Jenaer Johannsmeier-Denkmal: Eine gnadenlose Schmierenkomödie

Von Norbert Krause

[Nachtrag vom 17.4.2008: Jenaer Stadtrat hat über den Denkmalsbau entschieden weiterlesen … ]

johannsmeier.gifManchmal wiederholt sich Geschichte einfach. Das passiert genau dann, wenn man eine Diskussion nicht zu einem Ende oder zumindest zu einem Kompromiss bringt. Es ist gespenstisch, die Debatte um das Denkmal für die „Opfer der kommunistischen Diktatur 1945-1989“ zu verfolgen. Es sind genau die gleichen Fronten, genau dieselben Argumente, genau dieselben Verdächtigen. Scheinbar hat niemand etwas aus dem damaligen Scheitern des Projekts dazu gelernt.

Vor fünf Jahren trat Karl-Heinz Johannsmeier an die Stadt heran und bot ihr an, ein Denkmal für „die Opfer der kommunistischen Diktatur 1945 bis 1989“ zu stiften. Johannsmeier hatte, wegen angeblicher Wirtschaftsspionage, in der DDR drei Jahre im Zuchthaus gesessen, bevor er in die USA emigrierte und zu wirtschaftlichem Erfolg kam. Da er sich selbst auch als Künstler sieht, hatte er auch schon direkt einen Entwurf für dieses Denkmal in der Tasche. Die Jenaer Historiker hielten die “ästhetische Realisierung für banal“ und Teile des Denkmals für „gnadenlosen Unsinn” – aber das interessierte den Stadtrat nicht. In Jena sollte das erste Denkmal in Deutschland für diese Opfergruppe entstehen. Letzten Endes scheiterte das Projekt daran, dass der Druck des Stifters immer größer wurde und der Stadtrat in einer „historischen“ Entscheidung mit 18 zu 18 Stimmen nicht dafür stimmte. Der Stifter sprang daraufhin ab, weil er mit „unserer Demokratie“ nicht klar kam. Der Talkessel von Jena sei zu klein für ein Denkmal von solcher Bedeutung. Nun ist Johannsmeier jedoch wieder da – und macht den Politikern des zu kleinen Talkessels just dasselbe unmoralische Angebot noch einmal.

grundstein.gifDas ganze Schauspiel wird daher in Jena wieder neu aufgelegt. Alle Beteiligten sind wieder dabei, so frisch, als ob es nicht vor vier Jahren schon einmal in aller Ausgiebigkeit diskutiert worden wäre. Vermutlich hoffen die Befürworter auf einen Ermüdungseffekt der Gegner. Doch diesmal wurde die Bevölkerung stärker in den Entscheidungsprozess einbezogen, da der Entwurf im Rathaus ausgestellt und ein Gästebuch ausgelegt wurde. Dort fanden sich letzten Endes insgesamt 123 negative Äußerungen von Jenaer Bürgern zum Denkmal, wie die OTZ gezählt hat. Die Regionalzeitung fasst die Meinung der meisten Eintragenden sehr treffend zusammen:

    „Eine Mehrzahl der Jenaer Bürger hat nichts gegen eine Würdigung für die Verfolgten der kommunistischen Diktatur 1945 bis 1989 einzuwenden, lehnt aber den Standort am Rathaus und die Art und Weise des Entwurfs von Stifter Johannsmeier strikt ab.“

Die konservativen Verteidiger des Denkmals beschimpfen solche ablehnenden Äußerungen als Verteidigung der DDR-Diktatur und bezichtigen die Sprecher indirekt als Mittäter. Man redet also weiterhin konsequent aneinander vorbei. Die einen wollen unbedingt ein Denkmal und wollen die Chance nutzen, die ihnen Johannsmeier bietet. Die anderen wollen zwar auch ein Denkmal, aber nicht in der Form, die Johannsmeier ihnen bietet.

Damals wurde der Kompromiss gefunden, dass Johannsmeier als Stifter auftreten könne, aber die Form in einem künstlerischen Wettbewerb ausgeschrieben wird. Diesen Wettbewerb gewann die Weimarer Künstlerin Sybille Mania. Johannsmeier lehnte es jedoch vehement ab, mit der Künstlerin zusammenzuarbeiten – nachdem der Stadtrat dies von ihm verlangt hatte. Über den Entwurf der Künstlerin sollte in diesem Jahr im Stadtrat ebenfalls abgestimmt werden. Allerdings zog sie diesen zurück, nachdem er im Rathaus in unangemessener Weise (auf zwei kleinen Fotos am Rande) neben das Denkmalsmodell von Johannsmeier gestellt worden war.

denkmal.gifIm Stadtrat herrscht wiederum ein Patt zwischen dem linken Block (SPD, Grüne, Linke) und dem konservativen Block (Bürger für Jena, CDU FDP), das lediglich der Oberbürgermeister Schröter mit seiner einen Stimme auflösen könnte. Allerdings will er die Entscheidung für das Denkmal nicht so knapp gefällt wissen. Damals stand er eher auf der Seite der Gegner des Denkmals, heute will er sich nicht mehr entscheiden. Ein Kompromiss deutet sich immerhin in der Frage des Ortes an. Wenn das Denkmal nicht auf dem Platz hinter dem Rathaus (vor H&M und C&A), sondern am ehemaligen Sitz der Staatssicherheit in der Gerbergasse 18 errichtet wird, fänden sich im Stadtrat möglicherweise mehr Befürworter. Als Fertigstellungstermin wird nun der Herbst 2009 angestrebt, es soll zum 20. Jahrestag der Wende eingeweiht werden. Vor vier Jahren sollte der 50. Jahrestag des 17. Juni der Anlass zur Einweihung sein. Damals konnte für 50.000 Euro nur ein Grundstein hinter dem Rathaus gesetzt werden. Diesmal soll es mehr sein – die Ehre das erste „Investorendenkmal mit Widmung“ im öffentlichen Raum zu besitzen, scheint unvermeidbar auf Jena zuzukommen.

Die Neuauflage des Jenaer Schauspiels wird es am kommenden Mittwoch in der Stadtratssitzung gegeben. Es wird voraussichtlich wieder eine Schmierenkömodie werden. Alle Jenaer Bürger sind dennoch – oder gerade deshalb – herzlich eingeladen.

Hintergründe:

Das gescheiterte Geschenk

Geschichten aus einem bedeutungslosen Talkessel

Episode 1 aus dem Akrützel vom 10.06.2004

Der Scherbenhaufen des Denkmals ist riesig. Auf ihm liegen: Ein zurückgetretener Stadtratsvorsitzender, der zur Feier der Entscheidung altes Nazi-Vokabular wieder belebt hatte, eine kleine an die Grundsteinlegung erinnernde Plakette, die nun rund 50.000 investierte Euro wert ist, eine Handvoll Befürworter, darunter der pragmatische Bürgermeister, die dem deutsch-amerikanischen Stifter Karl-Heinz Johannsmeier am Ende servil zu Fußen lagen und versuchten, alle demokratischen Beschlüsse des Stadtrats dessen Willen anzupassen, und natürlich ein vergnatzter Stifter, dessen amerikanische Großzügigkeit an „unserer Demokratie” abprallte und der daher nicht über sich, sondern über die Stadt urteilte: .Der Talkessel Jenas ist zu klein für ein Denkmal von solcher Bedeutung.” Jena ist und bleibt eben kein amerikanischer Vorgarten. Es war nur eine Bühne für eine kleine Provinzposse und zugleich für ein bedeutsames Lehrstück.
Doch zurück zu den Anfängen, denn darin offenbart sich, wie in jeder guten Geschichte, bereits das Ende. Im Herbst 2002 trat der deutsch-amerikanische Geschäftsmann Karl-Heinz Johannsmeier an die Stadt Jena heran und bot ihr, in Johannsmeiers eigenen Worten, ein “Geschenk” an. Die Stadt sollte ein bedeutendes Denkmal erhalten, den „Verfolgten der Kommunistischen Diktatur 1945-1989″ gewidmet. Johannsmeier selbst saß in den fünfziger Jahren wegen einer unpolitischen Bagatelle zwei Jahre in DDR-Haft, wurde dann freigelassen und emigrierte zu (wirtschaftlichem) Ruhm und Ehren in die USA. Nebenbei war er dort auch als Künstler tätig, weshalb er sich nach seiner Pensionierung in der Lage wähnte, der Stadt ein Denkmal-Gesamtkonzept anzubieten: Mit ihm als Personalunion von Stifter, Künstler und Bauherr. Die Stadt musste lediglich einen „denkmalsfähigen” Platz zur Verfügung stellen.
Der Stadtrat stimmte all dem sofort zu und informierte die Öffentlichkeit lediglich in einer Veranstaltung darüber, dass es ein Denkmal zu diesem Thema geben werde. „Öffentliche Beteiligung” und „Ausschreibung” seien so große Worte, meint Jenas Bürgermeister Christoph Schwind heute, das wäre nicht realisierbar gewesen. Das galt scheinbar auch für eine Beteiligung des historischen Instituts der Universität, das nur unmotiviert einbezogen wurde. Prof. Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, trat wenige Tage vor der Grundsteinlegung aus dem Begleitausschuss zurück, nachdem Bürgermeister Schwind deutlich gemacht hatte, wie er zu inhaltlicher Kritik stehe: „Souverän ist der Stadtrat.” Die Historiker hatten zuvor bereits eine Gegenveranstaltung organisiert und das Denkmal inhaltlich und ästhetisch bis auf den Grundstein zertrümmert.
Das Denkmal sollte aus vier unterschiedlich hohen Glasstelen bestehen, die von Wasser umspült werden und an die herausragende Stellung der Glasindustrie in Jena und die Eingeschlossenheit der Menschen in der DDR und weiterhin auch in ihrer Anordnung an die aufbrechende Mauer erinnern sollten. Eingraviert werden sollten die fiktiven Initialen von 400.000 „Verfolgten der kommunistischen Diktatur 1945-1989″. Die Zahl selbst war ebenfalls fiktiv. Es ginge vielmehr, so Johannsmeier in einer Mail, „um die Größenordnung und das Leid dieser vielen Menschen.” Die Vermischung von ehemaligen Nazis, die 1945 von den Russen interniert wurden, und politischem Widerstand in der DDR erscheint ihm dabei nicht bedeutsam. Ebenso unwichtig scheint, die Spezifizierung, welche kommunistische Diktatur gemeint sei.
Neben der enormen inhaltlichen Unklarheit und historischen Ungenauigkeit, sei, so Knigge die “ästhetische Realisierung banal“, die geplanten Wasserbecken seien „gnadenloser Unsinn”, der Maler Frank Rub sprach von „Event-Kultur, die in jede Kaufhausmeile passt” und der Historiker Lutz Niethammer fasst es zusammen: Johannsmeier habe keine Formsprache gefunden und sich in den erhofften Symbolisierungen verloren. Kurz; „Die künstlerische Seite tickte nicht.”
Diese Kritik der Ästhetik, des Inhalts und auch des undemokratischen Procedere ging am Stadtrat spurlos vorüber: Der Grundstein wurde nach dem von Johannsmeier vorgegebenen Zeitplan am 17. Juni 2003 gelegt. Damit schaffte es Jena endlich aus der medialen Provinzialität in alle großen Feuilletons: Das erste „Investorendenkmal” entsteht. Diese Zeremonie besiegelte auch das Ende des ersten Aktes. Die Historiker verlassen die Bühne. Es bleiben lediglich der Stadtrat und der Investor. Es kann also schlammig werden.
Die Untiefen, die noch zum Scheitern des Denkmals führten, nachdem die Welle der Kritik bereits am Stadtrat abgeperlt war. werden Im nächsten Akrützel ausgeleuchtet. Fortsetzung folgt…

Episode 2 aus dem Akrützel vom 24.06.2004

Was bisher geschah: Der Exil-Jenaer Karl-Heinz Johannsmeier will der Stadt ein Denkmal finanzieren und gestalten. Die Stadt ist begeistert. Die Historiker sind es nicht. Das Denkmal ist inhaltlich so unklar wie ästhetisch banal. Der Grundstein wird trotzdem am 17. Juni 2003 gelegt. Er ist heute, ein Jahr später, das Einzige was vom Denkmal für die „Verfolgten der Kommunistischen Diktatur 1945-1989“ übrig bleibt: Dessen Grabmal. Nach der Kommunalwahl jedoch werden die Schänder wieder ausschwirren, die wohlverdiente Ruhe der Denkmalsidee zu stören.
Am Anfang stand der simple Druck des Geldes: Die Kosten für die Glasstelen explodierten. Die geplanten von Johannsmeier getragenen 200.000 Euro verwandelten sich in nicht finanzierte 800.000 Euro, hinzu kamen einmalige Kosten von rund 240.000 Euro für die Stadt, um den Platz herzurichten und rund 20.000 Euro jährliche Instandhaltungskosten. Daraufhin erhöhte Johannsmeier sein Angebot kurz vor der abschließenden Sitzung des Stadtrates auf 400.000 Euro und erwartete Dankbarkeit. Stattdessen gab es zu der Zustimmung zum Denkmal einen Nachschlag: Die SPD wollte die inhaltliche Unklarheit des Denkmals durch eine (von Anfang an geplante) Informationsstele verringern, deren Finanzierung unklar blieb. Zudem beantragten die Grünen, dass falls sich der Stifter nicht mit der Siegerin des Künstlerwettbewerbs (der in der Zwischenzeit für die Gestaltung der Namenszüge eingesetzt worden war und dessen Siegern eine originelle Idee gefunden hatte) einigen könnte, der Stadtrat über das weitere Vorgehen entscheiden könne.
Das war zuviel für Karl-Heinz Johannsmeier: Mehr Kosten und weniger Freiheit, schlimmer noch, langwierige Konsenssuche. Der Investor zieht sein Angebot via E-Mail zurück. Bei den Stadtratsmitgliedern brechen nun alle Dämme, Emotionen kochen über, letzte Anstandsgrenzen fallen. Hektisch werden Beschwichtigungen formuliert. Der Stadtrat wird amerikanisch gespalten: Wer nicht für das Denkmal in der Johannsmeier-Form ist, ist dagegen und in Wirklichkeit für das DDR-Regime. Diese Interpretation hatte während der gesamten Diskussion wie ein Damoklesschwert über dem Diskussionsfaden geschwebt – nun war der Faden durchtrennt.
Der Stadtratsvorsitzende Prof. Gustav-Adolf Biewald schreibt eine Mail an Johannsmeier und die Oberen der Stadt und fragt: „Wollen wir Lumpen einen Sieg gönnen? […] Ist unsere Verantwortung vor der Geschichte nicht höher zu bewerten als die destruktiven Machenschaften von kaputten Charakteren?“ Gemeint sind drei Mitglieder des Begleitausschusses, deren „subversive Art“ er schon seit langem „mit Misstrauen verfolge“.
Lediglich den Grünen und der PDS ist es zu verdanken, dass Biewald – drei Tage nach dieser Äußerung, doch noch von seinem Amt zurücktrat. Er habe sich damit, so formulieren es die Grünen, „nicht nur im Ton vergriffen, sondern auf erschreckende Art und Weise Einblick in seine Geisteshaltung gegeben“. Er sitzt jedoch weiterhin im Stadtrat und kandidiert erneut für die CDU bei der anstehenden Kommunalwahl.
Karl-Heinz Johannsmeier gab dem Stadtrat mit großmännischem Gestus eine letzte Chance, die „kaputten Charaktere“ auf eine Linie zu bringen: „Die Tür bleibt für kurze Zeit angelehnt.“ In einer Sondersitzung musste nun laut Jürgen Haschke, Mitglied des Stadtrates für die Fraktion Bürger für Jena, „ein Beschluss her, der mit seinen Intentionen [des Stifters] konform geht.“ Ergo: Der alte Beschluss musste zurückgenommen und Johannsmeier eine Gestaltungsvollmacht für seine unantastbare Ur-Idee übergeben werden. Der kleinere Begleitausschuss fasste jedoch zunächst einen anderen, eigentlich selbstverständlichen Beschluss: Keine einzelne Person kann über die Gestaltung des öffentlichen Raums der Stadt Jena alleine entscheiden. Lediglich der CDU-Vorsitzende des Ausschusses stimmte dagegen, denn auf dieser Grundlage würde das Denkmal nie zustande kommen.
Die gesamten zwei Jahre Planung standen in der Stadtratssitzung am 30.04.2004 zur Disposition. Am Ende hatte der Stadtrat seine Eigenständigkeit und Würde fast erhalten: 18 zu 18 Stimmen. Die Hälfte der Stadtratsmitglieder beugte sich jedoch dem Willen zum Denkmal und versuchte sich selbst überflüssig zu machen. Somit bekam Karl-Heinz Johannsmeier keinen Platz in der Stadt geschenkt, die Stadt kein Denkmal und die anderen die Schuld.
„Das Denkmal hätte wohl, wie vom Künstler gewünscht, verwirklicht werden können, wenn es denn gewollt worden wäre. Und wenn nicht Wahlkampf gewesen wäre.“ Behauptet Bürgermeister Christoph Schwind heute. Kulturdezernent Albrecht Schröter meint hingegen: „Das war nicht parteipolitisch, die Meinungen gingen quer durch die Parteien“, insgesamt sei das Denkmal jedoch von „den Konservativen als Rammbock gegen die Linken“ instrumentalisiert worden. Gemeint ist deren eiskalte Polarisierung im Stadtrat: Gegen das Denkmal – gegen das Gedenken.
Aber die letzte Polemik ist nach der Absage des Stifters noch nicht gesprochen. Denn nach dem Beschluss, ist vor dem Beschluss: Der noch amtierende Bürgermeister Christoph Schwind will das Thema wieder auf die Agenda setzen. Er wünscht sich nach dem Wahlkampf „eine Diskussion um das Thema an sich“ und will die „Handlungsfähigkeit“ des Stadtrates „wieder herstellen mit oder ohne Stifter“, denn „zurzeit steht der Stifter nicht zur Verfügung.“

Kommentar aus dem Akrützel vom 24.06.2004

Wer Recht hat

Zum „großzügigen Charakter eines Stifters“ gehöre es, so der Historiker Lutz Niethammer, die Gestaltung des Gestifteten offen zu lassen. Johannsmeier hingegen hatte alles vorgegeben: Zeitplan und Form. Er hat natürlich immer betont, offen mit anderen Künstlern zusammen zu arbeiten. Letztendlich erwies sich sein Entwurf jedoch als zu eng für die Phantasie anderer. Der streng vorgegebene Zeitplan, für Dezernent Schröter der „Krebsschaden“ des Prozesses, wurde durch Johannsmeiers hohes Alter erklärt. Der Stifter wollte das Denkmal zu Lebzeiten sehen. Die daraus resultierende Ungeduld mit, wie er schreibt, „ihrer Demokratie“ zeugt jedoch von einem Demokratie(un)verständnis, das teils Amerikas wirtschaftlichem Machbarkeitsdogmatismus entlehnt und teils aus der Nachkriegszeit konserviert scheint.
Im Stadtrat ging es den Befürwortern weder um den Prozess noch um Inhalt oder Gestalt, sondern nur um die Geste des Gedenkens. Alle sachlichen Argumente prallten daher hilflos ab und wurden in versteckte politische Äußerungen umgemünzt. Diese Umwertung und das Bejubeln der diktatorisch verfestigten Denkmalsidee zeigen lediglich wie wenig die Aufarbeitung der DDR vorangeschritten ist. Eine Gruppe will nun gewürdigt werden, die sich nach der Wende übergangen fühlte. Bei der euphorischen Übernahme des neuen Systems wurde nicht thematisiert, dass das Regime von der Großzahl der Bürger getragen wurde und diese die Ausgrenzung Andersdenkender toleriert hatten.
Ironischerweise sahen sich die Opfer des DDR-Regimes in dem gegenwärtigen Denkmalsstreit gerade durch eine ehemals systemkonforme Partei, die (Ost-) CDU, repräsentiert. Diese hat sich dem Thema aus schierer Macht- und Bedeutungssucht angenommen: Das erste ostdeutsche Denkmal in Jena, welch eine Ehre. Jena und der Mythos der Oppositionsstadt.
Als sich jedoch Widerstände gegen das großzügige Durchwinken des Johannsmeier-Entwurfs und dessen unternehmerischen Politikverständnisses regten, mussten alte Pole wieder belebt werden. Die Widerstandskämpfer des Vergessens trugen ihre Moralkeule in den Stadtrat und machten eine Diskussion um das Thema an sich unmöglich. Denn wer Recht hat, ist nicht kritisierbar. Wer Recht hat, gibt ein Denkmal aus.

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4 Responses to “Jenaer Johannsmeier-Denkmal: Eine gnadenlose Schmierenkomödie

  1. anne Says:

    Manche sind vor dem Gesetz doch gleicher
    Vor kurzem stand in der OTZ ein längerer Artikel über Herrn Johannsmeier. Darin ist unter anderem auch erwähnt, dass Herr Johannsmeier in den 50ern eine Verpflichtungserklärung geschrieben hat. In all den Jahren seit der Wende hat ein jeder, der eine derartige Verpflichtung unterzeichnete, seine Arbeit sofern er im öffentlichem Dienst, beim öffentlich rechtlichen Fernsehen/Rundfunk , Sportfunktionär und dergleichen hatte, verloren. Dabei wurde kein Unterschied gemacht, ob einer nur eine Verpflichtung unterzeichnete oder auch Schaden damit angerichtet hatte. Im Zweifel für den Angeklagten galt in solchen Fällen nicht.
    Ganz gleich wie man zu dieser Praxis steht, kann es doch nicht sein, dass mit einer Dollar-Brille vor Augen hier einer gleicher als die anderen ist.

    Ich hoffe, dass die Jenaer Stadoberen das Feingefühl besitzen, ein zu errichtendes Denkmal für die Opfer des Kommunismus in der Zeit 1945 – 89 in seinen Ausmaßen nicht größer und wuchtiger zu gestalten, als die Gedenkstätten für die Opfer der Nazizeit. Was alles an Unerechtigkeiten und Greul zu DDR Zeiten passierte, steht in keinem Verhältniss zu denen der Naziszeit. Auch muss der Titel und die Inschrift so gewissenhaft ausgesucht und formuliert werden. So wurden z.B. in den Konzentrationslagern nach 1945 neben Unschuldigen auch Nazis verbracht. Laufen wir nicht Gefahr auch jenen Nazis zu gedenken? Schaffen wir somit eine Pilgerstätte für Neonazis?

    Um es vorweg zu nehmen ich bin nicht prinzipiell gegen ein Denkmal , doch sollten Text und Ausmaß des Denkmals nicht mit Größenwahn verwechselt werden.

  2. Rainers Blog » Jenaer Denkmalstreit Says:

    […] Wie Jena er gerade schreibt, wird heute die möglicherweise letzte Runde im Jenaer Denkmalstreit eingeläutet. Ich finde die gesamte Diskussion bizarr. Es ist bezeichnend, daß der übliche Terminus für das Denkmal “Johannsmeier-Denkmal” lautet – als wollte Herr Johannsmeier sich selbst ein Denkmal setzen. Und liegt diese Vermutung so fern? Schauen wir doch mal auf die Website des Stifters. Da ist das Denkmal ein Projekt – als ginge es um die Eröffnung eines Autohauses etwa. Dabei geht es doch um die Erinnerung an die Verfolgten – ja welche vom wem wann Verfolgten eigentlich? ‘45 bis ‘89 geht schlecht, da  ‘45 noch die Nazis an der Macht waren – da müßte man in  in üblicher Gleichmacherei die Periode schon ‘33 beginnen lassen. Durch die  “Kommunistische Diktatur” (großgeschrieben – ein Eigenname schon?) Verfolgte? Wer war denn das: die “Kommunistische Diktatur”? Waren da nicht noch CDU, LDPD, NDPD…? Und was hat Herr Johannsmeier, dessen Deutsch in all den Jahrzehnten in den USA eingerostet ist, damit zu tun? Ja, es ist ihm schreiendes Unrecht angetan worden, und es spielt auch keine Rolle, daß er wegen seiner erpreßten Stasi-Verpflichtungserklärung im Nachwendedeutschland jedenfalls im öffentlichen Dienst keine Chance gehabt hätte. Nur: so einfach ist das eben alles nicht. Hie die Bösen, da die Guten, die von der Kapitulation bis zum Beitritt (oder Mauerfall) verfolgt wurden. Und wie wird “Verfolgte” definiert? Es ist ja schon mehrmals darauf hingewiesen worden, daß in diesen schwammigen Begriff auch die Nazis fallen, die nach ‘45 in der SBZ, der DDR oder der Sowjetunion einsaßen. Diese Zeit bis ‘89/90, und das geht an die Verantwortlichen in der Stadt, ist in uns allen, selbst in den Nachgeborenen. Daraus kann man sich nicht freikaufen – oder freischenken lassen. Ein Denkmal wäre erst dann gut, wenn es künstlerisch nicht so belanglos wie der Johannsmeier-Vorschlag wäre, wenn es nicht mit dieser absurden und durch nichts belegten Zahl (400.000 Opfer) dröhnen würde, und wenn dieses Denkmal auch als ein Teil einer breiteren, auch schmerzhaften, Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte dienen würde. Aber so: Ein Selbstdenkmal eines amerikanischen Multimillionärs, das von den eine Provinzpolitikerfraktion als Waffe gegen die andere Provinzpolitikerfraktion eingesetzt wird – nein! Denn das haben die Opfer nicht verdient. […]

  3. THÜRINGER BLOGZENTRALE » 1970 » January » 01 Says:

    […] Rainers Blog: Jenaer Denkmalstreit […]

  4. sibylle mania Says:

    bitte alle Einträge zum Jenaer Denkmal….danke, s,mania