Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal

Von Sven


Die THÜRINGER ALLGEMEINE hat eine Recherche-Webseite aufgesetzt. Mit Hilfe der Leser will man hier ein bißchen Wikileaks spielen und investigativen Journalismus liefern. Tatsächlich ist das Portal gefährlich für echte Whistleblower. Strafverfolgungsbehörden hätten im Zweifelsfall Zugriff auf die Daten.

Als ich noch sehr jung war, habe ich ein paar ziemlich spannende Filme gesehen. “Die Unbestechlichen” hieß einer, “Network” ein anderer. Ich wollte damals unbedingt Journalist werden. Später habe ich dann solche Filme gesehen wie “Insider”, “Good Night and Good Luck” oder “Frost/Nixon“. Mehrmals.

Ich wollte so sein wie diese Journalisten im Film. Mutige Männer und Frauen, die sich der Arroganz der Macht entgegenstellen und sie mit Intelligenz, Fleiß und Witz in aller Öffentlichkeit anprangern.

Die Wirklichkeit des Thüringer Lokaljournalismus sieht leider anders aus. Wer hier Journalist werden will, braucht ein dickes Fell und ziemlich viel Geduld. Er muss, in irgendeiner Berliner Zentrale vorformulierte Scheinneuigkeiten für den regionalen Leser neu arrangieren. In Karnickelzüchtervereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr und auf Schützenfesten präsent sein. Muss Ortsbauernführer beim Händeschütteln fotografieren und in Kneipenhinterzimmern “wichtige Kontakte” knüpfen. Muss Pressemeldungen neu arrangieren, dass sie wie Meldungen aussehen und er muss damit leben, dass seine Chefs mit den Politikern, die sie kritisieren sollen, eng befreundet sind.

Der Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen, Klaus Schrotthofer, war zum Beispiel mal Regierungssprecher für den SPD-Bundespräsidenten Johannes Rau. Auch der Chef Schrotthofers, Bodo Hombach, ist SPD-Politiker. Der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, zu der die Zeitungsgruppe Thüringen gehört, war 1998 kurzzeitig Minister in Nordrhein-Westfalen und von 1998 bis 1999 Chef des Bundeskanzleramtes in der ersten Regierung Gehrhard Schröder und hat zusammen mit dem heutigen SPD-Wirtschaftsminister von Thüringen, Matthias Machnig, den SPD-Wahlkampf von 1998 geleitet.

Die Thüringer Zeitungen können es sich nicht leisten, ihren großen Anzeigenkunden mit investigativem Journalismus auf den Leib zu rücken oder wesentliche Politiker mit unbequemen Nachfragen oder Recherchen zu beunruhigen. Die Blätter der Zeitungsgruppe Thüringen sind – mit sehr wenigen rühmlichen Ausnahmen – überwiegend Verlautbarungsorgane der Landesregierung und der thüringischen Wirtschaft. Man kennt sich, man mag sich, man braucht sich:

Wie diese Art von “Journalismus” funktioniert, haben Edward Herman and Noam Chomsky in ihrem Buch “Manufacturing Consent – The Political Economy of the Mass Media” bereits 1988 gut beschrieben:

    “Private Medienhäuser sind Großunternehmen, die ein Produkt (Leser und Publikum) an andere Unternehmen (Werbetreibende) verkaufen. Die nationalen Medien zielen vor allem auf die gesellschaftliche Elite, Gruppen, die – auf der einen Seite – ein optimales “Profil” für Werbebemühungen aufweisen und – auf der anderen Seite – eine wesentliche Rolle in der Entscheidungsfindung der privaten und öffentlichen Meinung bilden. Die Medien würden natürlich den Bedürfnissen des Elitenpublikums nicht entsprechen, wenn sie nicht ein in gewisser Weise tolerabel-realistisches Bild der Welt präsentieren würden. Aber ihr “gesellschaftlicher Auftrag” verlangt auch, dass die Interpretation der Welt durch die Medien die Interessen der Verkäufer, Käufer sowie der Regierung und privater Institutionen widerspiegeln, die von diesen Gruppen dominiert werden.”

    “In essence, the private media are major corporations selling a product (readers and audiences) to other businesses (advertisers). The national media typically target and serve elite opinion, groups that, on the one hand, provide an optimal ‘profile’ for advertising purposes, and, on the other hand, play a role in decision-making in the private and public spheres. The national media would be failing to meet their elite audiences’ needs if they did not present a tolerably realistic portrayal of the world. But their ‘societal purpose’ also requires that the media’s interpretation of the world reflect the interests and concerns of the sellers, buyers, and the governmental and private institutions dominated by these groups.” (S.303)

In dieser Gemengelage will die Thüringer Allgemeine nun etwas ganz neues wagen. Eine Qualitätsoffensive. In Zukunft soll recherchiert werden. Hierzu wurden eigens Experten aus dem Westen eingeladen, die den Kollegen vor Ort den Journalismus beibringen sollen. Unter www.ta-recherche.de wird außerdem ein Rechercheportal vorgestellt, auf dem die Leser anonym Hintergrundinformationen an die Thüringer Allgemeine liefern können. Man schreibt:

    “Die Thüringer Allgemeine lebt von Reportagen, Nachrichten, Geschichten und Berichten. Vieles, über das wir aus den Gemeinden, ihren Städten und Kreisen schreiben, haben Sie uns selbst erzählt.
    Doch in einer spannenden Tageszeitung steht mehr. Dafür recherchieren wir hinter den Kulissen, den politischen Fassaden. Nur so können wir schreiben, was nicht gesagt wurde. Dabei treffen wir leider auch auf Schlamperei, auf Korruption, Amtsmissbrauch, Ignoranz bei Behörden oder Bereicherung. Das Ziel einer Zeitung ist es, auch darüber zu berichten. Um solche Fälle aufdecken können, benötigen wir Ihre Hilfe. Schreiben Sie uns oder rufen Sie an, wenn ihnen Ereignisse oder Vorgänge bekannt geworden sind, bei denen Sie vermuten, dass nicht alles korrekt gelaufen ist, dass Schlamperei im Spiel ist oder Menschen übervorteilt werden. Wenn immer Sie es wünschen, bleiben ihre Hinweise anonym. Das Presserecht schützt uns und Sie.”

Man kann auf diesem Rechercheportal Dateien hochladen und Nachrichten verfassen. Darüber hinaus empfiehlt man, Emails mit Einmal-Emialdiensten an die Redaktion schicken. Vorgeschlagen wird hier unter anderem: 10minutemial. Dieser Dienst ist jedoch nur für den Empfang und nicht für die Versendung von Emails gedacht, ist für den Zweck des Rechercheportals also ungeeignet. Ebenfalls empfohlen wird “sofort-mail.de”. Dieser Dienst warnt auf seiner Webseite aber vor sich selbst. (Siehe unten)

Unklar bleibt, ob die von der Recherche-Webseite übermittelten Daten tatsächlich so anonym bleiben wie beschrieben. Die Thüringer Allgemeine behauptet jedenfalls:


    “Es wird nichts weiter übermittelt als Ihr Text und auch der wird verschlüsselt übermittelt und verschlüsselt gespeichert. Es werden keine Verbindungsdaten gespeichert. Wir können Ihren Rechner nicht erkennen.”

In aller Regel erfassen die Server auf denen Webseiten liegen auch die Zugriffe inklusive der Rechner-IP. Die ließen sich dann zumindest zeitlich auch der Nachricht zuordnen. Gehostet wird die Webseite offenbar von einem privaten Hostingservice in den Niederlanden und nicht von einem Server der Thüringer Allgemeinen. Auch das könnte ein Sicherheitsrisiko darstellen. Muss aber nicht.

Alles in allem stellt dieses Rechercheportal wohl nichts anderes als eine leere Versprechung dar. Nach einem ersten großen Interesse dürfte die Euphorie schnell abflauen, da die einlaufenden Informationen eben am Ende doch aufwendig nachrecherchiert und vor allem veröffentlicht werden müssten. Das eine kostet jedoch eine ganze Menge Geld und das andere ist oft nicht gewollt.

Ungeachtet der guten Ansätze bleibt doch wohl alles wie es war im schönen Bundesland Thüringen. Einem Land, in dem sich Fuchs, Hase, Unternehmer, Politiker und Journalist liebevoll Gute Nacht sagen.

Was ich hier in diesem Blog mache, ist natürlich kein Journalismus. Ich bin kein Journalist geworden, sondern Blogger. Aber als Konsument will ich richtigen Journalismus. Ich will die mutige Aufdeckung, Diskussion und Beseitigung von Mißständen, Machtmißbrauch und Meinungshoheit. Ich selbst habe leider keine Zeit für eine lange Recherche und kein Geld für mögliche gerichtliche Auseinandersetzungen. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Aber ich bin der Ansicht, dass es richtigen Journalismus in Thüringen geben muss. Und ich denke, dass das die Mitarbeiter der Zeitungsgruppe Thüringen auch so sehen.

Aber in der Thüringer Allgemeinen wird man richtigen Journalismus dennoch nicht finden. Denn es gibt keinen richtigen Journalismus im falschen.

So ein Quatsch!Klasse! (+5 von 5 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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16 Responses to “Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal”

  1. Blogzentrale Says:

    Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal http://is.gd/QHAdEN

  2. Peter Althaus Says:

    Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal http://is.gd/QHAdEN

  3. Thüringer Blogs Says:

    Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal: Von Sven

    Die THÜRINGER ALLGEMEINE hat eine Recherche-Webseit… http://bit.ly/r2Qffd

  4. Wikileaks Says:

    #wikileaks Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal (Thüringer Blogzentrale): Von Sven Die THÜRINGER AL… http://bit.ly/nNMv1R

  5. Medien im Mainstream Says:

    Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal (Thüringer Blogzentrale): Von Sven Die THÜRINGE… http://bit.ly/pQdKDl #Whistleblower

  6. Polkomm.eu Says:

    Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal (Thüringer Blogzentrale): Von Sven Die THÜRINGE… http://bit.ly/pQdKDl #Whistleblower

  7. StephanJ Says:

    Ein ganz armer Versuch, irgendwie Wikileaks, Openleaks und überhaupt diesen neumodischen Blogs etwas entgegenzusetzen. Ich hoffe nur, dass die Seite von niemanden ernstgenommen wird, der tatsächlich etwas aufzudecken hat – und sie oder er hoffentlich einen besseren Weg findet, die Wahrheiten zu verbreiten.

    Denn ein Whistleblower-Portal muss in erster Linie eines tun: den potenziellen Whistleblower vor sich selbst schützen. Elektronische Daten offenbaren viel deutlicher den echten Urheber im Vergleich zu gedruckten Buchstaben auf Papier.

    Würde jemand ein Word- oder Excel-Dokument auf dem TA-Portal hochladen, dann weiß er wahrscheinlich nicht, dass in jedem Office-Dokument seine digitale Signatur bereits eingetragen wurde und die auch beim Verschicken der Datei zu lesen ist. Je nach Office-Version ist das leicht durch “Datei > Eigenschaften” herauszubekommen.

    Unkritisch mit Begriffen wie Anonymität im Zeitalter der wieder erwachten Vorratsdatenspeicherungs-Debatte herumzuwirbeln wirkt auf mich auch nicht überzeugend. Der WAZ-Verlag will sich natürlich gar nicht auf einer Stufe mit Wikileaks stehen, sondern nur im Vorbeigehen mit dem Thema Whistleblowing ein paar billige Leserreporter gewinnen.

  8. sven Says:

    Stimmt, die Word-Excel-Dokumenteneigenschaften kommen noch dazu. Vorausgesetzt der Nutzer war so doof, seinen Klarnamen bei der Registrierung anzugeben :o)

    Ansonsten könnte man argumentieren, dass die Dokumenteneigenschaften nur die Redakteure der TA zu sehen bekommen …

    Aber “Leserreporter” trifft die Sache ganz gut :o)

  9. StephanJ Says:

    Seit Bradley Manning wissen wir, dass Whistleblowing ein lebensgefährliches Thema ist – auch im Staat mit dem First Amendment. Was Bradley Manning und Julian Assange schützen könnte ist die grundsätzliche Idee, dass die Whistleblowing-Plattform nichts über den Whistleblower wissen darf. Entscheidend ist allein die Authentizität des Dokuments.

    Auch wenn es hier in Thüringen vermutlich nur um so banale Geschichten wie “Stoppt Bodo Ramelow” geht (auf den Tag genau vor zwei Jahren herausgekommen, https://www.thueringerblogzentrale.de/2009/07/30/junge-union-thuringen-plant-offenbar-schmutzkampagne/) – es gibt in jeder Stadt und jedem Bundesland brisante und von den etablierten Medien heruntergespielte Themen, die letztlich nicht demokratisch entschieden worden.

    Wir haben zum Glück noch nicht solche Zustände wie in Moskau (http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/zapppressefreiheitrussland100.html), wo Reporter ihr Leben riskieren, wenn sie über Korruption im Autobahnbau berichten. Aber auch in Thüringen gibt es Dinge, die stehen vermutlich so nicht in der Zeitung oder werden im Thüringen Journal erwähnt.

    Was hilft eine Informanten-Plattform, wenn die Information der Redaktion zum Teil bekannt ist, aber die Geschäftsführung und der stromlinienförmige Chefredakteur die Kritik ignoriert, damit politische und wirtschaftliche Freunde nicht beschädigt werden?

    Mal so konkret gefragt: Wie viel Platz hat Kritik zum bevorstehenden Papstbesuch in den ZGT-Zeitungen bekommen? Hat man aus der Zeitung oder MDR Thüringen erfahren, dass der Domplatz bereits vor und bis nach dem Papstbesuch eine Sperrzone für Anwohner sein wird? Solche “Kollateralschäden” sind in der etablierten Presse nicht gern gesehen. Dort möchte man lieber von den positiven Effekten berichten, maximal über die verbotenen Rückenlehnen von Klappstühlen beim Gottesdienst schreiben. Und wer hat eigentlich den kollektiven Freudeszwang zum Papstbesuch verordnet?

  10. Blogzentrale Says:

    @TAOnline Nö, aber Ihr seid eben besonders kuschlig. Geht ja auch nicht anders. Siehe http://is.gd/QHAdEN

  11. ojour.de Says:

    Linktipp: Thüringer Blogzentrale: Thüringer Allgemeine startet Whistleblower-Portal http://bit.ly/r2Qffd

  12. Peter LⒶhn (lⒶhnix) Says:

    Thüringer "Journalismus"-Analyse: "Ungeachtet der guten Ansätze bleibt doch wohl alles wie es war…" http://bit.ly/nZNYx7 #fb

  13. Jan Hollitzer Says:

    Der Vergleich eines Upload-Tools, welches Daten verschlüsselt übermittelt und keine Daten speichert, mit E-Mail-Diensten ist, gelinde ausgedrückt, abenteuerlich. Über die technischen Details lohnt es sich hier nicht zu streiten. Das Rechercheportal ist in erster Linie auch kein Chiffrierportal, sondern ein Kontaktportal. Und dass E-Mails unkodiert sind, steht außer Frage. Das wird auf unserer Seite nicht gegenteilig dargestellt. Wir verweisen auf die Möglichkeit, anonym E-Mails zu schicken. Das ist nicht falsch. Genauso ist es möglich, den Anrufbeantworter anonym zu besprechen oder mit einem Redakteur in der Redaktion anonym zu sprechen. An dieser Stelle hätte man sich auch beschweren können, dass ein anonymes Telefonat mit Richtmikrofonen belauscht werden kann. Kodiert und technisch anonymisiert sind allein das anonyme Kontaktformular und der Datei-Upload. Diese Dienste sind absolut sicher. – Und sie wurden auch schon genutzt.

  14. sven Says:

    Jan, steht da irgendwo im Text ein Vergleich von Upload-Tool und Email-Client? Ihr habt auf Eurer Seite beides. Über das Tool können wir nicht viel sagen. Über die Email-Clients schon.

    Wir wissen auch, dass Statistiken von der Seite erhoben werden. Dementsprechend läßt sich dann von Stafverfolgungsbehörden auch nachvollziehen, wer Texte wann schreibt.

    Die Dokumente, die Euch evtl. zugeschickt werden, sind mit einer digitalen Signatur versehen und enthalten oft den Namen des Autors.

    Die Email-Clients, die Ihr vorschlagt, sind entweder unnütz (10minutemial) oder unsicher.

    Selbstverständlich darf man sich darüber beschweren – auch wenn Du das anders siehst – dass digitale Bewegungen im Internet Spuren hinterlassen, die ein gesprochenes Wort nicht hinterläßt. Es sei denn Du hast ein Richtmikrofon, das auch in die Vergangenheit gerichtet werden kann.

    Dass Eure Dienste schon genutzt wurden, ist … nun ja … das Problem der offenbar arglosen Nutzer.

    Wie StephanJ oben schon schrieb: Wirklich sicher sind nur Dienste, die den Whistleblower vor sich selbst schützen.

    Das tut Euer Angebot nicht.

  15. sven Says:

    Ah, ich sehe gerade, dass Ihr 10minutemail ungewidmet habt. :o) Na wenigstens das …

  16. Blogzentrale Says:

    Hey, @TAonline, so geht das: http://t.co/12ufeAT #tor #whistleblower #ccc … siehe auch: http://t.co/gQksZRd