Oberflächlich abgebloggt
Ein Journalist hat in der Süddeutschen den branchenüblichen “Blogger werden völlig überschätzt” – Sermon abgesondert.
In einem peinlichen Artikel unter der Überschrift
-
“Abgebloggt. Die deutsche Blog-Szene will eine Alternative zu den etablierten Medien werden. Doch zwischen Wunsch und Wirklickkeit klafft eine große Lücke.“
stellt der Süddeutsche-Autor Johannes Boie die deutsche Blogosphäre der US-amerikanischen gegenüber: Exemplarisch auf der einen Seite einen recht einfachen anekdotischen Blogeintrag aus dem Spreeblick-Blog und auf der anderen Seite die Auseinandersetzung in US-amerikanischen Blogs um den Präsidentschaftswahlkampf 2004 und die amerikanische Intervention im Irak. Boie meint damit zeigen zu können, dass deutsche Blogger, im Vergleich zu US-amerikanischen Bloggern, schlicht irrelevant seien.
Und man muß dem Herrn Boie wahrscheinlich recht geben, deutsche Blogger müssen einfach waaahnsinnig irrelevant sein, wenn es immer und immer wieder gedruckt wird.
Politblogger sind in Deutschland in der Minderheit. Doch das hat ja durchaus Gründe. Qualitativ hochwertiger Bürgerjournalismus erzeugt genauso hohe Personalkosten wie “Holzmedienjournalimus”. Und das ist auf Dauer für Einzelpersonen in Deutschland nicht seriös finanzierbar.
US-amerikanische Blogger schreiben nicht nur für ein Publikum, das fast viermal so groß ist wie das potentiell deutsche Publikum – hätten die Besucher-Top 10 der deutschen Blogs ein vier- bis fünffaches an Lesern, könnte man auch vielleicht davon leben, wie das heute schon teilweise die Bildblogmacher tun, bei täglich 30.000 bis 40.000 unique visitors – US-amerikanische Blogger schreiben natürlich auch in der lingua franca der Welt, zu Themen, die durchaus auch Bedeutung für den Rest der Welt haben, wie z.B. die US-amerikanische Außenpolitik.
Wir können hier also von einem osmotischen Vorgang sprechen – der einseitigen Diffusion von Lesern durch eine semipermeable Membran der Sprachgrenzen. Damit ist es möglich, dass durch die hohen Besucherzahlen in US-amerikanischen Blogs Werbeerlöse erzielt werden, die es durchaus anstrebenswert erscheinen lassen das Bloggen zum Fulltimejob zu machen, was im deutschsprachigen Bereich bisher nur sehr eingeschränkt möglich ist.
Zu der hohen regelmäßigen Leserzahl auf US-amerikanischen Blogs kommen die Besucher, die über Suchmaschinen auf die außerordentlich stark verlinkten und deshalb in der Trefferhierarchie weit oben stehenden Blogs gelangen. Diese “zufälligen” Besucher machen einen Großteil des Umsatzes durch Textwerbung aus.
Der deutschen Blogosphäre in eklatanter Unkenntnis und daraus resultierendem borniertem Unverständnis, einfach mal so Irrelevanz zu unterstellen ist natürlich nur konsequent. Wer meint, das erklärte Ziel von Bloggern sei es, einen ominösen inner circle zu erweitern und “eine Alternative zu den etablierten Medien [zu] werden”, der muß aus der Journalistenperspektive selbstverständlich schließen, dass deutsche Blogs an diesen Maßstäben scheitern.
Paul Klee wurde einmal von einem, der seine Bilder nicht verstand, gebeten, sie ihm zu erklären. Darauf fragte Klee den guten Mann, ob er denn des Arabischen mächtig sei. Der Mann verneinte, fragend, was das denn mit seinen Bildern zu tun hätte. “Nun” entgegnete Klee “mit der Kunst ist es wie mit dem Arabischen, wenn man es nicht beherrscht, versteht man es auch nicht”
Dazu geäußert haben sich auch amendedestages, julie paradise, delphinehauen, retroaktiv, tivoli-blog, Walküre, fanman, maingold, magerfettstufe, tyndra, niggemeier, trierer medienblog, spitblog, don dahlmann und auch Jan Schmidt korrigiert sein Zitat
August 13th, 2007 at 7:42 am
“Keine Relevanz” –
ist ein schnell gefälltes Urteil, das der Autor auch
- zur Not – auf sich selbst anwenden könnte.
Die Relevanz hängt nicht nur von den Inhalten ab,
sondern auch von der Wahrnehmung.
Die “Top-Blog-Listen” führen außerdem zu einer verzerrten
Wahrnehmung, weil die Mehrzahl der Blogs ein anderes
Wesen halt.
An dem Punkt, dass die Blogs mangelhaft vernetzt sind,
stimme ich dem Herrn von der Zeitung allerdings zu.
Das könnten die BloggerInnen am ehesten, am einfachsten
und am schnellsten selbst ändern.
August 13th, 2007 at 1:58 pm
Nun ja, mangelnde Vernetztheit kann man Blogs ja nun auch nicht wirklich unterstellen. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Diskussion um den Artikel :o)
August 13th, 2007 at 4:36 pm
Deine Überlegungen zur möglichen reichweite von Blogs in den USA und in Deutschland finde ich durchaus interessant.
Wenn Dein Vergleich mit Paul Klee allerdings passen würde, müsste auch die Relevanz der amerikanischen Blogger gering sein: Wenn Blogs nur versteht, wer das Bloggen selbst beherrscht (was auch immer das für eine Kompetenz wäre) bleiben nicht viele übrig, und die Blogger blieben wirklich für immer unter sich.
Ist das Zitat wirklich und nachweisbar von Klee? Überrasch mich irgendwie.
August 13th, 2007 at 4:38 pm
Irrelevanz und Selbstreferentialität – Chronologie einer Debatte…
Es ist eines der Gesetze der Blogosphäre: Wenn alte und neue Medien aufeinander losgehen, ist gute Unterhaltung garantiert. Das war schon in der Klowand-Affäre so und ist auch heute noch der Fall, wenn sich zum Beispiel ein Autor in der SZ über die …
August 13th, 2007 at 7:41 pm
Jörg, es handelt sich dabei um eine klassische Wanderanekdote :o)
Anwendbar auf jeden bildenden Künstler und jede extravagante Fremdsprache.
Was den Sinn betrifft: Wer Blogs erklären will, muß sie verstehen. Wer sie verstehen will, muß sie kennen.
Blogs (und Kunst) angucken und irgendwas daran schön finden, kann jeder – ihre Bedeutung und Wirkung erklären nur wenige … am ehesten noch die, die sie machen.
Und was die Relevanz betrifft: Die Relevanz von Blogs bemißt sich eben nicht an ihrer Reichweite, sondern nach dem Spaß, den sie Produzenten und Rezipienten machen. Blogs haben nämlich nichts zu verkaufen und sie kosten auch nicht viel – eigentlich gar nichts – aber schenken gleichzeitig soviel: Zwei – drei offene Ohren/Augen und hie und da einen interessanten Gedanken, den man immer wieder nachlesen – und dann, wenn man ihn richtig verstanden hat, auch zustimmend kommentieren kann :o)
August 14th, 2007 at 4:48 pm
Ich kenne viele Künstler, die die Bedeutung ihrer Werke weder erklären können noch wollen, und die Wirkung schon gar nicht.
Aber was die Blogs betrifft, hast du sicher recht.
August 14th, 2007 at 7:17 pm
Übringens, natürlich ist es schön in irgendwelchen Rankings ganz oben zu stehen, man wähnt sich deshalb – meist irrtümlich – relevant.
Aber ihre Stellung in einem Ranking ist den meisten Bloggern trotzdem überwiegend herzlich egal. Statistiken dienen vordringlich der Vergewisserung, wen man jetzt möglicherweise erreicht, und manchmal auch der Realisierung, dass das Geschriebene vielleicht juristische Konsequenzen haben könnte, wenn man etwas Vielbeachtetes publiziert. Denn potentiell hat jetzt jeder, der Zugang zum Internet hat, eine Leserschaft von 6.000.000.000 – nicht immer ausgeglichenen und toleranten – Menschen. :o)
Und so will mancher Blogger am besten gar nicht von irgendwelchen Fremden gelesen werden.
Die meisten bloggen, weil sie ein bemerkenswertes Erlebnis hatten, in vivo oder in sensu und weil sie dies aufwandsparend und immer wieder aufrufbar mit vielen anderen – meist “Real-life”-Freunden – teilen wollen, die dann wiederum die Reflektion über das Ereignis im Geschriebenen, mit ihrem Kommentar anreichern können.
Blogs sind vorwiegend partizipative Medien (social software). Etablierte Publikationen sind in aller Regel rezeptive Medien (unterhaltend-bildend). Das Bestreben vieler Blogs liegt also nicht, wie bei Zeitungen, in einer breiten Geschmackskompatibilität und damit einer möglichst großen Zahl der Leserschaft, die man zu erreichen trachtet, um den Vorsteuergewinn zu maximieren, sondern in der Authentizität und der Tiefe und Qualität der Kontakte, um die positive Selbstvergewisserung des Bloggers und seiner Leser zu optimieren.
Diese Art der “Leserbindung” ist von Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen nur antizipierbar, wenn sie Blogger als Partner und nicht als Konkurrenz betrachtet. Denn sie sind tatsächlich Teil einer kleinen und beachtenswerten Elite in diesem Lande: Derjenigen, die des Lesens und des Schreibens, der Reflektion und Kreativität mächtig sind.
Und … Blogger wollen nicht die besseren Journalisten sein, sondern nach jedem Blogeintrag einfach nur sagen können