Stolpersteine

Mancher, der an den goldschimmernden Pflastersteinen vorbeigeht und ihre tiefe Gravur erkennt, denkt wahrscheinlich: “Wieder so ein Gedenkmist, der Geld kostet, stört und keinem was bringt”

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Geld – 95 Euro – kosten die “Stolpersteine” allerdings. Doch nur die Steinpaten, die für Herstellung und Verlegung vollständig aufkommen. Das hat offenbar auch den Jenaer Oberbürgermeister, Dr. Albrecht Schröter, überzeugt, der von der Jenaer Studentenzeitung “Akrützel”, im Rahmen eines Artikels zum “unmotivierten Umgang der jüdischen Vergangenheit in Jena”, mit folgenden Worten zitiert wird (S.19) :

    “Gedenktafeln werfen nämlich eine Kostenfrage auf, die mit den ausschließlich aus Spenden finanzierten Stolpersteinen umgangen würde.”

Die Kostenfrage ist also geklärt, bliebe die Störung. Stören sollen die Messingsteine wahrscheinlich schon. Nämlich die arglose Ruhe derjenigen, die meinen, die industrielle Vernichtung von Menschen wäre an ihrem Heimatort spurlos vorübergegangen und man solle doch endlich mal Schluß machen mit der ewigen Gedenkerei.

Über 9000 goldene Pflastersteine wurden bereits verlegt und fast täglich kommt ein weiterer dazu. Überall in Deutschland und natürlich auch in Thüringen: Arnstadt, Bleicherode, Gotha, Rengshausen, Suhl, Nordhausen, Jena und Weimar sind bisher Ziel des Engagements des Kölner Künstlers Gunter Demnig geworden.

grietgasse.gifSie sind auch im Netz gut dokumentiert: blogotronic hat eine Sammlung von Stolpersteinen aus ganz Deutschland angelegt, inklusive Erklärungen und Biographien, Peter schreibt über die Verlegung der Weimarer Stolpersteine und JenaTV hat einen Fernsehbericht von der Jenaer Verlegung in der Grietgasse, in der die oben abgebildeten Steine liegen. Sie sind Hermann und Klara Friedmann gewidmet.

    “Hermann Friedmann hatte in der Grietgasse eine Fellhandlung und auch eine Wohnung. Während der Pogromnacht 1938 wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. An den Folgen dieser Haft starb er zwei Jahre später. Seine Frau Klara kommt 1942 in das Sammellager in der Löbstedter Straße 56 und dann nach Theresienstadt, wo sie 1944 stirbt.”

schreibt die OTZ. Und vergißt nicht zu erwähnen, dass

    “OB Dr. Albrecht Schröter, der auch langjähriger Vorsitzender des Arbeitskreises Judentum ist, extra seine Teilnahme am Deutschen Städtetag verschoben [hat], um die Steinsetzung am Mittwoch selbst zu eröffnen.”

(Hervorhebung von uns)

Weitere Stolpersteine sind vor der Friedrich-Engels-Straße 52 und dem Forstweg 23 zu finden. Sie sind Max und Bertha Meyerstein, ihrer Tochter Franziska, dem Sohn Werner, Gerda Abraham und Agnes Holzmann gewidmet.

Wer nun noch fragt, wem diese Stolpersteine was bringen, der sollte sich nur mal für ein paar Minuten irgendwo in Sichtweite dieser Minidenkmäler hinstellen und die Leute beobachten, die offenbar nicht an dem glänzenden Blickfang vorbeigehen können, ohne sie zu bemerken. Und so denkt dann sicher mancher:

“Wow, das ist ‘ne geile Idee. Endlich mal eine öffentliche Denkmalsform, die die Allgemeinheit nix kostet, neugierig macht und damit echt was bringt.”

Dass man – auch innerlich – stehenbleibt und sich vergegenwärtigt, dass da Menschen gelebt haben, die von anderen Menschen aufgrund bloßer, oft willkürlicher Zuordnung – nicht einer Schuld oder eines Verbrechens wegen – aufgrund der Identifikation als Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, politisch oder religiös Abweichende verhaftet, deportiert, versklavt und grausam ermordet wurden.

Eigentlich unvorstellbar, oder?

Wer es immer noch nicht glaubt, hier mal ein Beispiel, wie das damals lief:

Aussage von Margarete Freymuth aus Jena bei der dortigen Kriminalpolizei (am 27. Januar 1948) über den Tod ihres Mannes in Gestapo-Haft:

    “Im Sommer 1943 erschien in meiner Wohnung der Gestapo Kommissar Eisfeld und ein gewisser Hahn aus Jena, mit den Worten: „Wir wollen mal sehen, wie unsere Juden untergebracht sind.“ Meine Tochter Lieselore, die mit anwesend war, erwiderte:
    „Wir sind keine Juden. Meine Mutter ist rein arisch, nur meine’s Vaters Grosseltern waren Juden.“ E. u. H. sahen sich die Wohnung an, und verliessen dann meine Wohnung. Am 14. Juni 1944 erschien Hahn abermals, und forderte meinen Mann auf, sich einige Sachen zusammenzupacken und mitzukommen. Am 17. Juni begab ich mich zu der Gestapo um nach dem Verbleib meines Mannes zu forschen. Hahn verweigerte mir die Auskunft. Darauf erkundigte ich mich nach seiner höheren Dienststelle, worauf mich H. nach Erfurt verwies. Am 18. Juni 44 fuhr ich nach Erfurt, um meinen Mann zu sprechen. Ich begab mich zur Gestapo und wurde dort zu Herrn Eisfeld verwiesen. Auf die Frage, wo sich mein Mann befindet, antwortete mir E.: „Dem geht es gut, denn er ist mein persönlicher Gefangener.“ Als ich Eisfeld darauf aufmerksam machte, dass mein Mann leidend ist, antwortet E.: er habe jetzt seine verdiente Ruhe! Eisfeld verweigerte mir auch den Besuch meines Mannes, und konnte ich nicht mit ihm sprechen. Ich fuhr nun nach Jena zurück. Am 26. Juni 44 erschien Hahn in meiner Wohnung, und brachte die Nachricht, dass mein Mann am 25.6. verstorben sei.
    Der wahre Grund der Todesursache meines Mannes wurde mir nicht mitgeteilt. Nach ca. 14 Tagen wandte ich mich nach Weimar, Marstall, um die Sachen meines Mannes zu holen. Ich wurde an den Gefängnis-Insp. Paul verwiesen, der mir ein Schreiben zum
    unterschreiben vorlegte. Ich unterschrieb auch bevor ich die Sachen ausgehändigt bekam. Beim Empfang der Sachen machte
    ich nun Paul darauf aufmerksam, dass Uhr, Geldbörse, Mantel und Anzug noch fehlten, da erklärte er mir, dass das übrige Geld für Kräftigungsmittel für meinen Mann und für den Arzt verwendet wurde. Über die Uhr, den Anzug und Mantel gab er mir keine Auskunft. Sonst habe ich meiner Aussage nichts weiter hinzuzufügen und bestätige die Richtigkeit des Protokolls durch meine Unterschrift.”

Aus: “Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933 – 1945”; Herausgegeben von Marlis Gräfe, Bernhard Post und Andreas Schneider. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. 2005.

So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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4 Responses to “Stolpersteine”

  1. Manfred Says:

    Ich finde das eine sehr gute Aktion. Gerade das “drüberstolpern” finde ich gut. Im Alltag mit Geschichte aussetzen. Eine gute Umsetzung eines schweren Themas.

  2. lesof Says:

    es bleibt die frage,ob es nicht der bessere weg ist, mittels “paten” gedenken in dem fall sehbar zu machen, es zu sensualisieren. zumindest diejenigen, die für die steine eine patenschaft übernommen haben bleibt der vorteil des wahrgenommenen. inwieweit der 0/8/15.fußgänger darüber stolpert (mehr oder weniger als über eine gedenktafel), bleibt die andere frage. wir laufen alle blind durch unsere straßen, durch die eigenen und erst recht durch unbekannte.
    wir schauen nicht hin, weil es lebt drumherum, weil es das “jetzt” ist. ob das ein vorwurf ist? nein. aber vielleicht ein anstoß, darüber nachzudenken, inwieweit man die shoa heutzutage nachempfindbar machen muß, damit auschwitz nicht als “moralkeule” fungiert.vielleicht sind kleine schritte, diejeinigen, die leid personifizieren, die besseren…

  3. Sven Says:

    wie schon oben geschrieben, die “stolpersteine” werden von passanten wahrgenommen, die stehenbleiben und nachschauuen, was da so golden glänzt.
    in der eigenen straße fallen uns die kleinen gedenksteine wahrscheinlich sogar noch eher auf.

    institutionalisiertes und ritualisiertes gedenken führt auf dauer zu lästiger gewohnheit oder auch heftiger ablehnung, oft auch deshalb, weil sie so wuchtig und überwältigend daherkommt, wie das hochabstrakte mahnmal in berlin, das das gedenken in einer tonnenschweren “moralkeule” aus hunderten betonquadern inszeniert.

    was damals wie empfunden wurde, angesichts eines lebens mit alltäglichem terror, läßt sich heute nur schwer nachvollziehen – vielleicht ist es ein weg, diesen alltag, die unmittelbarkeit, die “banalität des bösen” durch diese stolpersteine und andere kleine, detaillierte, kreativ-künstlerische auseinandersetzungen immer und immer wieder ganz nah an uns heranzuholen, dass man sich gedanken darüber macht wie es sich wohl anfühlen könnte, wenn man selbst – oder angehörige – noch heute von vertretern der staatsgewalt einfach mal so von zuhause “abgeholt” werden würden, weil man irgendetwas “ist” …

  4. lesof Says:

    auch schön finde ich eine andere berliner idee. in der nähe des bayrischen platzes in b-schöneberg hat die stadt an laternenpfähle und straßenschilder weitere schilder angebracht. man denkt, wenn man die sieht, es wären parkverbotsschilder oder schilder, die den straßennamen erklären. tatsächlich sind das aber daten, die den hinweg zur shoa erklären (also zum beispiel: “2.4.38 – juden dürfen nicht mehr auf parkbänken sitzen”).man schaut automatisch hoch und liest somit auch, was da steht. auch hier: sensualiiertes gedenken – noch gepaart damit, wissen zu wollen, was auf dem nächsten schild 15 meter weiter steht…