Kirche verlangt Personaltausch bei der Jenaer Telefonseelsorge

Von Siegfried R. Krebs

JENA. (fgw) Der Verein Telefonseelsorge Jena e.V. muß sich auf Druck der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands von seinem Leiter trennen. Alleiniger Grund für diesen ungeheuerlichen Vorgang, weil menschenrechtsverletzend, ist diese Tatsache: Der Mann ist konfessionslos. Eine Nachricht von Anfang Mai in der Thüringer Presse gab Anlaß zu den nachfolgenden Überlegungen.

Laut einem Protokoll der Mitgliederversammlung des o.g. Jenaer Vereins, das der berichtenden Zeitung vorliegt, habe auch der Leiter der Telefonseelsorge Dessau an den Bewerbungsgesprächen teilgenommen und sich für den Kandidaten ausgesprochen, der ausdrücklich betont haben will, konfessionslos zu sein.

In dem Zeitungsartikel heißt es wörtlich: „Der Dessauer zählte nach dessen Einstellung zu jenen Kirchenvertretern, die Beschwerde einreichten. ‘Die Mitglieder des Vereins sind sich einig, dass sie eine konfessionelle Bindung des Stellenleiters nicht für nötig erachten, der Verein aber auf die finanzielle Förderung durch die Evangelische Kirche angewiesen ist’, heißt es im Protokoll. Diesem Druck beugte sich der Verein, der sich im Einvernehmen vom neuen Leiter trennte. Weil der sich durch den Vorgang ‘einer Diskriminierung ausgesetzt fühlte, die seine Menschenwürde verletzt’, willigte er ein.”

Als Bürger „Otto Normalverbraucher” hatte der Freigeist bis dato stets angenommen, es handele sich bei der sogenannten Telefonseelsorge um eine besondere Form pastoraler Betreuung von Gläubigen, die nicht zum „Gottesdienst” in die Kirchen kommen könnten. Doch das erwies sich als Trugschluß. Ein Nachschlag bei Wikipedia klärte mich auf, da heißt es zu diesem Stichwort: „Bei der Telefonseelsorge (Schweiz: Die Dargebotene Hand, engl.: ‘telephone emergency services’, ‘crisis hotline’ oder ‘Samaritans’) handelt es sich um Hilfseinrichtungen zur telefonischen Beratung von Menschen mit Sorgen, Nöten und in Krisensituationen. Die Telefonseelsorge dient als Krisendienst unmittelbar der Suizidprävention. Sie ist in den meisten Ländern rund um die Uhr erreichbar. Es handelt sich um ein Beratungs- und Seelsorgeangebot, das vorwiegend von Ehrenamtlichen gewährleistet wird. (…) In den meisten Ländern werden die Stellen von Personenvereinigungen getragen. In Deutschland und Österreich sind zumeist Kirchen Träger der Telefonseelsorge.”

Also nichts da, von spezifischer Form von Betreuung der „Schäfchen” durch ihren „Hirten”. Nein, das Anliegen der sogenannten Telefonseelsorge wird durch die beiden englischen Begriffe „crisis hotline” oder „telephone emergency services” viel besser definiert! Es geht also darum, Menschen in Not zu beraten. Warum dies allerdings in Deutschland ausgerechnet in die Hände der Kirchen gelegt worden ist, das erschließt sich mir nicht. Statt Bibelsprüche bedürfen doch Menschen in Not doch primär einfühlsamer menschlicher Zuwendung und fachlich fundierter psychologischer Betreuung. Und dies unabhängig von individueller Weltanschauung oder religiöser Bindung des Ratsuchenden und auch des Betreuers, egal ob haupt- oder ehrenamtlich.

Und… das Pflichtigmachen der Kirchenmitgliedschaft für Leiter solcher Einrichtungen gerade im zu über 70prozentigem konfessionsfreien Ostdeutschland ist doch wohl ein einziger Anachronismus. Oder doch zuvörderst nur ein weiteres Element amtskirchlichen Missionierungswillens?

Der Jenaer Verein hat eigenen Angaben zufolge im vorigen Jahr über 13.000 Anrufe entgegengenommen. Das wirft jetzt bei mir auch diese Frage auf: Wer bezahlt eigentlich die Kosten für solche „hotlines” in Deutschland? Sind es die Amtskirchen (…die ja mit diesen Einrichtungen wieder einmal mehr “nur Gutes tun”… es zumindest öffentlichkeitswirksam behaupten!)?

Wenn nicht, aber nicht nur deshalb, dann sollten auch hierzulande solche telefonischen Beratungsangebote weltanschauungsneutral in die Hände von Personengruppen gelegt werden – die natürlich die weltanschaulich-religiöse Zusammensetzung der jeweiligen regionalen Bevölkerung widerspiegeln sollten.

So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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4 Responses to “Kirche verlangt Personaltausch bei der Jenaer Telefonseelsorge

  1. Blogzentrale Says:

    Kirche verlangt Personaltausch bei der Jenaer Telefonseelsorge. Ein Kommentar von Siegfried R. Krebs http://is.gd/PXwmZY

  2. Thüringer Blogs Says:

    Kirche verlangt Personaltausch bei der Jenaer Telefonseelsorge: Von Siegfried R. Krebs
    JENA. (fgw) Der Verein Te… http://bit.ly/kMnBrj

  3. Blume Says:

    Ich schließe mich der Argumentation von Siegfried R. Krebs an und möchte weiterführend seine letzte Frage beantworten. Wie hoch ist der Anteil am Finanzhaushalt der Kirchen bei der TelefonSeelsorge Jena? Die Kirche finanziert die TS Jena zu 25 Prozent. 75 Prozent kommen von der Stadt Jena, umliegenden Landkreisen, Wohlfahrtsverbänden und Spenden. Das ist sicher den wenigsten klar, macht aber deutlich, wie vermessen es ist, dass die
    Evangelische Kirche Mitteldeutschland von der TelefonSeelsorge Jena e.V. verlang,ihren Leiter durch einen konfessinell gebundenen menschen zur ersetzten.
    Ich frage mich auch, was wäre, wenn der Leiter der TS Jena muslimischen Glaubens wäre.
    Oder ob die Kirche zufrieden gewesen wäre, wenn der Leiter pro forma in die Kiche eingetreten wäre.

  4. sven Says:

    Danke für diese wichtigen Hintergrundinformationen, Blume!!