet als Kommunikationsmedium mit dem Wähler lieber einen Bogen, sieht es inzwischen anders aus.

Als Indiz für diesen Befund darf die vorgezogene Kommunalwahl am 15. Januar 2012 gelten: Die Wähler im Saale-Orla-Kreis bestimmen reichlich drei Monate vor den übrigen Thüringern einen neuen Landrat. Fünf Kandidaten stehen zur Wahl: Amtsinhaber Frank Roßner von der SPD will seinen Stuhl verteidigen, ihn dort herunterschubsen wollen Thomas Fügmann von der CDU, Thomas Hofmann von der Linken, Volker Ortwig von der FDP und Andreas Scheffczyk von der Freien Wählergemeinschaft “Unabhängige Bürgervertretung”.

Und bis auf den FDP-Vertreter, dessen Partei derzeit wahrscheinlich andere Sorgen hat als die Internetpräsenz eines Kommunalpolitikers mit überschaubaren Chancen, tragen alle Kandidaten ihren Kampf um Wählerstimmen auch im Netz aus. Roßner, Fügmann und Hofmann hat jemand gesteckt haben herausgefunden, dass Facebook einen Seitentyp “PolitikerIn” vorhält, Scheffczyk nutzt sein persönliches Facebook-Profil. Außerdem haben alle Kandidaten mehr oder weniger opulente und informative Seiten ins Netz gestellt (zu: Roßners, Fügmanns, Hofmanns und Scheffczyks Wahlkampfseite).

Auch anderswo sind Kandidaten sind mittlerweile aus dem digitalen Tiefschlaf erwacht und sind im Netz präsent. Beispiel Eisenach: Hier versucht SPD-OB Matthias Doht, seinen Posten zu verteidigen – seine Website gibt es schon länger, und seine Aktivitäten werden durchaus kontrovers betrachtet. Nun aber hat sein aussichtsreichster Rivale, der auf CDU-Ticket segelnde Ex-Polizeichef Raymond Walk, eine eigene Seite im Netz und eine Facebook-Fanseite. Wenn’s denn klappen soll mit der Eroberung der Amtskette, dürfen die Aktivitäten und Informationen dort ruhig noch ein wenig zunehmen.

Im Kreis Gotha will CDU-Landrat Konrad Gießmann wiedergewählt werden. Seine Facebook-Fanseite zählt zwar bisher nur schmale 127 Fans (Stand 13.1.2012, 17:00), ist aber dennoch bemerkenswert: Nicht nur, dass der letzte Beitrag von Gießmann oder seinem Stab ganze 28 Stunden alt ist – die Fanseite weist zudem eine “Willkommens-”, eine “Über mich-”- und eine “Meine Ziele”-Landing page auf, die nicht mit Facebook erstellt, sondern extern programmiert werden muss. Solch Zückerli hat Gießmanns SPD-Konkurrent Uwe Walther bei Facebook zwar nicht zu bieten – dafür postet er noch fleißiger, hat eine offene Facebook-Gruppe gegründet und lässt Videos produzieren.

Doch genug des Lobes, das sich mit vielen Beispielen fortsetzen ließe: Die Zahl der Internetmuffel unter den Kandidaten und verteidigungsbereiten Amtsinhaber ist auch nicht klein. In Suhl regiert der junge und kletteraffine Parteilose Jens Triebel, doch dem scheint das Netz so eine Art digitale Eigernordwand zu sein – dort ist über ihn nämlich bislang nichts zu entdecken. Im Kreis Saalfeld-Rudolstadt will sich Landrätin Marion Philipp am 27. Januar von ihrer SPD wieder nominieren lassen – doch im Netz und bei Facebook herrscht erstmal Funkstille (bis auf diese leicht angejahrte Begrüßung auf der Seite des Kreises), obwohl Philipp vom parteilosen Transportunternehmer Hartmut Holzhey herausgefordert wird, der im Netz und bei Facebook ordentlich Dampf auf den Kessel gibt und obendrein die CDU hinter sich weiß.

Im Saale-Holzland-Kreis weiß der CDU-Politiker Andreas Heller seit September 2011, dass er wieder in den Wahlkampf zieht – schon damals wurde er bereits von seiner Partei nominiert. Aber im Netz ruht still der See -Heller zankt sich lieber offline mit seiner 24-jährigen Herausforderin Judith Kroker, die eine eigene Seite unter unser-kummerkasten.de ins Netz gestellt hat. Wie es geht, könnte sich Heller nebenan im Kreis Greiz bei seiner CDU-Kollegin Martina Schweinsburg ansehen, die eine Facebook-Seite bespielt und sich schonmal martina-schweinsburg.de gesichert hat

Und dann wäre noch der Parteilose Hans-Helmut Münchberg, der den Landratsitz im Weimarer Land 1990 abonniert und seitdem nicht wieder abbestellt hat. Abgesehen davon, dass der Hochbauingenieur zuweilen den rechten Volkstribun gibt, ist Münchberg stolz darauf, ein Computermuffel zu sein: 21 Jahre lang kam er ohne Dienstrechner aus, seit Anfang 2011 hat er einen, der aber in der Ecke steht und meistens duster bleibt, wie er die Thüringer Allgemeine im Sommer 2011 wissen ließ. Aber Münchberg, der 63 ist, will weitermachen und wird das nach Lage der Dinge auch können, denn SPD und CDU haben sich mangels geeigneter Kandidaten entschlossen, Münchberg zu unterstützen. Ein Heimspiel, könnte man sagen. Die Chancen stehen schlecht, dass der Landrat in Apolda demnächst bei Facebook mit seinen Wählern kommuniziert.

Offener Brief gegen Kriminalisierung Lothar Königs

Folgend ein Protestbrief, der von mehr als hundert Bürgern aus der ganzen Bundesrepublik unterschrieben worden ist. Unter den Unterzeichnern finden sich nicht nur zahlreiche Bürgerrechtler aus der ehemaligen DDR, die Lothar König seit vielen Jahren kennen, sondern auch Bundes- und Landtagsabgeordnete, wie Astrid Rothe-Beinlich, Sebastian Krumbiegel, Stephan Krawczyk o. Arnulf Rating, die die Anschuldigungen völlig absurd finden.

Sie fordern die sächsischen Behörden auf, ihre Verfolgungswut gegen mündige Bürger und insbesondere das Ermittlungsverfahren gegen Lothar König zu beenden und sich stattdessen mit den tatsächlichen Feinden der Demokratie zu beschäftigen.

Unser Freund Lothar König, Jugendpfarrer in Jena und derzeitiger Vater der traditionsreichen Offenen Arbeit in der Jungen Gemeinde Stadtmitte – eine der Wiegen der DDR-Opposition – wird von der Dresdner Staatsanwaltschaft verklagt. Nachdem man es vorher bereits erfolglos mit dem Paragraphen 129 – kriminelle Vereinigung – probierte, wird nun die Beteiligung an einer Demonstration gegen Neonazis in Dresden zu einem neuen Versuch benutzt, Lothar König und die Offene Arbeit zu kriminalisieren. Diesmal hat man den Paragraphen 125, Landfriedensbruch, „angezogen“ (wie man in der DDR gesagt hätte). Zu diesem Zweck wurde ein junger Chemnitzer als Kronzeuge gepresst, der sowohl bestätigt, dass er sich von Ansagen aus dem Lautsprecherwagen der Jenenser zur Gewalt aufgerufen fühlte als auch angibt, dass er sich vor verfolgenden Polizisten in diesem Lautsprecherwagen versteckt hätte. Nachdem bereits im August sächsische Polizeibeamte in Thüringen die Jenenser Dienst- und Privaträume Lothar Königs durchsucht hatten und unter anderem der Lautsprecherwagen beschlagnahmt worden war, wird nun über den sächsischen Innenausschuss von der Staatsanwaltschaft die Nachricht über das neue Verfahren publik gemacht.

Das geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem sich thüringische und sächsische Behördenvertreter die Verantwortung für jahrelange Verschleppung der Ermittlungen und Verfahren gegen hetzende und mordende Neonazis zuzuschieben versuchen. Statt lokale und überregionale Initiativen gegen Neonazis zu bejahen und zu fördern, versuchen sie diese zur Verschwörung zu erklären und zu diesem Zweck einen “Rädelsführer” zu konstruieren.

Demokratie ist nur aufrecht zu erhalten durch die tätige Teilnahme aller am Meinungsbildungsprozess. Das tut auch der Pfarrer Lothar König. Wo das funktioniert, finden Feinde der Demokratie nicht das Publikum, das sie brauchen – enttäuschte, ins Abseits gedrängte Leute. Es ist allerdings eine alte Tradition, dass Behörden solche Einmischung der Bürger und Bürgerinnen in die eigenen Angelegenheiten als Angriff auf ihre Macht empfinden und bekämpfen.

Wir fordern die sächsischen Behörden auf, ihre Verfolgungswut gegen mündige Bürger und insbesondere das Ermittlungsverfahren gegen Lothar König zu beenden und sich stattdessen mit den tatsächlichen Feinden der Demokratie zu beschäftigen. Wir fordern die thüringischen Behörden auf, sich gegen die Übergriffe von sächsischer Staatsanwaltschaft und Polizei zu wehren. Wir solidarisieren uns mit Lothar König, den wir schon aus DDR-Zeiten als treuen und ehrlichen Gefährten der Demokratiebewegung kennen.
Berlin, 16.12.2011

Wolfgang Rüddenklau, Frank Ebert, Klaus Wolfram, Hans-Jürgen Buntrock, Peter Rösch, Uwe Dähn, Michael Heinisch, Anett Gröschner, Silke und Henry Leide, Till Böttcher, Rolf Schaelike, Dirk Teschner, Katrin Vogel, Heinz Havemeister, Frank Willmann, Stephan Krawczyk, Bernd Gehrke, Holger Kulick, Uta Ihlow,
Fabian Kukutz, Jürgen Schneider, Dr. Klaus Lederer, Silke Ahrens, Dr. Renate Hürtgen, Sebastian Krumbiegel, Thomas Grund, Wolfgang Musigmann, Doris Liebermann, Erhard Weinholz, Dr. Thomas Klein, Tina Krone, Isa-Lorena Messer, Reinhard Schult, Prof. Thomas Heise, Gerd Adloff, Arno Polzin, Gullymoy S. Geißler, Judith Braband,Katrin Framke, Uwe Lehmann, Astrid Rothe-Beinlich, Katrin Eigenfeld, Arnulf Rating, Sebastian Gerhardt, Werner Richter, Christopher Dehn, Matthias Weiß, Steffen Steinbacher, Hauke Benner, Silvia Müller, Andreas Schmidt, Prof. Dr.-Ing. Reinhard Schramm, Anette Leo, Malte Daniljuk, Christoph Hering, Kerstin Gierke, Bernd Wagner, Gisela und Hans-Peter Freimark, Christian Semler, Redaktion telegraph, Dietmar Wolf, Claudia Roth, Eva Quistorp, Uwe Kulisch, Stefan Ret, Annekatrin Klepsch, Barbara Henniger, Heinfried Henniger, Christoph Sauter, Annett Freier, Rolf Walter, Christiane Schidek,Katharina Harich, Dr. Antje Meurers, Harry Ewert, Benno Plassmann, Dr. Henning Pietzsch, Dietmar Waldschmidt-Miehlke, Dolores Kummer, Anne Seeck, Alexandra Kendelbacher, Dirk Moldt, Bert Schlegel, Reinhard Weißhuhn, Norbert Lötzsch, Christian Duschek Spinne, Pfarrer Dr. Bernd Albani, Manuela Albani, Joachim Goertz, Dr. Wilhelm Knabe, Birgit Voigt, Sabine Börner-Grimm,
Dagmar Vieth, OKR i.R. Ludwig Große, Martin Klähn, Wolfram Hülsemann, Klaus Lemmnitz, Carsten Hahn, Klaus Hoelzle, Barbara Morgenroth, Jörg Zickler, Christoph Links, Evelyn Zupke, Gunther Begenau, Hugo Velarde, Robert Mießner, Tone Avenstroup, Andreas Graf, Michael Kreyenborg, Wolfgang Nossen

via ostblog

Entnazifizierung in Gera

via fettgusche

Verfassungsschutz-Propagandafilm über Extremismus in Jena

Heute wurde von der JG Stadtmitte Jena ein Video veröffentlicht, das das Thüringer Landesamt für Verfassungschutz im Jahr 2000 als Lehrfilm für Schulen produzieren ließ.

Ausführlich kommen in diesem skandalösen Video der damals wie heute umstrittene Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, Helmut Roewer, sowie Mitglieder des “Thüringer Heimatschutzes” Tino Brandt und Andre Kapke zu Wort.

Das Video, das von dem ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten Reyk Seela produziert wurde, stellt Rechts- und Linksextremismus auf eine Stufe. Linke Autonome werden als „gewaltbereit“ dargestellt, während gleichzeitig Tino Brandt, der Chef des rechtsterroristischen „Heimatschutzes Thüringen“ und hoher NPD-Funktionär unwidersprochen erklären durfte: „Wir sind prinzipiell gegen Gewalt.“. Brandt wurde übrigens vom Thüringer Verfassungsschutz mit 200.000 DM gesponsert.

Der ehemalige Chef des Thüringer Verfassungschutzes erklärt in dem Video verharmlosend, dass rechtsextremistische Straftaten sich überwiegend im “Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole” manifestierten, während der “Thüringer Heimatschutz“-Vertreter Kapke ausführlich über linke Gewalt (“Aufbrechen von Briefkästen“) klagen darf:

Anetta Kahane von der Amadeo-Antonio-Stiftung, sprach sich laut JG Stadtmitte mit folgenden Worten ausdrücklich gegen den Film des Thüringer Landesamtes für Verfassungschutz aus:

“Das ist eine derartige Verharmlosung der Anti-Antifa mit ihren militanten Strukturen dass ich das gar nicht fassen kann. Also ich kenne den Andre Kappke als Sprecher des Thüringer Heimatschutzes aus ganz anderen Situationen, wo Leute, die zu Veranstaltungen eingeladen wurden um da zu referieren wie Bernd Wagner massiv angegriffen und bedroht wurden, und da hat er ein ganz anderes Gesicht, ich verstehe nicht wie man ihn hier so etwas sagen lassen kann.”

Lieber Herr Ramelow,

vielen Dank für Ihr Fax. Offenbar sind Sie nun dazu übergegangen, mir Faxe statt Emails oder Twitterbotschaften zu schicken. Nun ja, nachdem auf diesem Wege zwischenzeitlich →Irritationen über Ihre Identität entstanden waren, ist die Sendung eines Fax’ wohl nur konsequent (Grafiken zum Vergrößern bitte anklicken!).

Wie man sieht, geht es in Ihrem Schreiben um zwei Themen. Einerseits um Ihren →Streit mit der Thüringer Allgemeinen, in der Sie als “Flachzange” bezeichnet wurden. Zum anderen geht es um eine →Frage, die Ihnen die THÜRINGER BLOGZENTRALE am 13. September 2009 per Twitter gestellt hat.

Sie haben damals in Ihrer Reaktion →viele Dinge geschrieben. Dinge, die Sie auch in Ihrem Fax wiederholen und die kaum als eine Antwort gelten können. Zum Beispiel, wer bei Ihnen im Büro arbeitet und wer nicht. Auch, dass zwei Landtagsabgeordnete ihre Biographie offengelegt haben. Sie wiederholen auch die tragische Geschichte von Frau Leukefeld, die – offenbar in Unkenntnis der rechtlichen Grundlagen – ihre Stasiakte veröffentlicht hat. Sie bekräftigen außerdem erneut, dass Sie Auskunft zu allen Personen erteilt haben, die sich in Ihrem “arbeitsrechtlichen Zuständigkeitsbereich” befinden. Was Sie darüber hinaus wiederholt ergänzen, ist, dass jeder Wahlbewerber in Ihrer Partei seine “politische Biographie” offenlegen muss und dass diese Informationen der Presse zur Verfügung stehen.

All das ist bereits bekannt. Sie haben das auch im →Fernsehen nochmal gesagt. Es sind keine Neuigkeiten … und schon gar keine Antworten auf unsere Frage.

Sehr geehrter Herr Ramelow, Sie sind der höchste gewählte Vertreter der Linken im Thüringer Parlament. Sie waren der Kandidat der Linken für das Amt des Ministerpräsidenten. Als ein solcher müßten Ihnen die von uns gewünschten Informationen zur Verfügung stehen oder durch Sie in kürzester Frist in Erfahrung zu bringen sein. Es geht hier nicht darum, die Zahl durch die Presse oder durch uns offenzulegen. Es geht darum, dass die Thüringer Linke und insbesondere Sie, als einer der höchsten Repräsentanten dieser Partei, zu dieser Sache stehen und ganz klar benennen …

“wieviele ehemalige hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit für die Thüringer Linkspartei in Ämtern und als Angestellte arbeiten, wie sie heißen und mit welcher Funktion innerhalb der Partei Die Linke sie betraut sind.”

Dies war unsere Ausgangsfrage. Diese Frage ist und bleibt unbeantwortet durch Sie. Und inzwischen würde uns auch eine einfache Zahl genügen.

Sie mutmaßen zum Abschluss, dass ich wohl einen Privatkrieg gegen Sie führe. Das ist nicht der Fall. Ich will Ihnen noch einmal sagen, warum mir diese Frage so wichtig war und ist: Ich hatte die LINKE für eine wählbare Alternative gehalten. Denn es gibt ein paar ganz wesentliche politische Positionen Ihrer Partei, die meinen Überzeugungen sehr nahestehen. Dazu gehörten auch wesentliche Teile Ihres Wahlprogramms für Thüringen, das koalitionsfreundlich zum damaligen Wahlprogramm der Grünen gepasst hätte, deren Mitglied ich (noch) bin, wie Sie ja auch nicht müde werden zu erwähnen.

Und noch etwas will ich nicht unterschlagen. Ich mag Sie persönlich gern. Ich mag Ihre Authentizität, Ihr Engagement und natürlich Ihre Affinität Neuen Medien gegenüber. Ich mag, dass Sie zu Ihren Schwächen stehen und natürlich, dass Sie als eine Art Underdog den Kampf gegen den Thüringer Medienkraken aufgenommen haben.

Ich führe also keinen “Privatkrieg” gegen Sie. Ich schätze Sie stattdessen als einen fairen Partner in der politischen Auseinandersetzung. Sie haben aber offenbar Angst vor mir. Doch das müssen Sie nicht. Ich möchte lediglich wissen, wem man da draußen noch vertrauen kann. Dazu gehört auch die Beantwortung unbequemer Fragen. Ich möchte deshalb meine Bitte an Sie wiederholen, uns für ein Videointerview zur Verfügung zu stehen.

Hoffend auf eine Beantwortung meiner Fragen und Bitten verbleibe ich ausgesprochen dankbar, dass Sie die Thüringer Blogzentrale Ihrer wertvollen Aufmerksamkeit weiterhin für würdig erachten, ergebenst, Ihr

Dr. Sven Oelsner

Ramelow-Affäre: Presserat “rügt” Thüringer Allgemeine

Von Sven

Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserates hat Bodo Ramelow, dem Vorsitzenden der Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag, recht gegeben. Ramelow sah sich wegen eines →.Leserbriefes mit beleidigendem Inhalt in der „Thüringer Allgemeinen“ in seinen Rechten verletzt. Die Thüringer Allgemeine hat mit der Veröffentlichung des Leserbriefes in zweifacher Hinsicht gegen den Pressekodex verstoßen:

Quelle: →.Pressemeldung der Linken auf Jenapolis

Doch damit nicht genug. Die Thüringer Allgemeine hatte noch →.weitere Beiträge über Bodo Ramelow. Ein →.Interview mit dem SPIEGEL-Autor und Kommunistenfresser Jan Fleichschhauer. Einen →.Kommentar von Chefredakteur Paul-Josef Raue und einen →.Kommentar vom vielgelobten Redakteur Henryk Goldberg.

Ein Sperrfeuer ohne Gleichen. Und in dieser Attacke der Zeitungsgruppe Thüringen gegen die LINKE im Allgemeinen und Bodo Ramelow im Besonderen zeigt sich die absurde Situation der Thüringer Presselandschaft in vollem Ausmaß. Die einzige Möglichkeit Ramelows, die Attacken dieses Medienmonopolisten – →.der 100 Millionen Euro Umsatz und rund 15 Millionen Euro Gewinn macht und in der →.Liste der Thüringer Arbeitgeber mit den meisten Beschäftigten auf Platz 9 rangiert – publizistisch zu reagieren, war ein →.Beitrag in dem kostenlosen Anzeigenblättchen Deutschland Today.

So wird in Thüringen Politik gemacht. Und das ist – abgesehen von der →.bisher unbeantworteten Frage, ob die LINKE eine Stasipartei ist – eine Farce.

Den Papst erwarten in Erfurt heftige Proteste

Von Neidhart von Schwarzburg

Am kommenden Freitag und Samstag ist das Oberhaupt der Katholischen Kirche, Joseph Ratzinger, in Erfurt. Opferverbände, Menschenrechtsgruppen und Bürgerrechtler haben zu friedlichen Demonstrationen aufgerufen. Nicht ohne Grund.

Den meisten Thüringern ist der Besuch Ratzingers egal. Doch ihm schlägt bei seinem Besuch in Thüringen nicht nur Gleichgültigkeit, sondern auch gut organisierte Begeisterung und lautstarke Kritik entgegen.

Die Kirche hat den Besuch so geplant, dass er ein PR-Erfolg werden könnte. Ratzinger spricht vor seinem Besuch in Thüringen im Deutschen Bundestag. Dorthin eingeladen hat sich Ratzinger übrigens selbst.

→”Also, es war der Wunsch des Vatikan, dass der Papst im Bundestag reden kann.” sagt der CSU-Abgeordnete in Deutschen Bundestag Stefan Müller laut Deutschlandfunk und weiter:


    “Der Bundestagspräsident hat im Ältestenrat erklärt, dass der Wunsch des Papstes an ihn herangetragen worden ist. Dieser Wunsch sei über den Vorsitzenden der Bischofskonferenz an den Bundespräsidenten weitergegeben worden. Und das Präsidium des Bundestages hat dann entschieden, diesem Wunsch zu entsprechen und den Papst während seiner Deutschlandreise einzuladen.”

Gegen diese Selbsteinladung und den Auftritt Ratzingers regt sich nun Protest von etwa hundert Bundestagsabgeordneten, die der Rede fern bleiben werden. Der grüne Bundestagsabgeordnete →Christian Ströbele hat zum Beispiel angekündigt, den Plenarsaal zu verlassen. “Ich halte davon nichts”, sagte er der “Mitteldeutschen Zeitung” (Online-Ausgabe) zu der Rede.

    “Ich werde rausgehen. Ich bin auch bei Putin und bei Bush rausgegangen. Unserem Heiligen Vater nehme ich besonders übel, dass er sich in Lateinamerika nicht zu seiner Schuld und der seiner Kirche bekannt hat.”

→Die leeren Sitze sollen mit ehemaligen Bundestagsabgeordneten aufgefüllt werden.

    “Nach Informationen der “Leipziger Volkszeitung” will die SPD-Fraktionsführung mit der Einladung von ehemaligen Abgeordneten die Parlamentarierreihen auffüllen, um den Eindruck des sichtbaren Protestes zu vermeiden.”

schreibt die katholische Nachrichtenseite “domradio”.

Und auch am Erfurter Flughafen wird Joseph Ratzinger von ausgesuchten Thüringern begrüßt werden. Im Vorfeld des Besuches →suchte die Zeitungsgruppe Thüringen mit einem Gewinnspiel “Familien mit Kindern”, die dem Papst bei seinem Einflug zujubeln können.

    Die Gewinner werden in unmittelbarer Nähe zum Roten Teppich stehen, auf dem der Papst zusammen mit Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht das Ehrenspalier der Thüringer Polizei abschreitet. Nur wenige Meter trennen sie dann vom Heiligen Vater. Näher kommt ihm wohl kaum jemand aus der Bevölkerung.
    Das Angebot richtet sich vor allem an Familien mit Kindern, die zusammen dieses besondere Ereignis in Thüringen erleben möchten.

Die Kinder jubeln dabei einem Mann zu, der das Oberhaupt des einzigen Staates in Europa ist, der kein Parlament besitzt. Entscheidungen werden in diesem Staat nicht demokratisch gefällt, sondern autoritär und totalitär.

Die Thüringer Kinder bejubeln dann auch das Oberhaupt eines Staates, der die Menschenrechte von Frauen, Nichtkatholiken und Homosexuellen nicht anerkennt.

→Und sie jubeln einem Mann zu, der vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen “Verbrechens gegen die Menschlichkeit” angeklagt wurde:

    “Tausende Seiten von Beweismaterial über sexuelle Gewalt, Vergewaltigung und Folter durch Mitglieder des römisch-katholischen Klerus brachten uns zu dem Schluss, dass ein systematischer Angriff auf Kinder und verletzliche Erwachsene seit Jahrzehnten vor sich geht”

stellen die Ankläger fest.

→Die etwa 700 deutschen Opfer der Mißbrauchsfälle in katholischen Kirchen, Kindergärten, Schulen und Internaten werden je etwa 5000 Euro Entschädigung erhalten. Das wären insgesamt etwa 3.5. Millionen Euro.

→Insgesamt mehr als 25 Millionen Euro wird der Besuch des Oberhauptes der Katholischen Kirche in Deutschland kosten.

Im gottlosen Thüringen wird Joseph Ratzinger außerdem von Atheisten und deshalb von überwiegend säkular lebenden und denkenden Menschen empfangen. →Säkulare Regionen wie Thüringen beschrieb Joseph Ratzinger bei seinem Kroatien-Besuch im Juni so:

    “Als Ideal pflegt man den individuellen Wohlstand durch den Konsum materieller Güter sowie durch flüchtige Erlebnisse, wobei die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und die tiefsten menschlichen Werte vernachlässigt werden”, “Die Liebe” werde auf eine “gefühlsselige Gemütsbewegung” und auf die “Befriedigung instinktiver Triebe” reduziert.

→Ratzinger warnte bei seinem Besuch in Großbritannien außerdem vor dem Atheismus mit dem Vorwurf, dass “der Atheismus der Nazis zu deren extremistischen und hasserfüllten Ansichten geführt“ habe.

Joseph Ratzinger wird also in Thüringen von überwiegend konsumgeilen, erlebnishungrigen, asozialen, wert- und lieblosen Sexjunkies und Nazis willkommen geheißen.

→Wo die sich treffen, verkündet die Thüringer Allgemeine

    Am Freitag wird zu einer Demonstration um 18 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz unter Motto “Heidenspass statt Höllenangst” aufgerufen. Zudem haben Papstgegner zu einer “religionsfreien Zone” am Sonnabend von 7.30 Uhr bis 12 Uhr auf dem Anger eingeladen.

Man sieht sich!

Papst in Thüringen: Einfacher Seelsorger auf Staatsbesuch

Von Neidhart von Schwarzburg

Wie man der weltanschaulichen und der politischen Kritik am Besuch Joseph Ratzingers in Thüringen auf geniale Weise die Luft aus den Segeln nehmen kann, zeigt uns der Erfurter Bischof Joachim Wanke in der Samstagsausgabe der TLZ:

Um der Kritik an den Kosten des Besuches zu widersprechen, führt Wanke ins Feld, dass es sich schließlich um einen “Staatsbesuch” handle, der eben, wie jeder andere Staatsbesuch auch, Geld koste. Den weltanschaulichen Protesten gegen Ratzinger begegnet Bischof Wanke dann allerdings mit dem Argument, dass Ratzinger ja als “Seelsorger” und “nicht als Politiker” komme. Deshalb solle man “Toleranz und Nachdenklichkeit” walten lassen und “keinen falschen Parolen aufsitzen“.

Kosten von 11 Millionen Euro für den Besuch eines einfachen Seelsorgers und Toleranz und Nachdenklichkeit gegenüber dem Staatsbesuch eines Herrschers, der zwar kein Politiker sein soll aber trotzdem einem totalitären Gottesstaat vorsteht, in dem Frauen, Homosexuelle, Anders- und Nichtgläubige nicht oder nur in untergeordneter Position erwünscht sind. Eines Staates, der Empfängnisverhütung und Schutz vor AIDS bis vor kurzem kategorisch ablehnte und verbot. Eines Staates, der Kindesmißbrauch deckte und die Europäische Menschenrechtskonvention bis heute nicht anerkannt hat.

Joseph Ratzinger ist außerdem ein Lügner und Demagoge. So hat er bei seinem Besuch in Großbritannien im letzen Jahr vor “agressivem Atheismus” gewarnt und gesagt, “dass der Atheismus der Nazis zu deren extremistischen und hasserfüllten Ansichten geführt“ habe.

In Thüringen leben heute etwa 70% bis 80% Atheisten.

Adolf Hitler war dagegen Katholik und bemühte oft in seinen Reden den “Herrgott” der ihn und das “Deutsche Volk” zu großem bestimmt hätte.

Und in seiner ersten Rundfunkansprache am 1. Februar 1933 sagte Hitler:

    Indem der ehrwürdige Herr Reichspräsident uns in diesem großherzigen Sinne die Hände zum gemeinsamen Bunde schloß, wollen wir als nationale Führer Gott, unserem Gewissen und unserem Volke geloben, die uns damit übertragene Mission als nationale Regierung entschlossen und beharrlich zu erfüllen. [...] So wird es die nationale Regierung als ihre oberste und erste Aufgabe ansehen, die geistige und willensmäßige Einheit unseres Volkes wieder herzustellen.

    Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

    Sie wird die Fundamente wahren und verteidigen, auf denen die Kraft unserer Nation beruht. Sie wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen. [...] Möge der allmächtige Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten, unsere Einsicht segnen und uns mit dem Vertrauen unseres Volkes beglücken. Denn wir wollen nicht kämpfen für uns, sondern für Deutschland!

Herzlich Willkommen, Joseph Ratzinger!

Die Zeitungsgruppe Thüringen schickt uns einen Anwalt

Von Sven

Die THÜRINGER BLOGZENTRALE hat am Freitag Post erhalten, von der Anwaltskanzlei Dr. Eick & Partner GbR. Diese Kanzlei vertritt die Zeitungsgruppe Thüringen. In dem Schreiben der Anwaltskanzlei werden wir darum gebeten aufgefordert, einen Beitrag aus der THÜRINGER BLOGZENTRALE zu entfernen. Die Kanzlei hat sich 14 Stunden für eine Rückäußerung “vorgemerkt“.

Was ist passiert?

Wir hatten darüber geschrieben, wie es kommt, dass die Zeitungsgruppe Thüringen kürzlich einen Zuwachs von 20.000 Lesern bejubeln konnte – wo doch jedes Kind weiß, dass die Zeitungsgruppe Thüringen immer weniger Zeitungen verkauft und dass vor allem die Stammleser der Zeitungen abwandern.

Das geheimnisvolle Leserwachstum ist nun tatsächlich möglich, weil die Leserzahlen eben nicht (nur) anhand der Zahl der verkauften Auflage ermittelt werden können, sondern auch durch – Achtung – Umfragen(!). Die Thüringer werden also befragt, ob sie Produkte der Zeitungsgruppe Thüringen lesen – wozu vermutlich auch das kostenlose Werbeblättchen “Allgemeiner Anzeiger” gehören dürfte. Die so ermittelte Wahrscheinlichkeit(!), dass jemand ein ZGT-Blatt liest, wird Reichweite genannt und von der „Media Analyse“ ermittelt. Wie genau das geschieht und was der Begriff “Leser” in diesem Fall bedeutet, ist jedenfalls gar nicht so einfach zu verstehen.

Der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier schreibt zum Thema “Media Analyse”:

    Die Daten der „Media Analyse“, die von Medien und Werbewirtschaft als Währung behandelt werden, sind häufiger seltsam. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Onanier-Zeitschrift „Coupé“: Der sind zwischen 2004 und 2008 drei Viertel der Käufer verloren gegangen. Laut „Media Analyse“ schrumpfte die Leserzahl in diesem Zeitraum aber nur um rund ein Viertel. 2008 müsste nach diesen Werten jede Ausgabe von „Coupé“ durch zehn bis 13 Paar Hände gegangen sein, was man sich wirklich nicht vorstellen möchte.

In dem inkriminierten Beitrag der THÜRINGER BLOGZENTRALE ging es also darum zu zeigen, dass die ZGT hier nicht über den Zuwachs von zahlenden Lesern jubelt, denen die Produkte der ZGT etwas wert sind, sondern über eine zweifelhafte, per Umfrage ermittelte Zahl. Es wurde in unserem Beitrag die “verkaufte Auflage” (gemäß IVW) der “Reichweite” (gemäßt “Media-Analyse”) gegenübergestellt und damit klargemacht, dass zwischen Auflage und Reichweite ein Unterschied besteht, der offenbar eben nicht jedem klar ist.

Der Anwalt der Zeitungsgruppe Thüringen meint nun aber pikanterweise, dass der Beitrag in der THÜRINGER BLOGZENTRALE die IVW-Statistik, das heißt die verkaufbare “Auflage” mit der “Reichweite” verwechsle und damit suggeriere, dass die ZGT mit unzutreffenden Zahlen operiere. Die Zeitungsgruppe Thüringen möchte deshalb, dass wir den Beitrag aus dem Netz nehmen.

Wir haben den Beitrag im Netz gelassen, damit sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden kann. Und damit weiterhin jeder interessierte Leser sehen kann, dass es einen Unterschied zwischen verkaufbarer “Auflage” und einer statistischen Lesewahrscheinlichkeit (“Reichweite”) gibt.

Der Anwalt der Zeitungsgruppe Thüringen hat uns übrigens freundlicherweise zuerst eine Mail geschrieben – so wie im Impressum erbeten – bevor, das vergißt er nicht zu erwähnen, “weitere Schritte” in Erwägung gezogen werden. Welche weiteren Schritte das sein sollen, hat er zunächst offengelassen. Was er wohl meint?

Wir hatten in letzer Zeit jedenfalls viel zu meckern über die Zeitungsgruppe Thüringen. Verständlich, dass man darauf reagiert. Dass die Zeitungsgruppe Thüringen auf die Kritik nun mit einer anwaltlichen Löschungsaufforderung antwortet, macht klar: Es fehlt zwar an Nerven, Stil und Argumenten – aber offenbar nicht an Geld.

Und die Zeitungsgruppe Thüringen will vermutlich vor allem eines: Eine öffentliche Diskussion über die wirkliche Zahl ihrer Leser verhindern.

Anonyme Kommentatoren sind Massenmörder

Von Anonymous

Eine argumentative Linie vom anonymen Kommentator zum Massenmörder zieht der Chefredakteur der THÜRINGER ALLGEMEINEN, Paul-Josef Raue, in einem Kommentar in seiner Zeitung mit den folgenden Worten:

    Auf unserer Leserseite werden nur noch Sätze stehen, zu denen sich ein Leser mit seinem Namen bekennt. Diese Debatte deckt sich mit der Debatte, die der Bundesinnenminister im “Spiegel” entfacht hat: “Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce.”

Doch damit nicht genug.

Anonyme Kommentatoren sind für Raue auch potentielle “Extremisten wie Neonazis oder Terroristen, die unsere Freiheit zerstören wollen.”, denn ein Mitglied des Bundesvorstands der Grünen meinte, dass die “Möglichkeit, anonym oder unter einem Pseudonym zu handeln, selbstverständlich Teil unserer allgemeinen Freiheitsausübung ist.” und das gälte dann natürlich auch für Extremisten.

Menschen, die mit vollem Namen im Internet kommentieren, sind für Paul-Josef Raue dagegen vergleichbar mit den mutigen Menschen, die “Straßen von Leipzig und Erfurt gegangen sind und Leib und Leben für die Freiheit riskiert haben“. Denn “mit offenem Visier” zu kommentieren sei ein Ausdruck von Freiheit.

Welch absurde Rhetorik.

Die Meinungsdiktatur in einer Monopolzeitung mit der Freiheit der Friedlichen Revolution gleichzusetzen, zeugt tatsächlich von einer größeren Verwirrtheit und Entfremdung von der Wirklichkeit, als man hätte annehmen sollen. Nicht nur, dass die Vertreter der friedlichen Revolution oft ausschließlich unter dem Schutz der Anonymität ihre Meinung äußern konnten – es war gerade auch die massenhafte und anonyme(!) Verbreitung abweichender Ansichten von den Propagandaorganen, die zum Sturz der greisen Diktatoren beitrug.

Das Propagandaorgan ist heute wie früher die THÜRINGER ALLGEMEINE. Damals hieß sie “DAS VOLK” und feierte den Staatsbesuch eines Diktators. Heute wird der Besuch eines anderen totalitären Herrschers, des Papstes, in Thüringen begrüßt und aufwendig publizistisch begleitet.

Menschen wie Ludwig Börne, Meister Eckart, Erasmus von Rotterdam, Stendhal, Willy Brandt, George Orwell, Woody Allen, Klaus Maria Brandauer, Bob Dylan, Max Goldt oder Theo Lingen sind für Paul-Josef Raue potentielle Massenmörder, Extremisten und Terroristen, denn sie trugen Pseudonyme.

Die bloße Anonymität einer schriftlichen Äußerung von Gedanken, dummen und verrückten, klugen und schönen, wahnsinnigen und gewalttätigen führt für einen Chefredakteur einer Provinzzeitung also direkt zum Massenmord.

Eine solche Rhetorik entlarvt sich selbst als autoritär und totalitär. Es wird Zeit, dass das aufhört.