Sergej Lochthofen im TBZ-Interview
Zwei Dinge muss ich vorausschicken. Erstens: Ich war nicht wirklich vorbreitet, und Zweitens: Ich habe noch nicht soviel Übung in der Interviewführung (abgesehen von ein paar missglückten Versuchen mit Henryk M. Broder, der mich gleich bei der Einstiegsfrage, die zugegeben recht diffizil war, mit gewohnt deutlichen Worten abschließend und zusammenfassend abbügelte … und Lothar Späth, der seine entscheidende Antwort so geschickt aussprach, dass sie nur schwer zu interpretieren war).
Wie konnte ich auch damit rechnen, dass mir der „Chef“ der größten Thüringer Tageszeitung eine halbe Stunde seiner Zeit schenkt, während um uns herum die Besucher des „Tages der offenen Tür“ wuseln, die ihn alle ehrfurchtsvoll bestaunen und ein paar Häppchen seiner Aufmerksamkeit erhaschen wollen.
Und trotzdem bittet mich Sergej Lochthofen also auch noch auf den so genannten „Kanzlersessel“ in seinem Büro, welches sich eigentlich durch nichts vom Rest des wenig ansehnlichen Gebäudes unterscheidet in dem es sich befindet. Was der sogenannte „Kanzlersessel“ ist, hat Lochthofen eben vorher einem anderen Besucher erklärt, dem er auch in ein paar kurzen Sätzen, quasi en passant, die Notwendigkeit der Energiebesteuerung auseinandersetzte. Im “Kanzlersessel” sollen nämlich schon alle jeweils amtierenden deutschen Bundeskanzler gesessen haben – Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel … und sogar Helmut Schmidt, der ja irgendwie immer noch amtiert.
So durfte ich also Platz nehmen und die einzige Frage formulieren, die ich mir überlegt hatte, weil ich ja höchstens mit einer Minute zwischen Tür und Angel gerechnet hatte. Und ich verhaspelte mich natürlich und musste neu beginnen, dann aber klappte es – halbwegs:
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In diesen ersten Worten klangen denn auch schon die wesentlichen Grundüberzeugungen meines Interviewpartners an: Blogs sind nicht völlig uninteressant, eine demokratische Form der Kommunikation – aber man muss sie mit Vorsicht genießen. Und natürlich sind sie lange nicht so professionell wie eine ordentliche Tageszeitung. Stichwort: „Nackte“ vs. „Familienzeitung“. Im Internet herrschen halt ganz andere Spielregeln, meint Lochthofen. Nun denn, da drängt sich folgende Frage auf:
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Aha, ihre gesellschaftliche Relevanz ergibt sich also durch ihre Neuheit. Ansonsten muss man natürlich bedenken, dass Blogs Manipulationen ausgesetzt sind und dass die grassierende Anonymität zu „Unsinn“ einlädt. Blogs haben also nicht nur positive Seiten, aber eines dieser positive Dinge ist, dass man ohne besondere Voraussetzungen einfach so drauflosveröffentlichen kann.
Aber nicht nur private und kommerzielle Blogger veröffentlichen im Internet so drauflos, auch die Thüringer Allgemeine hat den Schritt ins Internet gewagt. Natürlich, es geht heute nicht mehr ohne einen unübersichtlichen und gleichgeschalteten Internetauftritt mit flickernden Bildchen und sogar „Onlinetagebüchern“. Man will die aktuellen Trends ja nicht verschlafen. Und Blogs gehören heute nun mal dazu. Die Tagesschau hat eins, oder die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Und das Handelsblatt hat sogar mehrere. Die „Internettagebücher“ der TA sind natürlich ein Witz, aber darüber hatten wir uns ja schon zur Genüge ausgeschüttet.
Nun möchte man allerdings Vorreiter sein – oder besser – hat sich dazu überreden lassen und bietet ein Videoblog im Onlineauftritt der TA an. Das war zunächst als Videotagebuch des Ministerpräsidenten gestartet und wurde dann, nach massiver öffentlicher Kritik, zum „Thüringer Augenzeugen“, in dem auch andersdenkende politische (bald vielleicht auch kulturelle) Akteure zu sehen sind.
Ein außerordentlich interessantes Projekt jedenfalls, das federführend von der Bauhaus-Uni Weimar betreut wird und auch vorangetrieben wurde, von Seiten der TA aber offenbar inzwischen nur noch halbherzig betrieben wird. Hören wir mal rein, was Lochthofen zur Weiterentwicklung des Projektes zu sagen hat:
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Der Chef ist also vorsichtig. Verständlich, bei der Vorstellung, die man von Blogs bzw. Onlinejournalismus und der Zukunft der traditionellen Zeitung hat. Interessant vor allem die Vorstellung von der „Interessantheit“ von Blogs, die bei Lochthofen offenbar mit 10.000 „Usern“ für ein Blog beginnt. Wie wir wissen sind Blogs ein Kommunikationsmedium. Entscheidend sind also nicht die Unique Visitors oder die Pageimpressions, sondern die Interaktion durch unmittelbare spontane Kommunikation. Für Sergej Lochthofen, der mehreren hundert Menschen Arbeit und Brot geben muss, zählt natürlich eher „was hinten raus kommt“. Das erreicht man ganz sicher eher durch endlose Fotostrecken, wie sie die TA seit neuestem auf ihrer Hauptseite wie sauer Bier anbietet.
Wer Zahlen ins Spiel bringt, muss damit rechnen, hinterfragt zu werden. Deshalb die Frage an den Chefredakteur, wie viele Unique Visitors wohl die so genannten „Top 100“ der deutschen Blogs täglich haben:
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Aha. China ist also die Zukunft. Soso. Na ja, das hatten wir schon … In einem hat Lochthofen natürlich recht: Amerika hat es grundsätzlich besser. Aber darauf hatten wir ja ebenfalls schon hingewiesen. Vielleicht haben wir ja auch ein Begrifflichkeitsproblem. Wir sprechen übers Bloggen, meinen aber irgendwie die ganze Zeit Onlinejournalismus. Das ist vielleicht eine grundsätzliche Begriffsvermischung, die wir hier in der TBZ schon angegangen sind.
Die Möglichkeiten der journalistischen Internetpublikation sind natürlich ungeheuer vielfältig und bei weitem noch nicht ausgeschöpft, geschweige ausdiskutiert, aber eigentlich wollte ich ja von Sergej Lochthofen wissen, was er über Blogs und Blogger denkt.
Aber da gibt’s offensichtlich diesen bekannten „mindgap“. Wer über Blogger spricht, vor allem im Medienbereich, meint meistens Onlinejournalisten. Auch der kleinstunternehmerische Onlinejournalismus kann ja grundsätzlich den Gesetzen des Bloggens folgen – aber privates Bloggen ohne Breitenswirkungswunsch und irgendwie finanzierter Onlinejournalismus mithilfe von Blogsoftware und mit dem Streben nach möglichst hoher Klickrate sind natürlich zwei unterschiedliche paar Schuhe.
Für Lochthofen zählt die Rendite. Und wer kann es ihm verdenken. Arbeitsplatzmangel herrscht in Thüringen zur Genüge. Und da wäre es natürlich wunderbar, wenn die Gefahr aus dem Internet sich nur auf die ungehemmte Darstellung von „Nackten“ beschränken würde.
Nackte gibt es bei der TA nur sehr wenige. Dagegen sorgen das „Männerballett von Rossleben“, die „Silberhochzeit von Dieter Althaus“ sowie diverse Volksfeste, laut Lochthofen, für eine halbe Million „User“ am Tag.
Da bin ich etwas skeptisch, muss ich doch vorrechnen, dass alle Thüringer Blogs, ganz grob über den Daumen gepeilt, auf ca. 10.000 „Unique Visitors“ pro Tag kommen. Da ist Herr Lochthofen – mit seinen 500.000 „Usern“ – natürlich ein paar Nasenlängen weiter vorn. Aber was meint er? Meint er mit „Usern“ wirklich Unique Visitors oder doch eher die Klickraten, die man mit einem und demselben Motiv aus verschiedenen Perspektiven in astronomische Höhen treiben kann … so richtig lässt sich Herr Lochthofen nicht festnageln. Sind wohl doch nur 500.000 Pi’s. Aber die können wir auch. Bei den Inhalten orientiert man sich jedenfalls an dem „was Menschen wollen“ und am Branchenprimus Spiegel Online.
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Aber auch im eigenen Mutterhaus gibt es ja innovative und spannende (seit 7 Monaten lässt die Spannung einfach nicht nach) Projekte im Internet. Und wenn man die vollmundigen Ankündigungen der WAZ-Mediengruppe und auch Lochthofens nimmt, steht uns nun endlich ab Oktober eine echte Medienrevolution ins Haus. „Man will neben den Zeitungen ein Portal schaffen, das für die ganze Internetcommunity in diesem Bereich die Hauptanlaufstrecke ist“ Wir sind jedenfalls gespannter denn je:
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Westeins macht es also vor. Blogger werden eingebunden und Kooperationen finden statt. Die Zusammenarbeit mit den „Bloggern“ von der Bauhaus Uni ist ja eine davon. Diese Kooperation warf natürlich Fragen auf und regte zu Zweifeln an, war es doch eigentlich gestartet als „Videotagebuch des Ministerpräsidenten“. Aber die Relevanz dieses „Blogs“ sollte man nicht überschätzen, meint Lochthofen. Und insgesamt setzt die Glaubwürdigkeit einer Zeitung enge Grenzen.
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Zum Abschluss dieses interessanten Gesprächs verstieg sich Sergej Lochthofen allerdings in eine merkwürdige Hypothese, die die grassierende Angst vor der zügellosen „Seuche Internet“ und den dort ungehemmt agierenden Terroristen wieder aufscheinen lässt. Der Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen erklärt mir also jetzt das Internet
„Sie können in Ihrem Blog zum Teil, wenn sie es anonym machen, machen was sie wollen“
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Echte Anonymität gibt es im Internet nicht. Vor allem nicht in Blogs. Der allergeringste Prozentsatz der deutschen Blogs ist, wenn es darauf ankommt, wirklich anonym. Außerdem ist jeder Blogger, der nicht ausschließlich nur über sein Privatleben oder Fiktionales “ins Internet schreibt”, verpflichtet ein Impressum anzubringen. Tut er dies nicht, droht ihm/ihr eine juristische Abmahnung.
Wer trotzdem quasi-anonym bloggt, muss ebenfalls damit rechnen, dass Bloganbieter die persönlichen Daten des Bloggers heraus geben. Ist das Blog selbstgehostet, ist der Blogger über die Hostinggesellschaft ermittelbar.
Echtes anonymes Bloggen findet auch statt, ist aber die krasse Ausnahme. Wer auffindbare und strittige Tatsachenbehauptungen ins Internet stellt, muss damit rechnen, entdeckt und verklagt zu werden. Dass Kläger bei Bloghostern auf Granit gebissen haben ist bisher eine echte Seltenheit.
Dass im Internet auch schwerste Straftaten geplant und verübt werden sei hiermit nicht infrage gestellt. Die „Spielregeln“, an die Blogger sich halten müssen, unterscheiden sich aber nicht allzu sehr von denen der „glaubwürdigeren“ Printpublikationen mit den engen Grenzen.
Wenn ich auf dieses Interview so richtig vorbereitet gewesen wäre, hätte ich natürlich all das, was ich hier geschrieben habe, schon im Gespräch gesagt und ich hätte Sergej Lochthofen auch zu seiner spannenden Biographie löchern können oder seiner Funktion als Quotenossi beim „Presseclub“ und zum Verhältnis von PR und Recherche in der Thüringer Allgemeinen, aber so stellte ich nur die ahnungslose – und etwas unhöfliche – Frage :
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Wie gesagt, ich war nicht vorbereitet, Sergej Lochthofen ja übrigens auch nicht. Deswegen weiß er natürlich auch nicht, dass es richtigen Bloggern nicht um Klicks geht.

September 5th, 2007 at 10:47 pm
*alles angeguckt hab* (ja, find’ ich erwähnenswert :D)
Nuja, was soll man groß zu sagen. Die Anonymität ist wie gesagt nicht existent und die (verlinkte) Fotostrecke sowas von unsinnig bis unfreiwillig komisch, nuja.
Interessant allerdings, dass sich die TA laut einer oben verlinkten Seite jetzt selbst verstärkt Blogger ins Boot holen wollen und sich selbst als “Das Internetportal für Thüringer Tagebuchschreiber” (scheinbares TA-Synonym für Blogger) bezeichnen. Konkurrenz zur TBZ anyone?!
Nuja, anstrengend war’s. Und teilweise etwas ungehalten, unkontrolliert und impulsiv – aber da ihr beide nicht vorbereitet wart ;) :D
September 6th, 2007 at 12:20 pm
Wow, das ist wahrlich ne leistung :o)))
da schlimnme ist halt, dass blogger irgendwie auch immer mit terroristen und pornographen gleichgesetzt werden. wer anonym publiziert, führt nichts gutes im schilde ist hier der kurzschluss.
Eine Konkurenz für die TBZ wird die TA wohl nicht. :o) Eher umgekehrt …
… und beim nächsten mal sind wir auf jeden fall besser vorbereitet.
September 6th, 2007 at 1:38 pm
le grand chef bei der tbz…
Wenn wir in der Redaktion von “Grand Chef” sprechen, dann meinen wir Sergej Lochthofen, der Mann, der seit 1990 die Thüringer Allgemeine leitet. Den alljährlichen Tag der offenen Tür der TA in Erfurt hat Sven von der TBZ genutzt, um mit …
September 8th, 2007 at 12:17 pm
Recht hat Herr Sergej damit, dass Blogs eine Zeiterscheinung sind. Wie auch das Tätowieren. Doch wer ernsthaft an Tattoos interessiert ist, wird sich auch weiterhin stechen lassen. Und so ist es auch mit dem Bloggen. Die, die ambitioniert und mit Lust bloggen, werden es auch immerfort tun. Gerade die TA-Blogs zeigen uns doch, wie es ausieht, wenn man bloggt ohne Bock: nämlich so gut wie gar nicht. Schuster bleib bei deinen Leisten. Zeitungsmacher, bleibe lieber beim Papier.
September 17th, 2007 at 9:45 pm
holt dir doch einfach einen Interviewtermin bei Herrn Lochthofen.
Da können sich beide Seiten vorbereiten und nicht so wirr im Nebel rumstochern. Er kann dir dann vielleicht mehr erzählen von Sachen über die du nur mut mast. Oder ist dein Motto “Viel Feind, viel Ehr”? Na, das hat doch keiner nötig.
November 27th, 2009 at 9:50 pm
[...] Wir hatten Herrn Lochthofen im September 2007 im Blogzentrale-Interview [...]