Epizentrum: Die satirische TBZ – Kolumne V
Natürlich, wer nicht allzu pingelig durchs Leben wankt, der mag es ja unter Umständen als überaus freundlich abtun, wenn die Kassiererin des Discounters über die Strasse einem zum eben vonstatten gegangenen Sonnenuntergang einen “schönen Feierabend” wünscht. Wenn man allerdings zu jenem unangenehmen Typus Mensch gehört, welcher die Haare nicht nur in jeder Suppe sucht, sondern auch stets seinen üppig bewachsenen Kopf vorher über dieser schüttelt, dann hält man das vermeintliche Wohlwollen der lächelnden Supermarkt-Angestellten doch eher für einen gewollten oder auch ungewollten Affront gegenüber circa 10 Prozent der Kundschaft.
Denn so hoch ungefähr ist die bundesdeutsche Arbeitslosenquote anno 2007.
Und arbeitslos sein bedeutet nun einmal in aller erster Linie, gegenwärtig eben keinen schönen Feierabend zu haben. Was ja auch aus Sicht der Logik nicht unbedingt erklärungswürdig scheint, aber, wenn denn trotzdem erwünscht, ungefähr mit dem Bilde eines Kurzstrecken-Schwimmers vergleichbar ist, der sich gewiss nicht schwarz darüber ärgern muss, sein Handtuch vergessen zu haben, wenn er um kurz vor Zwanzig Uhr am Städtischen Hallenschwimmbade ankommen ist, dieses aber schon vor weit über zwei Jahren abgerissen wurde!
Womit wir auch schon bei der tagesaktuellen Thematik “Herbst” angekommen sind, denn auch dieser reißt mächtig ab, wenn auch nur die Blätter von den Bäumen und die Hüte von den alten Damen, weil deren Haare so dünn und so schwach, dass ihre Kraft gerade nur noch einmal dazu reicht, um die Mützen im windstillen Cafe auf der lila leuchtenden Kaltwelle zu halten. Warum Frauen der Geburtsjahre zwischen 1900 und 1950 stets ihre Kopfbedeckungen beim Verzehr von “Schwarzwälder Kirsch” und “Liebesknochen” auf ihrem Giebel belassen müssen, ist mir im übrigen genauso ein großes Rätsel, wie die Gefühlswelten jener altbackenen Lyriker wie Rilke und Trakl, die im Herbste ja immer etwas Malerisches, etwas Romantisches entdeckten, dabei ist er doch nur muffig und feucht.
Vielleicht ist es ja so eine Art Ritual, so wie viele Männer angeblich beim Zeugen des Nachwuchses ihre Socken anlassen. Leider habe ich vergessen, in welchen Bezug Socken und Geschlechtsverkehr stehen, ich weiß nur noch, dass, wenn die Socken angelassen werden, das Geschlecht des Kindes in spe angeblich in die eine oder andere Richtung tangieren soll. Ich selbst denke aber, dass dieses großer esoterischer Dünnschiss ist, weil doch schließlich jeder aufgeklärte, moderne Mensch heutzutage weiß, dass das einzigste Kleidungsstück, welches das Geschlecht des zukünftigen eigen Fleisch und Blut wirklich maßgeblich beeinflussen kann, robuste Allwetterjacken mit Logo-Stickerei in Kontrastfarben sind! Und wenn dann schon Socken, dann über den Kopf, was man dann aber nicht als “in vitro” gezeugt, sondern “in incognitio” gezeugt bezeichnet.
Und da wir schon mal übers Kinder machen reden, so möchte ich die Gelegenheit auch nicht unnütz verstreichen lassen, ohne meine Rede gleichfalls auf die schon vorhandene Kinder zu lenken. Denn es ist doch eine überaus große Unart, freiweg neue Bälger zu planen, wenn die Gesellschaft es nicht einmal versteht, die bereits übers Land verteilten Sprösslinge ihren Möglichkeiten entsprechend aufwachsen zu lassen. So erschrak ich unlängst über einen Fernsehbericht, in welchem ein Hartz4-Ehepaar das Geld für die Kindergartenspeisung ihres Kindes nicht mehr aufbringen konnte, da beide Elternteile es für das Familienglück als zweckdienlicher empfanden, dass Geld lieber in einen Ratenvertrag für einen Flachbildfernseher stecken, weil “so einen ja schließlich jeder hat”. Dafür bekam der dreijährige Sohn das ausgediente Röhrengerät ins Kinderzimmer gestellt, damit die Eltern “nicht den ganzen Tag KIKA gucken müssen”. Auch erwähnenswert, dass ein nicht unerheblicher Teil des schmalen Familieneinkommens für Tabakwaren draufging.
Doch kann man dem nikotin- und mediensüchtigen Unterschichtenehepaar, welches auf mich den Eindruck machte, als dass es die Bürde des Lebens intellektuell wohl nicht in der Lage war auch nur ansatzweise zu schultern, tonnenschwere Vorwürfe machen? Schließlich funktionieren sie nur so, wie es ihnen die Gesellschaft vorlebt und zulässt. An und für sich haben sie sogar einen sehr lobenswerten, weil systemkonformen Lebenswandel, welcher doch vom Bürger nichts weiter verlangt, als zu konsumieren und den Rest seines sowieso rudimentären Verstandes vom Privatfernsehen in Schutt und Asche legen zu lassen. Denn nur wo das Denken in Trümmern liegt, lassen sich die Kartenhäuser der sich nie verwirklichenden Illusionen errichten. Und wenn die Oberen Zehntausend dicke Cohibas schmauchen, warum sollten denn dann die Millionen von armen Schweinen nicht auch ihre Billigstumpen rauchen dürfen, wo doch gerade die Hartz4-Empfänger, wegen ihres farblosen Leben s wegen, auf die nicotinerge Rezeptoren wirkende Drogen am allernötigsten haben?!
Fragen wir uns doch mal lieber, wieso es sich der Staat leisten kann, für Edmund Stoibers Spielzeugeisenbahn 925 Millionen locker zu machen, aber sich nicht finanziell dazu in der Lage sieht, jedem Kind in Deutschland kostenfrei Kindergarten samt vollen Magen zuzusichern. Herrgottnochmal! Ein Transrapid, der es auf bis zu 500 Km/h Spitzengeschwindigkeit bringen kann – für eine Strecke von 37 Kilometer – dass ist doch ungefähr so, als würde man sich der guten Spülung wegen zum Kacken immer an den Rand des Niagara-Falls setzen! Doch dieses dreijährige Kind, das da nun allein an jedem gottverdammten Tag 12 Stunden vor dem Röhrenfernseher sitzt, das sollte uns doch allemal mehr wert sein, als dem Stoiber ein rollendes Denkmal zu setzten. Denn wenn wir den fast schon verlorenen Kindern nicht mehr geben können, als in wenigen Jahren einen Hartz4-Antrag in die Hand, dann ist der Zug für Deutschland auch bald abgefahren. Und zwar so schnell, da ist der Scheiss-Transrapid nur eine lahme Ente gegen. Ja, in Berlin wird die Zukunft Deutschlands verspielt. Und wir alle spielen mit. Und so gesehen hat die Kassiererin der Supermarktes über die Straße natürlich recht, wenn sie einem einen “schönen Feierabend” wünscht. Doch ob er schön wird, daran mag ich zweifeln.
Und hier noch die Lottozahlen für die kommende Ziehung:
5 – 11 – 17 – 22 – 23 – 40 Zusatzzahl 8
Diese sind natürlich, genau wie alle anderen Angaben in diesem Text, ohne jegliche Gewähr.
Ein stoiberredenfreies Wochenende wünscht
September 29th, 2007 at 11:01 am
“Einzigste” Wie oft noch?
September 29th, 2007 at 11:03 am
Recht so. Zu befürchten ist allerdings, dass der Lärm, den der Transrapid macht, wenn er nach 37 km seine Höchstgeschwindigkeit erreicht und dann mangels Bremsmöglichkeit eine Schneise quer durch München fegt, immer noch nicht laut genug ist, um die berliner und münchner Inhaber der “besten Ideen aller Zeiten” zu der Überlegung anzuregen, ob nicht vielleicht doch ein Detail suboptimal ist.
September 29th, 2007 at 2:34 pm
@Frankie
“Einzigstes, einzigstes Mädchen, und ich kenne ihrer viele.” (J.W.Goethe)
September 29th, 2007 at 3:47 pm
“Eine jegliche Jungfrau verteidigt ihre Ehre. Ein gar komisch Ding, das anderthalb Zoll vom Arschloch absitzet!” (J.W.Goethe)
September 29th, 2007 at 7:21 pm
“Wer von Euch ohne Rechtschreibschwäche, der werfe den ersten Duden!” (L.Peppel)
September 30th, 2007 at 2:18 pm
*Duden werf*
Weil “Rechtschreibschwäche” in dem Fall schlichtweg nicht zutreffend ist, sondern es sich lediglich um eine fälschliche Verwendung des – nicht existierenden – Superlativs handelt.
:D
Davon abgesehen ist das Geschriebene dem etwas mehr als durchschnittlich denkendem Bürger schockierenderweise bekannt. Den Politikern hingegen scheinbar nicht… nuja, ich hab’ ja meine eigenen Pläne in der Hinsicht :D
September 30th, 2007 at 2:52 pm
Genau. Ein nicht existierender Superlativ. Genau wie “blühende Landschaften”. Und das scheint das wirklich Schockierende: sie tun einfach so, als wäre es ihnen nicht bekannt! Und was deine Pläne betrifft: Psst! Ich will nichts davon wissen. Schließlich ist es bis Guantanamobay nur ein paar Flugstunden weit…
January 13th, 2008 at 8:24 pm
[...] Kolumne vom 28.September 2007 [...]