Joachim Gauck meint, der Holocaust würde überbewertet

Von Neidhart von Schwarzburg

Welche Art von Bundespräsident Joachim Gauck wohl werden wird, sieht man jetzt vor allem an denen, die ihn loben und die sich auf seine Präsidentschaft freuen. Nicht an den grauen Vertretern des politischen Establishments, sondern den populistischen Meinungsführern des rechten politischen Randes.

So freut sich zum Beispiel die rechtskonservative Zeitung Junge Freiheit auf einen Präsidenten Gauck mit folgenden Worten:

    Der überfällige Rücktritt Wulffs und die Nominierung von Gauck als neuer Bundespräsident: Zwei gute politische Entscheidungen.

Und auch das bekannteste deutsche Muslimhasserblog PI-News ist begeistert:

    “Ob Sarrazin-Lob, Kritik an der Anti-Atomhysterie, das Bloßstellen von populistischem Banken-Bashing oder seine Befürwortung von Stuttgart 21 – Joachim Gauck könnte durchaus auch für PI antreten.”


Und bei dem deutschen Neoliberalen-Blog Achse des Guten ist Vera Lengsfeld überzeugt:

    Er wird vor allem der Präsident der Menschen sein, die mit ihrer Produktivität und ihrem Engagement dieses Land am Leben erhalten. Das wird denen am wenigsten gefallen, die sich angewöhnt haben, die Gesellschaft als einen Selbstbedienungsladen zu betrachten, der Bedürfnisse oder Ansprüche ohne Gegenleistung erfüllen soll. Aus dieser Ecke kommt der Widerstand.

Diese Zitate stehen für eine neoliberal-antikommunistisch-christliche Gesinnung, für die auch Gauck steht. Eine Gesinnung, die für eine Privilegierung weniger Reicher auf Kosten der großen Mehrheit steht. Große Konzerne und Kartelle sollen das politische Geschehen beherrschen und durch ihren politischen Einfluss auf die Parteienlandschaft die Demokratie dauerhaft möglichst “marktkonform” gestalten.

Sein Hass auf die atheistische Kapitalismuskritik geht bei Gauck so weit, dass er sogar den Holocaust als Zeugen für die angebliche Beschränktheit der Linken heranzieht.

Gauck sieht in der Erklärung des industriellen Massenmords der Nazis zum absolut einzigartigen, unvergleichlichen Verbrechen eine “quasireligöse Überhöhung“. In einem Vortrag für die Robert-Bosch-Stiftung sagt er:

    Nur am Rande sei die Gefahr der Trivialisierung des Holocaustgedenkens erwähnt. Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocausts. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne leidet, der gewinnt mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden kann. Das aber wirkt »tröstlich« angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne. Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasireligiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen. »Aber der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen; er muss daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.« Das nicht zu sehen, es aus dem historischen Gedächtnis zu verdrängen oder aber entlastende Erklärungsmuster zu akzeptieren, bedeutet die Gefahr einer »potentiell suizidalen Blindheit«. So sagt es der jüdisch-polnische Soziologe Zygmunt Baumann, dem ich meine gewandelte Sicht auf den Holocaust verdanke.

Dies ist ein Ausschnitt aus seiner Rede. Ein Zitat. Wer den Kontext weiter verfolgen möchte, kann das hier tun. Selbstverständlich sagt er in diesem Vortrag noch viel mehr. Aber da in letzter Zeit wird eine sehr intensive Debatte um angebliche “aus dem Kontext gerissene Zitate” geführt wird sei hier noch einmal explizit auf die Möglichkeit eines jeden Lesers verwiesen, selbst nachzuprüfen und unter Umständen alternativ zu argumentieren. Oder entsprechend.

Was Gauck in obigen Absatz sagt, spricht die klare Sprache der angemaßten Deutungshoheit der Vertreter christlicher Weltanschauung. Gauck vertritt die Überzeugung derer, die glauben, mit dem Christentum könne es keine Barbarei geben und die explizit atheistischen kommunistischen Regime des vergangenen Jahrhunderts seien das beste Beispiel hierfür.

Was die Kommunismuskritiker dabei gern unter den Tisch fallen lassen, ist, dass das Christentum gerade im Nationalsozialismus eine wesentliche Rolle spielte. Was sogar soweit ging, dass die Evangelische Kirche selbst am Betrieb von Konzentrationslagern beteiligt war. Adolf Hitler selbst war Katholik und bemühte oft in seinen Reden den “Herrgott“, der ihn und das “Deutsche Volk” zu Großem bestimmt hätte und er bezeichnete selbst das Christentum als “Basis seiner Moral“. Und in seiner ersten Rundfunkansprache am 1. Februar 1933 sagte er beispielsweise:

    Indem der ehrwürdige Herr Reichspräsident uns in diesem großherzigen Sinne die Hände zum gemeinsamen Bunde schloß, wollen wir als nationale Führer Gott, unserem Gewissen und unserem Volke geloben, die uns damit übertragene Mission als nationale Regierung entschlossen und beharrlich zu erfüllen. [...] So wird es die nationale Regierung als ihre oberste und erste Aufgabe ansehen, die geistige und willensmäßige Einheit unseres Volkes wieder herzustellen.

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    Sie wird die Fundamente wahren und verteidigen, auf denen die Kraft unserer Nation beruht. Sie wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen. [...] Möge der allmächtige Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten, unsere Einsicht segnen und uns mit dem Vertrauen unseres Volkes beglücken. Denn wir wollen nicht kämpfen für uns, sondern für Deutschland!

Gauck mißbraucht den Holocaust für eine generelle Abrechnung mit dem Kommunismus über eine Entwertung des Atheismus. Seine Überzeugung, dass ohne das “Koordinatensystem religiöser Sinngebung” die Verbrechen des Dritten Reiches “sakralisiert” werden müßten, um überhaupt irgendwelche Wertmaßstäbe zu haben und den Holocaust somit angeblich einer Analyse zu entziehen, spricht die Sprache der Holocaustrelativierer, die gern die kommunistischen mit den nationalsozialistischen Verbrechen vergleichen. Manifestiert hat sich dieser Relativismus unter anderem auch in der soganannten “Prager Erklärung über die Verbrechen des Kommunismus“, die auch Gauck unterschrieben hat.

Der Historiker Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, kritisierte die von der Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU initiierte Erklärung, da sie „den Holocaust und seine einzigartige Bedeutung für die Weltgeschichte relativiert“ und nannte sie “das Manifest derjenigen Bewegung, welche die kommunistischen Verbrechen mit denen der Nazis gleichsetzt” Auch der Politikwissenschaftler Clemens Heni sieht in der Prager Deklaration die Verharmlosung des Holocaust, sie „leugnet den präzedenzlosen Charakter der Verbrechen der Deutschen, die zwar erwähnt, aber gerade nicht in ihrer Spezifik erkannt werden. Zudem wird der Nationalsozialismus von den Deutschen abgespalten, was nicht haltbar ist, da der Nationalsozialismus von niemand anderem als von den Deutschen (und Österreichern) gemacht wurde.

Die Relativierung des Holocaust als spezifisch deutsches(!) aber auch als ein Verbrechen einer bis in alle Spitzen christlichen Gesellschaft ist am Ende vor allem ein intellektueller Trick, der es Gauck erlaubt, eine innere kognitive Dissonanz aufzulösen: Sich als Christ in Deutschland in unbeschwertem Nationalstolz üben zu können.

Denn wie schreibt Gauck in den letzten Worten seiner Autobiographie “Winter im Sommer – Frühling im Herbst”:

    Wieder einmal “ist der Präsident der Bundesrepublik gewählt worden. Es ist Sonne über Berlin. Es ist Sonne in mir. Ich setze mich auf die Mauer vor dem Reichstag, hinter mir weht die schwarzrotgoldene Fahne. ,Komm’, sage ich zu meiner Begleiterin, ,nimm den Fotoapparat und fotografiere mich.’ Die Frau ist intelligent und aus dem Westen, sie sagt: ,Aber doch nicht hier, vor dieser Fahne!’ ,Doch’, sage ich, genau hier!’”

Es bedarf keines “Koordinatensystems religiöser Sinngebung“, sei sie christlich, kommunistisch oder nationalistisch, um Unmenschlichkeit als solche zu erkennen. Im Gegenteil. Meist sind diese ideologischen “Koordinatensysteme” eben die Schablonen für die größten Verbrechen der Menschheit. Seien sie nun im Namen eines “Gottes”, einer ominösen Geschichtsnotwendigkeit oder eines Volkes, wie zum Beispiel, na, sagen wir der Deutschen verübt worden.

So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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5 Responses to “Joachim Gauck meint, der Holocaust würde überbewertet”

  1. Blogzentrale Says:

    [BLOGPOST] Joachim Gauck meint, der Holocaust sei überbewertet http://t.co/SBrL7mmH

  2. Jan Stöckel Says:

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  3. Thüringer Blogs Says:

    Joachim Gauck meint, der Holocaust sei überbewertet: Von Neidhart von Schwarzburg
    Welche Art von Bundespräsident… http://t.co/WGSnLIx2

  4. Martin Zeise Says:

    [BLOGPOST] Joachim Gauck meint, der Holocaust sei überbewertet http://t.co/SBrL7mmH

  5. Blogzentrale Says:

    @astrodicticum Das geht nicht. Atheisten fehlt doch der moralische Kompass: http://t.co/SBrL7mmH … meint unser Bundespräsident.