Gealtert und mit letzter Tinte: Das Gedicht von Günter Grass

Von Neidhart von Schwarzburg

Innerhalb von Stunden hat die Empörung über ein Gedicht von Günter Grass einen Höhepunkt erreicht. Grass schreibt darüber, dass er nun – da Deutschland atomwaffenfähige U-Boote nach Israel liefert – sein Schweigen zur israelischen Atom-Politik beenden möchte. Grass schreibt außerdem, er habe bisher geschwiegen, weil jede Kritik an der Politik Israels schnell zum globalen Antisemitismusverdacht wird. Die hysterischen Reaktionen zeigen: Er hatte recht.

Prüfen wir zunächst kurz die Fakten:

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1. Recht auf einen “Erst- oder Präventivschlag” Israels

In einem Beitrag der New York Times wird über Kriegssimulationen und Spekulationen US-amerikanischer Offizieller zu einem möglichen “Präventivschlag” gegen den Iran berichtet. Israel würde den Iran militärisch angreifen, wenn ein Atomwaffenbau zu weit fortgeschritten wäre. Israel – das offenbar selbst Atomwaffen besitzt – will also mit militärischen Mitteln verhindern, dass der Iran Atomwaffen baut. Die USA stünden dann als Verbündeter an der Seite Israels – auch wenn sie die Gefahr die vom Iran ausgeht anders bewerten:

    “American and Israeli intelligence services broadly agree on the progress Iran has made to enrich uranium. But they disagree on how much time there would be to prevent Iran from building a weapon if leaders in Tehran decided to go ahead with one.

    With the Israelis saying publicly that the window to prevent Iran from building a nuclear bomb is closing, American officials see an Israeli attack on Iran within the next year as a possibility. They have said privately that they believe that Israel would probably give the United States little or no warning should Israeli officials make the decision to strike Iranian nuclear sites.

    Officials said that, under the chain of events in the war game, Iran believed that Israel and the United States were partners in any strike against Iranian nuclear sites and therefore considered American military forces in the Persian Gulf as complicit in the attack.”

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2. Verweigerung der Prüfung auf mögliche Atomwaffen

Der Spiegel schreibt:

    “Ist Israel im Besitz von Atomwaffen? Offiziell gibt der jüdische Staat keine Antwort auf diese Frage: Er verharrt in der sogenannten “nuklearen Zweideutigkeit”, hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben und lässt keine Inspektionen seiner Nuklearanlagen zu.”

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3. Bei Kritik der Politik Israels drohe das Verdikt “Antisemitismus”

Dass das tatsächlich droht, sieht man an der aktuellen Debatte um angeblich antisemitische Sturkturen in der Linkspartei. Die ZEIT schreibt zum Beispiel über die unsinnigen Boykottaufrufe von Linksparteifunktionären:

    Der Antisemitismus in der Linkspartei nimmt laut einer Studie zu. Die Parteispitze versichert, solche Tendenzen nicht zu tolerieren. Doch seltsame Vorfälle häufen sich.

Was die Zeit dann beschreibt ist im schlimmsten Falle Antizionismus, hat aber mit Antisemitismus nichts zu tun.

Das neokonservative Hetzblatt CICERO wird nochmal deutlicher, wie man eine wacklige Brücke von der Israelkritik zum häufig “tiefsitzenden” oder “unausrottbaren” oder hinter “antizionistischen Agitation verborgen” Antisemitismus baut:

    Wie der Antisemitismus in die Linke kam: Nun also doch: Die Linkspartei nimmt die Anerkennung des israelischen Existenzrechtes in ihr Grundsatzprogramm auf. Doch das Antisemitismus-Problem ist mit diesem Beschluss nicht gelöst, denn der antizionistische Antisemitismus ist tief in der Linken verankert, reicht bis hinein in die Ideologie.

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4. Lieferung atomwaffenfähiger U-Boote nach Israel

Die taz schreibt:

    Israel wird aus Deutschland ein weiteres U-Boot bekommen, das sechste inzwischen. Zwei weitere sind im Bau. Bei der Finanzierung übernimmt der Steuerzahler in Deutschland ein Drittel … U-Boote der Dolphin-Klasse können mit Atomsprengköpfen ausgestattet werden.

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Die Kritiker von Grass reagieren nun reflexartig und bestätigen damit das, was Grass in seinem Gedicht vorweg nimmt:

    Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

Nun, da er ausspricht was falsch ist und was sich ändern muss, wirft ihm Henryk M. Broder vor, der Prototyp des gebildeten Antisemiten zu sein, ohne auch nur ein Wort zu den oben genannten Fakten zu verlieren. Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden meint, “Grass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung.” … ebenfalls ohne eine inhaltliche Auseinandersetzung. Michel Friedmann entdeckt antisemitischen Klischees – natürlich, ohne auf die Fakten einzugehen.

Günter Grass schreibt zum Abschluss:

    Ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.

Wir wäre es, wenn sich Grass’ Kritiker mal mit dieser Idee beschäftigten?


So ein Quatsch!Klasse! (+1 von 1 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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4 Responses to “Gealtert und mit letzter Tinte: Das Gedicht von Günter Grass

  1. Blogzentrale Says:

    [BLOGPOST] Gealtert und mit letzter Tinte: Das Gedicht von Günter Grass – Wir prüfen die Fakten http://t.co/TThfCOTB

  2. Thüringer Blogs Says:

    Gealtert und mit letzter Tinte: Das Gedicht von Günter Grass: Von Neidhart von Schwarzburg
    Innerhalb von Stunden… http://t.co/qIZZBnuP

  3. Stefan Wehmeier Says:

    1) Der kämpfende Pazifist, der sich der Größe seiner Aufgabe bewusst ist, wird keinen Unterschied machen zwischen Bürger- und Völkerkrieg, zwischen äußeren und inneren Feinden. Für ihn gibt es nur einen Krieg, nur einen Frieden. Mit gleicher Macht erstrebt er den Frieden nach innen wie nach außen.

    2) Der Pazifist, der tiefer in die Beweggründe der Kriege schaut, geht noch einen Schritt weiter in der Beurteilung des Bürger- und Völkerfriedens und sagt, der Kriegsgeist, der Geist der Gewalt, ist ein Kind des chronischen bürgerlichen Kriegszustandes, der die Eingeweide aller Kulturvölker zerreißt. Wer diesen Geist bekämpfen will, muss ihn in erster Linie als Bürger im eigenen Lande bekämpfen. Der Weg zum Völkerfrieden geht über den Weg des Bürgerfriedens und nicht umgekehrt.

    3) Das, was die Völker und Volksklassen in Waffen gegeneinander treibt und immer getrieben hat, sind Dinge wirtschaftlicher Natur, die Notzustände schaffen oder vorherrschen lassen, und für diese Zustände gilt das Gesetz: NOT KENNT KEIN GEBOT. Die Not bricht nicht nur Eisen, sondern auch Verfassungen, Verträge und Bündnisse und setzt sich über alle moralischen, ethischen und religiösen Hemmungen hinweg. Nichts ist schließlich der Not heilig als der Kampf gegen ihre Ursachen.

    4) Auf die Beseitigung solcher Notzustände hat also der ernsthafte Friedenskämpfer sein Augenmerk zu richten, unbeschadet seiner etwaigen Überzeugung, dass der Frieden oder wenigstens der Friedenswunsch mit moralischen, religiösen und ethischen Mitteln auch noch gefordert werden könne.

    5) Der Notzustand, der zu den Kriegen treibt, hat wenigstens bei den heutigen Industrie- und Handelsvölkern seinen Grund nicht in einem naturgegebenen Mangel an Industrie- und Nährstoffen, sondern in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen, die die Produktion und den Austausch beherrschen und die Arbeit tributpflichtig machen, wobei der Umstand noch erschwerend wirkt, dass zur Sicherung dieses Tributes der Produktion und dem Tausch Hemmungen bereitet werden müssen, die zu Krisen und Arbeitslosigkeit führen. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, um die es sich da handelt, sind das Privateigentum an Grund und Boden und das herkömmliche, aus dem Altertum in unveränderter Gestalt von uns übernommene Geldwesen, dessen Mängel immer offensichtlicher geworden sind. Grund- und Geldbesitzer fordern Zins, sonst sperren sie der Produktion den Boden und dem Austausch der Produkte das Geld. Dieser Zins überträgt sich automatisch auf das gesamte Wirtschaftsleben und schafft das, was als Kapitalismus bezeichnet wird.

    Silvio Gesell (Stabilisierung des Bürger- und Völkerfriedens, 1928)

    Ein [Beleidigung gelöscht d. Blogbetreiber] wie Günter Grass wird das wohl bis zum Jüngsten Tag nicht mehr begreifen.

  4. Marc Says:

    Das alles freilich kann die deutschen Retter Israels nicht davon abhalten, erbarmungslose Urteile abzugeben. Ein Tilman Krause meint in der Berliner Morgenpost, Grass verwende nationalsozialistische “Denkmuster” und lobt Broder für dessen klare Worte.

    Dazu ein Gedicht:
    Tilman und Henryk
    gingen in den Wald,
    dort war es bitter kalt,
    das fanden sie ganz antisemitisch.