Krisenkinder: Warum der Osten AfD wählt

Im Westen fragt man sich entsetzt, warum der Osten so vehement gegen eine kulturell-gesellschaftliche Veränderung durch Zuwanderer kämpft und geradezu selbstmörderisch zwielichtige AfD-Kandidaten wählt. Das könnte daran liegen, dass der Osten in einer Phase gesellschaftlicher Entwicklung lebt, die der Westen längst hinter sich hat. Weswegen er von weitreichenden gesamtdeutschen Entscheidungen – wie der Förderung von Migration – überfordert ist und nun defensiv reagiert.

Große Aufregung in den Medien und politischen Zirkeln. Der Osten wählt, trotz massiver Gegenkampagne, oft mehrheitlich AfD. Bei der Suche nach Gründen trifft man auf einen bekannten Schuldigen: Es sei vor allem der sogenannte „Alte Weiße Mann“, der seine Macht verliert.

Und damit nicht genug. Die Menschen, insbesondere im Osten, sollen angeblich viele Defizite haben, weshalb sie zu großen Teilen für die AfD stimmen: Bildungsmangel, Altersarmut, regionale Benachteiligung (Internet, Läden, Ärzte). Allerlei scheinbare Gründe, warum die Menschen im Osten nicht wählen wie vom politisch-medialen Mainstream im Westen gefordert.

Doch weder wird die AfD nur von Männern oder Menschen nur mit Hauptschulabschluss und ohne Arbeit gewählt, noch sind die Sachsen allgemein als Bildungsverlierer bekannt. Und die Sage vom „abgehängten Osten“ stimmt so auch nicht mehr. Der Tagesspiegel berichtete kurz nach der Wahl über das schmucke Dorf Hirschfeld in Brandenburg, das zu 50% AfD wählte.

Der durchschnittliche Wähler der AfD ist also – anders als in vielen Medienanaylsen stereotyp dargestellt – durchschnittlich gebildet, durchschnittlich wohlhabend,  geht einer geregelten, oft auch selbständigen Arbeit nach, hat wohlmöglich ein Eigenheim, lebt eher in einer sozial-intakten ländlichen Region … und will vor allem, dass das alles so bleibt.

Beim Hören eines SWR-Radio-Interviews mit dem großen Kabarettisten Georg Schramm, vom Juni letzten Jahres, kam mir eine Erklärung für dieses Paradoxon in den Sinn, warum die Menschen im Westen so “weltoffen” und freigiebig sind und die im Osten offenbar von ihrem neugewonnenen Wohlstand nichts abgeben wollen und kulturell derart eigensinnig sind.

Schramm beschreibt seine Biographie als die eines Gewinners mit wachem Gewissen. Aus sehr kleinen Verhältnissen kommend, war es ihm, aufgrund der damaligen Politik der SPD “Arbeiterkinder aufs Gymnasium” möglich, trotzdem ein Abitur zu machen und schließlich zu studieren. Er wollte immer zu den Reichen gehören und tat das schließlich auch. Nun, zu Wohlstand gekommen, engagiert er sich für eine “faire” Bank.

Die Menschen im Osten erleben jetzt erst ihr „Wirtschaftwunder“ und beginnen langsam, sich sicher zu fühlen und einzurichten, ihre Identität ist aber noch fragil. Die Menschen im Westen sind lange über dieses Stadium der gesellschaftlichen Entwicklung hinaus.

Nach dem Wirtschaftswunder kamen die 68ger, danach die sozialdemokratischen Regierungsjahre, die den Boden für ein sozialliberales Bildungssystem bereiteten, dem schließlich die Grünen mit ihrem Umweltbewusstsein und ihren multikulturellen Idealen entwuchsen. Die sogenannte „soziale Frage“ spielt im Westen nur noch eine untergeordnete Rolle. Was sich auch in den Wahlergebnissen für die LINKE widerspiegelt.

Georg Schramm, als Sohn eines ungelernten Zimmermädchens und eines ungelernten Taxifahrers und Alkoholikers, mußte sich sein Abitur noch hart erkämpfen. Sein Sohn besuchte dagegen eine Waldorfschule.

Im Osten findet die gesellschaftliche Stabilisierung, die der Westen in den 70 Jahren erlebte, jetzt erst statt. 30 Jahre nach der Wende, einer egalitaristischen Diktatur mit Kontrollwahn entwachsen, beginnen sich die Menschen im Osten nun erst ganz behutsam in der vergrößerten Freiheit einzurichten und darin langsam so etwas wie Stabilität zu erfahren. Man schafft ein bißchen so etwas wie Wohlstand, der im Osten für die eigenen Eltern so gar nicht möglich war.

Es ist eine ganz neue Erfahrung für die Wendegeneration, für größere soziale und materielle Werte Verantwortung (Familien, Häuser, Vereine, Gemeinde) zu übernehmen und den eigenen Wohlstand behutsam wachsen zu sehen.

Im Osten kommt man nun ganz langsam aus dem Panikmodus heraus und erlebt eine Sicherheit und einen Wohlstand, der seinen Sättigungspunkt noch nicht überschritten hat.

Denn noch immer sind Ostdeutsche benachteiligt. In den ostdeutschen Eliten in Wirtschaft und Gesellschaft (Politik, Wissenschaft und Medien), sind noch immer kaum Ostdeutsche und deren Kultur und Interessen vertreten.

Im Westen wähnt und erlebt man sich dagegen oft absurd wohlhabend und damit wächst verständlicherweise das Bedürfnis, von seinem Reichtum, seinem materiellen aber auch seinem sozialen Wohlstand etwas abzugeben. Dieses Phänomen ist auch in den ostdeutschen Großstädten zu beobachten, in denen aus Westdeutschland Zugezogene und wenige aufgestiegene ostdeutsche Eliten in gentrifizierten Bezirken mehrheitlich Grün wählen.

 Auf dem Land dagegen geht es jetzt darum, den mühsam erkämpften kleinen Wohlstand und das langsam eingekehrte gesellschaftliche Sicherheitsgefühl, durch erst in den letzten 30 Jahren wieder gewachsene Vereine und Institutionen (Feuerwehr, Kirmes, Kirche etc.), durch Zuwanderung und kulturelle Diversifizierung nicht gleich wieder zu infrage stellen zu müssen. Die gewachsenen Strukturen sind noch zu fragil, Tradition noch nicht bis zur Verkrustung und Überdruß stabil wie im Westen.  

Die Menschen im Osten fühlen sich nicht so reich und sicher wie im Westen und haben noch nicht das Empfinden großzügig von ihrem Wohlstand an andere abgeben zu können, die zu diesem Wohlstand nichts beigetragen, für diesen Wohlstand nicht so viel geopfert haben wie die eigenen Eltern und man selbst.

Die Wendekinder, die Generation 30-50, sind so etwas wie die „Kriegskinder“ des Westens, mit all ihren nachwirkenden Traumata. Denn der Mauerfall war nicht nur ein großes Glück, sondern auch eine große Krise, die mit erheblichen Opfern verbunden war und vielen Menschen schwere Anpassungsprobleme bereitete.

Die gebrachten Opfer sind für die Menschen im Osten auch heute noch deutlich spür- und sichtbar in Familienbiographien, in Scheidungen, streßbedingten psychischen– und physischen- oder Suchtkrankheiten und zerrissenen in alle Winde zerstreuten Familien. Opfer, die man im Westen, einer Gesellschaft mit 70 Jahren relativer Freiheit und politischer Stabilität nicht sieht, so dass man sich dort natürlich fragen kann: Was haben die denn für Sorgen und Nöte?

Für die eigene politische Haltung mit öffentlicher Verachtung und Herablassung bedacht zu werden, führt im Osten – anders als im Westen – nicht so stark dazu, dass man seine Position verändert, um seinen Ruf nicht zu gefährden. Aus verlachtem und verachtetem  Unmut wird schließlich passive und letztlich offene Aggressivität.

Und die spiegelt sich unter anderem darin wider, dass man lieber einen zwielichtigen Gebrauchtwagenhändlertypen aus dem Westen, der für die AfD antritt (weil er nichts zu verlieren hat) seine Stimme gibt, statt dem angesehenen, deshalb aber auch um seine Position fürchtenden CDU-bzw. SPD-Granden.

Man will im Osten natürlich nicht von rechtsextremen Wessis regiert werden. Aber man will auch keinen „von Oben“ auf  „Multikulti“ getrimmten Bürgermeister. Und da wählt man im Osten eben das – in dieser Krisenfrage – scheinbar kleinere Übel.

Und die Menschen im Osten werden so lange AfD wählen, bis sie nicht mehr verhöhnt  und entwertet werden. Bis man ihnen zuhört und ihnen eine gleichwertige Stimme gibt.

Und dann würde man hören, dass keiner im Osten – KEINER! – einverstanden ist mit der humanitären Katastrophe weltweiter Massenmigration und JEDER diesen Menschen helfen möchte. Aber dass die Lösung für das Facharbeiter- wie das Migrationsproblem nicht in einer uneingeschränkten Grenzöffnung liegen kann, sondern in vernünftigen, politischen Abwägungen und Entscheidungen, die Rücksicht auf die “Sorgen und Nöte” aller Beteiligten nehmen.

Bis dahin werden die Ostdeutschen ihre Identität erbittert verteidigen. Das kann man weiter ignorieren. Man kann darüber lachen. Man kann es bekämpfen. Aber am Ende gewinnt die AfD.   

So ein Quatsch!Klasse! (+6 von 6 Lesern finden diesen Beitrag klasse)
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10 Responses to “Krisenkinder: Warum der Osten AfD wählt”

  1. Tigerlilli Says:

    Ich persönlich habe kann nicht nachvollziehen, warum man eine solche Partei wählen sollte.

    Egal, ob man es schwer hatte oder nicht. Wenn man sich die Kandidaten dieser Partei anschaut, kann einem doch nur schlecht werden. Bleiche aufgeschwemmte Leiber und komplett charakterlos. Wie blöd muss man sein, solchen schweinenackigen Fettsäcken mit Rassismusproblem auch noch
    Macht in die Hand zu geben? Habt ihr mal eine von deren Veranstaltungen besucht? Gruslig, sag ich euch. Gruslig. Alte Männer mit speckigen Krägen und komplett aus jeder Normalität ausgeschert.

    Ich hatte es auch nicht leicht. Aber AfD wählen? Da hack ich mir lieber ein Bein ab.

  2. Roman Leber Says:

    Sind Sie der Auffassung, dass die Tatsache, dass Ihnen das Aussehen der AfD-Mitglieder missfällt, ein zuverlässiger Gradmesser für deren politische Kompetenz ist?

  3. Tino Says:

    Die Menschen im Mittelmeer und in der afrikanischen Wüste, in Syrien und Libyen kämpfen um ihr Leben und du erzählst uns was von der Angst um “Oma ihr klein Häuschen”? Wie komplett abgehoben kann man sein? Klar, wir haben alle unsere Probleme. Aber diese Alltagsprobleme mit den Problemen der Flüchtlinge zu vergleichen und dann zu jammern, ach es geht uns ja soo schlecht, wir wollen diesen Verzweifelten(!) nicht helfen … Das ist einfach nur krank! Die Leute haben nur Leib und Leben und du jammerst um deine Rente? Alter!!! Das ist so krank. Ich fasses nicht.

  4. Roman Leber Says:

    Die Flüchtlinge, die hierherkommen, durchwandern mindestens 2 andere Länder, in denen sie Schutz finden könnten. Warum müssen sie nach Deutschland kommen? Verstehe das Argument nicht. Die kommen her, weil sie sehen, dass es uns gut geht und wollen das auch haben was wir haben. Dass da ein Haufen Arbeit dahintersteckt, sehen sie nicht. Aber ums “nackte Überleben” geht es denen schon lange nicht mehr. Wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich es vielleicht genau so machen. Das heißt noch lange nicht, dass es ok ist. Eher würde ich mein eigenes Land zu verbessern versuchen.

  5. Tigerlilli Says:

    die sehen so aus wie sie sind: fette egoistische arschlöcher

  6. Tino Says:

    @Roman

    Du verstehst es nicht, oder? Die Leute kommen aus Ländern, aus denen sie entweder fliehen, weil der Klimawandel die Nahrungsgrundlagen kaputt macht oder weil wir als Kolonialmächte die Kulturen kaputt gemacht haben und dort Krieg!! herrscht!! Diese Leute haben das verdammte Recht, zu uns zu kommen und von unserem Reichtum und unserer Sicherheit was abzubekommen. Und wenn andere Länder sie nicht haben wollen udn wegschicken, müssen sie doch zu uns kommen. Was sollen sie denn machen? Sie wollen überleben! Ist doch klar, dass sie dafür Opfer bringen. Und das eigene Land verbessern? Wenn dort Krieg und Hunger herrschen? DAs ist doch irre. Naturkatastrophen kann man nicht “verbessern”. Da kann man nur abhauen. So weit wie möglich weg. Und das wird immer schlimmer in den nächsten Jahren.

    Ich find das total egoistisch und kurzgedacht, wenn man nur an das eigene Schicksal denkt. Klar war die Wende nicht leicht. Aber HALLO??? Diese Leute fliehen vor Krieg! Und vor HUNGER! Eure Erste-Welt-Probleme sind dagegen pillepalle. Wie kann man nur so verbohrt und ohne jedes Mitgefühl für diese schutzsuchenden Menschen sein. -kopfschüttel-

  7. Roman Leber Says:

    Lieber Tino,

    bei allem Respekt, aber das sehe ich anders. Diese Menschen müssen nicht nach Deutschland kommen. Es gibt 194 Länder auf der Erde. Viele davon flächenmäßig auch größer als Deutschland. Da können sie sich gern, z.b. in Russland, in klimatisch angenehmen Regionen niederlassen und die russischen Gepflogenheiten kennenlernen. Oder sie können in ein anderes afrikanisches oder arabisches Land auswandern. Nicht in jedem afrikanischen oder arabischen Land herrscht nämlich Klimakatastrophe, Hunger oder Bürgerkrieg. Warum gehen die Syrer nicht nach Saudi-Arabien? Ein reiches Land! Viel Platz. Ich sage Ihnen warum: Weil sie wissen, dass sie sich dort anpassen müßten. Hier in Deutschland dürfen sie uns auf der Nase rumtanzen. Ihre Argumente sind alarmistisch und hysterisch. Kein Mensch MUSS nach Deutschland einwandern, weil das Klima kollabiert und weil Krieg im eigenen Land ist. Das ist schlicht Unfug.

  8. Garnix Says:

    Vielleicht sollte der Autor dieses Beitrages mal eine Woche in einem Lybischen Flüchtlingslager verbringen!

  9. Der Autor Says:

    Danke für den Hinweis. Aber ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen und meine Kinder ernähren. Ich habe keine Zeit für Aufenthalte in libyschen Flüchtlingslagern oder auf Schiffen im Mittelmeer.

  10. Lothar D. Says:

    Darf ich auch noch meinen Senf abgeben?

    Ich denke, dass Ihre “Analyse” den Kern de Problems verfehlt. Mag ja sein, dass Ossis ein Minderwertigkeitsproblem haben aber muss man sie deshalb gewähren und das Land zugrunderichten lassen? Die AfD ist eine Partei ohne Basis, die deshalb im Trüben fischen muss. DAS ist die größte Gefahr für die Demokratie: Dass diese Partei masssenhaft Mandate bekommt und diese mit Personal füllen muss, das sie natürlich aus Gründen nicht hat und schließlich wie Nazis und Kommunisten auf das größte Arschloch in der Straße zurückgreifen muss, das dann über die Landesgesetzgebung mitentscheiden darf …

    Eine entsetzliche Vorstellung. Also bitte! Reden Sie diesen Leuten doch nicht auch noch das Wort und normalisieren Sie sie nicht. Es sind kleingeistige Neofaschisten, die man nicht mal als Nachbarn ertragen würde. Aber als MdL?

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