Lokaljournalismus 2.0: “Mein Anzeiger” und “Deutschland Today”

Von Sven

Lokaljournalismus im Netz sei “das nächste große Ding” … behaupten die Prenzlauer-Berg-Nachrichten. Sie können Ihre Eigenwerbung bei SPIEGEL ONLINE, der taz, dem Deutschlandfunk und dem Medienmagazin ZAPP unterbringen. Währenddessen startete die Zeitungsgruppe Thüringen vorgestern ein lokales Portal, für das schon mal über “Nutzertypologien” und “Meinungsführer” nachgedacht wurde.

Die THÜRINGER BLOGZENTRALE gibt es jetzt seit 5 Jahren. Wir haben Lokalpolitiker geärgert, Bundes- und Landespolitik zerissen, Kunst und Kultur kritisiert, die Thüringer Medienlandschaft beobachtet und die Entwicklung der deutschen Internetpolitik – mit Schleichwerbung, Netzsperren und Datenschutzkatastrophen – kritisch hinterfragt … wir haben hier deshalb diverse Shitstorms überstanden, sind knapp an einer Abmahnung (eines prominenten anderen Bloggers) vorbeigeschlittert, sind bedroht und beleidigt worden, wir haben Interviews gegeben und Vorträge gehalten. Wir waren im Fernsehen, in der Zeitung und im Radio, stehen in medienwissenschaftlichen Fachpublikationen und Dissertationen. Die THÜRINGER BLOGZENTRALE hat in Hochzeiten mehr als 10.000 Besucher am Tag und ihre Autoren arbeiten auch für die ZEIT, TELEPOLIS, Leipziger Volkszeitung oder die Thüringer Allgemeine. Die THÜRINGER BLOGZENTRALE steht auf Platz vier der hundert beliebtesten Regionalblogs in Deutschland.

Laut Serverstatistik haben wir etwa 37.000 Besuche monatlich. Wir liegen mit dieser Zahl noch vor der Oberhessischen Zeitung (21.828 Visits monatlich) und dem Meininger Tageblatt (26.279 Visits) und ein kleines Stückchen hinter der PSYCHOLOGIE HEUTE (48.533 Visits) oder mit halb so vielen Besuchern hinter dem Naumburger Tageblatt (63.209 Visits):

Aber wir könnten von all dem nicht leben.

Die Jungs und Mädels von den Prenzlauer-Berg-Nachrichten wollen das aber im Laufe eines halben Jahres schaffen. Die Voraussetzungen sind dabei gar nicht so ungünstig. Sie haben ein junges engagiertes Team. Eine ebenso junge, urbane, technikaffine und dicht beeinander lebende Leserschaft … und sie sind vom Fach. Das hat zur Konsequenz, dass man seine Eigenwerbung nicht nur in überregionalen Medien sondern sogar “crossmedial” (Print, Funk und Fernsehen) rüberbringen kann. Zuerst darf SPIEGEL ONLINE jubeln. Dann kommen noch die taz, Deutschlandradio Kultur und sogar das Medienmagazin ZAPP.

Und sie alle faseln etwas von “Der Lokaljournalismus erlebt seine Auferstehung” oder “das nächste große Ding” oder “Regionale Nachrichtenportale boomen” usw.

Das ist natürlich alles Quatsch.

Versuche, regionale “Nachrichtenportale” zu etablieren, gibt es zuhauf. Es ist eine traurige Geschichte zwischen PR, Selbstausbeutung bis hin zu skrupelloser politischer Manipulation. Mit Journalismus hat das alles nicht mehr viel zu tun.

Zunächst muss man aber vor allem auch zwischen Blogs und Regionalportalen unterscheiden.

Oft haben regionale Blogs nämlich tatsächlich noch einen journalistischen Anspruch. Sie wollen alles besser machen als die mit Pressemeldungen, Werbung und sonstiger PR überfrachteten Lokalzeitungen. Die meisten Regionalblogs in Deutschland kommen jedoch nicht über die 15.000 Besuche monatlich hinaus … wenn überhaupt. Von Einnahmen durch explizit gekennzeichnete Werbung kann kein Regionalblogger in Deutschland leben.

Aber auch die Lokalportale sind alles andere als erfolgreich. Ihr Geschäftsmodell beruht vor allem auf bezahlter PR oder personalisierter Werbung in Sozialen Netzwerken. Ihr Problem ist die Unübersichtlichkeit durch Unmengen irrelevanter (Werbe)Information. Das im Beitrag des Deutschlandfunk gelobte Thüringer Pressemeldungsportal “Jenapolis” hat beispielsweise – laut Selbstauskunft – nicht mehr als 50.000 Besucher monatlich – das sind nur rund 1700 pro Tag. Die mehrfache Besucherzahl hat allein das Blog Beetlebum aus Jena. Rund 150.000 Besucher wollen im Monat wissen, was Jojo gezeichnet hat.

Auch Beetlebum kann von seinem Blog nicht leben. Jenapolis ernährt keinen seiner Redakteure. Andere Thüringer Lokalportale sind seit Jahren aktiv und werfen oft lediglich die Hostingkosten ab. Hier also von einem “Boom” zu schreiben, ist nicht nur maßlos übertrieben, sondern offenbar eine gezielte Irreführung der Öffentlichkeit und der möglichen Werbekunden.

Aber es gibt Ausnahmen: Auch Großunternehmen wie die WAZ-Mediengruppe versuchen sich mit wechselndem Erfolg in diesem nahezu aussichtslosen Geschäft. Nach dem euphorischen Start und kläglichen Niedergang der “Onlinetagebücher” in den Internetauftritten der Thüringer Allgemeinen, der Thüringischen Landeszeitung und der Ostthüringer Zeitung, versucht man sich seit Montag an einem ganz neuen Portal: www.meinanzeiger.de

“Mein Anzeiger” erscheint zunächst wie ein schlechter Aufguss eines anderen, bereits kläglich gescheiterten Thüringer Lokalportals: Tolles Thüringen.

Vor zwei Jahren startete “Tolles Thüringen” mit prominenter Unterstützung. Es wurde viel Geld (wahrscheinlich Millionenbeträge) in das Portal gesteckt. Seit Anfang des Jahres ist es nicht mehr zu erreichen.

Und nun will die Zeitungsgruppe Thüringen einen ganz neuen Ansatz starten. Die Redakteure des Werbeblättchens Allgemeiner Anzeiger müssen jetzt Internettagebucheinträge lesen und die “besten” im Allgemeinen Anzeiger abdrucken.

Gleichzeitig will man möglichst organisiert vorgehen, um die Werbung noch besser an den Kunden zu bringen und die “User” an das Portal und den Allgemeinen Anzeiger zu binden. Laut einer internen Information sollen die Mitarbeiter von “Mein Anzeiger” Schulungen besucht haben, in denen es um die Erstellung von “Nutzertypologien“, die Erfassung von “Zielgruppen” und die Identifikation von sogenannten “Meinungsführern” ging.

Ein Honorar erhalten die “Leserreporter” des Allgemeinen Anzeigers nicht. Weder bei der Veröffentlichung bei “Mein Anzeiger” im Internet, noch beim Druck im “Allgemeinen Anzeiger”. Das steht so in den AGB, sagt der Chefredakteur des Allgemeinen Anzeigers, Emanuel Beer, auf Anfrage der THÜRINGER BLOGZENTRALE. Und tatsächlich, der ganze Absatz dieser Geschäftsbedingungen liest sich äußerst bemerkenswert:

    1. Der Nutzer räumt AWV an den vom ihm auf “meinanzeiger.de” eingestellten Inhalten (Texte/Bilder/Bewegtbilder) das räumlich und zeitlich unbeschränkte, jedoch nicht exklusive Nutzungsrecht an den jeweiligen Inhalten ein. AWV ist unter Wahrung des Urheberpersönlichkeitsrechts und der Persönlichkeitsrechte des Nutzers berechtigt, die eingestellten Inhalte für eigene Zwecke zu nutzen, zu vervielfältigen, zu verbreiten, drahtgebunden oder drahtlos auf Abruf zur Verfügung zu stellen (Online-, Zugriffs-, und Übertragungsrecht), zu archivieren und in Datenbanken aufzunehmen, sowie in Printmedien aller Art (insbesondere Zeitungen und Zeitschriften) zu nutzen. AWV ist ferner unter Wahrung des Urheberpersönlichkeitsrechts berechtigt, die eingestellten Inhalte des Nutzers zu bearbeiten und umzugestalten, insbesondere wenn dies aus redaktionellen Gründen und/oder zur Verbindung mit anderen Werken erforderlich ist. AWV kann die vorstehenden Rechte ganz oder teilweise auf Dritte weiter übertragen, ohne dass es einer Zustimmung des Nutzers bedarf.

    2. Für die Einräumung der vorgenannten Nutzungsrechte erhält der Nutzer kein Honorar.

Mit der Aussicht auf den hundertausendfachen Abdruck des eigenen Beitrages lassen sich manche Hobbyautoren wahrscheinlich gern dazu überreden, kostenlosen Content en masse zu produzieren und einzureichen. Die Zeitungsgruppe Thüringen spart so Geld für Autoren und Fotografen und kann die “Leserreporter” als kostenlose Werbeträger einsetzen, weil die nun – verrückt vor Stolz angesichts der eigenen Prominenz als “Journalist” – den Allgemeinen Anzeiger bei Familie und Freunden verteilen.

Man folgt mit dieser Initiative übrigens dem anderen großen Anbieter von Werbeblättern nach. Die “CMAC GmbH”, die “Hallo Thüringen” herausgibt, hat mit “Deutschland Today” vorgelegt. Auch hier erhalten die “Leserreporter” kein Honorar und räumen dem Verlag ein fast uneingeschränktes Bearbeitungs- und Nutzungsrecht ein.

“Mein Anzeiger” und “Deutschland Today” könnten durch die Kombination von honorarfrei produziertem “user generated content” und Werbung in Online und Print für die Werbekunden und die Geschäftsführung der Zeitungsgruppe Thüringen oder die CMAC GmbH ein Erfolgsmodell werden – ganz im Gegensatz zu den Kiezblogs.

Für den Journalismus ist das eine Katastrophe …

So ein Quatsch!Klasse! (+7 von 17 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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51 Responses to “Lokaljournalismus 2.0: “Mein Anzeiger” und “Deutschland Today”

  1. Presseeinladung: Das digitale Zeitalter hält Einzug in die Schule | Fachpresse Artikel Says:

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