Wer lebt, stirbt.
Von sapere aude
„Jesus auferstanden“ titelte gestern die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und der Spiegel schreibt über seinen Quartalskehricht*: „Die Unsterblichkeit der Seele. Kein Denker hat sie je bewiesen. Trotzdem glauben immer noch viele an das Ewige im Menschen. Sie könnten recht haben.“ Und auch andere konnten der Versuchung nicht widerstehen, sich dem Thema der Saison zu widmen: der Seele.
Doch nicht, dass da, wie man bei einem solch wichtigen Thema annehmen sollte, etwas Brauchbares resultierte. Nein. Es wird aufgekocht und hemmungslos verrührt, was sich nicht wehren kann. Und diese ungenießbar fade und mehrfach verdaute Weltanschauungspampe sollen die Leser der Wochenmagazine dann gefälligst schlucken.
Doch muss man sich fragen, liegt es am SPIEGEL, dass er uns nichts Neues zu sagen hat, oder liegt es an der vielbeschworenen Renaissance des Kirchenglaubens?
In einer TED-Umfrage des ZDF antworteten mehr als siebzig Prozent der Teilnehmer auf die Frage, ob sie zu Ostern in die Kirche gehen mit „ja“, und laut SPIEGEL glauben 52% der Befragten, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat. Ich wüsste gern, welchen Tenor der Leitartikel von dieser Woche bekommen hätte, wäre die Befragung anders ausgefallen.
Da wird von dem Autor Matthias Schreiber über vierzehn (!) Seiten hinweg über all die Religionen, verstorbenen Philosophen, Nahtoderlebnisse, Steinzeitkulte, Sterbebegleiter, sturzöde Helmut Dietl-Filme und Intellektuellen berichtet, die den Glauben an eine unsterbliche Seele vertreten, um auf der letzten Seite, in den letzten drei Abschnitten, noch kurz auf mögliche Zweifel am Jenseitsglauben einzugehen.
„Trotzdem glauben immer noch viele an das Ewige im Menschen. Sie könnten recht haben.“?
Nein, Herr Schreiber, dass Sie im SPIEGEL Ihren pittoresken Privatglauben verbreiten dürfen ist gut und schön, mit Information hat das aber rein gar nichts mehr zu tun. Das ist Agitation. Glücklicherweise nicht in der Manier des entsetzlichen vorletzten Spiegel-Titels, eher auf eine ganz einfache, aber nicht weniger unrühmliche Art und Weise.
Unabhängig von derlei Entgleisungen sind Sinnfragen aber offenbar zurzeit, mehr denn je, en vogue. Zu festlichen Abschnitten in den Kalendern der drei größten Weltreligionen (Pessach, Ostern, Prophetengeburtstag) und Kulturen, in denen die Religionsanhänger aber auch Unbeteiligte in den Genuss von etwas mehr Tagesfreizeit kommen, drängt es den temporär befreiten Geist auch zu den großen Fragen nach dem Sinn und dem Danach.
Und die FASZ fasst die diesjährige Osterbotschaft der deutschen Bischöfe zusammen „Der Himmel ist das Ziel der Christen“ und die prominente Bischöfin der hannoverschen Landeskirche, Margot Käßmann, wird mit dem entzückenden Bonmot zitiert „Für mich ist der Tod kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt“. Für Kardinal Lehmann ist die „Säkularisierung unseres Bewusstseins und unserer Mentalität“ schuld an dem Schwinden des Jenseitsglaubens.
Doch nicht der Glauben ist im Schwinden begriffen, sondern der Glaube an eine bestimmte sedimentierte und völlig unzeitgemäße kirchliche Doktrin.
Die Menschen wollen glauben. Oder besser: die Menschen wollen vertrauen. Auf einen Sinn in dieser Welt, auf eine Richtigkeit und Notwendigkeit ihres Sterbens, auf eine ewige, unauflösliche Zugehörigkeit zu diesem Universum.
Was die meisten Menschen nicht wollen, sind buchstabengetreue Auslegungen von heiligen Schriften, sinnleere, überkommene Riten und absolut unverständliche Glaubenssätze. Und sie wollen das auch nicht dulden müssen, wenn sie um Schutz und Beistand eines Seelsorgers in einer Moschee, einer Synagoge, einem Tempel oder einer Kirche ersuchen.
Fragt man Menschen in seinem persönlichen Umkreis zu ihrem Glauben an die letzten Dinge, dann gibt es nahezu keinen, der einen Sinn des Lebens und eine Existenz nach dem Tode abstreitet – für Hardcorenaturwissenschaftler gilt ja wenigstens der Satz von der Erhaltung der Energie. Das heißt, wenn wir vielleicht keine unsterbliche Seele haben, unsere Moleküle gehen wieder in Welt über, sozusagen zur freien Verwendung.
Und Sinnliteratur ist so gefragt wie nie. Bücher, wie Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ oder Veronika Peters „Was in zwei Koffer passt“ sind auch deshalb Bestseller, weil immer mehr Menschen sich von einem institutionalisierten Glauben, der nur sein Fortbestehen und die Mehrung seiner Macht zum Ziel hat, angewidert ab- und wie Verdurstende alternativen Sinngebungen zuwenden.
Die Erfolge solcher Bücher, wie Dan Browns „The Da Vinci Code“, oder von Dokumentarfilmen, wie James Camerons „Das Jesus Grab“ zeigen den Willen der Menschen auch einem Religionsstifter Menschlichkeit, also Weib und Kinder, sowie Sterblichkeit zuzugestehen. Und sie zeigen auch die unterschwellige Abneigung und den Widerstand gegen das faschistoide Beharrungsvermögen absolutistisch organisierter Religionsgemeinschaften.
Das anrührende oscarprämierte Naturreligionsepos „Whalerider“ demonstriert auf unaufdringliche Weise, dass die Sehnsucht nach einem guten „Schicksal“ ungebrochen ist, dass aber auch die alten Sitten und Bräuche sich auf die neue Zeit einstellen müssen. Und unsere Zeit ist (glücklicherweise) eine Zeit der Säkularisierung, Gleichberechtigung und Aufklärung, zu der auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse einer Hirnforschung gehören, die zeigt, dass wir nicht der Herr im Hause sind und dass unsere Identität und unsere „Seele“ aus dem Zusammenspiel der Neuronen erwachsen. Nicht mehr und nicht weniger. Dass sehr viele Menschen trotzdem einen Glauben an einen Gott, oder wenigstens an die sinnvolle Ordnung der Welt brauchen, bleibt davon unbenommen.
Der ehemalige katholische Priester, Professor für Theologie und Kirchenkritiker Eugen Drewermann kommt in seinem neuesten Buch „Der Atem des Lebens“ zu der Erkenntnis, dass es keine unsterbliche Seele geben kann: “In der Metaphysik der bestehenden Theologie war Seele und ist noch im Weltkatechismus der römischen Kirche von 1992 für mehr als eine Milliarde Menschen auf diesem Globus ein metaphysisches Prinzip, das Unsterblichkeit verheißt. Die Neurologie kann uns ganz sicher zeigen, dass es ein solches metaphysisches Prinzip nicht braucht, um zu verstehen wie Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Reflexivität, Person-Sein sich ermöglicht.”
Dass eine solch deterministische Sicht der Dinge nicht einen Glauben an eine Seele ausschließen muss, fasst Drewermann für das Fernsehmagazin „titel, thesen, temperamente“ in folgendes Bild: “Man sagt, psychische Phänomene seien emergente Eigenschaften von komplexen Nervensystemen, die natürlich in einer anderen Sprache beschrieben werden müssen als die neuronalen Prozesse, die ihnen zugrunde liegen. Was aber nichts Außergewöhnliches ist, denn wir beschreiben den Vogelflug in seiner Ästhetik auch mit anderen Worten als die Mechanik der Flügelbewegungen, die diesen Flug ermöglicht.”
Nur ist diese Seele eben nicht mehr unsterblich. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass die Seele des Menschen mit der Veränderung ihrer neuronalen Basis ebenfalls einen umfassenden Wandel durchmacht. Welchen, werden wir nie beantworten können.
*Willkürlich zusammengeschmissenes Sammelsurium von statistischen Banalitäten, telefonischen Prominentenbelästigungen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten von Wissenschaftlern, weltanschaulichen Allgemeinplätzen, Philosophenamen und -bildern und selbstreferentiellem Unsinn, der mit einer Überschrift, wie „Was vom Menschen bleibt“ zum Kaufen des SPIEGEL animieren soll und den Leser JEDESMAL mit einer noch tieferen Enttäuschung zurücklässt.
April 9th, 2007 at 9:38 pm
Religion: Nur ein kleines Pflaster auf einer großen Wunde. Glauben: Spiegel der Unwissenheit. Wissen: Wird es nie geben. Unsterblichkeit? Na, das fehlt mir gerade noch!
April 11th, 2007 at 1:53 pm
Mein Gott Leute,
wenn Ihr Euch einmal eingestehen würdet, daß “Seele” sinnvollerweise nicht als eine Art Substanz, sondern als ein Vorgang gedacht werden darf, dann würdet Ihr Zeit und Zeilen sparen.
Denkt mal an die Analogie zu einer Wasserwelle oder, noch schöner, zu einem Musikstück, das erklingt und dann aufhört. Ende – Nachklang – aus.
Jedenfalls Dank dafür, daß diese “Spiegel”-Story hier referiert wurde und man sich Geld und Zeit fürs Selber-Lesen wohl guten Gewissens sparen kann.