Läßt sich Pegida mit “Entheimatungsangst” erklären?

In der Talk-Sendung “Günter Jauch” zum Thema Pegida tauchte erstmals ein Begriff im öffentlichen Bewußtsein auf, der das, was Menschen, die sich gegen Asylantenzustrom wehren, umtreiben könnte: “Enheimatungsangst”. Was bedeutet dieser Begriff und ist er hilfreich?

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Ausgesprochen wurde der Begriff “Entheimatungsangst” von dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse. Was ist mit diesem Begriff gemeint?

Thierse hat diesen Begriff im Gespräch mit dem Deutschlandfunk noch einmal kontextualisiert:

    “Da (bei Pegida d. Red.) gibt es wirkliche Neonazis, da sind Hooligans, Rechtsextreme, Rassisten dabei, viele Frustrierte, Wütende und eine Menge Menschen, die Ängste haben höchst unterschiedlicher Art, Verunsicherungsängste, Ängste vor Verlust der Heimat, also eine Art von Entheimatungsängste, vor einer dramatisch sich verändernden Gesellschaft, die nicht Ja sagen können zur einfach Realität, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, dass es dafür Gründe gibt und dass diese Einwanderung dieses Land auch verändert, und das heißt, darauf muss man reagieren.”

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Wovor also fürchten sich Menschen mit “Entheimatungsangst”?

Sie fürchten die Veränderung ihrer Stadt, ihres Viertels, ihres Hauses. Sie fürchten, dass über viele Jahre entwickelte Regeln des Zusammenlebens nicht mehr gelten. Sie fürchten, dass die Stadt nicht mehr aussieht wie sie immer ausgesehen hat. Sie fürchten, dass anders gesprochen, anders gestikuliert, anders gelacht wird. Sich fürchten sich vor dem Verlust von Ordnung und Sicherheit, von Verläßlichkeit, von Kultur für sich und vor allem für ihre Kinder. Sie fürchten Kriminalität, sie fürchten Hass und Entwertung durch Benachteiligte.

Mit anderen Menschen kommen andere Kulturen des Umgangs mit sich und mit anderen. Und da Ausländer und Asylanten in Medien meist stereotyp und selektiv (rückständig, kriminell, barbarisch) präsentiert werden, entsteht die Angst vor einem völligen Kulturverlust und einem Rückfall in die Barberei im Sinne der entsetzlichen Gräuel des Islamischen Staats oder der Großstadtviertel mit hohem Ausländeranteil.

Menschen mit “Entheimatungsängsten” wollen Zustände wie in westlichen Großstädten, in denen die Zuwanderung das Stadtbild massiv verändert hat, verhindern. Wer in Dresden auf die Straße geht, demonstriert nicht gegen bestehende Verhältnisse, sondern gegen künftige.

Muss man diese Entheimatungsängste nun überwinden, wie Wolfgang Thierse sagt? Hat man die Pflicht, sich dieser Angst zu stellen und sie zu verlieren? Thierse sagt, die Realität sei, dass wir ein “Einwanderungsland” seien. Die Ängste der Menschen müßten ernst genommen und ihnen müßte bei der Überwindung dieser Ängste geholfen werden.

Doch was, wenn es sich bei dieser “Entheimatungsangst” weder um Angst, noch um den Überlegenheitsgestus einer bestimmten Kultur oder gar Ethnie im Sinne der verbrecherischen Naziideologie handelt, sondern lediglich das sentimentale Gefühl, dass “Heimat” einfach Heimat bleiben soll, weil es sich gut anfühlt. Dass es keine Angst vor Fremden gibt, sondern lediglich den Wunsch, dass beim Bäcker und auf dem Amt Sächsisch gesprochen wird. Dass über Witze gelacht wird, die man kennt. Dass man weiß, worauf man sich in Staat, Kultur und Gesellschaft verlassen kann. Dass Vertrauen herrscht, Frieden.

Ostdeutschland hat vor 25 Jahren einen massiven kuturellen Wandel erlebt. Diese grundlegende Veränderung verlief plötzlich und hatte einschneidende Folgen. Das Vertrauen ging verloren und es kam zur Umwertung aller Werte und Verlust bestehender Machtsstrukturen, die letztlich Auswüchse wie in Rostock Lichtenhagen zur Folge hatten:

Menschen mit “Entheimatungsängsten” wollen weder rechtsradikale Ausschreitungen, noch Ausländerkriminalität. Sie wollen die Bewahrung und Mehrung ihrer Kultur. Deshalb wird bei Pegida auch die Pflicht zur Integration gefordert. Dass die Kultur so bleibt wie sie ist und keinerlei Veränderung hin zu einer anderen Kultur unterworfen ist.

Doch was, wenn Barbaren in Deutschland wieder an die Macht kommen? Was, wenn Menschen wieder politisch verfolgt, entrechtet, ermordet werden? Was, wenn der dritte Weltkrieg ausgerufen wird. Was, wenn man seine Heimat Deutschland verlassen, fliehen muss, um wenigstens das nackte Leben und das der Kinder zu schützen? Was, wenn man zum Schutz des eigenen Lebens, auf der Flucht vor Barabaren die Heimat verliert. Wenn die Angst vor Verlust der Heimat Realität wird?

Viele Großeltern können von der Vertreibung aus Schlesien, dem Sudetenland, Pommern erzählen. Wenn sie nichts mehr hatten als das, was sie am Leibe trugen. Wenn sie die Gräber der Lieben hinter sich lassen mußten und Vergewaltigung und Hunger erlebten.

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Was passiert mit der eigenen Kultur? Was passiert mit der Heimat im Herzen? Muss man sie vergessen, sie ablegen, sich ganz und gar den kulturellen Gegebenheiten der Gastkultur anpassen? Oder darf man den Heimatdialekt zuhause sprechen, Kochen und backen wie zuhause, darf man spielen und tanzen wie zuhause? Darf man seine Kinder erziehen wie man es gelernt hat. Darf man beten wie man es gelernt hat, wenn man nicht nur Angst vor Heimatverlust hat, sondern seine Heimat tatsächlich verloren hat? Darf man mitreden, wählen, sich beteiligen an der Gastkultur? Darf man sie mit eigenen Werten und Ansichten bereichern? Darf man die Fremde zur neuen Heimat für sich und seine Kinder machen?

Heimat ist ein starkes Gefühl. “Entheimatungsangst” ist belastend. Was wiegt der tatsächliche Verlust der Heimat?

So ein Quatsch!Klasse! (+6 von 6 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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2 Responses to “Läßt sich Pegida mit “Entheimatungsangst” erklären?”

  1. sven Says:

    http://www.fettgusche.net/phpBB3/viewtopic.php?f=13&p=75862#p75862

  2. robi_san Says:

    Für sehr viele Thüringer trifft die Entheimatungsrealität zu: Manche pendeln seit 20 Jahren über Distanzen von 300-500 km, per Auto und/oder Bahn. Unter dem Strich lautet die Problematik nicht Einwanderung. Sie lautet angemessen bezahlte Arbeit am Wohnort. In immer mehr Stellenanzeigen steht “bundesweit” oder mehrere Standorte. Wie chinesische Wanderarbeiter tigert der arbeitswillige “Lohnsklave” durch Deutschland und Europa. Diese Proteste sind nur der Anfang, weitere folgen…