Digitale Parallelgesellschaft

Von Sven

Nun hab ich ja hier im Blog die Möglichkeit zu schreiben was ich will, wie ich will, wann und wo ich will. Alles meine Sache. Ich kann doofe Sachen schreiben oder spannende. Ich kann kritisieren was das Zeug hält und ich kann mich ranwanzen. Ich kann meiner Schreiblaune freien Lauf lassen und jeden, der es liest, damit langweilen. Es kostet nur ein bißchen Zeit. Meine Zeit. Zeit, die ich mit Kartenspielen verbringen könnte oder mit Gartenarbeit, mit Modellbahnbauen oder mit Bücherlesen – oder sogar Bücherschreiben.

Wenn ich Journalist wäre, müßte ich mich fragen, ob die Texte, die ich produziere, verkaufbar sind. Ich müßte Rücksicht nehmen auf Stil, Inhalt, “Nachrichtenwert”, Orthographie, auf Kollegen und Leser, auf Politiker und Anwälte, auf Redakteure und Verleger, auf “Gott” und die Welt.

Als Blogger schreibe ich über die Dinge, die mich interessieren und teile sie den wenigen mit, die dafür ebenfalls brennen. Nix Großes. Keine Show. Einfach Lesen und Schreiben.

Ich muss mich mit keinem Politiker verbrüdern, wenn ich über seine Politik oder die seiner Partei schreiben will. Ich muss ihm nicht in den Hintern kriechen, um ein Interview zu bekommen, muss ihm nichts von Attraktivität seiner Frau vorschwärmen, nichts von der Klugheit seiner Kinder.

Natürlich bin ich naiv.

Ich kenne die ungeschriebenen Regeln des politischen Geschäfts, die Namen, die Verbindungen, die Hinterzimmermännerfreundschaften nicht. Deshalb muss ich mich ihnen auch nicht unterordnen. Ich werde nicht eingeladen und nicht beschenkt. Ich bin zu unwichtig, um gekauft zu werden. Deshalb kann ich meine Meinung über Politiker X und Partei Z auch ganz ungefiltert, unredigiert und ungeschmiert ins Netz absondern.

Ich führe den “herrschaftsfreien Diskurs” auch gern an den Hintern der “Herren” vorbei, die nicht mit mir reden wollen. Aber manchmal wollen sie. Vor allem in der institutionalisierten Krisensituation eines Wahlkampfes zum Beispiel, wenn die üblichen Regeln nicht mehr gelten.

    “In der Krise hat der herrschaftsfreie Diskurs eine bessere Chance als sonst; nicht deshalb, weil es keine Herrschaft mehr gäbe, aber darum, weil man weitherum nicht mehr weiss, wie man Herrschaft ausspielen müsste, um eine gewünschte Wirkung zu erzielen.”

schreibt Hansjörg Siegenthaler. Ein schöner Gedanke, den ich gestern aufgeschnappt habe und der auch für die sogenannte Zeitungskrise gilt.

Weil wir eine Meinung haben, müssen wir Blogger uns als eine Gruppe von “Ufologen, Trotzkisten oder Veganer” euphemisieren lassen “die sich schwer tun, die Faktenlage auch dort von Wunschvorstellungen und weltanschaulichen Grundentscheidungen zu trennen, wo das möglich wäre.”

Wir werden als “digitale Maoisten” abgetan und als im einzelnen “geistlose Zellen” apostrophiert, die vielleicht erst in der Masse Geistreiches produzieren. Man ist mit dieser letzten Metapher allerdings schon sehr nah an einem Entwurf des neuen Menschenbilds des Jenaer Philosophen Wolfgang Welsch. Dieser betrachtet die Verbindung geistloser Zellen zu neuen, netzwerkartigen Organisationsform des Gehirns als eine Art Emergenz, durch den überhaupt erst der Geist in die Welt komme.

Meinungen, Überzeugungen, Einstellungen, Glaubenssätze werden entweder (kurzfristig) beeinflusst durch Expertenmeinungen oder (langfristig) durch gute Argumente. Was ein gutes Argument ist, legt aber noch immer der Einzelne fest. Einer von Vielen. Urteilsbildung – als die Unterscheidung von Richtig und Falsch – ist nur in den Augen der bisherigen sogenannten “Gatekeeper”, der “Spitzenjournalisten” und Verleger, eine Angelegenheit von Eliten.

In den letzten Jahren hat sich eine Transformation der Schrift ereignet. Das Wort, das einstmals in Stein gemeißelt ward oder mit Blei auf Papier gedruckt, flimmert heute über Bildschirme. Mit Massenalphabetisierung und -gymnasialisierung schreibt nun ein jeder an seiner eigenen Bibel. Wähnt man sich doch – nicht ganz zu unrecht – geistig erheblicher weiterentwickelt als die Vertreter vorsintflutlicher Hirtenkulturen und absonderlicher Ritterspiele.

Twitter, das war früher der “Dorfbrunnen”, Blogs die Dorfkneipe.

What is the Difference Between a Blog and a Twitter? from Emily Explains It on Vimeo.

Mit solchen kenntnisreichen Metaphern wollen die Vertreter der Holzmedien davon ablenken, dass Blogger – nicht nur im Iran oder in China, sondern natürlich auch Deutschland – als die Hoffnungsträger der Demokratie gelten können.

Es ist doch so:

Wer mit seiner Meinung Geld verdienen muss, wird früher oder später zum Zuhälter seiner Glaubwürdigkeit.

Blogger sind natürlich nicht weniger anfällig für Bestechlichkeit. Und die Versuche, die Blogosphäre flächendeckend mit gekauften Links zu überziehen, sind durchaus erfolgreich – aber wer ausschließlich lügt, dem hört keiner mehr zu. So einfach ist das.

Es ist durchaus nicht die Aufgabe der Blogs ihre “Meinungswolke in einen repräsentativen Diskurs” zu übersetzen, wie es der Hörfunkdirektor des MDR, Michael Möller, gern hätte. Der “repräsentative Diskurs” findet doch auch ohne die Blogger in den abgehobenen Zirkeln einflussreicher Meinungsträger statt.

Aber Politik passiert nun einmal auch am Dorfbrunnen, in der Dorkneipe, bei Twitter und in Blogkommentaren. Dort, wo sich die großen Verlegerpersönlichkeiten nur selten hinverirren.

Die von Möller befürchtete “Ödnis von Blogs und Foren”, ohne die gefärbten und sorgsam ausgesuchten Nachrichten der etablierten Medien, ist eine Fama, die sich die pensionierten Museumswächter der Linotypenära von Lederfauteuil zu Lederfauteuil zuraunen. Eine Meinung hat jeder. Und jeder will nun mal jedem zeigen, dass das so ist.

Selbstverständlich beziehen sich Blogger auch auf die Produkte der Großen. Aber die Wahrnehmung dieses Verhältnisses vonseiten der Internetausdrucker erinnert stark an einen Elefanten, der der Ansicht ist, die Ameise interessiere sich ausschließlich für seinen Dung.

In den sinkenden Pressegaleeren klagt man heute, dass wirklich guter, investigativer Journalismus nicht mehr bezahlbar sei. Man denkt sogar über “stiftungsfinanzierte Investigativfonds” nach, als seien Stiftungen Horte der Unvoreingenommenheit. Währenddessen veröffentlicht Wikileaks ein Dokument nach dem anderen, Blogger und Twitterer greifen es auf und kommentieren es – oft gänzlich unbeachtet von der großen Medienöffentlichkeit.

Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird man die “digitale Parallelgesellschaft” beklagen, eine Gemeinschaft, die sich in ihren politischen Entscheidungen, ihren Werturteilen und ihren Konsumbedürfnissen von zentraler Stelle unbeeinflussbar selbst organisiert. Ein unregierbares Netzwerk, das sich den wahrgenommenen Regeln der Massenmediengesellschaft widersetzt und der Moral und Ethik ihrer Eliten nicht mehr zu folgen bereit ist. Eine Kultur, die den falschen Rücksichten der aufgeblasenen und -geblähten Medienapparaturen nicht mehr zu huldigen wünscht. Regeln, die mit besten Absichten – meist dem Schutz der Rechte von Individuen – eingeführt wurden und nun ausschließlich als Herrschaftsinstrument Weniger dienen.

Journalismus kostet Geld. Guter Journalismus kostet viel Geld. Aber wenn ein Skandal enthüllt werden muss, dann geht das heute auch in Blogs und Foren. Die Bewertung dieses Ereignisses wird heute in einer Blog-Kommentar-Diskussion vorgenommen und nicht mehr von einem Verleger vorgegeben.

Eine der großen Aufgaben des Journalismus im neuen Jahrtausend wird es wohl sein, Kommentare zu lesen.

Meiner Meinung nach.

So ein Quatsch!Klasse! (+3 von 5 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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14 Responses to “Digitale Parallelgesellschaft”

  1. Blogzentrale Says:

    NEUER BLOGEINTRAG: "Digitale Parallelgesellschaft" http://is.gd/bHq5l

  2. astrodicticum Says:

    Schöner Text: "Digitale Parallelgesellschaft": http://is.gd/bHDBn

  3. Florian A. Says:

    RT @astrodicticum: Schöner Text: "Digitale Parallelgesellschaft": http://is.gd/bHDBn

  4. J B Says:

    Schön gesagt: Wer mit seiner Meinung Geld verdienen muss, wird früher oder später zum Zuhälter seiner Glaubwürdigkeit. http://bit.ly/dBnwEq

  5. Rainer Aschenbrenner Says:

    Moin, Moin Sven,

    Du machst es einem nicht leicht, weil Du es Dir leicht machst: Was Du schreibst, stimmt alles ein bisschen, wie es eben auch ein bisschen falsch ist.

    Das beziehe ich ausdrücklich auf alles, was mich als “studierten”, wie immer noch praktizierenden Journalisten betrifft.

    Zunächst eines: Ich war der Meinung – und bin es immer noch -, dass nur der ein „guter“ Journalist wird, der aus Berufung diesen Job macht. Der rasend neugierig ist und ein wenig besessen davon, den Erklär-Bären machen zu dürfen. Der vielleicht sogar ein gewisses Sendungsbedürfnis hat. Da unterscheiden sich diese Journalisten, die ich meine, und solche Blogger, wie Du es bist, nicht wesentlich. Mag sein, dass diese Sicht überkommen ist. Aber ich bin mir sicher, sie wird sich wieder durchsetzen. Wir sprechen uns! 

    Du hast recht: Diese Journalisten, die ich meine, haben als ihr Handwerkszeug gelernt, wie man einen „Stoff“, der einen gewissen Nähr- und Mehrwert für andere hat, aufbereitet. Sie sollten sich dabei ihres Instrumentariums sicher sein; zunächst also der deutschen Sprache. Deshalb ist’s für mich kein Zeichen mangelnder Kreativität, wenn ich der Orthografie, Grammatik und Stilistik alle Ehre gebe. Diese selbstverpflichtende Rücksichtnahme haben nach meinem Maßstab jene verdient, die den Produkten meines Tuns ausgesetzt sind.

    Schließlich sollen sie verstehen, was ich meine.

    Ich bin zudem überzeugt, seine Muttersprache – auch in Schriftform – zu beherrschen, darf kein Privileg von Journalisten, Schriftstellern, Pädagogen oder Lektoren sein. Selbst Blogger halten dies nicht unter ihrer Würde – siehe http://www.stilstand.de

    Nun feuerst Du gelassen eine Breitseite gegen meinen ganzen Berufsstand ab: Du unterstellst, wir alle wären käuflich, müssten in Hintern kriechen, uns unterordnen, würden geschmiert und sonderten deshalb nur Gefiltertes, Redigiertes ab und ein jeder von uns wäre ein „Zuhälter seiner Glaubwürdigkeit“.

    Ganz im Gegenteil und Deine Sicht ist so wenig zutreffend, so verletzend, wie alle Blogger als “Ufologen, Trotzkisten, Veganer oder digitale Maoisten” zu verunglimpfen.

    Wirklich „journalistisch“ ist nämlich, für jeden nachvollziehbar Nachricht von Meinung zu trennen. Lass’ uns jetzt kein großes Aufheben darum machen, das dem nicht immer so ist: Ich will ja schließlich – wie Du auch – der reinen Lehre die Wahrheit geben!

    Wirklich gute Journalisten dürfen (und brauchen!) sich deshalb also auch mit niemanden zu verbrüdern – nicht einmal mit ihresgleichen. Das hat nun rein gar nichts mit elitärem Standesdünkel zu tun, sondern mit einem ethischen Anspruch, den Hanns Joachim Friedrichs auf den Punkt brachte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

    Deshalb ist es auch falsch, den Eindruck zu erwecken, dass „Spitzenjournalisten“ und Verleger festlegten, was ein gutes Argument wäre, um „Meinungen, Überzeugungen, Einstellungen, Glaubenssätze“ zu beeinflussen, wie Du schreibst. Möglich, dass manche „Edelfedern“ in ihrer Selbstverliebtheit das meinen.

    Verleger, Manager von Medienkonzernen und auch öffentlich-rechtliche Anstaltsleiter sehen das inzwischen sowieso mehrheitlich ganz anders: Reichweite, Quote, Umsatz, Dividende – das sind für sie Eckpunkte ihrer Quadratur des Kreises. Deshalb haben wir eben nicht nur eine Sinn-Krise des Journalismus, sondern auch eine wirklich existenzielle.

    Solche Verluderung der Medien schreit aber logischerweise nach einer anderen Öffentlichkeit (ich finde den Begriff „Gegenöffentlichkeit“ bescheuert!). Deshalb hast Du unbedingt Recht, wenn Du in Bloggern „die Hoffnungsträger der Demokratie“ siehst – nicht nur im Iran oder in China.

    Den Mangel an Pressefreiheit in der DDR versuchten helle Geister in Literatur, Theater, Kabarett zu kompensieren. Selbst sogenannte U-Musik von Rock bis Pop transportierte zwischenzeilige, manchmal auch eineindeutige Botschaften – bei Strafe von Auftritts- und Berufsverboten.

    Nun haben wir unsere Demokratie. Die braucht Meinungsfreiheit. Dazu gehört, nein: sie wird wesentlich davon konstituiert, von einer „freie Presse“. Gemacht mit ehrlichem, anspruchsvollen Journalismus. Dem ist übrigens der Kanal, das Medium, die Technologie seiner Verbreitung egal. Hauptsache, er findet sie.

    Deshalb passiert Politik tatsächlich auch weiterhin. Am Brunnen vor dem Tore, unterm Lindenbaum. Oder in der Dorfkneipe. Auf Twitter, in Blogs, Portalen. Wo auch immer.

    Sven, lass’ uns streiten! Lass’ uns verschiedener Ansichten sein, weil wir final doch einer Meinung sind: Nämlich, dass es sich immer lohnt, einander kennen zu lernen und unsere unterschiedlichen Positionen. Dümmer wird davon keiner.

    Nicht einmal ein Journalist …

  6. sven Says:

    Wow, Rainer, das ist aber ein ziemlich langer und ziemlich gehaltvoller Kommentar.

    Zunächst zum Verständnis: Mein Kommentar soll ein freundschaftliches Boxen gegen die Schulter sein. Ein bißchen schmerzhaft – ja – aber nicht verletzend.

    Dass ich die Mißstände Deines Berufstandes – ganz so wie Prof. Beck am Wochenende – beim Namen nenne, heißt nicht, dass Journalisten “zynische Dreckschweine, inkompetent und faul” seien, wie es einer der bekanntesten deutschen Blogger – selbst Journalist – einmal zu formulieren pflegte und uns wegen dieses Zitats (ergänzt um das Wörtchen “alle”) auch prompt abmahnen wollte.

    Nein, es gibt, da sind wir uns einig, schwarze Schafe – einerseits. Aber es gibt auch ein System gegenseitiger Pelzwascherei – andererseits.

    Sicher, es gibt auch die richtig, richtig guten Journalisten, wie die aus dem Film:

    http://netzwertig.com/2007/12/28/gute-filme-ueber-journalisten/

    Die Regel ist das nicht. Das kannst Du mir nicht erzählen.

    Auch richtig ist, dass es sich hin und wieder lohnt, korrekt schreiben zu können. Aber es ist nicht notwendig, um seiner Meinung Ausdruck zu geben und Dinge beim Namen zu nennen. Was sagst Du einem Legastheniker wie z.B. Bodo Ramelow, soll der sich nicht öffentlich äußern?

    Rainer, Du schreibst:

    “Wirklich „journalistisch“ ist nämlich, für jeden nachvollziehbar Nachricht von Meinung zu trennen. Lass’ uns jetzt kein großes Aufheben darum machen, das dem nicht immer so ist: Ich will ja schließlich – wie Du auch – der reinen Lehre die Wahrheit geben!”

    Unwahrheit fängt doch schon bei der Auswahl einer Nachricht für den Druck oder die Sendung an. Was soll, was darf, was muss gesendet werden?

    Dass man einen Fakt berichtet, ist das eine, welchen man für berichtenswert hält, das andere.

    In einer Zeitung kann – und soll – nun mal nicht alles stehen. Diesen Mangel gleichen dann halt die Blogs aus.

    Hanns Joachim Friedrichs wird immer gern als leuchtendes Beispiel der “Reinen Lehre” angeführt – Fakt ist doch, dass z.B. allein die Chefredakteure bzw. Herausgeber der größten deutschen Wochenzeitungen ein Parteibuch besaßen/besitzen und sogar die Posten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nach Parteiproporz besetzt werden dürfen.

    Erzähl mir doch nichts von “wirklich freiem Spitzenjournalismus”. Prof. Beck hat es doch beim Namen genannt: Selbst wenn die Inhalte im Einzelnen nicht vorgegeben sind, die Personalpolitik sorgt für Verlässlichkeit der politischen Ausrichtung.

    Und natürlich bin auch ich nicht frei von Meinungen, Werthaltungen, Vorurteilen und Schwächen. Aber ich weiß, ich bin einer von Vielen in der Zeit. Und die Vielen legen fest, was gut ist und was schlecht und die Zeit, was wahr ist und was falsch.

    Ich kann mit dem meisten Kram, der so in Blogs steht, auch nichts anfangen. Muss ich auch nicht. Es gibt ja Blogs, die sich mit den Dingen befassen, die mich interessieren. Und ich weiß, dass das große Netzwerk mich sehr schnell und sehr umfassend mit den Informationen versorgen wird, die ich benötige, wenn ich sie benötige, um mir ein Urteil über einen bestimmten Sachverhalt zu bilden.

    Ich bin Blogger geworden, vor allem aus einem ganz bestimmten Grund: Weil ich es satt hatte, die Welt von einem oder zwei oder drei Journalisten erklärt zu bekommen. Aber wer kann sich schon vier überregionale Tageszeitungen leisten in denen nur 5% wirklich interessanter Dinge stehen.

    Manchmal reicht die bloße Nachricht einfach nicht aus. Oft braucht man eine Analyse, einen Kommentar eine Bewertung, zu der man sich dann ebenfalls selbst positionieren kann und sich Widerspruch erhofft, um damit zu dazu zu lernen.

    Und meist ist die Auswahl der Inhalte einer Zeitung oder eines Radiosenders gefärbt durch die Interessen seiner Verleger, Chefredakteure und Autoren. Wie sollte es denn anders sein? Wer legt denn fest, was wichtig ist?

    Wer in Blogs schaut, merkt, dass das was da täglich als Schlagzeile auf der Tageszeitung prangt und in der Tagesschau versendet wird, nur einen Bruchteil der Deutschen wirklich interessiert. Die einen wollen lieber die neuesten Strickmuster kennen lernen, als sich von einem von der Journaille in devoter Servilität hochgejubelten Adeligen mit Hurra in den Krieg führen zu lassen, die anderen lieber den neuesten Klatsch genießen, als sich von Frau Kiewel oder Herrn Raab die brandneuesten Produktinnovationen offerieren zu lassen.

    Wirklich guter Journalismus im neuen Jahrtausend wird wahrscheinlich gut vernetzer Nischenjorunalismus sein. 100.000 Blogs mit drei-vier Autoren, die sich mit Themen beschäftigen, die soviele Leute interessieren, dass die Herausgeber ihren Lebensunterhalt bestreiten können … vielleicht… und hin und wieder mit einer wirklich neuen und wirklich lesenswerten Geschichte aufwarten, die dann vom Netzwerk entsprechend gebuzzed wird.

    Der Zentralismus der großen Mediengaleeren, mit Ober- Mittel- und Unterdeck wird hoffentlich bald ausgedient haben. Und ich nehme an, dass das auch im Interesse eines jeden Journalisten sein dürfte.

    Aber Du hast in einem wieder Recht: es lohnt, einander kennen zu lernen – solange das noch geht – und unsere unterschiedlichen Positionen. Dümmer wird davon keiner. Weder der Blogger, noch der Journalist.

    Du hast mir immerhin eines voraus: Du bist bereits beides. :)

  7. Robi_san Says:

    Zuerst einmal Bravo! und Applaus! für den Beitrag.
    Parallelgesellschaft ist das falsche Wort. Menschen bilden Gemeinschaften. Das Internet ist die Größte aller menschlichen Gemeinschaften überhaupt. Größer als Religion, Politik, größer und mächtiger als alles bisher.

    Wissen, Erfahrungen, Gefühle, Sichtweisen, alles quervernetzt. Sicher kann man Daten manipulieren, Fakten verbiegen, Spinning betreiben. Aber das Wesentliche ist zwischen den Zeilen, pardon!, zwischen den Bits und Bytes, herausfindbar.

    Deswegen möchte die politisch-wirtschaftliche
    -superreiche Elite, schwerfällig und borniert wie einst die Feudaladligen, eine Kontrolle über die Netze erzwingen. Sperren, Zensur, Überwachung.

    Aktion erzeugt Reaktion. Siehe Wikileaks.

    Was bleibt?

    Neugier. Das unentdeckte Land. Analog oder digital, wir leben in interessanten Zeiten und formen mit jedem neuen Buchstaben die Welt auf dem Weg in die Zukunft.

  8. sven Says:

    Robi_san, vielen Dank :)

    vielleicht müßten wir aber doch mit unseren Superlativen etwas vorsichtiger umgehen und manchmal weniger pathetisch?

    Obwohl, warum eigentlich?

    Wir stehen ja tatsächlich am Beginn einer ganz neuen Revolution und begreifen ihre Dimensionen wohl genauso wenig, wie damals vor 20 Jahren, als wir uns mit Kerzen in der Hand die Abende um die Ohren schlugen.

    Rainer, noch ein kleiner Nachtrag auf meine Antwort: Mir fiel gestern noch ein Gedanke zu Hanns-Joachim Friedrichs Bonmot ein.

    Friedrichs meinte, man solle sich als Journalist mit keine Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.

    Aber wenn er das wirklich täte, wie könnte er da Journalist sein? Oder ist der Journalismus keine “gute Sache”?

    Und wie kann man Fakten gewichten, Daten akzentuieren und die Statements von Personen auf Gehalt prüfen, wenn man keine Wertmaßstäbe hat, an denen man sich in seiner Arbeit orientiert?

  9. Rainer Aschenbrenner Says:

    Sich mit etwas gemein machen, bedeutet die Distanz zu verlieren – zu den Sachverhalten, den handelnden Personen. Ich finde aber, dass Distanz vonnöten ist, um glaubwürdig sein zu können. Glaubwürdigkeit bedeutet aber auch, Für und Wider, pro und contra gelten zu lassen, sich nicht vereinnahmen zu lassen.

    Nenne es “moralische Unbestechlichkeit”. das gilt auch für noch so “gute” Sachen. Sie befördert man am besten, wenn der Leser, Zuhörer, Zuschauer nicht das Gefühl hat oder gar zur Überzeugung kommen muss, agitiert zu werden, einer Propaganda ausgesetzt zu sein …

    Eben jene fehlende Distanz, diese Versippung von Teilen der politischen und der medialen “Kaste”, von der auch Prof. Beck sprach, diskreditiert beide Seiten.

    Politik ist aber zunächst und vor allem Interessensvertretung. Die “freie Presse”, wie sie die bürgerliche Revolution hervorbrachte; dieser Journalismus nun sollte sich vor allem verstehen als Korrektiv der Herrschenden, auch der herrschenden Meinung. Angloamerikanisches Selbstverständnis, (west-)deutschen Medien nach 1945 auferlegt, nennt es auch gern die “Wächter-Funktion” für die Demokratie, die vierte Gewalt.

    Das war aufgrund der beschränkten technologischen Möglichkeiten, Informationen zu gewinnen, aufzubereiten, zu verbreiten, sie zu moderieren und/oder zu kommentieren eben lange ein Privileg einer Minderheit.

    Dass diese Minderheit existenzielle Sorgen hat, da jetzt diese technischen/technologischen Beschränkungen wegfallen, ist nur menschlich.

    Ein Zurück gibt es aber nicht. Nicht einmal, würden wir uns 2010 so benehmen, wie jene französischen Landarbeiter, die – um dem technischen Fortschritt Paroli bieten zu wollen – in die neumodischen Mäh- und Dreschmaschinen ihre Holzschuhe (französisch: sabot) warfen …

    “Die gemeinsame Zukunft – das unentdeckte Land”, sagte in meiner Lieblings-Serie “Star Trek” einst ein Alien, eben noch den Menschen feindlich gesonnen.

    Ich freue mich auf das Neue; all die Blogs, die Zwitschereien und noch unbekannten Wege, uns einander etwas mitzuteilen.

    Denn je mehr das wird, desto größer wird auch das Verlangen nach Orientierung.

  10. Tech-o-matic Says:

    Ich unterstelle einfach mal: Blogger und Journalist haben ein ähnliches persönliches Anliegen. Beide wollen der Wahrheit Vorschub leisten, indem sie Informationen finden und publizieren. Das mal als grundlegende Aussage für diesen Kommentar.

    Besteht der Unterschied zwischen “Blogger” und “Journalist” letztlich nicht einfach nur im wirtschaftlichen Kontext der jeweiligen Tätigkeiten? Der “berufene” Journalist ist Lohnempfänger, und wie jeder Lohnempfänger hat er sein von ihm selbst entfremdetes (Medien)Industrieprodukt frei zu halten von persönlichen Noten (siehe Zitat Friedrich). Rührt das (derzeitige) Ideal des Journalisten nicht evtl. auch daher?

    Unsere Gesellschaft mit ihrer dogmatischen Verwertungslogik (“alles ist Ware”) verbietet einen größeren Platz für nicht-entfremdeten-Journalismus (z.B. Bloggerei). Blogjournalismus stellt im Grunde (genau wie z.B. die OpenSource-Entwicklergemeinschaften) eine Unmöglichkeit im heutigen gesellschaftlichen Wirtschafts-und-Werte-Kontext dar.

    Die diffuse Wahrnehmung dieser Unmöglichkeit führt dann zur Deklaration von “Parallelgesellschaften” und der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (=Arbeitsmöglichkeit unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen) e.t.c.

    Aber realistisch ist leider: Parallelgesellschaften führen auf Dauer zu großen gesellschaftlichen Stress und BGE ist im derzeitigen Wertekonsens (welcher wiederum stark vom derzeitigen Wirtschaftssystem abhängt) wohl nicht vermittelbar.

    Doch letztlich muss und wird sich wohl etwas ändern. Aber auf dem Wege einer Revolution? Absolut unwahrscheinlich. Die “Interessengruppen” werden sich irgendwo etwas abseits vom jetzigen Status treffen (siehe “Sechziger”). Die Revolutionäre werden alt und nebenbei mehr oder weniger komfortabel ins bestehende System integriert und geraten zudem gegenüber der unkritischen Generation der Facebook- und iPhone-Natives schnell in die Minderzahl.

    Kann sich eigentlich noch jemand an den Aufschrei der Netzgemeinde Anfang/Mitte der 90er erinnern, als gewinnorientierte Unternehmen das bis dato faktisch “rein akademische Internet” mit der zunehmenden Verbreitung des HTTP für sich entdeckten auf ihre Weise nutzbar machten? Nein?

    Abschließend noch etwas zum idealen Journalismus friedrichsscher Prägung. Diese Qualitätskriterien sind ja ganz nett. Doch finden Produkte dieser Qualität auf dem gesamten(!) Medienmarkt nur in homöopathischer Verdünnung tatsächlich Aufmerksamkeit! Realistisch betrachtet ist das Ideal also _völlig_ unverwirklicht. Ein hohles Ideal. Man könnte meinen, es existiert nur in einem gewissen Verblendungszusammenhang.

    Als Beleg dieser Aussage sei an dieser Stelle einfach erinnert, wie die etablierten privaten Qualitätsmedien von “Spiegel” bis “Zeit” mit ihren berufenen Redakteuren völlig “unabhängig” und “objektiv” über die Informationsbeschränkung der ÖR-Anstalten im Internet bzgl. Rundfunkstaatsvertrag “informiert” haben.
    An den gemeinen (99% Marktanteil-) Gossenjournalismus ala Bild und Bunte oder schlicht den Werbeanteil in allen privatwirtschaftlich generierten Informationsströmen braucht man sich also noch nicht einmal zu halten, wenn man das wirkliche Ideal der privaten Medienindustrie aufzeigen will. Wahrheit, Aufklärung, Information? Lachhaft! Geld!

  11. Blogzentrale Says:

    Wir haben keinen "journalistischen Selbstanspruch", @MichaelPanse. Lesen Sie dazu bitte hier mehr: http://is.gd/cCbJr

  12. Blogzentrale Says:

    @karpfenpeter Zum Thema "Digitale Parallelgesellschaft" http://is.gd/hUqiz

  13. Blogzentrale Says:

    Aktueller denn je: Digitale Paralellgesellschaft http://is.gd/kfzfq

  14. Blogzentrale Says:

    Aktueller denn je: Digitale Parallelgesellschaft http://is.gd/kfzfq