Was ist eigentlich Journalismus?

Von Sven

Zu dieser Frage, die hier im Titel steht, soll ich am kommenden Dienstag, ab 18 Uhr im Augustinerkloster in Erfurt etwas sagen. Auf einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD). Ebenfalls auf dem Podium sitzt – neben drei anderen berufenen Herren – auch Klaus Schrotthofer, der Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen, die Thüringens reichweitenstärksten Druckerzeugnisse herausgibt. Nicht nur die Thüringische Landeszeitung, die Thüringer Allgemeine und die Ostthüringer Zeitung, sondern auch den Allgemeinen Anzeiger, ein Werbeblättchen, das kostenlos an nahezu alle Thüringer Haushalte verteilt wird.

Was soll ich dazu sagen?

Ist die Veröffentlichung von Werbung, Pressemitteilungen, Agenturmeldungen und Fotos bäumepflanzender und händeschüttelnder Bürgermeister Journalismus?

Was wird Schrotthofer sagen? Wird er die Beschreibung des Deutschen Journalistenverbandes zurate ziehen, die Journalismus als die hauptberufliche Beteiligung an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien definiert?

Soll ich Schrotthofer darauf hinweisen, dass sich die hauptberufliche Arbeit für Massenmedien nicht jeder leisten kann? Weder zeitlich, noch finanziell. Und dass damit im Grunde das allgemeine demokratische Recht eines jeden Bundesbürgers ad absurdum geführt ist ,„seine Meinung in Schrift, Wort und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.“? Was hat dieses Recht für einen Wert, wenn Schrift, Wort und Bild keinen Betrachter erreichen? Und was hat dieses Recht für einen Wert, wenn man es sich kaufen kann?

Fakt ist: In den letzten 3 Jahrhunderten waren Männer wie Schrotthofer, die festgelegt haben, wer seine Meinung in Massenmedien veröffentlichen darf, sehr sehr mächtig. Für diese Funktion haben sie sehr viel Geld und sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Mit dem Internet können nun plötzlich Krethi und Plethi ihre mehr oder weniger durchdachten Ansichten ungefiltert in die Welt blasen und ihnen steht damit potentiell ein Publikum von immerhin 70-80% der deutschen Bevölkerung zur Verfügung: Etwa 65 Millionen Menschen.

Mit den Informationsströmen haben sich auch die Publikums- und damit letztendlich die Geldströme grundlegend verändert. Zeitungen und Zeitschriften verlieren Auflage und Einfluss. Ihnen gehen das Geld und gute Mitarbeiter aus. Um die Zeitungen zu füllen und wieder Geld in die Kassen zu bekommen, werden Pressemeldungen und “Verlagssonderveröffentlichungen” abgedruckt. Kritischen Journalismus kann sich keine Zeitung mehr leisten. Kritik bedeutet Einbußen bei Werbeaufträgen und das Ausbleiben von Hindergrundinformationen durch Politiker und Witschaftsbosse. Der Lokaljournalismus in Thüringen kann seinen gesellschaftlichen Auftrag unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen – unübersehbar – nicht mehr erfüllen.

Aber was ist denn der Auftrag des Lokaljournalisten?

Der Auftrag eines jeden Intellektuellen! Michael Kunczik beschreibt diesen in seinem Buch “Public Relations” so:

Kritik liest man in den Blättern der Zeitungsgruppe Thüringen äußerst selten, dafür umso mehr PR. Klickt man heute den Internetauftritt der TLZ an, liest man als Headline der Rubrik Politik eine Pressemeldung der Landesregierung. Und was steht in dieser Meldung noch:

    Der Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM), Jochen Fasco, begrüßte das Konzept (Konzept für Medienkompetenz der Thüringer Landesregierung, Anm. d. Red.). “Wir müssen einen einheitlichen Wissensstandard vermitteln, sowohl für junge als auch alte Menschen”, sagte er. Auch die Qualitätskontrolle für private Anbieter sei richtig, denn “nicht jeder, der mit einer Kamera herumrennt, ist auch zu medienpädagogischer Arbeit imstande”.

Man muss sich das gar nicht ausdenken. Das ist real. Und selbstverständlich findet sich diese spannende Meldung auch auf den Seiten der Thüringer Allgemeinen und der Ostthüringer Zeitung. Bezogen werden diese vom zentralen Berliner Pressedienst dapd.

Was hat das noch mit Journalismus zu tun? Was mit kritischer Distanz? Was mit Skepsis gegenüber den “Lebenslügen von Konventionen” und der realen Macht ihrer Großgestalten Staat oder Wirtschaft?

Die Friedrich-Ebert-Stiftung will am kommenden Dienstag in Erfurt wissen:

    Was nun sind aktuelle Trends der Medienlandschaft in Deutschland und Thüringen? Welche Geschäftsmodelle sind zukunftsfähig? Welche Standards gelten für den Journalismus in der Informationsgesellschaft? Und was sollte der Öffentlichkeit die sog. „vierte Gewalt“ der Demokratie Wert sein?

Meine Spannung auf die Antworten der Vertreter von Politik und Medienwirtschaft hält sich in Grenzen.

So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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8 Responses to “Was ist eigentlich Journalismus?”

  1. Blogzentrale Says:

    [NEW BLOGPOST] Was ist eigentlich Journalismus? Die THÜRINGER BLOGZENTRALE diskutiert mit der Zeitungsgruppe Thüringen: http://is.gd/3O0krT

  2. atze Says:

    [NEW BLOGPOST] Was ist eigentlich Journalismus? Die THÜRINGER BLOGZENTRALE diskutiert mit der Zeitungsgruppe Thüringen: http://is.gd/3O0krT

  3. Thüringer Blogs Says:

    Was ist eigentlich Journalismus?: Von Sven
    Zu dieser Frage, die hier im Titel steht, soll ich am kommenden Dien… http://bit.ly/mreKdo

  4. StephanJ Says:

    Coole Sache! Man muss sich wohl als Gast entsprechend anmelden:
    http://www.fes.de/oas/portal/pls/portal/showvera.anmelden?Veranummer=153896

    Ich denke, ich schaue und höre mir das mal an, was ihr zu sagen habt.

  5. sven Says:

    Mach das bitte!! Ich freu mich :o)

  6. Robi_san Says:

    Werde nicht anwesend sein… habe leider erst jetzt auf TBZ geschaut :(

    Ja, wird das eine Selbstfeierveranstaltung mit Hofberichterstattung? Genau wie Gesetze von Lobby und Hintermännern verfasst, von PR-Profis begleitet, durch die Legislative durchmanipuliert werden, genau so passiert das auch mit täglichen Nachrichten durch Zeitung, Radio und Fernsehen, wobei ich die Online-Präsenzen ausklammere, weil dort zumindest kurzzeitig durch Kommentare ein Feedback und Gegendarstellungen stattfinden.

    Internetkontrolle um jeden Preis?

    Hier stört das Internet seit 2000 immer mehr die Manipulation und schafft es sogar, diese zu negieren. neusprech.org, blog.fefe.de, nachdenkseiten.de, wikileaks.org, cryptome.org, und viele andere Akteure haben den Fehdehandschuh der Medienkonzerne aufgenommen und informieren.

    Es gibt seit 2000 immer wieder Versuche, das Internet zu filtern, zu blockieren, die volle Kontrolle wie in China zu erlangen. Inklusive Mobilfunk.

    Weniger Einnahmen durch Werbung?

    Die Geschäftsgrundlage vieler Medien ist Werbung. Google und andere Internetmarketingfirmen verdrängen klassischer Medien, die Werbezielgruppe schrumpft und wird durch Werbeblockade nicht mehr erreicht.

    “Linientreue Journalisten erzwungen durch Lohndumping und HatzIV?

    Dessen Geld ich krieg’, dassen Lied ich pfeif’ – und trotzdem muss ich gehen?
    http://meedia.de/fernsehen/spiegel-tv-anonymus-legt-chefgehaelter-offen/2011/07/02.html

    So viele gute Leute haben sich verabschiedet und sind in andere Berufe gewechselt. Die Qualität ist nun mal nicht zum Billiglohn zu haben…

    Schade, dass ich arbeiten muss… hätte gern einige unbequeme Fragen auch mit Stichwort Lochthofen und WAZ ans Podium gerichtet, vielleicht tut das einer der Anwesendne?

  7. Peter Althaus Says:

    Lieber Sven,

    wie ich in dem Bericht von Medienmoral TH gelesen habe, war die Veranstaltung ja nicht so pralle. Ich wollte gern kommen, war aber auf einem sehr interessanten Journalismuskongress in Leipzig. Nichtsdestotrotz kann ich mir meinen Senf zum Thema nicht verkneifen und würd mich freuen, wenn Du ihn mal liest und vielleicht auch drauf hinweisen könntest. Seite ist werbefrei;-) Hier der Link: http://bit.ly/pDR1Gz

    Freu mich über den ein oder anderen Kommentar.

    Gruß

    Peter

  8. Sozialtheoristen » Journalistische Selbstgespräche Says:

    […] ihre berufliche Tätigkeit nach. In Leipzig hat die Privatschule einen Kongress veranstaltet und in Erfurt fand eine Diskussion statt. Von diesen Veranstaltungen wird an verschiedenen Stellen […]