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Popcorn: Bodo Ramelow vs. Zeitungsgruppe Thüringen

Der Streit zwischen Bodo Ramelow und der Zeitungsgruppe Thüringen geht in die nächste Runde. Diesmal sind angebliche Rücktrittsforderungen Ramelows Gegenstand der Auseinandersetzung.

Popcorn02Der Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, soll den Landesvorsitzenden der Thüringer Linken, Knut Korschewsky, nach dem Wahlskandal der letzten Woche zum Rücktritt aufgefordert haben. Die Thüringer Allgemeine titelte:

Nach Wahldebakel: Ramelow fordert Rücktritt Korschewskys

Im Text wird die Forderung dann so umschrieben:

“Dann steht Bodo Ramelow, der Landtagsfraktionschef, auf: Er fordert Korschewsky, der seit 2004 im Amt ist, zum Abschied auf. Wer Teil des Problems sei, sagt er, könne nicht Teil der Lösung sein.”

Bei der Thüringischen Landeszeitung las sich das so:

Fraktionschef Bodo Ramelow fordert indes im Vorstand eindeutig einen Rückzug Korschewskys. Wer das Problem sei, könne nicht Teil der Lösung sein, lautet seine Begründung.

Prompt widersprach Ramelow per Facebook, Blog und vermutlich wohl auch per Unterlassungserklärung:

Sehr geehrte Damen und Herren!
Am gestrigen Abend habe ich anlässlich der Landesvorstandssitzung der Thüringer Linken weder den Rücktritt des Landesvorsitzenden Knut Korschewsky beantragt noch verlangt.
Ich habe die Sitzung des Gremiums am späten Abend verlassen nach dem ich ausreichend Gelegenheit hatte, meine Sicht und Analyse vorzutragen und nach Geschäftsordnung meine Redezeit erschöpft war.
Die Entscheidungen des Landesvorstandes nehme ich mit Respekt zur Kenntnis.
Bodo Ramelow

Jedenfalls ist die angebliche Rücktrittsforderung nun im Onlineauftritt der Zeitungsgruppe Thüringen nicht mehr – wie ursprünglich – mit der eigentlichen Schlagzeile zu finden. Obwohl sowohl Martin Debes als auch Elmar Otto, beides erfahrene Politkorrespondenten, übereinstimmend behauptet hatten, Ramelow hätte den Rücktritt Korschewskys gefordert.

Bis hierhin hätte man das Ganze als ein kollektives Versehen oder übereifrige Hermeneutik interpretieren können. Aber die Thüringer Allgemeine legt nach: In einem Leitartikel unter dem merkwürdigen Titel “Der doppelte Ramelow” wird die Behauptung wiederholt und dann Bodo Ramelow in Rechnung gestellt: Mit zurückgenommenen Rücktrittsforderungen mache Ramelow den Parteichef Korschewsky “flügellahm”.

Hier macht die Thüringer Allgemeine offenbar Politik. Welche Art von Politik ist nicht schwer zu erraten.

Die Auseinandersetzung zwischen Bodo Ramelow und der Zeitungsgruppe Thüringen hat jedenfalls eine längere Geschichte, in der auch schonmal der Deutsche Presserat eingeschaltet wurde und in der eine ausgewogene Berichterstattung offenbar explizit eingefordert werden muss.

 

Ein Hauch von Digitaler Demokratie in Thüringen

Die Thüringer Parteien sind sich einig: Das Internet ist gefährlich. Aber man kann es gut zur “Vermittlung” der eigenen Politik benutzen. Hier glaubt jeder, er sei ganz vorn. Die eigentliche Sensation wurde gestern im Thüringer Landtag eher nebenbei erwähnt.

podium

Ach, die Stimmung war glänzend gestern im Thüringer Landtag. Die Fraktionsvorsitzenden der Thüringer Landtagsparteien saßen in so großer Eintracht beisammen, dass der aus Berlin zugereiste Tagesspiegel-Journalist Joachim Huber, der die Veranstaltung moderierte, ganz verwundert in die Runde fragte, ob das hier immer so liefe.


Thüringen, Land der Harmonie.

Es lag wahrscheinlich am Thema. Alle Beteiligten auf dem Podium waren sich nämlich vor allem in ihrer Unkenntnis und ihrer Skepsis dem Internet gegenüber einig. Was man wußte war, dass es dort “anonymes Cybermobbing” gibt, da, in “diesem” Internet. Ach ja, und dass man das vielleicht benutzen kann, um “dem Bürger” die eigene Politik zu “erklären”. Ja, und das war dann im Grunde auch der Tenor der Veranstaltung, die die Thüringer Landesmedienanstalt zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung organisiert hatte.

Die Gäste durften sich drei Vorträge anhören, bis die Fraktionsvorsitzenden der Parteien langsam eintrudelten und das Podium einnahmen. In den Vorträgen ging es überwiegend um die Gefahren, die vom Internet ausgehen: die Gefahr für den Ruf, die Gefahr für den Kreislauf, die Gefahr für die Demokratie.

Einzig die Referentin Frau Thimm brach eine Lanze für das demokratische Potential des Internets als Sprachrohr der sonst Ungehörten.

thimm

Für die Politiker auf dem Podium war dagegen relevant, welchen Zweck das Medium für sie erfüllen könnte. Und so stritten sich die Herren darüber, wer den längsten Twitteraccount hat und wurden bei dem Thema “anonyme Kommentare” plötzlich zu Pastorentöchtern. Das ginge gar nicht. TLM-Chef Fasco verstieg sich sogar zu der Behauptung, wer anonym beleidige, mißbrauche seine Freiheit:

Jochen Fasco war aber auch ganz spontan – auf den Vorschlag von Veranstaltungsteilnehmern – bereit, hinter dem Podium eine unmoderierte Twitterwall zu eröffnen. Und so bekam die sonst recht dröge Veranstaltung erheblichen Drive. Wenn sich die Fraktionsvorsitzenden in Bandwurmsätzen lobend über die Social-Media-Strategie ihrer Fraktion ergingen, konnten die Zuhörer im Raum korrigierend eingreifen.

Die eigentliche Sensationsinformation der gesamten Veranstaltung wurde fast nebenbei fallengelassen: In ihrer einführenden Rede erwähnte die Thüringer Landtagspräsidentin Diezel, dass der Thüringer Landtag das erste Parlament mit einem offenen Diskussionsforum für Gesetzesvorhaben sei. Die Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge müssen von den Abgeordneten gelesen werden und würden in die Entscheidungsfindung des jeweilig befassten Ausschusses einbezogen werden. Der Ausschußvorsitzende sei verpflichtet, hierüber Bericht zu erstatten.

Das ist tatsächlich neu. So neu, dass das im Dezember gestartete Forum bisher kaum Resonanz bekam.

forum

Also, ja, doch, ein bißchen Aufbruchsstimmung im kleinen Thüringen. Wenn sich die Parteien jetzt nur noch darauf verstehen könnten, wer das größere Ohr und nicht den größeren Mund hat, dann wird das zunehmend besser klappen mit der digitalen Demokratie, hier, im Land der Harmonie.

Eine umfassende Beschreibung der Veranstaltung kann man sich bei der Thüringer Allgemeinen nachlesen. Die Twitterwall gibt es unter den Hashtags #tlm und #tlm2013

Der “Twitterkönig von Thüringen” oder “Fandealergate”

Der THÜRINGER BLOGZENTRALE wird wieder mit dem Rechtsanwalt gedroht. Diesmal durch den Geschäftsführer der Firma “Fandealer”, Mario Rönsch. Fandealer ist in den letzten Tagen ins Gerede gekommen, weil sie der FDP Follower bei Twitter besorgt haben soll.

Bei netzpolitik.de wurde bekannt, dass ein Mann mit dem Namen Mario Rönsch im Jahr 2010 Mitglied der thüringischen FDP geworden sein soll.

Da der Bundestagsabgeordnete der Thüringer FDP, Patrick Kurth, über eine außergewöhnliche Zahl an Twitter-Followern verfügt, stellten wir an Kurth und Rönsch die Frage, ob sie miteinander bekannt seien, ob Rönsch tatsächlich FDP-Mitglied sei und ob die Firma Fandealer am Followerwachstum von Kurths Twitter-Account beteiligt gewesen sein könnte.

Der Bundestagsabgeordete Patrick Kurth antwortete folgendermaßen:

Inzwischen hatte sich dann auch die Firma Fandealer per Twitter und per Mail in die Kommunikation eingeschaltet. Mario Rönsch, war nicht bereit, per Mail irgendwelche Auskünfte zu geben und drohte stattdessen mit einer Rechtsanwaltskanzlei. Per Twitter schrieb man:

(UPDATE: Fandealer hat die Tweets inzwischen gelöscht. Deshalb werden sie nicht mehr im Original-Tweetformat angezeigt. Wir dokumentieren die Rhetorik von Fandealer hier trotzdem mit Hilfe der original Tweetpublishfunktion von Twitter)

Wer mit dem Anwalt droht, hat oft ein begründetes Interesse daran, weitere kritische Nachfragen und Aufdeckungen zu verhindern. Man darf in diesem Fall gespannt sein, was das ist. Jedenfalls scheinen die Nerven bei Fandealer zum Zerreissen gespannt zu sein. Auf die Bitte, unsere Fragen zu beantworten, antwortete man folgendermaßen:

FDP, Fandealer, Patrick Kurth und Mario Roensch

Dass der – immer sympathisch lächelnde – Thüringer FDP-Bundestagsabgeordnete Patrick Kurth über eine erstaunliche Followerzahl bei Twitter verfügt, hatten wir bereits an vielen verschiedenen Stellen bemerkt. Eine für Thüringen extrem außergewöhnliche Zahl, die keinen Vergleich findet. Selbst die deutschlandweit bekanntesten Blogger Thüringens Florian Freistetter und Johannes K. verfügen nicht über eine derart beeindruckende Followerpower.

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Kurths Masche zur Gewinnung von Followern erschien zunächst harmlos. Er folgte scheinbar wahllos allen verfügbaren Twitterern in Reichweite und entfolgte sie wenig später wieder um sie erneut zu followen, wenn sie ihn nicht inzwischen auf die Followerliste gesetzt hatten.

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Patrick Kurths Followerentwicklung ist – auch vor dem Hintergrund einer solch aufwendigen Praxis – erstaunlich. Der Wildfire Social Media Monitor zeigt: Seit Mai 2010 hatte er einen Anstieg von rund 12.000 Followern. Das bedeutet einen durchschnittlichen täglichen Zugewinn von 12 neuen Verfolgern. Kurth ist mit diesem außergewöhnlichen Wachstum deutlich prominenteren Parteikollegen sogar weit voraus. Sabine Leutheuser-Schnarrenberger und Christian Lindner lagen lange Zeit weit abgeschlagen hinter Patrick Kurth zurück. Und noch heute überflügelt Kurth die Bundesministerin in der Followerzahl:

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Nach einem zwischenzeitlichen Plateau ging es auch in den letzten Tagen weiterhin steil bergauf. Allein am 19. Februar hatte Kurth einen Followerzugewinn von 37 Twitternutzern, einen Tag später immerhin von 12 und am darauffolgenden Tag 15 neue Follower. Das ist – gelinde gesagt – ungewöhnlich … für einen Hinterbänkler.

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Die FDP ist nun kürzlich ins Gerede gekommen, weil sie angeblich Twitter-Follower gekauft haben soll. Plötzlich verfügte die Partei nämlich – quasi über Nacht – über nicht nur 6500 sondern sage und schreibe knapp 37.000 Follower.

Die FDP selbst behauptet nun, sie kaufe keine Fans. Eine vom SPIEGEL ins Gerede gebrachte Firma “Fandealer” – mit Sitz in Erfurt – distanziert sich auf den Seiten der FDP explizit von einer Beteiligung an den märchenhaften Fanzuwächsen. Fandealer ist ein Unternehmen, dass sich ganz offen auf den Verkauf von Twitter- und Facebook-Fans spezialisiert hat.

Geleitet wird die Firma “Fandealer” offenbar von Mario Rönsch. Auf der Webseite netzpolitik. de wurde nun vermeldet, dass ein Mensch mit diesem Namen im Jahr 2010 in die Thüringer FDP eingetreten sei. So findet es sich zumindest in der FDP-Mitgliederzeitung aus diesem Jahr:

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Fraglich bleibt, in welchem Verhältnis Kurth, Rönsch und die märchenhaften Followerzahlen sowohl Kurths als auch der Bundes-FDP stehen.

Die Anfrage an Patrick Kurth und Mario Rönsch ist raus.
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Dank an Herrn Strudel für den Hinweis in den Kommentaren
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UPDATE: Patrick Kurth hat geantwortet:

Aber er hat die wesentlichen Fragen unbeantwortet gelassen:

Für die Antwort interessiert sich jetzt auch der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck (siehe Retweets)

Fandealer hat übrigens auch geantwortet und bittet um Verständnis dafür, dass man keine Auskünfte erteilt und bittet darüber hinaus darum, von weiteren Nachfragen abzusehen.

Wir bloggen die Bundestagswahl 2013 in Thüringen

Von Sven

Vor 6 Monaten bekamen wir einen Anruf. Eine große deutsche Partei fragte an, ob wir sie beraten wollen, beim Weg ihrer Bundestagsabgeordneten ins 21. Jahrhundert. Ein schönes Angebot. Es versprach viele Privilegien und einen einmaligen Einblick in die politische Kommunikation. Aber unsere Unabhängigkeit war uns wichtiger. Wir lehnten ab.

Diese kleine Episode verdeutlicht uns mindestens zweierlei:

1. Regionale Blogs und Blogger werden inzwischen durchaus als relevant wahrgenommen

2. Deutsche Parteien bewegen sich noch immer recht unsicher auf digitalem Terrain

Wie peinlich die Suche nach einer Internetstrategie ausfallen kann, wenn die nötige Basiskompetenz fehlt, zeigen die jüngsten Anwanzungsversuche des SPD-Bundestagskandiaten Peer Steinbrück.

Zunächst legte sich Steinbrück mit dem schillernden Medienmann Roman Maria Koidl, den er zum Architekten seiner Onlinestrategie ausrief, ein Ei ins Nest. Koidl war schnell weg vom Fenster, als herauskam, dass er auch schon Hedgefonds beraten hatte.

Ebenso schnell verschwand auch das sogenannte “Peerblog”. Ein Versuch, den amerikanischen Wahlkampf mit seiner privat und anonym finanzierten Parteienwerbung auf Deutschland zu übertragen.

Eine Amerikanisierung des Wahlkampfes mit großer Pose und geheimer Medienfinanzierung hat es auch in Thüringen bereits gegeben.

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Die CDU plakatierte den damaligen Ministerpräsidenten als “großen Führer” und erschien auch recht großzügig und auffällig positiv dargestellt in einer geheimnisvollen Internetpostille, die später auch als gedrucktes Journal fast alle Thüringer Haushalte erreichte. Die Hintermänner und Geldgeber von “Tolles Thüringen” (wir berichteten zuerst) sind bis heute nicht ermittelt.

Und CDU wurde im Landtagswahlkampf dann letztlich auch das Internet zum Verhängnis. Einerseits weil man sich dort ungehemmt über die lächerlichen Wahlplakate lustig machen konnte und weil bundesweit über unglückliche Plakatierungsstufen der Thüringer CDU diskutiert wurde. Andererseits weil bei Wikileaks ruchbar wurde, dass die Junge Union – damals noch angeführt von CDU-Generalsekretär Mario Voigt – gezielt und verdeckt die Wahlkampfauftritte der Linken besuchen und stören sollte. Auch das löste ein bundesweites Medienecho aus.

Was lernen wir daraus?

Das Durchstechen gezielter Indiskretionen findet vor allem in der aufgeheizten Atmosphäre des Wahlkampfes sein interessiertes Publikum auch im Internet.

Diesen Effekt machte sich im damaligen nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf das teilanonym geführte Blog “Wir in NRW” zunutze. Aus Hinterzimmergesprächen und privaten Emails bestand letztlich der Haufen Mist, der von Printjournalisten fleißig weiterverbreitet wurde, so dass Jürgen Rüttgers schließlich stürzte.

Heißt das, Blogs sind wirklich relevant?

Nicht per se. Die unterschiedlichen Standpunkte von Blogliebhabern hie und Blogverächtern da durchrauschen ja das jeweilige Medium in bemerkenswerter Regelmäßigkeit und denkbar kakophoner Dissonanz seit es das Phänomen Blog gibt.

Einerseits beklagten Vertreter der Holzmedien kürzlich wieder die “Volksreporter” und “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen”, um sich dann – man beachte(!) – durch das Internet vorhalten lassen zu müssen, dass sie ganz ganz schlecht recherchieren.

Andererseits bejubeln Professoren ohne Doktortitel im Magazin “pressesprecher” vollmundig und kenntnisarm die zunehmende “Substanz” der Blogosphäre, um doch letztendlich auch nur die üblichen Verdächtigen (Niggemeier, Lobo, Knüwer) als Kronzeugen einer professionellen Medienstrategie von Bloggern anzuführen.

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Da beklagen FAZ-Autoren das Bloggen als “rastlose Masturbation“, die ein unüberschaubares Überangebot an – ja auch guten – Texten produziert. Und Deutschlandradion ruft gar eine “Krise der Blogger” aus.

Dieser kulturpessimistischen Sicht stellt sich dann Teresa Maria Bücker in der FAZ ganz entspannt entgegen. Sie meint – am Ende eines langen, lesenswerten Essays:

“Bloggen kann eine Freiheitspraxis sein. Als ein Gespräch mit anderen oder mit sich selbst sind Blogs krisenfest, denn sie sind an nichts gebunden. Nicht einmal ans Netz.”

Dem wollen wir uns anschließen. Allein die Tatsache, dass es in Deutschland keinen Drudge-Report und keine Huffington Post gibt, heißt nicht, dass Blogs nicht relevant sind. In Deutschland herrschen andere Gesetze der Internetöffentlichkeit. Durch das Studium des amerikanischen Wahlkampfes und die blinde Übertragung auf deutsche Verhältnisse macht man aus einem Willy Brandt keinen Jack Kennedy und schon gar keinen Barack Obama aus einem Peer Steinbrück.  Zuallerletzt im anonymen Internet, in dem keine Schwäche ungesühnt bleibt und in dem uncoole Kandidaten gnadenlos zur Strecke gebracht werden.

Vielleicht ist das ja auch eine Folge des Systems, in dem in Deutschland die Kanzlerkandidaten von der Parteiführung ausgerufen und auf einem Parteitag nur nachträglich bestätigt werden. Anders als in den USA, in denen die Kandidaten bereits mehrere Vorwählkampfe bestehen müssen, ehe sie auf die breite Öffentlichkeit losgelassen werden.

Blogger sind frei. Auch in Deutschland.  Und auch hier läßt sich die Unterstützung für einen schlechten Kandidaten nicht simulieren. Schon gar nicht, da verschiedene Manipulationsversuche durch “Astroturfing” – vor allem durch Blogs – aufgedeckt wurden.

Unterstützung für Steinbrück in Weblogs entlarvt sich eigentlich selbst. Wer will diesen Mann schon ernstlich unterstützen? Mit der Unterstützung für andere Kandidaten zur Bundestagswahl sieht das wohlmöglich anders aus.

Blogs werden im Bundestagswahlkampf in Thüringen jedenfalls eine Rolle spielen. Nur ganz sicher anders, als es sich die  Strategen in den Parteizentralen erhoffen.

Das macht Hoffnung.

Hier im Blog herrschte in den letzten 6 Monaten Stille. Mancher schrieb die THÜRINGER BLOGZENTRALE deshalb schon ab. Aber anders als periodisch erscheinende Druckerzeugnisse sind Blogs eben nicht an irgendetwas gebunden, lediglich an Zeit und Lust von Autoren und Lesern. Die Bundestagswahl ist am 22. September. Bis dahin gibt es noch viele interessante Dinge zu sagen. Frei, ungefiltert, unbeeinflusst. Packen wir es an!

Bloggen wir die Bundestagswahl 2013 in Thüringen!

 

Ramelow vs. Ponader

Am 4.7.2012 erklärt der politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader, er wolle sich künftig von der Arbeitsagentur nicht mehr gängeln lassen und wolle auf Sozialleistungen verzichten. Bis dahin bezog der arbeitlose Autor, Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge Arbeitslosengeld II, das sogenannte Hartz IV. Das war in der Talk-Sendung “Günter Jauch” öffentlich geworden und hatte erhebliche Kritik ausgelöst. Tenor: Die Piratenpartei läßt sich das Personal durch den Steuerzahler finanzieren.

Einer der prononciertesten Kritiker Ponaders war der Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow. Der griff den Bundesgeschäftsführer der Piratenpartei zunächst per Twitter an.

Das rief ein kleines “Shitstürmchen” hervor, dem Bodo Ramelow mit einiger Gelassenheit begegnete. Die Auseinandersetzung gipfelt nun in einem Streitgespräch, das heute ab 11 Uhr live ins Internet übertragen wird. Ein Novum, das man nicht verpassen sollte. Hier kann man Parteien, die vom Mainstream ignoriert werden, bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit beobachten und den Erfolg unmittelbar messen. Ponader und Ramelow sind beide unterhaltsame Rhetoren. Es könnte also durchaus spannend werden.

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NACHTRAG (12.00 Uhr):

Aber es war leider alles andere als spannend. Ein höflich-langweiliger Austausch bekannter Positionen zweier Politiker, die sich im Vorfeld abstimmten, ob sie sich vor der Kamera nun duzen oder siezen sollten.

Die für 10 Uhr angekündigte Livesendung verschob sich wegen technischer Schwierigkeiten auf 10.35 Uhr.

Der frühe Zeitpunkt (10 Uhr) war neben der so uninformierten wie drögen Moderation, die Ramelow und Ponader ermöglichte, sich uneingeschränkt und nahezu unhinterfragt auszubreiten und den technischen Schwierigkeiten, wohl der wichtigste Grund, warum die Zuschauerzahl nicht einmal die 1000er-Marke knackte. Lediglich rund 300 Neugierige verirrten sich auf den Livestream.

Für Bodo Ramelow war dieses “Gipfel”-Treffen im Erfurter Studio des Lokalsenders Salve-TV aber trotz alledem gleichbedeutend mit nichts weniger als der Gründung der SPD.

Nun ja, es war immerhin ein Anfang. Besser kann man es immer noch machen. Was man für so etwas aber in jedem Fall braucht, ist ein professioneller und informierter Moderator.

Deutschland Today vs. Zeitungsgruppe Thüringen

Die Zeitungsgruppe Thüringen ist der Ansicht, dass das Werbeblättchen Deutschland Today mit zu hohen Nutzerzahlen prahlt. Deutschland Today hat deshalb von der Zeitungsgruppe Thüringen eine Abmahnung erhalten. Man schreibt (Deutschland Today hat den Brief der Anwälte der ZGT im Netz veröffentlicht):

“Schließlich ist die Werbung “2 Mio. Online -Klicks” in dieser Form wettbewerbswidrig, da sie zum einen nicht angibt, in welchem Zeitraum die behaupteten Klicks erfolgen. Der Zeitraum ist zur Bewertung der Werbeaussage durchaus erheblich. Zum anderen haben wir aufzufordern, entsprechende Mediadaten offen zu legen, die derartiges nachweisen. Auf den Plakaten ist selbiges nicht ersichtlich.

Ein solcher Vorgang ist besonders bemerkenswert, wenn man weiß, dass die ZGT in der Vergangenheit selbst bereits erhebliche Kreativität in der Darstellung ihrer Nutzer- und Leserzahlen bewiesen hat.

Werbekunden sind die relevante Währung im Zeitungsgeschäft. Mit Anzeigen von Autohäusern und Bordellen wird heute im Journalismus das Geld umgesetzt. Deshalb ist es wichtig, diese Kunden zu werben. Meist mit geschönten Leserzahlen.

Zwei Millionen “Klicks” sind jedenfalls nicht ganz ohne. Deutschland Today kann das mit seinem kläglichen Webauftritt wahrscheinlich höchstens im Jahr generieren. Das lockt aber sicher keinen Zuhälter hinterm Ofen hervor.

Eins findet die Zeitungsgruppe Thüringen übrigens auch noch wichtig: Deutschland Today dürfe sich nicht als “Zeitung” bezeichnen.

Ein Anzeigenblatt, dessen redaktioneller Teil vernachlässigbar erscheint im Vergleich zu der im Blatt bzw. beiliegenden Werbung kann unseres Erachtens nicht für sich in Anspruch nehmen, als “Zeitung” bezeichnet zu werden.

Lustig, oder?

Brief der Redaktion der Thüringer Allgemeinen an ihren Chefredakteur Paul-Josef Raue

Sehr geehrter Herr Raue,

wir Redakteurinnen und Redakteure der Thüringer Allgemeinen beobachten die Entwicklung unserer Zeitung mit großer Sorge. Die Auflagenzahl sinkt ungebremst, die Abbestellungen befinden sich auf dramatischem Niveau. Offenbar brachten der Neustart der Zeitung mit anderem Layout und veränderter Seitenfolge sowie die versuchte Umorganisation der Redaktion nicht den von uns allen gewünschten Erfolg.

Im Gegenteil. Die Zeitung verliert in den Augen vieler Leser an Relevanz. Es mangelt zunehmend an spannenden Geschichten, exklusiven Nachrichten und gut lesbaren Autorenbeiträgen. Im Mantel findet sich ein hoher Anteil an Agenturbeiträgen. Der Thüringen-Teil lässt Brisanz vermissen. Die Aufmachung der Beiträge wirkt oft bieder. Ein Leseanreiz mittels innovativer, aber maßvoller Optik findet kaum statt.

Ihre Antwort kennen wir aus Ihren Ansprachen: Die Redakteurinnen und Redakteure tragen die Schuld. Sie seien ja dazu angehalten, spannende Geschichten zu produzieren und die Ausgaben zu gestalten – und scheiterten daran. Diesen Vorwurf haben Sie auch unseres Wissens des Öfteren außerhalb der Redaktion öffentlich geäußert. Damit führen Sie allerdings selber Ihre redaktionelle Verantwortung als Chefredakteur ad absurdum.

Jeder von uns muss seine Arbeit täglich kritisch überdenken. In einer Redaktion sollte es selbstverständlich sein, über die Qualität der Beiträge, die Themenfindung und die Aufmachung der Artikel ständig zu reden. Nur durch Kommunikation kann es zu Verbesserungen kommen, gerade durch den Austausch entstehen Ideen.

An dieser redaktionellen Kommunikation fehlt es. Sie wird geradezu unter Ihrer Leitung verhindert. Ein organisierter, vertrauensvoller Kontakt zwischen den Redakteuren findet nicht mehr statt. Redaktionskonferenzen, wie sie in allen relevanten Zeitungen zur bewährten Praxis gehören, wurden formlos abgeschafft. Redaktionelle Belange werden allenfalls im kleinsten Kreis Ihres Stellvertreters und der beiden Desk-Chefs besprochen. In den Telefonrunden des Regional-Tisches mit den Lokalredaktionen wird diktiert statt kommuniziert.

Mit dieser Glaskasten-Mentalität schätzen Sie demonstrativ die Kreativität und Kompetenzen der Mitarbeiter gering. In den seltenen Reporterberatungen geht es nicht um die Tagesausgabe, sondern um langfristige Projekte.

Diese Projekte – Grenzwanderungen, Serien oder Foren – binden sowohl in den Lokalredaktionen als auch in der Mantel-Belegschaft große Teile der geringer gewordenen Personalressourcen. Positive Reaktionen der Leser darauf sind überschaubar. Aus persönlichen Kontakten, Anrufen und Zusendungen wissen wir, dass es einen Übersättigungseffekt bei Serien mit zum Teil mehr als 20 Folgen gibt. Oft sind die Serien historisierend: Es geht meistens um Vergangenheitsbewältigung. Häufig schreibt die Thüringer Allgemeine in belehrendem und gelegentlich sogar missionierendem Ton an Lebenswelt und Bedürfnissen ihrer Leser vorbei.

Dies alles findet vor dem Hintergrund eines stetigen Personalrückganges statt. In den Lokalredaktionen herrscht chronischer Personalmangel. Eine Reaktion auf die Klagen der Kollegen in den Lokalredaktionen und an den Produktions-Tischen über die wachsende Arbeitsbelastung ist nicht erkennbar. Die Kollegen fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen. Die jeweilige Zuständigkeiten von Regional-Tisch und Lokalredaktionen sind nur unzureichend geregelt.

In der Mantelredaktion hat sich in den vergangenen drei Jahren die Belegschaft in den Ressorts Kultur, Wirtschaft und Landesredaktion halbiert. Die Ressorts Politik und Unterhaltung verschwanden ganz. Mehrere, vor allem jüngere Mitarbeiter kündigten. Ein Widerstand oder Bedauern Ihrerseits waren nicht spürbar.

Das verbliebene Redaktionspersonal ist kaum noch organisiert. Inhaltliche Zuständigkeiten bleiben immer öfter dem individuellen Engagement der Kollegen überlassen. Ist der betreffende Mitarbeiter im Urlaub oder krank, findet das Thema nicht mehr statt. Bestimmte Themen werden gar nicht mehr behandelt.

Die beiden Verantwortlichen für die Produktionstische können die Lücke nicht schließen. In ihrer Funktion wurden Aufgaben gebündelt, die früher von einer vierköpfigen Chefredaktion, einem Chef vom Dienst und den Lokalchefs und Ressortleitern übernommen wurden. Personalplanung, Redaktionsorganisation, Terminmanagement, Themenfindung, Blattproduktion, Qualitätssicherung – niemand kann dieser Personalunion sinnvoll gerecht werden.

Diese Situation hat das Klima in der gesamten Redaktion auf einen bisher ungekannten Tiefpunkt sinken lassen. Demotivation wird geradezu organisiert. Blattmacher und Reporter, Lokal- und Mantelredakteure aber auch zunehmend einzelne Mitarbeiter werden gezielt gegeneinander ausgespielt. Die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Produkt sinkt. Entsprechende Hinweise des Betriebsrates führten zu keiner erkennbaren Reaktion seitens der Chefredaktion. Der Betriebsfrieden ist inzwischen gefährdet.

Die Herausforderung bleibt bestehen, angesichts der wirtschaftlichen Zwänge des Verlags, der demografischen Entwicklung und eines sich verändernden Medienkonsums den erfolgreichen Fortbestand der Tageszeitungen der Zeitungsgruppe Thüringen zu sichern. Wir wollen mit Ihnen gemeinsam daran arbeiten.

Deshalb fordern wir:

1. Die Wiedereinführung einer täglichen Redaktionskonferenz, die für die gesamte Redaktion offen ist und in die die Ergebnisse und Einschätzungen einer echten Lokal-Konferenz gleichberechtigt einfließen, in welcher eine inhaltliche Debatte ermöglicht wird.

2. Die Einrichtung von zwei Arbeitsgruppen, die jeweils bis Ende Juni Vorschläge zur Verbesserung der Organisationsstruktur Mantelredaktion-Newsdesk und Lokalredaktionen-Regionaldesk erstellen und alle Projekte unter Berücksichtigung der Ressourcen neu bewerten.

3. Eine offene Debatte über inhaltliche Veränderungen der Zeitung und nötige Anpassungen der Blattstruktur, die eine noch stärkeren Gewichtung der Lokal- und Regionalberichterstattung ermöglichen und gleichzeitig den überregionalen Anspruch einer wichtigen Stimme in Ostdeutschland wieder herstellen – um einem möglichst breiten Leser-Spektrum und der demokratischen Funktion einer Zeitung gerecht zu werden.

Mit freundlichen Grüßen