Grass hat recht … sagen nur unbelehrbare Antisemiten?

Von Neidhart von Schwarzburg

Nehmen wir mal an, anstelle des Wortes “Israel” hätte in Grass’ Gedicht “USA” gestanden. Es wäre nicht weniger wahr gewesen.

Aber hätte ein solches Gedicht dann dasselbe Echo erhalten? Hätte es ähnlich verbitterte und haßerfüllte Kommentare gegeben? Die gleichen Vorwürfe? Beleidigungen?
Man muss lediglich ein paar Worte austauschen:

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt “Antiamerikanismus” ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot in die USA
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land USA, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht USA gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des US-amerikanischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Amerikanern und Iranern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Welt
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Warum erscheint es so ungleich weniger aufregend, die USA zu kritisieren? Vielleicht weil die Kritik der USA alltäglich ist? Weil sie Kritik zuläßt? Weil nicht jede Kritik an den USA zu beispiellos ehrabschneidenden Attacken und Unterstellungen führt, die jede weitere Kritik zum Tabu macht. Wer möchte schon “Antisemit” oder “Nazi” genannt und entsprechend geächtet werden?

Was besonders irritiert, ist die beispiellose, kampagnenartige Berichterstattung, die jetzt die deutsche Presselandschaft bestimmt. Dabei sind Zahl und Provenienz der Grass-Kritiker durchaus überschau- und vorhersehbar. Da treten als Prominente Broder, Friedmann, Graumann, Giordano, Reich-Ranicki, Hochhuth, Herta Müller und Beate Klarsfeld auf. Diesen schließen sich überwiegen Politiker der CDU, wie Gröhe, Polenz, Mißfelder aber auch Andrea Nahles, Kerstin Müller, Patrick Döring und Volker Beck, sowie die meisten Vertreter der bürgerlichen Presse, wie Schirrmacher und Döpfner an.

Die Grass-Verteidiger sind weniger an der Zahl und werden dazu in der Berichterstattung nur am Rande und selten zusammen erwähnt. Zu nennen sind hier der Freitags-Herausgeber Jakob Augstein, der PEN-Präsident Johano Strasser, der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck und Thomas Nehls, vom ARD-Hauptstadtstudio, der Grass gar für den Friedensnobelpreis vorschlägt. Grass erhält politische Unterstützung überwiegend aus der Linken (Wolfgang Gehrcke) und der SPD (z.B. dem Vorsitzenden der SPD-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Norbert Nieszery).

Grass findet Verteidiger aber vor allem auch in Leserbriefen, Foren, bei Facebook und in Blogs … und bei der Deutschen Friedensbewegung:

Spannend ist, dass die sonst mit Online-Umfragen recht schnelle Presse bei diesem Thema recht vorsichtig ist. Wir haben deshalb hier mal einen Versuch gestartet und er fiel entsprechend aus. Was zeigt das? Entweder die Deutschen – und die Leser der Thüringer Blogzentrale – sind und bleiben im Grunde unbelehrbare Antisemiten … oder Presse und Leser leben in völlig unterschiedlichen Welten.


So ein Quatsch!Klasse! (Bitte bewerten!)
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3 Responses to “Grass hat recht … sagen nur unbelehrbare Antisemiten?”

  1. Blogzentrale Says:

    [BLOGPOST] Grass hat recht … sagen nur unbelehrbare Antisemiten? http://t.co/dp18U8dk

  2. Thüringer Blogs Says:

    Grass hat recht … sagen nur unbelehrbare Antisemiten?: Von Neidhart von Schwarzburg
    Nehmen wir mal an, anstelle … http://t.co/IwAXAOYi

  3. Vollstrecker Gera Says:

    RT @Blogzentrale: Grass hat recht … sagen nur unbelehrbare Antisemiten? http://t.co/caSMy5xb